Die biologistische Psychiatrie: “Seelsorge” im Auftrag der Pharmaindustrie – 7

Nicht nur im Bereich der Antipsychotika – dies betrifft vor allem die sogenannten atypischen Neuroleptika – ist eine massive Zunahme des Konsums dieser Psychopharmaka zu verzeichnen.

Auch im Bereich der Antidepressiva hat es in den letzten Jahren offensichtlich eine massive Zunahme der Verschreibungen gegeben.

Siehe hierzu zum Beispiel auch folgende englischsprachige Artikel:

Medscape: Dramatic Increase in Antidepressant Use (20.10.2011)

Harvard Health Blog: Astounding increase in antidepressant use by Americans (20.10.2011)

The Guardian: Antidepressant use on the rise in rich countries, OECD finds (20.11.2013):

Dabei bestehen bei den Antidepressiva anscheinend Zweifel, ob sie überhaupt gegen Depressionen sehr effektiv sind.

Seht hierzu zum Beispiel folgenden Artikel vom 26.2.2008 im britischen “The Independent” mit dem Titel  “Antidepressant drugs don´t work – official study“.

Seht hierzu auch einen Artikel vom 26.2.2008 mit dem Titel “Metaanalyse: Antidepressiva nur bei schwersten Depressionen wirksam” im “Deutschen Ärzteblatt“.

Die Diskussion, ob diese Antidepressiva viel bringen oder nicht, ist aber anscheinend noch nicht abgeschlossen.

Seht hierzu auch den Artikel vom 15.8.2013 mit dem Titel “We don´t know if antidepressants work, so stop bashing them” in einem Blog der britischen Tageszeitung “The Guardian“.

Seht hierzu auch den Artikel des US-amerikanischen Psychiaters Peter D. Kramer mit dem Titel “In Defense of Antidepressants” vom 9.7.2011 in der “New York Times“.

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Die biologistische Psychiatrie: “Seelsorge” im Auftrag der Pharmaindustrie – 6

Viele sogenannte Yuppies (die natürlich unter anderem Trendsetter-Funktion haben) und zunehmend auch Durchschnittsmenschen nehmen seit den neunziger Jahren Psychopharmaka wie zum Beispiel bestimmte Antidepressiva (Prozac) nicht aus Krankheitsgründen ein, sondern einfach deshalb, um leistungsfähiger und besser gelaunt zu sein.

Seht hierzu auch den kurzen Artikel vom 28.11.2007 mit dem Titel “20 Millionen Prozac-Patienten” in “Die Welt“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “In den USA wird die Zahl der Prozac-Konsumenten auf 20 Millionen geschätzt. Es wurde dort nach der Einführung als medizinisches Wunder gefeiert und galt wegen seiner motivierenden Wirkung als Yuppie-Droge”.

Solche Psychodrogen gehören mittlerweile auch zum “Lifestyle” vieler Menschen in Deutschland.

Seht hierzu auch den Artikel mit dem Titel “Die Welt als Pille und Vorstellung(eine Anspielung auf Arthur Schopenhauers Hauptwerk) von Sabine Magerl im “Süddeutsche Zeitung Magazin” (Heft 7/2008):

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem:

Apotheker berichten derzeit, dass der Verkauf von Psychopharmaka deutlich zunimmt. Dabei besteht der Verdacht, dass Antidepressiva nicht mehr nur gegen die Krankheit Depression eingenommen werden – sondern zur Leistungssteigerung. Im Jahr 2006 wurden in Deutschland allein von den neueren Antidepressiva, welche die Produktion des Botenstoffs Serotonin im Gehirn anregen, 4,8 Millionen Packungen verkauft. Sie haben im Vergleich zu früheren Medikamenten weniger Nebenwirkungen und, seit Prozac als eines der ersten Psychopharmaka der neuen Generation auf den Markt kam, auch das Image von Glückspillen. »Diese Medikamente haben sich den gesellschaftlichen Bedürfnissen angepasst und sind damit im Alltag angekommen«, sagt Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen. »Sie wirken nicht mehr nur dämpfend wie früher, sondern vor allem auch stimulierend.« Das Versprechen der Medikamente sei groß, »beinahe so, als könne aus einem traurigen Menschen ein schöner Schwan werden«. Und wer sei dafür nicht empfänglich, in einer Welt, in der jeder aktiv und leistungsstark sein soll und seine Persönlichkeit optimieren will?”

In New York gehört es offensichtlich sogar zum „Lifestyle“ der Oberschichten, regelmäßig zum Psychiater zu gehen.

Seht hierzu auch den Artikel vom 20.6.2012 im Blog des deutschen Wirtschaftsjournalisten und Korrespondenten Tim Schäfer mit dem Titel “Reiche in New York: Kokosmilch, Psychiater, Luxuswohnung“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem:

New Yorker sind ein Trendsetter in vielerlei Hinsicht. Machen Sie sich schon mal darauf gefasst, dass Psychologen und Psychiater einen Boom weltweit erleben werden. In Manhattan ist es jedenfalls schick, einen Seelenklempner zu haben. Ich traf kürzlich eine prominente Psychiaterin zum Plausch in einem Café am Central Park. Sie ist Professorin an einer renommierten Uni und hat jede Menge reiche Privatpatienten. Ihre Kunden sind Hollywoodstars, Hedgefondsmanager, Politiker, Banker, TV-Stars. Als einer ihrer Patienten einen Oscar gewann, bedankte sich die Schauspielerin ausdrücklich in ihrer Rede für die mentale Unterstützung vor laufender Kamera. Sie können sich sicherlich vorstellen, wie das die Psychiaterin gefreut hat – so wichtig wie die engsten Familienmitglieder zu sein”.

Es gibt in New York anscheinend auch eine Szene von Psychotherapeuten für Superreiche.

Seht hierzu auch den Artikel vom 7.7.2008 mit dem Titel “Age of Riches: Challenges of $600-a-Session Patients” in der “New York Times“.

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Die biologistische Psychiatrie: “Seelsorge” im Auftrag der Pharmaindustrie – 5

Auch die US-Soldaten in den Streitkräften der Vereinigten Staaten und vor allem die US-Veteranen, die öfters unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden, werden zunehmend in den USA mit Psychopharmaka und nicht zuletzt gerade auch Antipsychotika (Neuroleptika) vollgepumpt.

Auch hier handelt es sich natürlich um einen sogenannten “Off-label-use“. Diese Neuroleptika – auch die mittlerweile wohl sehr populären sogenannten “atypischen Neuroleptika” – wurden nie für PTBS entwickelt.

Für diese US-Soldaten und US-Veteranen ist die Einnahme von Psychopharmaka und gerade auch von Antipsychotika wegen der möglichen Nebenwirkungen oft gesundheitsschädlich und gefährlich.

Manche US-Veteranen sind mittlerweile an der Behandlung mit zum Beispiel hohen Dosen von Seroquel (Handelsname AstraZeneca Wirkstoff: Quetiapin) gestorben.

Zu den möglichen Nebenwirkungen von hohen Dosen von Quetiapin (in den USA: Quetiapine) gehört auch der sogenannte “Sudden cardiac death“.

Siehe hierzu zum Beispiel folgenden Artikel vom 30.8.2010 mit dem Titel “For sleepless vets prescribed Seroquel, the nightmare was just beginning” in den “Daily News“.

Offensichtlich hat die Einnahme von Psychopharmaka – gerade auch von Antipsychotika – bei den aktiven US-Soldaten massiv zugenommen.

Zu den möglicherweise auftretenden Nebenwirkungen der Antidepressiva gehört auch eine höhere Bereitschaft zum Selbstmord. Und viele dieser Psychopharmaka haben auch als Nebenwirkungen die Beeinträchtigung des Reaktionsvermögens und der motorischen Fähigkeiten. Im Fall von Soldaten ist letzteres natürlich zugleich auch eine klare Beinträchtigung der Fähigkeit, ihren Beruf erfolgreich ausüben zu können.

Seht hierzu den Artikel des klinischen Psychologen Bruce E. Levine vom 1.4.2010 mit dem Titel “Sharp Rise in U.S. Military Psychiatric Drug Use and Suicides” in der “Huffington Post“.

Seht zum Thema der Zunahme von Selbstmorden bei den Soldaten der US-Streitkräfte auch den Artikel vom 14.10.2012 mit dem Titel “Military suicides linked to dramatic increases in prescribed psychiatric drugs” in “Examiner.com“.

Seht hierzu auch den Artikel des Psychiatrieprofessors und US-amerikanischen Psychopharmakologie-Experten Richard A. Friedman vom 6.4.2013 mit dem Titel “Wars on Drugs” in der “New York Times“.

Auch Richard A. Friedman äußert sich in diesem Artikel kritisch über die massive Zunahme des Psychopharmaka-Konsums bei den US-Streitkräften und den Folgen hiervon, zu denen ganz offensichtlich auch eine deutliche Zunahme der Selbstmorde unter den US-Soldaten gehört.

Viele dieser US-Veteranen bekommen Psychopharmaka anscheinend sogar ohne vorherige Diagnose verpasst.

Seht hierzu unter anderem folgenden Artikel vom 31.10.2013 in “Reuters” mit dem Titel  “Many vets given psychiatric drugs without diagnosis“.

Es bestehen offensichtlich im Zusammenhang mit dem Konsum dieser Psychopharmaka durch US-Veteranen auch ernsthafte Zweifel, ob diese Psychopharmaka überhaupt gegen PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) erfolgreich wirken.

Seht hierzu den Artikel vom 2.8.2011 in der in der “New York Times” mit dem Titel “Drugs Found Ineffective for Veteran´s Stress“.

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Die biologistische Psychiatrie: “Seelsorge” im Auftrag der Pharmaindustrie – 4

Siehe hierzu auch den entsprechenden Artikel vom 3.1.2008 mit dem Titel “Pharmakonzerne: Mehr Geld für Werbung als für Forschung” in “Der Spiegel”:

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: 

“Medikamentenwerbung ist nahezu allgegenwärtig. Kaum eine Zeitschrift kommt ohne sie aus, kaum ein Arzt ist vor Besuchen der Arzneiproben verteilenden Pharma-Referenten sicher. Im Fernsehen kommt Medikamentenwerbung so oft vor, dass die Mehrheit der Deutschen in der Lage sein dürfte, den Standardspruch über Risiken und Nebenwirkungen im Schlaf herunterzubeten.

 Forscher haben jetzt ausgerechnet, wie viel US-Pharmakonzerne für Werbung ausgeben – im Verhältnis zu ihren Forschungsetats. Das Ergebnis: Die Ausgaben für die Werbung liegen fast doppelt so hoch wie für Forschung und Entwicklung, schreiben Marc-André Gagnon und Joel Lexchin von der York University im kanadischen Toronto im Online-Fachblatt “PLoS Medicine”. Im Jahr 2004 steckten US-Arzneifirmen demnach insgesamt 57,5 Milliarden Dollar in Werbemaßnahmen, aber nur 31,5 Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung (39,3 zu 21,5 Milliarden Euro). Das Ergebnis bestätige den öffentlichen Eindruck, dass die Pharmaindustrie marketinglastig sei, kritisieren die Forscher”.

Seht hierzu auch den Artikel vom 1.3.2008 mit dem Titel “The Cost of Pushing Pills: A New Estimate of Pharmaceutical Promotion Expenditures in the United States” im US-amerikanischen Online-Fachblatt PLOS Medicine.

In den USA werden zunehmend Neuroleptika auch an Kinder verschrieben. Neuroleptika wurden ausschließlich für Erwachsene entwickelt, da Kinder in Regel keine Psychosen bekommen. Und Neuroleptika sind sogenannte Antipsychotika. So werden sie zunehmend heute auch in Deutschland bezeichnet.

Aber im Zuge der Ausweitung des sogenannten “Off-Label-Use” solcher Antipsychotika werden diese stark wirkenden und nebenwirkungsreichen Neuroleptika in den USA auch zunehmend an Kinder verabreicht.

Siehe zu diesem Thema der Verschreibung von Neuroleptika an Kinder auch meinen Blogartikel “`Teenscreen´ in Amerika“.

Die amerikanischen Psychiater haben es offensichtlich sogar geschafft, diese Antipsychotika (Neuroleptika), die am stärksten wirkenden und damit auch nebenwirkungsreichsten Psychopharmaka, zu Massenmedikamenten (!) zu machen.

Siehe hierzu zum Beispiel den Artikel “Mass psychosis in the US: How Big Pharma got the Americans hooked on anti-psychotic drugs” vom 12.6.2011 verfasst von James Ridgeway in Al-Jazeera .

In den USA sind die Antipsychotika “Seroquel” und “Abilify” (es handelt sich in beiden Fällen um sogenannte atypische Neuroleptika) sogar mit in die Gruppe der meistverkauften verschreibungspflichtigen Medikamente aufgestiegen.

Das macht sogar US-amerikanischen Psychiatrieprofessoren und Psychopharmakologie-Spezialisten wie Richard A. Friedman mittlerweile Sorgen.

Seht hierzu auch den Artikel in der New York Times vom 24.9.2012 mit dem Titel “A Call for Caution in the Use of Antipsychotic Drugs.

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Die biologistische Psychiatrie: “Seelsorge” im Auftrag der Pharmaindustrie – 3

Der Psychiater und Psychotherapeut Fritz B. Simon – einer der fähigsten deutschen Spezialisten für systemische Therapie – betreibt einen Blog in der Website des Carl Auer-Verlags mit dem Titel “Simons Systemische Kehrwoche“.

Interessant ist unter anderem, was Fritz B. Simon zum Thema Pharmaindustrie und Karriere im psychiatrischen Bereich in einem seiner Blogartikel vom 4.10.2008 mit dem Titel “Psychiatrische Korruption” bemerkt:

Seit mehr als 20 Jahren ist die akademische Psychiatrie aus meiner Sicht ein ziemlich korruptes System. Das liegt daran, dass die Pharma-Industrie zu einem guten Teil die Karrieren aufstrebender Psychiater durch gut dotierte Drittmittelprojekte sponsort. Letztlich sind seit etlichen Jahren die meisten Ordinarien nicht mehr als habilitierte Pharma-Vertreter. Das ist einer der Gründe, warum die biologische Psychiatrie solch einen Aufschwung erlebt hat. Dies ist allerdings nicht nur ein deutsches Problem, sondern eines der ganzen westlichen Welt.

Gestern stand in der New York Times ein langer Artikel mit dem Titel “Top Psychiatrist Didn´t Report Drug Makers´ Pay” (3.10.2008) über die Verquickung der Interessen von angesehenen Uni-Psychiatern und Pharmafirmen. Es ging dabei um eine Kongresskomission, die diese Interessenkonflikte untersucht. Beispiel war ein Professor der Emory Universität, der sich persönlich mit Miilionen von Glaxo hat bezahlen lassen:

Niemandem, der sich auch nur ein paar Wochen in der universitären Psychiatrie aufhält, bleibt die Verquickung der Interessen der Pharmaindustrie und der dort tätigen Psychiater verborgen. Das fängt beim Sponsoring von Vortragsveranstaltungen an, setzt sich mit der Bezahlung der Teilnahme an Medikamenten-Studien fort und endet bei Kongressreisen ans andere Ende der Welt (mit Partner)”.

Die beiden (Sozial-)Psychiater und Psychotherapeuten Volkmar Aderhold und Dieter Lehmkuhl (mittlerweile im Ruhestand) haben im Jahre 2008 ein PDF zum Thema “Verhältnis Psychiatrie und Pharmaindustrie” ins WWW gestellt.

Dem Material dieses PDFs zufolge hat die Psychiatrie anscheinend schon seit längerem ihre Unabhängigkeit gegenüber der Pharmaindustrie verloren.

Welche massiven Interessenkonflikte im Falle der amerikanischen Psychiater vorliegen, wurde gerade auch in Zusammenhang mit der Erstellung des im Jahre 2013 neuerschienenen DSM-5 sichtbar.

Beim DSM handelt es sich um den sogenannten “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“.

Zum Thema der Kritik am neuen DSM-5 siehe auch das Buch von Allen Frances “Normal” (2013):

Deutsch: Allen Frances, B. Schaden: NORMAL: Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen. Dumont Buchverlag; 1. Auflage (2013)

Englisch: Allen Frances, Saving Normal. An Insider’s Revolt Against Out-of-Control Psychiatric Diagnosis, DSM-5, Big Pharma, and the Medicalization of Ordinary Life. William Morrow; 1. Auflage (2013).

Im Wikipedia-Artikel zu Allen Frances erfahren wir unter anderem:

Allen James Frances (* 1942 in New York City) ist ein US-amerikanischer Psychiater, der den Vorsitz der Arbeitsgruppe innehatte, die die vierte Revision des Diagnostic and Statistical Manual (DSM-IV) durchgeführt hat und für seine Kritik an der aktuellen Version, der DSM-V bekannt wurde, dem Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen, einem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (US-amerikanische Psychiatrische Vereinigung). Der DSM entspricht die ICD-10. Er warnt davor, dass die Erweiterung der psychiatrischen Grenzen eine Inflation an psychiatrischen Diagnosen verursachen wird, die zu einer Übertherapie der „eingebildeten Kranken“ führt, wodurch die Psychiatrie nur vom eigentlichen Focus, nämlich der Behandlung der psychisch schwer Kranken abgelenkt wird”.

Die wachsende Diagnosenflut im Bereich der Psychiatrie ist vor allem auch der Pharmaindustrie dienlich. Denn wo eine Diagnose ist, muss auch eine Behandlung her. Und die ist im Bereich der biologistischen Psychiatrie immer medikamentös.

Im Klartext: Mehr Diagnosen = mehr Verschreibungen an Psychopharmaka = Mehr Profit für die Pharmaindustrie.

Zu den bei den Verfassern des im letzten Jahr neuerschienenen DSM-5 vorliegenden Interessenkonflikten lassen sich zahlreiche englischsprachige Artikel im WWW finden, zum Beispiel folgende

The Huffington Post: Allen Frances: Holding Psychiatry to a Much Higher Ethical Standard (22.1.2014)

ABC News: DSM-5 critized for Financial Conflicts of Interest (13.3.2012)

Medscape: APA Critized Over DSM-5 Panel Members´ Industry Ties (20.3.2012)

American Association of University Professors: Diagnosing Conflict of Interest Disorder (November-December 2010)

Siehe auch folgenden Artikel vom 7.5.2008 im Deutschen Ärzteblatt mit dem Titel “Psychiatrie: Häufige Interessenkonflikte der DSM-V-Autoren“.

Interessant ist auch die Tatsache, dass zumindest die US-Pharmaindustrie offensichtlich wesentlich mehr Geld für das Marketing als für die Forschung ausgibt. Auch in Europa wird es nicht viel anders sein.

Seht hierzu zum Beispiel den Artikel im “Deutschen Ärzteblatt” vom 7.1.2008 mit dem Titel “Studie: Pharmafirmen geben mehr Geld für Marketing als für Forschung aus“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem:

Nach einer Studie in Public Library of Science Medicine (2008; 5: e1) gibt die amerikanische Pharmaindustrie möglicherweise doppelt so viel Geld für das Marketing aus wie für die Entwicklung neuer Medikamente. Ein Großteil der Gelder fließt in kostenfreie Arzneimittelproben, die nach einer anderen Studien im American Journal of Public Health (2008, 10.2105/AJPH.2007.11424) keineswegs die ärmeren Bevölkerungsschichten erreicht, wie dies die Industrie behauptet. Seit etwa einem halben Jahrhundert steht die US-Pharmaindustrie wegen ihrer hohen Marketingausgaben in der Kritik. Tatsächlich nutzen die Hersteller ausgiebig die Möglichkeiten, den eigenen Marktanteil durch den Besuch von Pharmareferenten und die unentgeltliche Abgabe von Medikamentenproben zu steigern”.

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Die biologistische Psychiatrie: “Seelsorge” im Auftrag der Pharmaindustrie – 2

In den USA sind die Interessenkonflikte der Chefpsychiater wohl oft massiver noch als in Europa.

So erfahren wir zum Beispiel über Jeffrey Lieberman, den Chefpsychiater von New York, im Abschnitt “FCOI” (Financial Conflict of Interest) des entsprechenden Wikipedia-Artikels:

As of June 2013, as disclosed in publications in Annals of Internal Medicine, British Journal of Psychiatry, and JAMA Lieberman’s disclosure of financial conflict of interest is on file with the International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE). ICMJE disclosure and review includes FCOI categories: research grants/industry ties, consulting and honorarium, participation in Data Safety Monitoring Boards (DSMB), provision of research meds or equipment, writing/royalties, administrative support, expert testimony, speakers bureaus, patents, stocks and stock options, travel.

A note on “competing interests” for contributors to the book Essentials of Schizophrenia (2011) says Lieberman receives no direct financial compensation for his research, consulting and advisory board activities (except Intra-Cellular Therapies).

In 2006, Lieberman co-signed a letter to the editor of The Wall Street Journal with about thirty other doctors. With this, he disclosed honoraria, consulting fees, research grant support from AstraZeneca, Bristol-Myers Squibb, Upjohn Pharmacia, Novartis, Eli Lilly, Janssen, Pfizer, Hoechst AG, and AstraZeneca. He also listed as corporate speakers bureaus AstraZeneca, Janssen, Eli Lilly, and Pfizer. Lieberman disclosed in 2007 in the journal Primary Psychiatry that he was a consultant to Eli Lilly and Pfizer. He was on the advisory boards of AstraZeneca, Eli Lilly, GlaxoSmithKline, Lundbeck, Organon, and Pfizer. He has a patent from Repligen Corporation. Lieberman received research support from Acadia, Bristol-Myers Squibb, GlaxoSmithKline, Janssen, Merck, Organon, and Pfizer. In 2009, Lieberman disclosed grants from Allon, Forest Laboratories, Merck, Pfizer, AstraZeneca, Bristol-Myers Squibb, Cephalon, GlaxoSmithKline, Janssen, Otsuka, Solvay, and Wyeth to the American College of Neuropsychopharmacology for their annual meeting in which he participated. In 2011, his disclosure at Medscape of relevant financial relationships says he served on the advisory board of Bioline, GlaxoSmithKline, Intra-Cellular Therapies, Eli Lilly, Pierre Fabre, and Psychogenics, and that he received research grants from Allon Therapeutics, GlaxoSmithKline, Ortho-McNeil-Janssen, Merck, Novartis, Pfizer, Sepracor, and Targacept. He also disclosed in 2013, as a member of the psychiatry editorial board at Medscape, that he received research grants from Allon, Novartis, Sepracor, and Targacept; and he served on the advisory boards at Bioline, Intra-Cellular Therapies, Pierre Fabre and Psychogenics. In additional disclosures at Medscape in 2013, he received research grants from Allon, GlaxoSmithKline, Eli Lilly, Merck, Novartis, Pfizer, Psychogenics, Hoffmann-La Roche, Sepracor, and Targacept, and he served on the advisory board of Alkermes, Bioline, Intra-Cellular Therapies, Pierre Fabre, and Psychogenics”.

Doch in Europa – auch in Deutschland – ist die Situation sicherlich nicht viel besser.

Es gilt in Europa genauso wie in den USA im Hinblick auf die Psychiater und ihr Verhältnis zur Pharmaindustrie unter anderem wohl auch der alte Landsknecht-Spruch, der aus dem Dreissigjährigen Krieg stammen dürfte:

Wes Brod ich ess, des Lied ich sing“.

Siehe zum Fall Deutschland auch nochmals den Artikel von Jörg Blech mit dem Titel “Seelsorge für die Industrie” vom 16.5.2011 in “Der Spiegel“.

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Die biologistische Psychiatrie: “Seelsorge” im Auftrag der Pharmaindustrie – 1

Eine Wissenschaft wie die biologistische Psychiatrie, die im wesentlichen am Tropf der Pharmaindustrie hängt, ist sicherlich in ihren Prämissen und Methoden zweifelhaft.

Seht hierzu zum Beispiel den Artikel von Jörg Blech mit dem Titel “Seelsorge für die Industrie” vom 16.5.2011 in “Der Spiegel“:

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem:

Zahlungen von Pharmafirmen an Ärzte gibt es in vielen Bereichen der Medizin. In nur wenigen sind sie derart selbstverständlich geworden wie in der Nervenheilkunde. Es sind die Psychiater, die einer Studie aus Minnesota zufolge die höchsten Zuwendungen aus der Industrie kassieren. Von 37 Leitern der Kliniken für Psychiatrie an deutschen Universitätskliniken haben nach SPIEGEL-Recherchen offenbar mindestens 35 auf ihrem Berufsweg finanzielle Zuwendungen von Pharmafirmen angenommen”.

In den USA sind die Top-Psychiater offensichtlich zugleich die Top-Empfänger von Zuwendungen aus der Pharmaindustrie innerhalb der US-Ärzteschaft. Das wird schließlich auch im obigen Spiegel-Artikel mit Verweis auf eine Studie aus Minnesota so gesagt.

Seht zu diesem Thema zum Beispiel den Artikel vom 14.3.2013 in “Medscape” mit dem Titel  “Psychiatrist Top List of Big Pharma Payments again“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem:

Once again, psychiatrists top the updated Dollars for Docs list of large payments from pharmaceutical companies to individual US clinicians.

On March 12, the investigative journalism group ProPublica released the names of the 22 physicians who, since 2009, received more than $500,000 from these companies in speaking and consulting fees. Mirroring the organization’s first report released in 2010, psychiatrists dominate the list.

This time, the top recipient was Jon Draud, MD, medical director of the psychiatric and addiction medicine program at Baptist Hospital in Nashville, Tennessee, and from the Middle Tennessee Medical Center in Murfreesboro.

According to the database, Dr. Draud has received a total of $1,009,213 from AstraZeneca, Cephalon, Eli Lilly, Forest, Merck, Novartis, and Pfizer — which is about $278,000 more than the amount received by the number 2 doctor. As noted by ProPublica, these figures do not include travel, meal, or research expenses.

The third and fourth spots are also psychiatrists, and in fact, 12 of the 22 are from this specialty”.

ProPublica ist ein 2007 in New York gegründeter, durch Stiftungen finanzierter US-amerikanischer Non-ProfitNewsdesk für investigativen Journalismus.

Erklärtes Ziel der Organisation ProPublica – der mit 32 festangestellten Journalisten und mehr als 2200 Freiwilligen größten derartigen Organisation in den USA – ist die Förderung des aus wirtschaftlichen Gründen vernachlässigten investigativen Journalismus.

Diese “Dollar for Docs“-Liste von ProPublica kann man im WWW einsehen.

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