Wolf Wondratschek: Bundespost (1969)

Wolf Wondratschek: Bundespost (1969)

“In Dienstanfängerkreisen der Bundespost kommen immer wieder Verwechslungen der Begriffe “Wertsack”, “Wertbeutel”, “Versackbeutel” und “Wertpaketsack” vor. Um diesem Übel abzuhelfen, ist dieses Merkblatt dem Paragraphen 49 der ADA vorzuheften.

Der Wertsack ist ein Beutel, der auf Grund seiner besonderen Verwendung im Postbeförderungsdienst nicht Wertbeutel, sondern Wertsack genannt wird, da sein Inhalt aus mehreren Wertbeuteln besteht, die in den Wertsack nicht verbeutelt, sondern versackt werden.

Das ändert nichts an der Tatsache, dass die zur Bezeichnung des Wertsackes verwendetet Wertbeutelfahne auch bei einem Wertsack mit Wertbeutelfahne bezeichnet wird und nicht mit Wertsackfahne, Wertsackbeutelfahne oder Wertbeutelsackfahne.

Sollte es sich bei der Inhaltsfeststellung eines Wertsackes herausstellen, dass ein in einem Wertsack versackter Versackbeutel statt im Wertsack in einen der im Wertsack versackten Wertbeutel hätte versackt werden müssen, so ist die in Frage kommende Dienststelle unverzüglich zu benachrichtigen.

Nach seiner Entleerung wird der Wertsack wieder zu einem Beutel, und er ist auch bei der Beutelzählung nicht als Sack, sondern als Beutel zu zählen.

 Bei einem im Ladezettel mit dem Vermerk “Wertsack” eingetragenen Beutel handelt es sich jedoch nicht um einen Wertsack, sondern um einen Wertpaketsack, weil ein Wertsack im Ladezettel nicht als solcher bezeichnet wird, sondern lediglich durch den Vermerk “versackt” darauf hingewiesen wird, dass es sich bei dem versackten Wertbeutel um einen Wertsack und nicht um einen ausdrücklich mit “Wertsack” bezeichneten Wertpaketsack handelt.

Verwechslungen sind insofern im übrigen ausgeschlossen, als jeder Postangehörige weiß, dass ein mit “Wertsack” bezeichneter Beutel kein Wertsack, sondern ein Wertpaketsack ist”.

Dies ist einer der besten Texte aus dem ersten Werk von Wolf WondratschekFrüher begann der Tag mit einer Schußwunde” von 1969 (der Band steht ebenfalls bei mir zuhause in einem der Regale meiner privaten Bibliothek).

Wie mir eine gute Bekannte einmal vor einigen Jahren erläutert hat, die bis zu ihrer Verrentung bei der Bundespost gearbeitet hat und der ich einmal diesen Text per Email zugeschickt habe, ist dieser Text aus ihrer Sicht nur bedingt parodistisch. Tatsächlich sind ihrer Erfahrung nach manche deutschen Behördenanweisungen, auch bei der Deutschen Bundespost, sehr nahe an dieser Parodie dran.

Im Klartext: Aus der Sicht meiner Bekannten hätte dieser Text durchaus ein Originaltext der Deutschen Bundespost sein können.

Interessant übrigens, dass es im ersten stark autobiographisch eingefärbten Roman von Charles Bukowski auch unter anderem um die amerikanische staatliche Post geht.

Charles Bukowski arbeitete viele Jahre bei der amerikanischen staatlichen Post, bevor er die Chance bekam, als freier Schriftsteller leben zu können. In diesem ersten Roman verarbeitete Bukowski unter anderem seine jahrelangen Erfahrungen als Beamter der amerikanischen staatlichen Post.

Dieser erste Roman von Charles Bukowski von 1971 heisst im englischen Originaltitel “Post Office” (Deutsche Übersetzung: “Der Mann mit der Ledertasche”). Und auch in der amerikanischen staatlichen Post wieherte nach der Darstellung von Charles Bukowski in seinem Roman “Post Office” zumindest damals oft genug der Amtsschimmel.

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Wolf Wondratschek: Adam jr. (1974)

Wolf Wondratschek: Adam jr. (1974)

“Adam las die Bibel
Eva kaute Obst
Gott schlief die meiste Zeit
Es war so
Jeder kannte jeden
Die Schlange war der Chef im Garten Eden

Das Paradies war offensichtlich reine Nervensache
Ich weiß jetzt auch nicht so genau wie´s weitergehen soll

Gott träumte schlecht
Er sah die Schlange, die es mit der Mutter trieb
Aus war die schöne Theorie
Vorbei der Traum
Die Affen paarten sich mit dem was übrigblieb

Gott wachte auf
Ich kam im Ruhrgebiet zur Welt
Die Sache hat sich seitdem zugespitzt
Sonntags sitzt Gott im Irrenhaus
Teilt Würfelzucker aus
Und glaubt er sei der Held

Das Paradies war offensichtlich reine Nervensache
Ich weiß jetzt auch nicht so genau wie´s weitergehen soll”.

Ich war immer ein grosser Fan von Wolf Wondratschek. Für mich war Wondratschek in den achtziger Jahren, in denen ich als junger Mann aufwuchs, der deutschsprachige Charles Bukowski, was in meinem Fall ein dickes Lob bedeutet, denn ich bin seit meiner Jugend ein Fan des im Jahre 1994 in Los Angeles verstorbenen Charles Bukowski. Seht hierzu auch meinen Blogartikel: “In Memoriam Charles Bukowski (1920- 1994)“.

Den Gedichtband von 1974 “Chuck´s Zimmer” (aus dem auch dieses Gedicht “Adam jr.” stammt) schenkte mir mein Vater in den frühen achtziger Jahren und ich verschlang ihn damals mit Begeisterung. Er steht in einer neueren Edition immer noch in einem meiner Bücherregale.

Von diesem Gedicht “Adam jr.” gibt es übrigens eine von der ehemaligen deutschen Rockband “Interzone” vertonte Version auf ihrem Album “Aus Liebe” (1982). “Interzone” war für mich in den frühen achtziger Jahren eine der besten Bands der damaligen “Neuen Deutschen Welle” (NDW). Vor allem das Debutalbum “Interzone” war eine phantastische LP (ich hatte sie damals in meinem Besitz, ebenso wie die zweite LP “Aus Liebe“, die auch sehr stark war).

Adam jr. Lyrics (Interzone)

Der Star von  “Interzone” war der leider schon im Jahre 1995 verstorbene Frontmann und Sänger Heiner Pudelko, der ein ausdrucksstarker und technisch sehr versierter Sänger war.

Pudelkos Spezialität war sein ausgefeilter Gesangsstil mit dem ansatzlosen Sprung der Stimme ins kreischende Falsett, wie man es auch bei dieser vertonten Version von “Adam jr.” hören kann.

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Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte (2012) – 2

Im Wikipedia Eintrag zur “Corporate Social Responsibility” erfahren wir zu den Kritikpunkten gegenüber diesem Marketingkonzept: “Corporate Social Responsibility ist auch Kritik ausgesetzt. Diese beruht im Wesentlichen auf der Tatsache, dass Unternehmen (insbesondere börsennotierte Unternehmen) nach den Kriterien der Profitmaximierung wirtschaften und dabei für sie soziale oder ökologische Gesichtspunkte keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen. Viele Unternehmen würden Corporate Social Responsibility daher nur aus ökonomischen Gründen betreiben, und zwar auf eine Art und Weise, dass sie mit minimalen Kosten einen maximalen positiven Effekt für sich selbst erzielen. Es bestehen also Zweifel an der Aufrichtigkeit der Motive für ein Engagement im Sinne des CSR. Nach Ansicht der Kritiker setzen solche Unternehmen CSR-Aktivitäten nicht “um der Sache selbst” willen, sondern aus einem oder mehreren der folgenden Gründe um:

  • Verbesserung des eigenen Images: Ein Unternehmen setzt CSR-Aktivitäten um und hebt diese (beispielsweise in seiner Werbung) als eines seiner herausragenden Merkmale hervor. Das Ziel ist ein verbessertes Ansehen des Unternehmens in der Bevölkerung (und oft ein damit einhergehender gesteigerter Gewinn). Die Ausgaben für die Werbung können in solchen Fällen die Kosten für die Umsetzung der CSR-Aktivitäten um ein Vielfaches übersteigen. Kritik wird besonders an solchen Unternehmen geübt, die von der CSR-Aktivität abgesehen durch ihre sonstigen Handlungen ökologisch oder sozial nicht nachhaltig sind. Im Bezug auf ökologische Nachhaltigkeit spricht man in einem solchen Zusammenhang von Greenwashing.
  • Vorbeugung gegen die Schaffung von Gesetzen: Aufgrund der weltweit steigenden Nachfrage nach ökologisch und sozial nachhaltig produzierten Gütern und der wachsenden Erwartung der Gesellschaft an die Unternehmen, ethisch korrekt zu wirtschaften, wächst auch die Wahrscheinlichkeit, dass immer mehr Länder Gesetze einführen, die die Unternehmen zu solch einem Handeln zwingen. Nach Ansicht der Kritiker wird daher CSR von einigen Unternehmen umgesetzt, um der Schaffung solcher Gesetze vorzubeugen, da diese für die Unternehmen mit wesentlich höheren Kosten verbunden wären als wenn sie sich selbst freiwillig engagieren. Kritiker vergleichen dies mit einem Ablasshandel, einer Botschaft der Unternehmen an die Politik und Bürger: „wir kümmern uns drum, wir brauchen keine Regeln und ihr Konsumenten könnt in Ruhe bei uns einkaufen.“
  • Vermeidung von Folgekosten von Pannen und Unfällen: Ökologisch und sozial nicht nachhaltiges Handeln kann zu Pannen, Unfällen oder sonstigen Unglücken führen, deren Folgen für das verantwortliche Unternehmen mit erheblichen Kosten verbunden sind, welche die gesparten Kosten bei weitem übersteigen. Aus diesem Grund sind CSR-Aktivitäten für solche Unternehmen auch vom finanziellem Gesichtspunkt aus sinnvoll und werden nach Ansicht der Kritiker auch nur aus finanziellen Gründen durchgeführt. Beispiele für Vorfälle, die die Umsetzung von CSR zur Folge hatten, sind das Tankerunglück der Exxon Valdes von 1989, oder die Rückrufaktion von mit Blei belastetem Spielzeug von Mattel im Jahr 2007″.

Im Wikipedia-Artikel zu “Sponsoring” (in dem auch das “Sozio- und Umweltsponsoring” erwähnt wird) erfahren wir: “Unter Sponsoring versteht man die Förderung von Einzelpersonen, einer Personengruppe, Organisationen oder Veranstaltungen, durch eine Einzelperson, eine Organisation oder ein kommerziell orientiertes Unternehmen, in Form von Geld-, Sach- und Dienstleistungen mit der Erwartung, eine die eigenen Kommunikations– und Marketingziele unterstützende Gegenleistung zu erhalten”.

Im Klartext: Sponsoring dient dem Image und den Marketingzielen eines Unternehmens.

Sponsoring ist einfach nur Teil der Marketingstrategie eines Unternehmens und dient letztendlich der Erhöhung des Umsatzes und somit auch des Gewinns des betreffenden Unternehmens.

Wer sich dafür interessiert, was Großunternehmen (amerikanisch: “Corporations“) tatsächlich oft so treiben, der kann sich zum Beispiel mal meinen Blogeintrag “`The Corporation´ (2003)” durchlesen.

Sieht so vielleicht die Sozial- und Ökopolitik der Zukunft aus? Ist das die neoliberale Vision einer marktkonformen Sozial- und Ökopolitik, um hier mit den Worten Ingo Schulzes zu sprechen?

Über das Regenwald-Sponsoring der Brauerei Krombacher erfahren wir übrigens in dem Wikipedia-Artikel zum Thema “Sponsoring” folgendes: “Das Engagement der Krombacher Brauerei zur Rettung von Teilen des Regenwaldes galt als fragwürdig und ist wohl eher der klassischen Werbung zugehörig”.

In diesem Stil also schwadroniert Henryk M. Broder in seiner Rezension mit dem Titel  “Wie uns die Zukunft abhanden kam” vom 28.7 in “Welt-Online” Absatz um Absatz weiter und produziert hier einen klassischen “Verriss“, wie solch eine Art von Rezension im Journalistenjargon bezeichnet wird.

Wie sagt man so schön: “Papier ist geduldig“.

Warum ereifert sich denn Henryk M. Broder in seiner Rezension mit dem Titel  “Wie uns die Zukunft abhanden kam” so über Ingo Schulzes neuerschienenes Büchlein?

Nun, der Grund ist schnell genannt: Die Tageszeitung “Die Welt” gehört der “Springer AG“. Und die “Springer AG” und konkret auch Friede Springer wollen wohl verhindern, dass die Deutschen auf möglicherweise non-konforme und systemkritische Gedanken kommen.

Das mächtigste Instrument der “Springer AG“, um den Deutschen gründlich das Gehirn zu waschen, ist seit jeher die Bild-Zeitung.

Die Variante für gehobenere und bildungsorientiertere Schichten ist dann eben “Die Welt” (wobei in “Die Welt” manchmal auch gute und sachliche Artikel erscheinen. Aber die Grundtendenz ist eindeutig. In den anderen bundesdeutschen Tageszeitungen ist es übrigens meistens nicht viel anders).

Deshalb wird hier Ingo Schulzes Text “Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” pflichtgemäß von Henryk M. Broder verrissen.

Ingo Schulze wendet sich in diesem Text, wie ja schon der Titel seines Büchleins sagt, gegen Angela Merkels Vision einer “marktkonformen Demokratie” und fordert stattdessen in logischer Umkehrung “demokratiekonforme Märkte“.

Nun, in Ingo Schulzes Forderung steckt natürlich eine geballte Kritik am Neoliberalismus.

Denn die Grundidee im klassischen Manchesterliberalismus ebenso wie im Neoliberalismus ist eine simple und naive Marktgläubigkeit, die sich in Adam Smiths Metapher der sogenannten “Unsichtbaren Hand” verdichtet, die angeblich zum Wohle aller die Märkte regiert.

Nun, diese “Unsichtbare Hand” ist im Prinzip einfach nur ein wirtschaftsliberaler Mythos und wie Joseph Stiglitz einmal ironisch in einem Interview im Februar 2010 im Commonwealth Club of California bemerkte, sei die sogenannte “Unsichtbare Hand” wohl deshalb unsichtbar, weil sie in den meisten Marktsituationen gar nicht präsent sei.

Seht hierzu den kurzen Clip in YouTube mit dem Titel “Joseph Stiglitz: Smith’s “Invisible Hand” a Myth?“.

Eine “marktkonforme Demokratie” ist eine marktgläubige und marktradikale Demokratie. Und so etwas will Ingo Schulze nicht und er glaubt, dass dies letztendlich ein Ausverkauf des Staates und der gesamten Gesellschaft an die Banken, an die Finanzmärkte, an die Unternehmen und Kapitalanleger darstellen würde.

Und er hat völlig recht damit.

Im Grunde noch systemkritischer ist aber eine andere Forderung von Ingo Schulze: Er will, dass die Menschen in unserer Gesellschaft sich endlich wieder selbst ernst nehmen.

Und in gewisser Weise hat Ingo Schulze selbst seine Rede “Unsere schönen neuen Kleider” am 26. Februar 2012 im Staatsschauspiel Dresden deswegen gehalten, weil er selbst mit gutem Beispiel vorangehen und sich selbst ernst nehmen wollte.

Ingo Schulze weiss wahrscheinlich, dass er nicht in erster Linie ein professioneller Ökonom ist. Und tatsächlich habe ich selbst beim Durchlesen seines Büchleins einige Punkte gefunden, in denen ich Ingo Schulze auf dieser analytischen und wirtschaftspolitischen Ebene widersprechen würde und die Sache anders sehen würde als er.

Und Ingo Schulzes Denken ist logischerweise – da er aus der ehemaligen “DDR” stammt – von der marxistischen Theorie beeinflusst.

Ich selbst stehe eher den “New Keynesians” wie Paul Krugman und Joseph Stiglitz nahe.

Mein kritisches Instrumentarium gegenüber dem Neoliberalismus entstammt also eher der Keynesianischen als der marxistischen Theorie.

Meine Vision einer gerechten Gesellschaft steht eher dem Keynesianischen Gedanken einer breiten Mittelstandsgesellschaft als marxistischen revolutionären Theorien nahe.

Aber ich stimme Ingo Schulzes Forderungen im Kern völlig zu: Wir brauchen tatsächlich demokratiekonforme Märkte und wir sollten endlich anfangen, unsere Wünsche und Bedürfnisse ernst zu nehmen und auch die notwendigen Veränderungen im aktuellen neoliberalen Wirtschaftssystem endlich einfordern.

Ein gutes Leben kann nicht im luftleeren Raum stattfinden. Ein gutes Leben ist auch an konkrete materielle Bedingungen gebunden. Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das der breiten Masse der Bevölkerung dient und auch auf ökologischer Ebene vernünftig funktioniert.

Daher endet Ingo Schulzes Rede sinnigerweise mit der Bemerkung (S. 80): “Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich habe mich selbst so ernst genommen, dass ich Ihnen diese Rede zugemutet habe. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld“.

Und genau dies will unsere aktuelle Vergnügungsgesellschaft auf jeden Fall verhindern: Dass wir uns selbst ernst nehmen.

Denn sollten wir uns irgendwann einmal tatsächlich wieder ernst nehmen, könnten wir ja anfangen, ernsthaft über klare und deutliche Veränderungen in unserem aktuellen neoliberalen Wirtschaftssystem nachzudenken und mit Ernsthaftigkeit eine Wende zu einer sozialeren und ökologisch vernünftigeren Politik fordern.

Einer der brilliantesten Technik- und Medienkritiker in den USA war Neil Postman. Und sein vielleicht populärstes Buch war “Amusing Ourselves to Death

Deutsch: Postman, Neil, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, 18. Auflage, Frankfurt: Fischer 2008.

Dieses Buch erschien 1985, als die neoliberale Revolution in den USA schon voll angelaufen war.

Die mediale Verblödungsmaschinerie in unseren westlichen Gesellschaften verfolgt genau dieses Ziel, uns jede Ernsthaftigkeit auszutreiben, auch was unser eigenes Leben angeht.

Am Ende reduziert sich alles nur auf einen aufgeblasenen und verdrehenden “Bullshit“, der sich mittlerweile in alle Bereiche ausdehnt, sogar in den akademischen Bereich an den Universitäten.

Harry G. Frankfurt hat zu diesem Phänomen im Jahre 2005 ein ebenso prägnantes wie witziges Büchlein mit dem Titel “On Bullshit” veröffentlicht.

Insofern ist gerade dieser Gedanke, dass wir uns endlich wieder selbst ernst nehmen sollten, der vielleicht systemkritischste Gedanke, den Ingo Schulze hier von seinen Lesern einfordert. Und er hat auch damit völlig recht.

Die Voraussetzung für jeden gesellschaftlichen Wandel ist sicherlich, dass nicht zuletzt die intellektuellen Eliten in einem Land anfangen, sich selbst ernst zu nehmen und zusammen mit der breiten Masse der Bevölkerung die notwendigen Veränderungen einfordern.

Und dass Veränderungen notwendig sind, daran besteht kein Zweifel.

Die Finanzkrise ab 2007 ist auch in den USA noch lange nicht ausgestanden, und sie ist spätestens im Herbst 2008 beim Zusammenbruch der Lehman-Brothers-Bank auf die Eurozone übergesprungen.

Das Management der Eurokrise (beginnend mit der Griechischen Finanzkrise ab 2009) seitens der europäischen Politiker war derart lausig, dass jetzt der Euro tatsächlich droht zu zerbrechen.

Diese Finanzkrise ab 2007 ebenso wie die Eurokrise ist nicht zuletzt die Folge der Deregulierung der Banken, Börsen und Finanzmärkte, die in der neoliberalen Revolution unter Margaret Thatcher (England) und Ronald Reagan (USA) ihren Ausgang nahm.

Seht hierzu nochmals meinen Blogartikel mit dem Titel “Die Ursachen und Folgen der neoliberalen Revolution ab den 80er-Jahren“.

Und natürlich ist das neoliberale Wirtschaftssystem ein sozial ungerechtes System. Es begünstigt eine kleine Schicht von Spitzenverdienern, Unternehmern und Kapitalanlegern und spaltet die Gesellschaft in Sieger und Verlierer.

Die ökologischen Probleme auf unserer Welt sind schon seit vielen Jahrzehnten drängend. Dabei sind die vorliegenden Grundprobleme spätestens seit der Veröffentlichung des Berichts mit dem Titel “Die Grenzen des Wachstums” durch den Club of Rome im Jahre 1972 im wesentlichen bekannt.

Immer noch beruht unser Wirtschafts- und Produktionssystem im wesentlichen auf der massiven und unkontrollierten Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unsere Erde. Vor allem das Problem der Abhängigkeit von den fossilen Energieträgern ist immer noch ungelöst.

Wer sich für das Thema der zunehmenden Knappheit vieler Rohstoffe auf dem Weltmarkt interessiert, die für unsere Industrieproduktion absolut notwendig sind, der kann zum Beispiel einmal meinen Blogartikel “Deutschland und der globale Kampf um die verbliebenen weltweiten Ressourcen” durchlesen.

Und wen das Thema der zunehmenden schwindenden Ölreserven auf dieser Welt interessiert, der kann zum Beispiel einmal meinen Blogartikel “A Crude Awakening: `The Oil Crash´ (2006) und `The End of Suburbia (2004)´” einsehen.

Angehängt an diesen Artikel findet ihr zwei gute und klare Vorträge von zwei Referenten, die an das “Postfossil Institut” in Hamburg angeschlossen sind und dieses Thema sehr gut kennen.

Die Auswirkungen dieser Art zu wirtschaften und zu produzieren sind schon längst klar erkennbar: Zum Beispiel der aktuelle Klimawandel ist ein Resultat hiervon.

Die im deutschen politischen Diskurs modisch gewordenen Schlagworte von der “Nachhaltigkeit” und “Generationengerechtigkeit” können nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere aktuelle Art zu wirtschaften und zu produzieren immer noch in keinster Weise nachhaltig und damit natürlich selbstverständlich auch nicht generationengerecht ist.

Natürlich sind die Menschen in den Ländern in der “Dritten Welt” immer noch massiv benachteiligt und wir tun viel zu wenig, um diesen Ländern und ihrer Bevölkerung zu helfen.

Mehr noch: Unter anderem sind diese Länder in der “Dritten Welt” oft das Ziel einer gnadenlosen Ausbeutung nicht zuletzt durch Unternehmen der entwickelten Länder wie Deutschland.

Diese Länder dienen uns in erster Linie als preisgünstige Lieferanten für diejenigen Rohstoffe, die für unsere industrielle Produktion dringend benötigt weden.

Aber am Schicksal gerade auch der einfachen und zumeist bitter armen Bevölkerung dieser Länder nehmen diese Unternehmen der entwickelten Länder wie Deutschland und auch unsere regierenden Politiker in der Regel kein Interesse.

Insofern gebe ich Ingo Schulze im Kern völlig recht: Wir sollten uns endlich wieder ernst nehmen und demokratiekonforme Märkte einfordern.

Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratische Märkte. Hanser Berlin; 80 Seiten, 10 Euro

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Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte (2012) – 1

Am 30. Juli ist Ingo Schulzes kurzer Text “Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” erschienen. Dieser Text geht auf eine Rede zurück, die Schulze am 26. Februar 2012 im Staatsschauspiel Dresden gehalten hat.

Diese Rede mit dem Titel “Unsere schönen neuen Kleider: Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” könnt ihr unter anderem auf der Website von Ingo Schulze einsehen.

Ingo Schulze hat nach dem 26. Februar 2012 diese Rede überarbeitet und noch ein Vorwort vorgeschaltet, bis der jetzt vorliegende Text von ungefähr etwas über 70 Seiten im Taschenbuchformat vorlag.

Der “Aufhänger” für Ingo Schulzes Rede war das berühmte Märchen von Hans Christian AndersenDes Kaisers neue Kleider“.

Das Märchen handelt von einem Kaiser, der sich von zwei Betrügern für viel Geld neue Gewänder weben lässt. Diese machen ihm weis, die Kleider seien nicht gewöhnlich, sondern könnten nur von Personen gesehen werden, die ihres Amts würdig und nicht dumm seien. Tatsächlich geben die Betrüger nur vor zu weben und dem Kaiser die Kleider zu überreichen.

Aus Eitelkeit und innerer Unsicherheit erwähnt der Kaiser nicht, dass er die Kleider selbst auch nicht sehen kann und auch die Menschen, denen er seine neuen Gewänder präsentiert, geben Begeisterung über die scheinbar schönen Stoffe vor. Der Schwindel fliegt erst auf, als ein Kind ausruft, der Kaiser habe gar keine Kleider an.

Die Erzählung wird oft als Beispiel angeführt, um Leichtgläubigkeit und die unkritische Akzeptanz angeblicher Autoritäten und Experten zu kritisieren. Aus Furcht um seine Stellung und seinen Ruf spricht wider besseres Wissen niemand, nicht einmal der treueste Minister des Kaisers, die offensichtliche Wahrheit aus. Vor die Entscheidung „Ansehen und Wohlstand oder Wahrheit“ gestellt, entscheidet man sich letzten Endes gegen die Wahrheit und für die materiellen und ökonomischen Vorteile.

Ingo Schulze nutzt in seiner Rede dieses Märchen als Parabel, um auf die Leichtgläubigkeit und unkritische Akzeptanz der meistens Menschen in unserer Gesellschaft, nicht zuletzt seitens vieler Ökonomen und Politiker, gegenüber der Praxis und den Verheißungen einer von Angela Merkel so bezeichneten “marktkonformen Demokratie” hinzuweisen. Ingo Schulze fordert stattdessen in logischer Umkehrung “demokratiekonforme Märkte”.

Siehe zu Angela Merkels Bemerkungen hinsichtlich einer sogenannten “marktkonformen Demokratie” zum Beispiel einen Clip in YouTube mit dem Titel “Angela Merkel über die marktkonforme parlamentarische Demokratie“.

Ich habe im Netz schon einige Rezensionen zu diesem neuen Büchlein von Ingo Schulze aufgefunden. Ich fand sie eigentlich alle ziemlich schwach. Eine dieser Rezensionen ist sogar richtiggehend schwachsinnig und wohl ganz bewusst unfair.

Es ist die Rezension von Henryk M. Broder mit dem Titel “Wie uns die Zukunft abhanden kam” vom 28.7 in “Welt-Online“.

Nun, Henryk M. Broder ist als undifferenzierter und grober journalistischer “Haudrauf” berüchtigt. Nicht immer tut er der Welt damit nur Gutes an.

Man sollte nicht vergessen, dass der norwegische islamophobe Massenmörder Anders Behring Breivik seinerzeit beim Kompilieren seines über 1500 Seiten starken Manifests “2083: A European Declaration of Independence” auch in den Texten von Henryk M. Broder fündig wurde, der in seinen publizistischen Auslassungen in der Vergangenheit gerne mal aggressiv über den Islam hergezogen ist.

So tauchte dann ein Interview von Henryk M. Broder in einer holländischen Zeitung, in dem er unter anderem bemerkt hatte, dass wenn er jünger wäre, er Europa verlassen und in ein Land ziehen würde, das nicht von einer schleichenden Islamisierung bedroht wäre, in voller Länge in eben diesem Manifest von Anders Behring Breivik auf.

Natürlich ist Henryk M. Broder nach den Anschlägen in Norwegen 2011 pflichtgemäß zu Anders Behring Breivik auf Distanz gegangen und hat in einem langatmigen Artikel vom 25.7. mit dem Titel “Das Manifest des Anders Behring Breivik und ich” in “Welt-Onlineerklärt (?!), wie es zu dieser Sache kommen konnte.

Henryk M. Broder gehört zur Sorte von Autoren, die mit deftiger und unsachlicher Polemik punkten wollen. Das ist gut für den eigenen Geldbeutel und so macht man sich bei seinem Stammpublikum beliebt. Der Sache selbst dient so etwas meist nicht.

Wir kennen solchen Leute übrigens auch im politischen Raum. CSU-Politiker wie Horst Seehofer oder Peter Gauweiler funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Das Bierzelt tobt begeistert, wenn diese beiden bayerischen Haudegen ihre deftigen Kapriolen abziehen.

Der Hauptvorwurf Henryk M. Broders in seiner Rezension mit dem Titel “Wie uns die Zukunft abhanden kam” gegenüber Ingo Schulze ist der, dass Ingo Schulze ein unsachlicher und ideologisierter “DDR-Ostalgiker” sei.

Henryk M. Broder bemerkt in seiner Rezension mit dem Titel  “Wie uns die Zukunft abhanden kam” vom: “Ingo Schulze betreibt keine Sprach-, sondern eine Ideologiekritik. “Marktkonforme Demokratie” ist für ihn kein Ausrutscher, es ist “das allerschönste unserer neuen demokratischen Kleider, an dem öffentlich meines Wissens noch niemand Anstoß genommen hat”, ein Versuch, die Demokratie auf den Kopf zu stellen. Dem könnte man auch zustimmen, wenn Schulze nicht eine Melodie anstimmen würde, die sich sehr ostalgisch anhört.

Fast 23 Jahre nach dem Fall der Mauer kommt ihm die DDR plötzlich gar nicht mehr so übel vor. Das Wort “Unrechtsstaat”, das ihm 1990 noch, wie er behauptet, “flott über die Lippen” ging, hält er heute für eine “zu undifferenzierte Beschreibung” der Zustände in der DDR, wo “manches besser und sinnvoller (war), als es heute ist”. Wo die Menschen nicht nur “von einer besseren Welt” träumten, sondern ein “Recht auf Arbeit” hatten, dazu “ein moderneres Familienrecht, ein einheitliches Gesundheitswesen mit einer vorbildlichen Krebsstatistik und Kinder- und Jugendfürsorge”.

Nun, ich weiss nicht, worüber sich Henryk M. Broder hier ereifert. Die “DDR” war sicherlich auch ein Unrechtssystem.

Aber es ist wahr, dass dieses DDR-System dafür sorgte, dass jeder Bürger in der “DDR” Arbeit hatte. Es war eben kein marktwirtschaftliches System, sondern eine Zentralverwaltungswirtschaft.

Und eines der Ziele in diesem “DDR”-System war die Vollbeschäftigung. Ob so ein System effizient ist, in dem quasi auf gelenkte und von oben herab organisierte Weise für Vollbeschäftigung gesorgt wird, sei dahingestellt.

Aber Tatsache ist, dass im “DDR”-System Vollbeschäftigung herrschte. Und natürlich gab es in der “DDR” ein System von staatlichen Kinderkrippen und wohl auch ein allgemein zugängliches staatliches Gesundheitssystem. Und die Kinder- und Jugendlichen wurden wohl betreut und sozial und organisatorisch eingebunden.

Und daher ist es psychologisch leicht verständlich, warum ehemalige Bürger der “DDR” sich angesichts der dauerhaften und immer noch massiven Arbeitslosigkeit gerade auch in einigen Regionen im Osten Deutschlands manchmal mit Wehmut an eine Zeit zurückerinnern, wo sie nicht um ihren Arbeitsplatz fürchten oder verzweifelt einen Arbeitsplatz suchen und auch nicht für irgendwelche Niedrig– oder Dumpinglöhne arbeiten oder von Hartz IV leben mussten.

Übrigens: Unsere eigene aktuelle Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich in der “DDR” anscheinend recht wohl gefühlt und im DDR-System Karriere gemacht. Darüber will Henryk M. Broder aber offensichtlich nicht reden. Wen´s interessiert, der soll sich mal meinen Blogartikel “Angela Merkel: Die Biographie einer Opportunistin” durchlesen.

Weiterhin behauptet Henryk M. Broder in seiner Rezension mit dem Titel  “Wie uns die Zukunft abhanden kam“: “Ingo Schulze geht (…) die Misswirtschaft in der Bundesrepublik frontal an. “Unser Gemeinwesen wurde und wird von den demokratisch gewählten Volksvertretern systematisch gegen die Wand gefahren, indem es seiner Einnahmen beraubt wird.”

Man kann es einem Schriftsteller nicht übel nehmen, dass er keine Ahnung von Ökonomie hat; (…).

Dabei kann keine Rede davon sein, dass “unser Gemeinwesen seiner Einnahmen beraubt wird”. Allein vom Januar bis zum März dieses Jahres haben die Finanzämter die Rekordsumme von über 130 Milliarden Euro eingenommen, mehr als je in einem ersten Quartal zuvor, seit dies gemessen wird”.

Nun, es stimmt, was Henryk M. Broder hier behauptet, es wurden in letzter Zeit in Deutschland Rekordsummen seitens der Finanzämter eingenommen. Seht hierzu einen Artikel in “Focus” vom 20.4.2012 mit dem Titel “Gute Konjunktur: Steuereinnahmen auf Rekordhöhe“.

Interessanter ist aber die Frage, wer in Deutschland diese ganzen Steuern entrichtet.

Wenn euch das Thema interessiert, dann schaut euch mal zum Beispiel in Ruhe den Artikel vom August 2010 in den “Nachdenkseiten” mit dem Titel “Der Reiche als der ausgebeutete Gutmensch und der Arme als Schmarotzer” an. Da werdet ihr schnell begreifen, dass in unserem derzeitigen Steuersystem Spitzenverdiener, Unternehmen, und Kapitalanleger massiv bevorteilt werden.

Ich selbst habe einen Blogartikel mit dem Titel “Die Ursachen und Folgen der neoliberalen Revolution ab den 80er-Jahren” verfasst, in dem ich unter anderem darauf eingehe, was seit den 80er-Jahren nicht nur in den USA und England, sondern auch in Deutschland speziell ab der Regierung Schröder (1998-2005) mit der Einnahmenseite des Staates passiert ist.

Und in meinem Blogartikel “Der `deutsche Sparwahn´: Dumm und verlogen” gehe ich auf dieses Thema ebenfalls ausführlich ein.

Und in diesen beiden Artikel stelle ich unter anderem jeweils gleichlautend fest: “Aber noch interessanter ist, was mit der Einnahmenseite des deutschen Staates seit der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1989-90 und seit der rot-grünen Regierung Gerhard Schröder (1998-2005) und auch seit Einführung des “Euros” (1999)  passiert ist.

Im Jahr 1995 erklärte das Bundesverfassungsgericht die Vermögenssteuer für unzulässig. Der Grund: Geldvermögen wurden von ihr stärker belastet, als die mit einem sogenannten Einheitswert sehr billig angesetzten Immobilien. Statt die Ungleichbehandlung zu beheben wurde die Vermögenssteuer 1997 von der Regierung Kohl komplett abgeschafft.

Die Einkommenssteuerspitzensätze wurden ebenfalls drastisch verringert: Erstmals 1990 von 56 auf 53 Prozent, dann ab dem Jahr 2000 von der Regierung Schröder in mehreren Schritten bis auf 42 Prozent. Erst 2007 wurde für besonders hohe Einkommen (250.000 Euro pro Person) ein Spitzensteuersatz von 45 Prozent neu eingeführt.

Zuletzt wurden unter Kanzlerin Merkel auch noch Steuern auf Kapitaleinkünfte, also Gewinne aus Zinsen und Aktiengeschäften, drastisch gesenkt. Ursprünglich wurden solche Kapitalerträge wie andere Einkommen behandelt, also mit dem individuellen Steuersatz belastet. Seit 2009 gilt dafür die Abgeltungssteuer, die mit maximal 25 Prozent sehr viel geringer ausfällt.

Und auch die Unternehmenssteuern wurden in Deutschland drastisch gesenkt: Unter Helmut Kohl hatten wir einen Unternehmenssteuersatz von 56,6%. Unter Gerhard Schröder wurde er auf 38.3% abgesenkt. Und Angela Merkel hat den Unternehmenssteuersatz nochmals abgesenkt auf 29,4%”.

Betreffend der Entwicklung der Einnahmenseite des deutschen Staates seit der Regierung Schröder behauptet Ingo Schulze in seinem Text  “Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” wörtlich folgendes (S. 58f.): “Unser Gemeinwesen wurde und wird von den demokratisch gewählten Volksvertretern systematisch gegen die Wand gefahren, indem es seiner Einnahmen beraubt wird. Der Spitzensteuersatz wurde in Deutschland von der Schröder-Regierung von 53 Prozent auf 42 Prozent gesenkt, die Unternehmensssteuersätze (die Gewerbesteuer und die Körperschaftssteuer) wurden zwischen 1997 und 2009 fast halbiert, nämlich von 57,5% auf 29 Prozent. Die Steuer auf Kapitalerträge, die sogenannte Abgeltungssteuer, wurde auf 25% gesenkt. Auch die Erbschaftssteuer wurde teilweise abgesenkt”.

Tja, Ingo Schulze hat das also ganz korrekt recherchiert.

Henryk M. Broder behauptet in dieser Rezension mit dem Titel “Wie uns die Zukunft abhanden kam” weiterhin: “Für Schulze steht fest, dass alle Armut und alles Elend Folgen der “marktkonformen Demokratie” sind – in Deutschland wie in Bangladesch, wo die “Schulspeisung einer Million unterernährter Kinder” eingestellt werden musste, und in Somalia, wo die 300.000 Flüchtlinge “heute nur noch eine Tagesration von 1500 Kalorien statt des Existenzminimums von 2200 Kalorien” erhalten.

Solche Zustände haben natürlich nichts mit den politischen Verhältnissen und der Misswirtschaft in den betroffenen Ländern zu tun, sie rühren daher, dass mit Lebensmitteln Geschäfte gemacht werden und dass wir es nicht schaffen, “der Wirtschaft soziale, moralische und ökologische Standards abzuverlangen”.

Wirklich? Inzwischen wird man eher eine Jungfrau auf St. Pauli als irgendein Produkt finden, dessen Hersteller sich nicht der sozialen Gerechtigkeit, der Nachhaltigkeit und dem Umweltschutz verpflichtet fühlen. Wer einen Kasten Krombacher Bier kauft, tut es in der Gewissheit, einen Beitrag zur Rettung des Regenwaldes in Zentralafrika zu leisten. Zumindest behauptet das die Krombacher-Werbung. Nike will Schuhe aus einem umweltfreundlichen Gummi entwickeln, der gleich 96 Prozent weniger Giftstoffe enthalten soll als die herkömmliche Sohle. Evian hat ein Wasserschutzprogramm ins Leben gerufen, das der “Reduzierung der Armut” und der “Förderung von Kommunikation, Bildung und Bewusstseinsbildung” dienen soll. Bei Schlecker konnte man das “Öko Nature” Toilettenpapier kaufen, der Umwelt zuliebe. Es gibt kein Unternehmen von Rang, das nicht eine Abteilung für “Corporate Social Sponsoring” unterhalten würde – unternehmerische Gesellschaftsverantwortung. Schulze scheint das alles nicht mitbekommen zu haben”.

Weiß Henryk M. Broder wirklich nicht, dass die Abteilung für das sogenannte “Corporate Social Sponsoring” in den grossen Unternehmen im Prinzip einfach nur Teil der Marketingstrategie dieser Unternehmen ist und es hier einfach um eine Imagepflege zwecks Förderung des Umsatzes und des Gewinnes dieser Unternehmen geht?

Und weiss Henryk M. Broder tatsächlich nicht, dass diese Unternehmen nur wegen der Existenz einer solchen Abteilung “Corporate Social Sponsoring” noch lange nicht ernsthaft vorhaben, sozial, ökologisch und gesellschaftlich verantwortlich zu handeln?

Creative Commons Lizenzvertrag Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte (2012) – 1 Klaus Gauger steht unter einer Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported License

Antonio Machado: Poema Caminante (1907-1917)

Antonio Machado: Campos de Castilla (1907-1917) XLI. Proverbios y cantares (XXIX)

“Caminante, son tus huellas
el camino, y nada más;
caminante, no hay camino:
se hace camino al andar.
Al andar se hace camino,
y al volver la vista atrás
se ve la senda que nunca
se ha de volver a pisar.
Caminante, no hay camino,
sino estelas en la mar”.

English translation:

“Wayfarer, the only way
is your footsteps, there is no other.
Wayfarer, there is no way,
you make the way as you go.
As you go, you make the way
and stopping to look behind,
you see the path that your feet
will never travel again.
Wayfarer, there is no way —
only foam trails in the
sea”.

Creative Commons Lizenzvertrag Antonio Machado: Poema Caminante (1907-1917) Klaus Gauger steht unter einer Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported License

Bret Easton Ellis´ “American Psycho” (1991) revisited

Auf die beiden wichtigsten Werke der beiden miteinander befreundeten französischen Skandalautoren Michel Houellebecq und Frédéric Beigbeder bin ich schon in zwei Blogeinträgen eingegangen (siehe: “Michel Houellebecqs `Ausweitung der Kampfzone´ revisited” und “Frédéric Beigbeders `99 francs´ revisited“).

Diese beiden französischen Autoren arbeiten ganz bewusst mit den Mitteln des Tabubruchs und der Provokation als Teil einer Selbstvermarktungsstrategie, die allerdings zugleich aktuelle gesellschaftliche Phänomene subversiv unterlaufen will.

In den USA gibt es einen Autor, der seit den achtziger Jahren in seinem amerikanischen Heimatland mit ganz ähnlichen Mitteln und Strategien wie die beiden Franzosen Houellebecq und Beigbeder arbeitet: Der 1964 in Los Angeles geborene Bret Easton Ellis.

Aufgewachsen ist Ellis in Sherman Oaks, einem Ortsteil von Los Angeles in Kalifornien. 1986 absolvierte er eine Musikausbildung am Bennington College in Vermont. In den frühen 1980er-Jahren spielte er Keyboard in einigen New-Wave-Bands, z. B. bei „The Parents“.

Während seines Studiums gab Ellis den späteren Roman “Unter Null” als Arbeit für einen Creative-Writing-Kurs ab. Sein Professor war von der Arbeit beeindruckt und motivierte Ellis, den Roman zu veröffentlichen.1987 zog er nach New York City, wo er seinen zweiten Roman “Einfach unwiderstehlich” veröffentlichte.

1991 stieg Ellis mit seinem dritten Roman “American Psycho” zum Kultautor auf.  Nachdem ihn “American Psycho” weltweit berühmt gemacht hatte, steigerten sich die Drogenexzesse von Bret Easton Ellis.

Drei Jahre später, 1994, erschien die Kurzgeschichtensammlung “Die Informanten” (The Informers), in der auch einige Charaktere aus seinen vorherigen Büchern auftauchen. “Die Informanten” war jedoch eher als Lückenfüller gedacht, da sich das Erscheinen seines Romans “Glamorama” schon mehrmals verzögert hatte.

Schließlich wurde “Glamorama” 1999 publiziert, von den Kritikern jedoch deutlich negativer als “American Psycho” aufgenommen.

Sein nächstes Werk, “Lunar Park“, war ein halb-autobiografischer Roman, dessen Hauptfigur ebenfalls Bret Easton Ellis heißt und auch Autor ist.

Eine Fortsetzung zu “Unter Null” mit dem Titel “Imperial Bedrooms erschien 2010. In diesem Roman tauchen einige Figuren aus “Unter Null” wieder auf, jedoch im Alter um die 40 und verheiratet.

Ich habe jetzt nochmals den Roman “American Psycho” durchgelesen, der mich seinerzeit beeindruckt hat. Ich las den Roman Ende der neunziger Jahre einmal auf Englisch durch, als ein Freund mir dieses Buch für ein paar Wochen auslieh.

American Psycho” wurde 1995 in Deutschland durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert.

Nachdem der deutsche Verlag des Buches Kiepenheuer & Witsch gegen die Indizierung geklagt hatte, hob das Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen die Indizierung im Februar 2001 auf. Seither ist der Roman in Deutschland wieder frei verkäuflich.

Auch “Glamorama” von Bret Easton Ellis habe ich seinerzeit gelesen, allerdings fand ich diesen Roman, der ebenfalls mit Tabubrüchen und der Darstellung von Gewaltexzessen arbeitet, deutlich schwächer.

Die Verfilmung von “American Psycho” von Mary Harron aus dem Jahre 2000 schaute ich mir im Jahre 2000 im Kino an und ich fand damals, dass die kalte, glitzernde Ästhetik des Films mit seiner Darstellung der extrem oberflächlichen New Yorker Yuppie-Welt den Grundcharakter und die Grundaussage des Romans auf sehr gelungene Weise einfing. Vor allem der extrem talentierte Schauspieler Christian Bale, der den Protagonisten Patrick Bateman darstellt, hatte in diesem Film eine Paraderolle gefunden.

Worum geht es in “American Psycho”?

Der 27 jährige Wallstreet-Yuppie und Investmentbanker Patrick Bateman ist ein typischer Oberschicht-Snob Mitte der 1980er Jahre: Er bewohnt ein kostspieliges Apartment, trägt teure Designer-Anzüge, entleiht und konsumiert pausenlos Videofilme und langweilt sich mit seinen neureichen Bekannten in Luxus-Restaurants, Nachtclubs oder auf Koks-Partys.

Dabei stehen der Katalog der angesagtesten Delikatessen, Restaurants und Markenartikel im Mittelpunkt des pausenlosen Smalltalks.

Doch hinter dieser Fassade verbirgt Bateman ein zweites Leben, von dem seine Bekannten nichts ahnen: Er versucht, die permanente Leere in seinem Leben mit Sex, Gewalt und Mord zu kompensieren. Dabei werden seine Drogen immer härter, seine nächtlichen Orgien immer ausschweifender und sadistischer und seine Gewaltexzesse immer kannibalischer. Mehr und mehr verliert er sich in einem Blutrausch und weiß schließlich kaum noch zwischen Realität und Phantasie zu unterscheiden.

Bret Easton Ellis entwirft in “American Psycho” einen düsteren Gegenentwurf zum “American Dream“. In diesem “American Nightmarehaben Geld und die Zugehörigkeit zur Gesellschaft der Wohlhabenden Bateman (dessen Name auf den Protoganisten von Alfred Hitchcocks Film “Psycho” von 1960 mit dem Namen Norman Bates anspielt) nicht weitergebracht.

Der Roman ist aus der Sicht Batemans geschrieben. Die Handlung ist aus Abschnitten seines Lebens innerhalb von etwa drei Jahren chronologisch aufgebaut. Der Protagonist sieht die Welt wie einem Film und bedient sich in seinen Beschreibungen der filmischen Techniken (z. B. Zeitlupe, Schwenken, Heranzoomen etc.).

Die scheinbar einzigen Konstanten des Romans sind Batemans endlose Aneinanderreihungen von Besitztümern und der dazugehörigen Marken, insbesondere der Luxus-Bekleidungsmarken und der dazugehörigen Accessoires.

Die Räume werden nicht bis ins allerletzte Detail beschrieben, sondern auf ihre Oberfläche (Designermöbel, Bilder von angesagten Künstlern) reduziert.

Inhaltlich zeigt der Roman “American Psycho” das böse Gesicht eines amoralischen Materialismus, aus dem es kein Entrinnen gibt. Bateman hat zwar geschafft, wovon alle träumen: reich zu werden und ein sorgenfreies Leben zu führen. Dieses Leben ist jedoch von äußerster Langeweile und Leere geprägt. Den einzigen Inhalt, die einzige Abwechslung bilden Batemans albtraumhafte Sex- und Gewaltorgien.

Gegen Ende des Romans richtet Bateman im Apartment eines von ihm zuvor ermordeten Bekannten ein Blutbad an, das eigentlich nicht mehr verheimlicht werden kann. Er beichtet seinem Anwalt alle seine Gräueltaten, muss jedoch erkennen, dass selbst sein Anwalt ihn ignoriert, das Ganze nur für einen Scherz hält und ihn mit einem anderen verwechselt.

Dies stellt ein Schlüsselmotiv des Romans dar, zum einen, weil Bateman immer wieder (auch von engsten Bekannten) verwechselt wird, und zum anderen, weil er ständig seine Untaten gesteht, ohne Gehör zu finden: Hinweise auf die Oberflächlichkeit der Schickeria-Gesellschaft, in der er sich bewegt.

Als Bateman noch einmal nach den Opfern seines Massakers sehen will, die er in dem Apartment zurückgelassen hat, stellt er überrascht fest, dass die Wohnung leer ist, inzwischen frisch gestrichen wurde und nun zum Verkauf angeboten wird. Und der Taxifahrer, der ihn als den Mörder eines Kollegen wiedererkennt, zeigt ihn nicht etwa an, sondern will ihm lediglich seine Brieftasche und seine Rolex abnehmen.

Offen bleibt somit die Frage, ob die sich ständig steigernden Gewaltexzesse „real“ sind, aber von der Gesellschaft ignoriert werden, oder ob sie nur in der möglicherweise psychotischen Phantasie des Protagonisten stattfinden.

Auf jeden Fall spielt Ellis hiermit auf das in seinen Romanen immer wiederkehrende Motiv des Identitätsverlusts an.

Außerdem scheint Bateman an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu leiden. Hierzu gehört Batemans Verhalten, als er vor Bettlern schadenfroh mit einem 100-Dollar-Schein herumwedelt oder als er in einem jüdischen Restaurant einen Cheeseburger bestellt und sehr aggressiv reagiert, als diese Bestellung abgelehnt wird (Käse mit Fleisch ist nicht koscher): Wütend besteht er darauf, dass ihm ein koscherer Cheeseburger serviert wird.

Weitere Anhaltspunkte für eine Persönlichkeitsstörung ergeben sich daraus, dass Patrick Bateman zwar sehr eloquent ist, jedoch nur selten von seinen Emotionen schreibt. Obwohl er eine Freundin hat, scheinen ihm Gefühle wie Liebe fremd zu sein. Von seinen Serienmorden berichtet er betont kühl und sachlich, so wie dies oft bei ähnlichen Geständnissen echter Serienmörder der Fall ist. Er erscheint trotz seiner ungeheuerlichen Taten nie sonderlich aufgeregt, sondern stets äußerst kaltblütig. Auch über den Besuch bei seiner Mutter im Altersheim berichtet er vollkommen gefühllos.

Das einzige Kapitel, in dem er, abgesehen von Emotionen wie Wut oder Langeweile, wirkliche Gefühle zu zeigen scheint, ist dasjenige, in dem er von seiner Bewunderung für die Musik seiner Lieblingsband, der Progressive-Rock-Gruppe Genesis, erzählt.

Der Roman enthält zahlreiche intertextuelle Bezüge. Anspielungen auf Victor Hugos Buch “Les Misérables” und das gleichnamige Musical finden sich häufig im Roman.

Bateman sieht, meistens beiläufig, Dinge die auf das Musical oder das Buch “Les Miserables” hindeuten. So sieht er z.B. an einer Straßenecke ein Plakat oder hört in diversen Restaurants den Soundtrack zu besagtem Stück. Die Bezüge zu “Les Miserables” tauchen meist auf, wenn Bateman die Hässlichkeit der Gesellschaft oder deren Verlierer kommentiert.

Einer der “Running Gags” des Romans ist die immer wieder erwähnte “Patty Winters Show“. Es handelt sich um eine fiktionale Trash-Talkshow im Morgenprogramm, die Bateman regelmäßig anschaut oder auf Video aufzeichnet. Bateman erwähnt regelmäßig das Thema der heutigen Show, meist geschieht dies beiläufig und ohne Bezug zum Geschehen. Die Themen sind meist trivial oder grotesk (z. B. echte Rambos, Salatbars, die besten Restaurants im Nahen Osten, Prinzessin Di’s Schönheitstipps, von Frauen vergewaltigte Männer oder ein Junge, der sich in eine Seifenschachtel verliebte). Die Beiläufigkeit mit der die oftmals kontrastierenden Themen der Show eingestreut werden, verdeutlicht die Austauschbarkeit der Themen und die Distanz zu anderen Menschen.

“This is not an exit” sind die Schlussworte des Romans, sicherlich auch eine Anspielung an Jean-Paul Satres Theaterstück “Geschlossene Gesellschaft” von 1944 (Englische Übersetzung des Titels: “No Exit“).

Sie deuten an, dass auch die zahlreichen Morde Batemans seine persönliche Hölle nicht mildern können. Gleiches wird im Film “American Psycho” angedeutet, indem die Kamera auf dieses Schild fährt und Bateman aus dem “Off” sagt, dass es nichts gebe, was seinen Schmerz lindern, nur dass er diesen Schmerz anderen weitergeben könne und schließlich, dass auch diese Aussage ohne Bedeutung sei.

Der Roman beginnt mit dem an die Mauer der “Chemical Bank” in roter Farbe geschmierten Graffiti “Abandon all hope ye who enter here” (“Lasst alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr hier eintretet“), ein Zitat aus DantesGöttlicher Komödie“, das in Dantes Dichtung über dem Eingang zur Hölle (Inferno) steht.

Wenn der Roman nun mit dem ebenfalls in rot geschriebenen “This is not an exit” über einer Tür in einer Manhattan-Bar endet und damit gleichzeitig auf seinen Anfang zurückverweist, so unterstreicht dieser sich schließende Ring des Schicksals, wie ausweglos und hermetisch Bateman zur Endlosschleife ohne Erlösung verdammt ist.

Der Protagonist Patrick Bateman von “American Psycho” ist also genauso wie der namenlose Ich-Erzähler von Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone” und Beigbeders Ich-Erzähler Octave Parango von “99 francs” unter anderem ein psychisch kranker Mann.

In Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone” verbringt daher der namenlose Protagonist des Romans eine längere Zeit in der Psychiatrie und natürlich auch der Protagonist Octave Parango aus “99 francs” fährt irgendwann einmal aufgrund seines massiven Kokainkonsums in eine Psychiatrie ein.

In beiden Fällen wird übrigens der Psychiatrieaufenthalt und die dazugehörige Behandlung mit Sarkasmus und hintergründiger Ironie zugleich dargestellt und kommentiert.

Patrick Bateman landet deshalb nicht in der Psychiatrie, da die Yuppie-Welt in der er lebt, so oberflächlich ist, dass sie seine Krankheit nicht einmal wahrhaben will und seine Untaten einfach ignoriert oder gar bewusst unterschlagen werden.

Allerdings: In allen drei Romanen sind die psychischen Probleme der männlichen Protagonisten nicht das eigentlich Hauptthema.

Die jeweiligen psychischen Symptome der Protagonisten verweisen letztlich immer auf die Gesellschaft zurück, in der sie sich bewegen.

Der namenlose Ich-Erzähler von Houellebeqs “Ausweitung der Kampfzone” führt ein sexuell frustriertes, freudloses Leben als mittlerer Angestellter in der als anonym dargestellten Grossstadt Paris. Da er beruflich völlig unmotiviert ist und keine persönlichen Erfolgserlebnisse und Glückserfahrungen vorweisen kann, wird er folgerichtigerweise depressiv und muss sich wegen dieser Erkrankung psychiatrisch behandeln lassen. Seine Erkrankung verweist also auf die Gesellschaft, in der er sich bewegt, die Welt der Pariser mittleren Angestellten mit ihren permanenten Frustrationen, und auf seine beruflichen und persönlichen Erfahrungen, die er in diesem Kontext macht.

Der Protagonist Octave Parango von Beigbeders “99 francs” hingegen führt ein beruflich stressiges Leben in einer grossen Pariser Werbefirma. Er ist narzisstisch und gefühlsunfähig und kompensiert sein sinnentleertes Leben mit massivem Kokainkonsum. Folgerichtigerweise dreht er irgendwann einmal durch und landet wegen seiner Drogenexzesse in der Psychiatrie.

Octave Parangos Charakter weist durchaus Überschneidungen mit dem Charakter Patrick Batemans in “American Psycho” auf. Octave Parango gehört wie Patrick Bateman der Oberschicht der jeweiligen Metropole (Paris/New York) an und beide sind wohlhabend. Beide werden als bindungsunfähige Yuppies beschrieben.

Octave Parangos Probleme verweisen ebenfalls auf die Gesellschaft in der er sich bewegt, hier ist es die Pariser Oberschicht mit ihren teilweise ebenfalls sehr gut verdienenden Yuppies.

Und auch bei Patrick Bateman von Bret Easton Ellis´ “American Psycho” ist es natürlich nicht anders: Er ist ein Produkt der New Yorker Oberschicht, in der er sich bewegt, insbesondere der “Szene” der New Yorker Wallstreet-Yuppies mit ihren Finanzgeschäften.

Diese Schicht von New Yorker Wallstreet-Yuppies war im wesentlichen ein Produkt der neoliberalen Revolution unter dem damaligen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan Anfang der achtziger Jahren in den USA (den sogenannten “Reagonomics“), die unter anderem zu einem massiven Aufschwung der Börsenaktivitäten und Finanzgeschäfte an der Wall Street führten.

Patrick Batemans psychische Störung, sein Narzissmus, seine Bindungsunfähigkeit, seine mörderische Verachtung für das Leben anderer Menschen, seine Gewalt- und Sexexzesse verweisen auf die ihn umgebende Gesellschaft der New Yorker Oberschicht und Wall-Street-Yuppies, in der nur Geld, Macht und Status zählen und das Leben der “Verlierer” in diesem System keinen Pfifferling wert ist. Tatsächlich bringt Patrick Bateman in diesem Roman sogar einen Penner um, den er vorher noch im Gespräch als Versager verhöhnt.

Daher ist “American Psycho” wohl die bösartigste literarische Abrechnung mit der neoliberalen Wirtschaftsrevolution unter Ronald Reagan, die jemals veröffentlicht wurde.

So verweisen die psychischen Störungen der drei Protagonisten aus Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone“, Beigbeders “99 Francs” und Ellis´ “American Psycho” immer auf ihre persönliche Situation und die Gesellschaft zurück, in der sie sich Tag für Tag bewegen.

Alle drei Romane folgen also der Einsicht von Karl Marx, dass “das gesellschaftliche Sein des Menschen sein Bewusstsein bestimmt“.

Das Bewusstsein und die jeweiligen psychischen Störungen der drei Protagonisten aus Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone“, Beigbeders “99 Francs” und Ellis´ “American Psycho” ist durch ihre konkrete materielle und gesellschaftliche Situation bestimmt.

Im Fall von Houellebecq und Beigbeder sind übrigens die Erfahrungen der beiden Protagonisten auch noch deutlich autobiographisch eingefärbt.

So sind alle diese drei Romane in erster Linie gesellschaftskritisch zu verstehen und nicht als Darstellung psychiatrisch zu diagnostizierender Erkrankungen, sondern als eine Gesellschaftskritik im Sinne einer bösartigen Persiflage unter den Vorzeichen des literarischen Tabubruchs und der Provokation.

Der Effekt einer wirksamen Selbstvermarktungsstrategie ist durchaus in allen drei Fällen mitintendiert, denn alle drei Autoren sind mit ihrem jeweiligen Roman auf einen Schlag berühmt geworden und zwar meiner Meinung nach durchaus verdienterweise.

Denn neben der höhnischen Persiflage und Gesellschaftskritik ist in allen drei Romanen auch ein solides handwerkliches Können erkennbar, insbesondere im Fall von Houellebecq, dessen Roman “Ausweitung der Kampfzone” auch stilistisch meisterhaft geschrieben ist.

Die Wiederbegegnung mit Bret Easton Ellis´ “American Psycho” hat sich, ebenso wie bei Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone” und Beigbeders “99 francs“, auf jeden Fall für mich gelohnt.

Creative Commons Lizenzvertrag Bret Easton Ellis´ “American Psycho” (1991) revisited Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

António Lobo Antunes´ “Einblick in die Hölle” (1981) revisited

Ein weiterer Roman, den ich vor ungefähr sieben Jahren einmal gelesen und in den letzten Tagen wiedergelesen habe, ist  von António Lobo Antunes der 1981 erschienene Roman “Einblick in die Hölle” (deutsche Übersetzung 2003).

Der 1942 in Lissabon (Hauptstadt Portugals) geborene Antunes studierte zunächst Medizin und war während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola. Seine Erfahrungen in Angola verarbeitete er in dem Roman Der Judaskuss (Os Cus de Judas, 1979), mit dem er in Portugal den Durchbruch als Schriftsteller erreichte.

Nach seiner Tätigkeit als Militärarzt in Angola arbeitete er als Psychiater in der Nervenklinik “Hospital Miguel Bombarda” in seiner Heimatstadt Lissabon. 1985 gab er den Beruf des Psychiaters auf und heute lebt und arbeitet Antunes als Schriftsteller weiterhin in Lissabon.

Der Titel des Romans “Einblick in die Hölle” ist Programm: Was Antunes als Psychiater in der “Bombarda” in Lissabon erlebt, ist tatsächlich ein Einblick in eine Hölle, in der die Psychiater die Kerker- und Foltermeister sind und die Patienten die zu ewigen Höllenqualen Verdammten.

Natürlich ist der Roman nicht streng autobiographisch im Sinne eines sachlichen Erlebnisberichts. Der Stil von Antunes ist ausgesprochen barock, die verschiedenen Erzählstränge und Zeitebenen greifen komplex ineinander, der Text ist voller Assoziationen und surreal wirkender, phantastischer Sequenzen, die manchmal auch Traumnotate sind oder wie solche wirken.

Außerdem dreht sich der Roman nicht nur um die Zeit in der Psychiatrie “Bombarda”, denn genauso traumatisch war für Antunes die Zeit als Militärarzt in Angola während des brutalen Angolakrieges, der von 1960-1974, bis zur portugiesischen “Nelkenrevolution“, andauerte und der in diesem Roman ebenfalls als grausamer Wahnwitz beschrieben wird.

Der Roman ist also nicht nur eine Abrechnung mit der portugiesischen Psychiatrie der achtziger Jahre, sondern auch mit der blutigen Vergangenheit Portugals während der Diktatur von António de Oliveira Salazar, die – ähnlich wie das Franco-Regime in Spanien – von Anfang der 1930er-Jahre bis Mitte der 1970er-Jahre andauerte, also über 40 Jahre lang.

Zum Berufsstand des Psychiaters bemerkt Antunes, dass dessen einziger Daseinszweck darin bestehe, Menschen mundtot zu machen, ihren Willen zu brechen, ihre Seele zu schänden: „Die Hölle, das sind die Lehrbücher der Psychiatrie, die Hölle ist die Erfindung der Verrücktheit durch die Ärzte, die Hölle ist diese Dummheit der Tabletten, diese Unfähigkeit zu lieben, dieses Fehlen von Hoffnung.”

Dabei war der Berufs des Arztes und insbesondere des Psychiaters der Wunschberuf des jungen Antonio, „um zwischen verzerrten Menschen wie jenen zu leben, die uns in den Träumen aufsuchen, und um ihre Mondsprachen und die gerührten oder hasserfüllten Aquarien ihrer Hirne zu verstehen, in denen sterbend die Fische der Angst zugange sind.”

Die tägliche Arbeit als Arzt und Psychiater jedoch – erst in Angola während des Bürgerkriegs, dann nach der „Nelkenrevolution” in Lissabon – ließen bei Antunes Ekel und Scham an die Stelle der Neugier treten.

In der “Bombarda” werden die Insassen von genervten Verwandten eingeliefert und  durch Beruhigungsspritzen in gehorsame Tiere verwandelt. Die Ärzte verschreiben Sedativa, weil sie die Kranken nicht begreifen –„wie jemand, der das Telefon zum Schweigen bringt, indem er es unter einem Berg von Kissen begräbt”.

Portugal war damals ein armes und rückständiges südeuropäisches Land. Daher wurden die eingelieferten Insassen der “Bombarda” damals nicht nur weggesperrt und mit Medikamenten zum Schweigen gebracht und beruhigt, sondern außerdem waren sie zerlumpt, abgemagert und verwahrlost. Die Räumlichkeiten der “Bombarda” werden als abstoßend und deprimierend dargestellt.

Antunes berichtet über die Zustände in der “Bombarda”: “Ausgemergelte Gestalten wandern durch die Flure, man sperrt die Kranken nackt ins Schlafzimmer, läßt sie in ihrem Kot liegen. Jeder Widerstand wird niedergespritzt, und koste es den letzten Rest Persönlichkeit des Patienten. Die Herren Doktoren wollen nichts sehen, nichts hören“Ich bin in Auschwitz”, denkt, außer sich, Lobo Antunes’ “alter ego” in diesem Roman,ich gehöre der höheren Rasse der Kerkermeister, der Kastrierer, der Polizisten, der Schulpräfekten und der Stiefmütter der Kindermärchen an.”

Das Gute und Treffende an diesem Roman ist auch, dass Antunes sich nicht nur über die Psychiater lustig macht, sondern auch an den Psychoanalytikern kein gutes Haar lässt. Die Psychoanalytiker in der “Bombarda” sind oft noch grausamer und dümmer als die Psychiater, die letztendlich nur Gefängniswärter sind, die brav Medikamente verabreichen, während die Psychoanalytiker oft dem Typus der bösartigen Scharlatane angehören und eine schräge, sektiererische Ersatzreligion propagieren.

Antunes bemerkt in diesem Roman zu den Psychoanalytikern: “Von allen Ärzten, die ich bislang kennengelernt habe, sind die Psychoanalytiker, diese Kongregation von Laienpriestern mit Bibel, Messen und Gläubigen, die finsterste, die lächerliste, die kränkste Spezies von allen. Während die Pillen-Psychiater einfache Menschen ohne Umschweife, nur naive Henker sind, die lediglich über die schematische Guillotine der Elektroschocks verfügen, kommen die anderen mit einer komplexen, streng hierarchischen Religion mit Kardinälen, Bischöfen, Domherren daher, deren Altäre Diwane sind und deren Seminarszöglinge, vorzeitig ernst und alt, in den Klöstern der Institute das linkische Latein der Lehrlinge üben. Sie teilen die Welt der Menschen in zwei unvereinbare Kategorien, die der Analysierten und die der nicht Analysierten oder, anders gesagt, die der Christen und der Ungläubigen, und nähren für die zweite die unendliche, aristokratische Verachtung, die man Heiden vorbehält, den noch nicht Getauften und denen, die sich der Taufe verweigern, die sich auf einem Bett ausstrecken, um einem schweigenden Prior ihr intimstes, geheimstes Unglück zu erzählen, das, wofür sie sich schämen, ihre Ängste, ihre Enttäuschungen. Für sie existiert im Universum nichts außer einer Mutter und einem Vater, die beide titanenhaft, riesig, beinahe kosmisch sind, und ein auf den Anus, den Penis und den Mund reduziertes Kind, das mit diesen beiden unerträglichen Geschöpfen eine ungewöhnliche Beziehung unterhält, in der Spontaneität und Freude ausgeschlossen sind. Für die Sozialisation relevante Ereignisse gehen über die kargen Erschütterungen der ersten sechs Lebensmonate nicht hinaus, und die Psychoanalytiker bleiben weiterhin beharrlich an das uralte Mikroskop Freuds geklammert, das ihnen erlaubt, einen Quadratzentimeter Haut zu betrachten, während der Rest des Körpers fern von ihnen atmet, pulsiert, sich schüttelt, protestiert und sich bewegt“.

Um es ganz klar zu sagen: Dieser Roman von Antunes ist – genau wie seine anderen auch – nicht leicht zu lesen, wegen des barocken, assoziativen und surrealen Stils und dem komplexen Ineinandergreifen von Erzählsträngen und Zeitebenen. Aber in dieser barocken Flut finden sich Passagen, die richtige Perlen sind, Passagen auch, in den Antunes hellsichtig mit der Zunft der Psychiater und den diversen psychologischen Sekten abrechnet, die er während seiner langjährigen Tätigkeit als Psychiater sicher alle kennengelernt hat, der Text ist also auch autobiographisch und erfahrungsgesättigt.

Antunes gilt übrigens heute als einer der bedeutendsten portugiesischen Schriftsteller der Gegenwart und wird seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis angesehen.

Die Wiederbegegnung mit diesem Roman hat sich für mich gelohnt und ich kann die Lektüre dieses Werk empfehlen.

Creative Commons Lizenzvertrag António Lobo Antunes´ “Einblick in die Hölle” (1981) revisited Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.