OECD senkt die Wachstumprognosen für die Eurozone und Deutschland

Da die widersinnige Austeritätspolitik in den Krisenstaaten der Eurozone weiterhin durchgeknüppelt wird, geht es mit der Eurozone logischerweise wirtschaftlich weiter munter bergab.

Nicht nur die PIIGS-Staaten sind schon seit langem in der Rezession, sondern auch Frankreich, Deutschlands wichtigster Handelspartner, ist mittlerweile in die Rezession gerutscht.

Seht hierzu den Eintrag mit dem Titel “Rangfolge der wichtigsten Handelspartner Deutschlands nach Wert der Exporte im Jahr 2012 (in Milliarden Euro)” in “Statista“. Und seht hierzu auch meinen Blogartikel “Zur Kritik François Hollandes an der Austeritätspolitik in den Krisenstaaten der Eurozone“.

Die Wachstumsprognosen für die Eurozonen-Länder müssen also realistischerweise noch weiter gesenkt werden. Das hat die OECD vor drei Tagen getan.

Seht hierzu zum Beispiel den Artikel vom 29.5.2013 mit dem Titel “OECD cuts eurozone growth forecasts” in “BBC News“. Der Artikel ist klar genug, lest ihn in Ruhe durch.

Seht zu diesem Thema auch den Artikel vom 29.5.2013 mit dem Titel “OECD sieht 2013 stärkere Rezession in der Eurozone” im “Wall Street Journal“.

Seht hierzu auch den Artikel vom 29.5.2013 mit dem Titel “OECD cuts world economic forecast” in “Reuters“.

Seht hierzu auch den Artikel vom 29.5.2013 mit dem Titel “OECD cuts economic forecasts as eurozone drags on growth” in der “Financial Times“.

Da China zur Zeit auch klar erkennbar schwächelt, stehen unter den weltweit ökonomisch stärksten Ländern im Moment eigentlich nur die USA und neuerdings auch Japan (Abenomics) gut da. Seht hierzu den Wikipedia-Artikel “Liste der Länder nach Bruttoinlandsprodukt“. An der Spitze der Ländern in dieser Liste stehen natürlich die USA. China kommt an zweiter, Japan an dritter und Deutschland an vierter Stelle.

Die Wachstumsprognose der OECD für die USA liegt bei + 1,9% im Jahr 2013 und + 2,8 % im Jahr 2014. Und für Japan liegt die Wachstumsprognose der OECD bei + 1,6% im Jahre 2013 und + 1,4% im Jahr 2014.

Für Deutschland soll das Wachstum für das Jahr 2013 bei mageren + 0,4% liegen. Seht hierzu auch den Beitrag vom 29.5.2013 mit dem Titel “Vom Ende des Wachstums: OECD senkt Prognose für Deutschland” im “Deutschlandradio“.

Tja, vor allem auch die in der Eurozone wirtschaftlich und politisch dominierende deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Mitstreiter (Kabinett Merkel II) haben also ihre eigenen europäischen Handelspartner “heruntergespart” und in die Rezession getrieben. Das betrifft nicht zuletzt den wichtigsten deutschen Handelspartner Frankreich.

In diesem heruntergesparten und teilweise schlicht ruinierten europäischen Umfeld (das betrifft vor allem Griechenland, Portugal und Spanien) wird es auch für Deutschland so schnell kein Wachstum mehr geben. Das ist meine Prognose.

Die OECD selbst glaubt, dass es in Deutschland im Jahre 2014 wieder ein deutliches Wachstum geben wird. Wie das gehen soll, wenn ganz Südeuropa einschließlich Frankreich weiterhin immer tiefer in die Rezession rutscht, ist mir allerdings schleierhaft. 

Auch Österreich schafft in diesem Jahr wohl nur noch ein Wachstum von + 0,5%. Seht hierzu den Artikel vom 29.5.2013 mit dem Titel “Österreich droht starker Wachstumsabfall” in “Der Standard“.

Wer sich von euch für die Details dieses OECD-Berichtes interessiert, kann diesen 290 Seiten starken Bericht online lesen. Seht hierzu den Eintrag “OECD-Wirtschaftsausblick” in der deutschsprachigen Website der OECD.

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Zur Kritik François Hollandes an der Austeritätspolitik in den Krisenstaaten der Eurozone

Ich lese ja regelmäßig deutsche Presseprodukte (zur Zeit morgens immer die FAZ).

Nun, keinem meiner aufmerksameren und besser informierten Blogleser dürfte entfallen sein, dass der sozialistische französische Staatspräsident François Hollande im Gegensatz zu seinem gaullistischen und konservativen Vorgänger Nicolas Sarkozy in der deutschen, zum großen Teil neoliberal gleichgeschalteten Presse in der Regel denkbar schlecht weg kommt.

Nun, ich beobachte die französische Politik nicht sehr genau und ich bin auch kein großer Frankreichkenner. Mein Französisch ist auch im Vergleich zu meinem Englisch oder gar Spanisch eher schwach. Und ich habe bisher nie länger in Frankreich gelebt.

Nur eines ist mir klar: Wenn François Hollande vor allem auch die in den südeuropäischen PIIGS-Staaten durchgeführte Austeritätspolitik für die Rezession und Misere nicht nur in Südeuropa und sondern zunehmend auch in Frankreich selbst verantwortlich macht, trifft er den Nagel auf den Kopf.

Zum Thema der drohenden Rezession in Frankreich seht unter anderem den Artikel vom 15.5.2013 mit dem Titel “Maue Konjunkturdaten aus Frankreich: Französische Wirtschaft fällt in die Rezession” in “Focus“.

Auch ich bin der Meinung, dass der seit dem Beginn der Eurokrise (griechische Finanzkrise ab 2009) von der “Troika” (Europäische Kommission, Europäische Zentralbank sowie Internationalem Währungsfonds) und vor allem auch von der deutschen aktuellen schwarz-gelben Regierung (Kabinett Merkel II) eingeschlagene und ohne wenn und aber durchgeknüppelte Austeritätskurs in den PIIGS-Staaten die Krise in diesen Ländern und letztlich in der Eurozone allgemein massiv vertieft hat.

Ich bin übrigens nicht der einzige Deutsche, der das so sieht. Selbst ein gediegener deutscher “elder statesman” wie Joschka Fischer sieht das nicht viel anders. Seht hierzu zum Beispiel Joschka Fischers klaren und guten Artikel vom 25.5.2012 “Europa am Abgrund” in “Project Syndicate“.

Joschka Fischer stellt in diesem Artikel unter anderem fest: “Europa, angeführt von Deutschland,  löscht lieber weiter mit Kerosin statt mit Wasser und der Brand wird so mit der  von Merkel erzwungenen Austeritätspolitik beschleunigt.  Genau deshalb hat  sich die Finanzkrise in der Eurozone innerhalb von drei Jahren zu einer  wirklichen Existenzkrise ausgewachsen. 

Und man mache sich keine Illusionen.  Europa steht heute am Abgrund und wird in eben diesen in den kommenden Monaten  hineinfallen, wenn jetzt nicht Deutschland und Frankreich gemeinsam das Steuer  herum reißen und den Mut zu einer Fiskalunion und politischen Union der  Eurogruppe aufbringen. Denn wenn der Euro zerfällt, wird auch die EU mit ihrem  gemeinsamen Markt zerfallen – global der zweitgrößte Wirtschaftsraum – und eine  Weltwirtschaftskrise auslösen, wie sie die heute lebenden Generationen noch  nicht erlebt haben.

Die jüngsten Wahlen in Frankreich und Griechenland, aber auch die Kommunalwahl in Italien und die anhaltende Unruhe in Spanien und Irland haben gezeigt, dass die Bevölkerungen den Glauben an die von Deutschland erzwungene Sparpolitik ohne Wachstum längst verloren haben. Angela Merkels Therapie a la Doktor Eisenbart ist an der Realität und an der Demokratie gescheitert. 

Wir lernen jetzt erneut auf die harte Tour, dass eine solche Sparpolitik in einer großen Finanzkrise diese nur zur  Depression verschärft. Eigentlich sollte diese Erkenntnis schon seit der  Weltwirtschaftskrise von 1929 und der damaligen Sparpolitik von Hoover in den  USA und Brüning in Deutschland Allgemeingut sein. Leider ist dem nicht so,  zumindest in Deutschland nicht“.

Tja, so ist es wohl. Und ich habe das in meinen Blogartikeln zur Eurokrise oft genug auch so dargelegt. Seht hierzu zum Beispiel meinen Blogartikel “Angela Merkels Irrglaube an die Wirksamkeit ihrer kruden Sparrezepte in Südeuropa“. Ebenso meinen Blogartikel “Der deutsche `Sparwahn´: Dumm und verlogen“. Und nicht zuletzt auch meinen durchlaufenden Blogartikel “Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt“.

Mittlerweile hat sich die Eurokrise von der Peripherie der südeuropäischen PIIGS-Staaten bis in das europäische Kernland Frankreich und sogar bis nach Deutschland (dem wirtschaftlich stärksten Land der Eurozone) durchgefressen.

Seht hierzu zum Beispiel den Artikel vom 15.5.2013 mit dem Titel “Germany’s meager first-quarter growth disappoints” in der englischen Ausgabe der “Deutschen Welle“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “In the first quarter of this year, the German economy grew by 0.1 percent as the recovery was only slowly picking up steam, the country’s Federal Statistics Office, Destatis, announced Wednesday.

The slight expansion followed a contraction in economic output in the final quarter of 2012, which was further revised downward by Destatis from 0.6 percent to 0.7 percent. (…). The German economy, which is Europe’s largest, is still faring better than that of France. Between January and March, French economic output dropped 0.2 percent, the country’s Statistics office, Insee, said Wednesday. Following shrinking output in the final quarter of 2012, this means France has slipped back into its second recession within four years”.

Vor allem die europäische Automobilindustrie und die europäischen Automobilzulieferer hat es mittlerweile kräftig erwischt.

In Frankreich sieht es vor allem beim PSA-Konzern böse aus. Und selbst die traditionell erfolgsverwöhnten deutschen Automobilhersteller und Automobilzulieferer können sich dem Abwärtstrend mittlerweile nicht mehr entziehen. Seht hierzu auch meinen Artikel “Zum geplanten Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA“.

Dass dies so kommen würde, war zu erwarten. Der “Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung” hatte schon im März 2013 die Konjunkturprognose für Deutschland deutlich abgesenkt.

Seht hierzu unter anderem den Artikel von Wolfgang Lieb vom 28.3.2013 “Sachverständigenrat senkt Konjunkturprognose – Mieses Wachstum, doch die Politik tönt: `Deutschland geht es gut´” in den “Nachdenkseiten“.

Seht hierzu auch den Rundfunkbeitrag “Wirtschaftsweise senken Konjunkturprognose” vom 25.3.2013 des “Deutschlandfunks” in der Website des “Deutschlandradios“.

Das heißt also im Klartext: Mehr noch als Deutschland wird vor allem mittlerweile Frankreich (und damit natürlich auch der aktuelle französische Staatspräsident François Hollande) von dieser absurden Austeritätspolitik in den südeuropäischen PIIGS-Staaten beschädigt. Tatsächlich nimmt ja Frankreich schon rein geographisch eine Mittelstellung zwischen Südeuropa und Mitteleuropa ein.

Während Deutschland im letzten Quartal immerhin noch ein “Mini-Wachstum” hinbekommen hat (+ 0,1), ist Frankreich im letzten Quartal in die Rezession gerutscht (– 0,2). Die Eurozone allgemein befindet sich mittlerweile schon seit sechs Quartalen in der Rezession. Seht hierzu zum Beispiel den Artikel vom 15.5.2013 mit dem Titel “Eurozone recession continues into sixth quarter” in “BBC News“.

Die südeuropäischen PIIGS-Staaten selbst sind schon seit längerer Zeit in einer üblen Abwärtsspirale. Ausgehend von Griechenland hat es Portugal, Spanien und zuletzt auch Italien schwer erwischt.

Irland schlägt sich besser, weil dieses Land seit Mitte der neunziger Jahre ein massives Steuerdumping betreibt (12,5% Unternehmenssteuersatz. Seht hierzu auch den Wikipedia-Artikel “Unternehmensbesteuerung“. Und seht auch den Artikel vom 22.11.2010 mit dem Titel “Fakten zur irischen Unternehmenssteuer” in “Der Standard“).

Deshalb hat Irland in dieser Krise zumindest einen ganz klaren Standortvorteil und dieses Land bleibt für ausländische Unternehmen trotz der Krise attraktiv.

Aus den südeuropäischen PIIGS-Staaten hingegen ziehen sich die internationalen Unternehmen angesichts der desaströsen und perspektivlosen Lage zunehmend zurück. Seht hierzu  zum Beispiel den Artikel vom 5.12.2012 “Euro-Krise: Amerikanische Großkonzerne fliehen aus Südeuropa” in “Spiegel Online“.

Zurück nun zu François Hollande und Frankreich: Einen guten Rundfunkbeitrag mit dem Titel “Hollande in Not” hat Rainer Burchardt am 9.5.2013 für NDR Info verfasst. Ihr könnt diesen Beitrag in der Website des NDR auffinden.

Zutreffend und analytisch intelligent stellt Rainer Burchardt in diesem Rundfunkbeitrag mit dem Titel “Hollande in Not” unter anderem fest: “Hollande ist wirklich in Not geraten – ein Ausweg vorerst nicht in Sicht. Geschwächt haben ihn trotz der gelungenen Mali-Krisenpolitik die gescheiterte 75-Prozent-Reichenbesteuerung, Korruptionsskandale im Kabinett und die höchste Arbeitslosigkeit. Und das Schlimmste: Selbst das Nachkriegswunder Nummer eins, die deutsch-französische Versöhnung und gewachsene Freundschaft zwischen beiden Völkern, gerät in Gefahr.

Doch genau hier liefert die Analyse eine Fülle an Indizien für eine Entwicklung, für die Hollande genauso wenig in die Verantwortung gezogen werden kann, wie andere, aufgrund der Euro-Krise inzwischen in wirtschaftliche und soziale Not geratene Staaten, vor allem im Mittelmeerraum. Das dazugehörige Stichwort lautet Austeritätspolitik zur Rettung des Euro-Raumes mit äußerst strikten Spardiktaten, die vor allem zu Lasten der ärmeren Bevölkerungsschichten in diesen Ländern durchgezogen wird. Austeritätspolitik, das Unwort des Jahrzehnts. Der Kontinent droht totgespart zu werden, der solcherart misshandelte Euro spaltet, ja gefährdet womöglich die gesamte Europäische Union.

Um es zuzuspitzen: Europa existiert längst nach dem Modus verschiedener Geschwindigkeiten; das Stichwort Solidarität macht an der Grenzen von Reich zu Arm halt; die Europäische Union ist zu einer Region des politischen Sozialdarwinismus verkommen. Es gilt das Recht des Stärkeren. Und diese Rolle hat nolens volens Deutschland übernommen.

Unsere Stärkere wächst aus der Schwäche und, ja auch gezielten Schwächung der Anderen. Angela Merkel hat sich unbeirrbar an die Spitze dieser fatalen Bewegung gesetzt. Ja, die Bundesregierung wird nicht müde, ihren Stolz über die Rolle des Exportweltmeisters zu betonen. Doch unsere Überschüsse in der Handelsbilanz sind die Unterschüsse der anderen. Und zu alledem sind wir nicht nur Weltmeister, sondern auch die Geldmeister der alten Welt. Mit einem Wort: Deutschland ist der größte Absahner der Eurokrise, sozusagen der Krisengewinnler und die Wirkung wird vor allem in Südeuropa, oder eben jetzt auch in Frankreich deutlich.

Die in der alten DDR politisch sozialisierte Angela Merkel dementiert Tag für Tag die versöhnende Formel Willy Brandts, wonach wir ein Volk guter Nachbarn sein wollen. Genau das verspielt Berlin in diesen Tagen des politischen Wettbewerbs. Ein besonders empfindlicher Seismograph ist gerade hier das deutsch-französische Verhältnis. Angela Merkel hatte in einer äußerst fragwürdigen Manier im französischen Wahlkampf eindeutig Partei für ihren politischen Pudel Sarkozy ergriffen, jetzt schädigt sie dessen Bezwinger, der mit der von ihr maßgeblich konzipierten Austeritätspolitik seinen Landsleuten Entlassungen, Sozialeinschnitte, geringes Wachstum und hohe Arbeitslosigkeit plausibel machen muss. Im DDR-Sozialismus wurde den Menschen noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach einer langen Dürreperiode vorgegaukelt; in der Demokratie entpuppt sich derartige Volksverdummung schnell als Täuschung – Hollande versucht das auch gar nicht erst, sondern bemüht sich mit seiner nun tatsächlich windelweichen Anpassungspolitik an die Vorgaben aus Brüssel und Berlin, ein gehorsamer Mustereuropäer zu sein.

Doch gerade damit gerät er unter Beschuss vor allem aus den eigenen Reihen. Nicht nur die äußerste Linke fordert ihn unverhohlen auf, sich endlich gegen die Politik Berlins und damit gegen die Bundeskanzlerin zu stellen. Doch der “Zauderer von Paris” traut sich nicht, er weiß den Wert der deutsch-französischen Freundschaft offenbar mehr zu schätzen als eine listreiche Kanzlerin, die mit ihrer undurchschaubaren Euro-Politik Fakten schafft, die ihrem Ruf als knallharte Madame Europa gerecht werden. Ein gefährliches Spiel, das viele Verlierer und nur eine Gewinnerin haben wird“.

Tja, Rainer Burchardt ist offensichtlich ein gewitzter und intelligenter Journalist, der die Strategien der Altkommunistin Angela Merkel genauso durchschaut wie die aktuellen deutschen neoliberalen Propagandaformeln und Durchhalteparolen zur Rechtfertigung der Durch- und Weiterführung der Austeritätspolitik in den Krisenstaaten der Eurozone.

Diese deutschen neoliberalen Propagandaformeln und Durchhalteparolen in der aktuellen Eurokrise weisen tatsächlich eine verdächtige Ähnlichkeit mit den kommunistischen Propagandaformeln und Durchhalteparolen in der ehemaligen DDR auf.

Tatsächlich ist ja der Neoliberalismus in gewisser Weise einfach nur die Kehrseite des Kommunismus: Propagiert der Kommunismus die totale staatliche Kontrolle unter anderem auch aller wirtschaftlichen Tätigkeiten in einem Land, propagiert der Neoliberalismus den totalen Markt (= Marktfundamentalismus und Marktideologie).

Und der Neoliberalismus ist in vieler Hinsicht einfach nur eine Neuauflage des klassischen Manchesterliberalismus. Im Hintergrund steht in beiden Fällen der Glaube an eine vermeintlich vorhandene, den Markt regulierende “unsichtbare Hand” (Adam Smith). Und das Theoriegebäude von Karl Marx war letztlich Kritik und zugleich der Gegenentwurf zu diesem klassischen Manchesterliberalismus.

Auch in der ehemaligen kommunistischen DDR wurde das kommende Ende der wirtschaftlichen Dürreperiode als zwangsläufig irgendwann einmal zu erfolgender wirtschaftlicher “Endsieg” des Kommunismus über den Kapitalismus verkauft. Nun, im Falle der DDR kam dieser wirtschaftliche “Endsiegnie. Tatsächlich ging die DDR sang- und klanglos unter. Der Hauptgrund hierfür war das völlige Versagen der kommunistischen Zentralverwaltungswirtschaft.

Und ich kann auch im Fall der aktuellen Eurokrise keine vernünftigen Gründe erkennen, warum der neoliberale “Austeritäts-Endsieg” in den südeuropäischen PIIGS-Staaten und der Eurozone allgemein jemals erfolgen sollte. In allen südeuropäischen PIIGS-Staaten ist bisher weit und breit kein Ende der Rezession in Sicht.

Insofern: Wenn François Hollande vor allem auch die in den südeuropäischen PIIGS-Staaten durchgeführte Austeritätspolitik für die Rezession und Misere nicht nur in Südeuropa und sondern zunehmend auch in Frankreich selbst verantwortlich macht,  muss ich ihm völlig recht geben.

Und auch in Deutschland selbst schlägt diese Austeritätspolitik in den südeuropäischen PIIGS-Staaten zunehmend negativ auf die deutsche Wirtschaft und vor allem auf die deutsche Automobilindustrie und Automobilzulieferer (die wichtigste Säule der deutschen Wirtschaft und vor allem des deutschen Exports) durch. Und mit dem Wachstum allgemein sieht es mittlerweile sogar auch in Deutschland – wie in diesem Artikel schon ausgeführt – zunehmend mau aus.

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Frédéric Beigbeders “99 francs” (2000) revisited

Ein Buch, das ich in letzter Zeit ebenfalls wiedergelesen habe, ist Frédéric Beigebeders grober Hammer “99 francs” aus dem Jahre 2000, in der deutschen Übersetzung “Neununddreißigneunzig” (im Jahre 2001 in Deutschland erschienen).

Ich habe seinerzeit auch die Verfilmung des Romans mit dem Titel “39,90” von Jan Kounen im Jahre 2007 angeschaut, die übrigens tatsächlich gelungen ist.

Frédéric Beigbeder wurde 1965 als Sohn eines Personalberaters und einer Übersetzerin, Nachfahrin des Adelshauses de Chasteigner, im Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine geboren. Durch die frühe Scheidung seiner Eltern entwickelte er eine starke Bindung zu seinem Bruder, Charles Beigbeder, einem französischen Unternehmer der Energiewirtschaft und Ritter der Ehrenlegion.

Beigbeder studierte an der Sciences Po Paris Politikwissenschaft und wurde nach der Veröffentlichung seines ersten Romans “Memoiren eines Sohnes aus schlechtem Hause” von der international tätigen Werbeagentur Young & Rubicam engagiert. Dort arbeitete er zehn Jahre als Texter und Conceptioner, als hochbezahlte sogenannte “Kreativkraft“.

Mit der Veröffentlichung seines Romans Neununddreißigneunzig (99 francs) wurde er über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt und zugleich zu einem der Stichwortgeber für die Kritik an einem auch durch die Werbeindustrie zunehmend totalitär werdenden Kapitalismus. Weitere Romane folgten. 1994 rief er den Prix de Flore für junge Autoren (benannt nach dem berühmten Café Flore in St.-Germain-des-Prés) ins Leben, zu dessen Preisträgern Michel Houellebecq und Virginie Despentes zählen, beide übrigens wir er auch Skandalautoren, für die der Tabubruch Teil einer Marketingstrategie ist. 2009 erhielt Beigbeder für sein Werk “Un roman français” den Prix Renaudot.

Worum geht es in “Neuundreißigneunzig“? Nun, wie der Roman “Ausweitung der Kampfzone” von Michel Houellebecq trägt auch dieser Roman stark autobiographische Züge (siehe hierzu meinen vorhergehenden Blogeintrag: “Michel Houellebecqs `Ausweitung der Kampfzone´ revisited”).

Tatsächlich war es auch sein Freund Michel Houellebecq der Frédéric Beigbeder aufforderte, als dieser bei der Werbeagentur Young & Rubicam angestellt war, einen Roman über das zu schreiben, was hinter den Kulissen der Werbeindustrie vor sich geht.

Beigbeder schrieb diesen Roman also mit geballtem Insiderwissen und übrigens in der festen Absicht, gekündigt zu werden. Das gelang ihm auch. Sofort nach Erscheinen des Romans wurde Beigbeder gefeuert.

Der Titel 39,90 steht für den Verkaufspreis von DM 39,90 für die deutsche Erstausgabe (in Frankreich wurde der Roman erst für 99 francs verkauft, daher der Originaltitel: 99 francs)

Der Roman erzählt die Geschichte Octave Parangos, der in der Werbebranche als sogenannter Kreativer – er selbst nennt sich “Weltverschmutzer” – tätig ist. Octave schildert die durch seine Tätigkeit völlig ungut gewordenen Gefühle gegenüber der Konsumwelt und der Verantwortungslosigkeit der Werbeindustrie.

Octave geht immer wieder auf seinen vermeintlichen Traumjob ein, den er nur durch den exzessiven Kokainkonsum, käufliche Liebe und viel destruktiven Zynismus ertragen kann. Seine schwangere Frau Sophie vernachlässigt er, bis sie ihn verlässt.

Letztlich schafft es Octave trotz seiner Provokationen nicht, gekündigt zu werden. Im Gegenteil, nach dem Tod seines Vorgesetzten Marc Marronnier wird er sogar befördert. Mit einem Werbespot gewinnt er außerdem den Goldenen Löwen in Cannes. Beim Dreh des Spots in Florida tingelt Octave mit seinen Kollegen durch das Nachtleben von Miami. Aus Langeweile oder Überdruss dringen sie schließlich in die Villa einer Rentnerin ein, foltern und töten sie. Der Mord wird von Überwachungskameras gefilmt, die Täter werden identifiziert und schließlich bei der Preisverleihung in Cannes verhaftet. Octaves Erzählung endet im Gefängnis.

Im letzten Kapitel erfährt der Leser, dass Octaves ehemaliger Vorgesetzter Marc Marronnier nicht tot ist, sondern sich nur in die Karibik abgesetzt hat. Er lebt dort zusammen mit der ehemaligen Freundin Octaves Sophie und ihrer Tochter auf einer Insel von Aussteigern.

In sechs Kapiteln durchleuchtet der Ich-Erzähler die Werbebranche und prangert die einhergehende Dekadenz des Geschäfts an. Die Handlungs des Buches steht im Hintergrund, franst gegen Ende des Romans auch zunehmend aus. Der Erzähler versucht deutlich zu machen, dass die heutige Werbeindustrie nach den Mechanismen der Propaganda totalitärer Staaten funktioniere.

Das erste Motto, das Beigbeder seinem Buch voranstellt, ist zugleich das Programm des Buches: “Es gibt natürlich keinen Grund, warum der neue Totalitarismus dem alten gleichen sollte. Ein Regieren mittels Knüppeln und Exekutionskommandos, mittels künstlicher Hungersnöte, Massenverhaftungen und Massendeportationen ist nicht nur unmenschlich (darum schert sich heutzutage niemand viel); es ist nachweisbar leistungsunfähig – und in einem Zeitalter fortgeschrittener Technik ist Leistungsunfähigkeit die Sünde wider den Heiligen Geist. Ein wirklich leistungsfähiger totalitärer Staat wäre ein Staat, in dem die allmächtige Exekutive politischer Machthaber und ihre Armee von Managern eine Bevölkerung von Zwangsarbeitern beherrscht, die zu gar nichts gezwungen zu werden brauchen, weil sie ihre Sklaverei lieben. Ihnen die Liebe zu ihr beizubringen ist in heutigen totalitären Staaten die den Propagandaministerien, den Zeitungsredakteuren und Schullehrern zugewiesene Aufgabe” (Aldous Huxley, Schöne neue Welt, neues Vorwort 1946).

Um diese These zu belegen, greift der Erzähler Auswirkungen von realen Werbekampagnen auf und vergleicht sie mit der Propaganda zum Beispiel des Nationalsozialismus, und zitiert Goebbels, dessen Strategien der Massenbeeinflussung auch in der heutigen Werbung Verwendung fänden.

Die Sprache des Romans ist direkt, reißerisch und plakativ, wie die Werbung selbst: Die ideale Konsumentin einer fiktiven Joghurt-Marke des Romans wird als „Mongoloide unter 50“ bezeichnet. Der Protagonist Octave, der als ehemaliger Idealist zu einem frustrierten Beobachter der Werbeindustrie geworden ist, gerät im Verlauf des Romans in den Hintergrund und man erlebt ihn nur mehr als Teil der Werbemaschinerie.

Natürlich landet auch Octave irgendwann mal in der Psychiatrie. Dort lernt er Insassen mit abenteuerlichen (natürlich fiktiven und sarkastisch ausgestalteten) psychischen Krankheiten kennen: “So erzählt ihm sein Flurnachbar, es sei aidophil (eine neuartige sexuelle Perversion). `Ich hab Weiber aufgenommen, die sich von einem positiven Kumpel ohne Gummi haben poppen lassen. Die wussten natürlich von nichts. Dann hab ich sie aus einem Versteck heraus dabei gefilmt, wie sie ihre Testergebnisse abgeholt haben. Mein Höhepunkt war der Moment, wo sie begriffen haben, dass sie positiv sind. Wenn sie den Umschlag aufgerissen haben, hab ich abgespritzt. Die Aidophilie ist meine Erfindung. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie geil das war, wenn sie mit ihrem Wisch mit dem “HIV+” drauf aus dem Labor gekommen sind und losgeheult haben. Aber als die Bullen meine Kassetten konfisziert haben, war Schluss mit lustig. Sie haben mich in den Knast gesteckt und dann hier rein. Ich sterbe sowieso bald. Aber hier gehts mir gut (…)´.

Breiten Raum nehmen in diesem Roman auch die ironisch ausgestalteten fiktiven Werbespots ein, die von den “Kreativkräften” auf den Meetings präsentiert werden: “Gut, ja, also: Wir befinden uns am Strand von Malibu, Kalifornien. Herrliches Wetter. Zwei hinreißende Blondinen im roten Badeanzug laufen über den Strand. Sagt die eine: `Die onomastische Exegese sieht sich dem Widerruf durch die Hermeneutik ausgesetzt´. Antwortet die andere: `Man sollte sich jedoch hüten, in ontologische Paronomasie zu verfallen´. Auf dem Ozean brüllen sich währenddessen zwei braun gebrannte Surfer an: `Weißt du, dass Nietzsche in `Ecce Homo´ eine total hedonistische Eloge auf das Schwimmen verfasst hat?´ Der andere, ziemlich wütend: `Überhaupt nicht, er vertritt nur das Konzept der `Großen Gesundheit´ als allegorischen Solipsismus!´ Zurück zum Strand, wo die beiden Mädchen jetzt mathematische Gleichungen in den Sand malen. Dialog: `Wenn man als Hypothese annimmt, dass die Kubikwurzel aus x in Funktion des Unendlichen variiert….´. `Ja´, sagt die andere, `dann musst du das Ganze, das zur Asymptote strebt, nur noch gliedern´. Die Aufnahme eines Maigrelette-Bechers (Maigrelette ist der fiktive Joghurt einer grossangelegten Joghurt-Kampagne in diesem Roman) beendet den Film. Super: `Maigrelette. Schlank macht schlau´”.

Und so geht es in diesem Roman munter weiter. Das Ganze ist in seiner hammerartigen Brutalität und Derbheit eigentlich mehr am amerikanischen Skandalautor Bret Easton Ellis, vor allem seinem “American Psycho” und den Protagonisten seines Romans aus der Modewelt “Glamorama” dran (tatsächlich ist der “Werbepsycho” Octave Parango dem Protagonisten von “American Psycho” Patrick Bateman ein Stück weit ähnlich) als an Michel Houellebecq, dessen Stil und Beschreibungen ein Stück weit sensibler und wehmütiger sind.

Natürlich handelt es sich hier um kein grosses, klassisches Romanwerk, sondern um marketingstrategisch durchdachten Edeltrash und eine Brutalparodie auf die Werbeindustrie und den fortgeschrittenen Kapitalismus (mit dem Titel “99 francs” nimmt Beigbeder auch seine eigene Marketingstrategie kräftig auf die Schippe).

So aberwitzig dieser Roman auch ist, Fritz Göttler traf in einer Rezension in der “Süddeutschen” im Jahr 2001 den Nagel auf den Kopf: Göttler fand eigentlich, dass das Buch als “Satire zu verspielt” und als philosophisches “Pamphlet zu banal” ist. Und dennoch bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass der Roman “funktioniert”, was nach seiner Ansicht an dem munteren Mischen verschiedener Genres liegt. Um so faszinierender scheint er es zu finden, dass das Schreiben Beigbeders “moralisch affiziert” ist, und keineswegs nur “Ikonoklasmus” von überkommenen Werten darstellt, wie er betont.

So sehr also auch Beigbeder eine Marketingsstrategie vefolgt, hat er mit diesem Roman, wie Göttler zurecht bemerkt, doch auch massiv ein moralisches Anliegen.

Am Anfang von Kapitel 4 seines Roman legt er dieses Anliegen offen dar: “Eine kleine Klarstellung: Ich werde hier keine Selbstkritik üben und keine öffentliche Psychoanalyse betreiben. Ich schreibe eine Beichte, abgelegt von einem Kind dieses Jahrtausends. Und wenn ich den Begriff `Beichte´ verwende, dann im katholischen Sinne des Wortes. Bevor ich mich aus dem Staub mache, will ich meine Seele retten. Denn es wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen (Lukas 14.15). Der Einzige, mit dem ich noch einen unbefristeten Vertrag abschließe, ist Gott.”

Tatsächlich verweist also der Romantitel “99 francs” genau auf diese Bibelstelle. In der Einheitsübersetzung (Lukas 15,7): “Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, umzukehren“.

Dieser Roman ist kein Geniestreich wie Houellebeqs “Ausweitung der Kampfzone“, aber eine zornige und engagierte Abrechnung mit der Werbeindustrie, in der Beigbeder jahrelang als hochbezahlter Kreativer seine Arbeit verrichtete, bis er von diesem miesen “Business” genug hatte. Die Wiederbegegnung mit diesem Roman hat sich für mich mehr als nur gelohnt.

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Michel Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone” (1994) revisited

In den letzten Tagen habe ich nach längerer Zeit (ich las seinerzeit den Roman kurz nachdem er in deutscher Übersetzung herauskam) nochmals Michel HouellebecqsAusweitung der Kampfzone” von 1994 (deutsche Übersetzung 1999) durchgelesen.

Der 1956 als Michel Thomas auf der Insel Réunion geborene Franzose Michel Houellebecq lebt heute in Irland und auf Lanzarote. Houellebecq lehrt an der European Graduate School in Saas-Fee.

Sein Vater, ein Hochgebirgsführer, und seine Mutter, eine Anästhesistin, beschlossen früh, Michel zu den Großeltern mütterlicherseits im seinerzeit noch französischen Algerien zu geben. Die Eltern befanden sich in einer Beziehungskrise und ließen sich scheiden, als seine Mutter von einem anderen Mann schwanger wurde. Mit sechs Jahren kam Michel zu seiner Großmutter väterlicherseits, einer Kommunistin, deren Geburtsnamen er später als Künstlernamen wählte. Der Umzug ins Pariser Umland bedeutete für ihn den Wechsel auf ein Internat in Meaux.

Nach dem baccalauréat besuchte er am Pariser Lycée Chaptal die Vorbereitungsklassen für technische Hochschulen (Grandes Écoles).

1975 wurde er zum Studium am Institut national agronomique Paris-Grignon (INA P-G) zugelassen. Hier gründete er nebenher die kurzlebige Literaturzeitschrift Karamazov, für die er einige Gedichte schrieb, und versuchte sich im Drehen eines Films, Cristal de souffrance (Leidenskristall).

1978 beendete er das Studium als diplomierter Landwirtschaftsingenieur. Statt jedoch berufstätig zu werden, bewarb er sich mit Erfolg um einen Studienplatz in der Sektion Film (Cinématographie) der École nationale supérieure Louis Lumière, die er 1981 aber vor dem Abschluss verließ.

1980 heiratete er die Cousine seines besten Freundes, ein Jahr später wurde sein Sohn Étienne geboren. Dieses Ereignis konnte Houellebecq nicht verkraften: Er war stellungslos, hatte Eheprobleme und litt an Depressionen. Er trennte sich von seiner Frau und begab sich in psychiatrische Behandlung.

1983 bekam er eine Stelle als Informatiker in einer Firma und wechselte später ins Landwirtschaftsministerium. Diese Zeit von rund drei Jahren verarbeitete er später in seinem Romanerstling “Ausweitung der Kampfzone”, der allerdings nicht rein autobiographisch ist, sondern seine persönlichen Erfahrungen zugleich frei und künstlerisch ambitioniert verarbeitet.

Neben der Berufstätigkeit schrieb er Gedichte, Kritiken und Rezensionen. Er kam mit verschiedenen Leuten im Pariser Literaturbetrieb in Kontakt und widmete sich schließlich ganz der Schriftstellerei. 1991 erschienen sein Essay H.P. Lovecraft und sein Gedichtband Rester vivant, dem 1992 der Band La Poursuite du bonheur folgte. Im selben Jahr lernte er seine heutige Ehefrau Marie-Pierre Gauthier kennen.

Vor allem aufgrund der Anfeindungen der französischen Kritik nach seinem zweiten Roman, Elementarteilchen von 1998, zog sich Houellebecq mit seiner Frau nach Irland zurück. Seit 2003 haben sie ein Haus in Südspanien, in der Nähe von Almería.

In seinem frühen Essay H. P. Lovecraft, contre le monde, contre la vie, 1991 (Gegen die Welt, gegen das Leben, 2002), setzte er sich mit Leben und Werk des amerikanischen Kultautors der phantastischen Literatur H.P. Lovecraft auseinander.

Aber erst mit seinen Romanen Extension du domaine de la lutte 1994 (Ausweitung der Kampfzone, 1999) und vor allem Les Particules élémentaires, 1998 (Elementarteilchen, 2001), die beide verfilmt wurden, erreichte er nationale und internationale Bekanntheit. Der dritte Roman, Plateforme, 2001 (Plattform) und der vierte, La Possibilité d’une île, 2005 (Die Möglichkeit einer Insel) waren gleich bei ihrem Erscheinen Erfolge.

Sie wurden mit den Literaturpreisen Prix Novembre bzw. Prix interallié ausgezeichnet und noch im Erscheinungsjahr in mehrere Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt.

In seinen meist in der Ich-Form erzählten Romanen zeichnet Houellebecq, ähnlich wie sein Freund Frédéric Beigbeder, das Bild einer sinnentleerten, narzisstischen westlichen Konsumgesellschaft. Seine Protagonisten leiden unter ihrer Egozentrik, ihrem Unerfülltsein und ihren Schwierigkeiten, in einer kontakt- und gefühlsgehemmten Gesellschaft menschliche Nähe und gegenseitige Hingabe zu erleben. Insbesondere die sexuelle Frustration erscheint als ein Leitmotiv. Eine von Houellebecqs Spezialitäten, die besonders in Plateforme zum Tragen kommt, besteht darin, regelmäßig halb- bis anderthalbseitige Sexszenen in die Handlung einzufügen. Hierbei werden die Vorgänge teils sachlich, teils einfühlsam dargestellt.

Ein anderes Merkmal sind die ebenfalls oft eingefügten essayistischen, zeitkritischen oder populärwissenschaftlichen Betrachtungen. Insgesamt ist Houellebecqs Sprache schnörkellos und präzise; sein Erzählstil wirkt nüchtern und beiläufig.

Houellebecqs drei Lyrikbände sind im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt geblieben, ebenso seine Essays (einige 2001 wiederveröffentlicht in Die Welt als Supermarkt), die in der internationalen Presse (u. a. Die Zeit) und in namhaften Literaturzeitschriften (u. a. L’Atelier du roman, Paris) erschienen sind.

Houellebecqs Romane werden häufig kritisiert wegen bestimmter Passagen, die den Autor als Rassisten, Frauenhasser, Reaktionär oder Religions- (meist Islam-) Feind erscheinen lassen. Auch hat der als „nouveau réactionnaire“ diffamierte Houellebecq selbst wenig getan, um negative Vorstellungen über sich zu relativieren, vielmehr hat er diesen Provokationen in seinen Interviews oft noch ostentativ eins draufgesetzt.

Aber wie für seinen französischen literarischen Weggefährten Frédéric Beigbeder und sein amerikanisches Pendant Bret Easton Ellis ist für ihn der Skandal zunächst Teil einer Strategie, sich auf dem literarischen Markt zu behaupten. Indem er jedoch die Befindlichkeit innerhalb einer vom globalisierten Kapitalismus regierten Lebenswirklichkeit zugespitzt artikuliert, gelangt er in die Position eines Mahners, der auf die tieferen Ursache für das weitverbreitete Gefühl der Ohnmacht in unserer Gesellschaft verweist.

Über die Qualität der Romane von Houellebecq lässt sich streiten. Seinen neuesten Roman “Karte und Gebiet” habe ich noch nicht gelesen, alle anderen aber schon. “Plattform” ist relativ schwach (von der Provokation des vom Protagonisten ostentativ ausgelebten Sextourismus´ mal abgesehen), “Die Möglichkeit einer Insel”, dessen Thematik an die Spinnereien der Rael-Bewegung angelehnt ist, ist meiner Meinung sogar sehr schwach.

Diese Romane hätten meiner Meinung nach keine Preise verdient.

Elementarteilchen“, der sich um das Leben der fiktiven Brüder Bruno und Michel dreht, ist ein gutgeschriebener und interessanter Roman, den ich gerne gelesen habe.

Das eigentliche Meisterwerk von Houellebecq aber, durch den der Autor auf einen Schlag berühmt wurde, ist “Ausweitung der Kampfzone“. Insgesamt wurde das Buch in über 20 Sprachen übersetzt und mit dem Grand Prix national des lettres sowie dem Prix Flore für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet.

Der Roman erzählt das Leben eines 30-jährigen Ich-Erzählers (ein “alter ego” Houellebecqs), der als gut bezahlter Informatiker in einem Pariser Software-Unternehmen arbeitet. Seine spärlichen und beschränkten sozialen Kontakte ergeben sich nur aus seinem Beruf, die Wochenenden verbringt er in der Regel völlig allein. Seine letzte intime Beziehung zu einer Frau liegt mehr als zwei Jahre zurück.

Er wird von seiner Firma abkommandiert, die Einführungen in eine neue Software für das Landwirtschaftsministerium zu übernehmen. Zusammen mit seinem Kollegen Tisserand muss er dazu drei Reisen in die Provinz unternehmen.

Tisserand brüstet sich unentwegt mit Frauengeschichten, die er gar nicht erlebt hat, weil er unattraktiv ist und alle Frauen die Flucht ergreifen, sobald er in ihre Nähe kommt. Obwohl er sich nach eigenen Angaben mit seinem Gehalt jede Woche eine Prostituierte leisten könnte, hat er noch keinerlei sexuelle Erfahrungen.

In La Roche-sur-Yon, der dritten Station des Teams, dreht der frustrierte Tisserand langsam durch. Der Erzähler bietet ihm an, mit ihm zusammen den Weihnachtsabend in einer Diskothek in Les Sables-d’Olonne zu verbringen; Tisserand willigt ein. Der Erzähler sieht sich eine Weile das aussichtslose Werben Tisserands um ein Mädchen an, das aussieht wie die Exfreundin des Erzählers. Doch Tisserand wird ziemlich bald von einem jungen Schwarzen ausgestochen, mit dem das Mädchen wenig später die Disco verlässt.

Der Erzähler überzeugt Tisserand davon, dass dieser niemals das Herz und den Körper einer Frau besitzen wird, aber durch einen Mord immerhin ihr Leben und ihre Seele besitzen kann. Sie fahren dem Pärchen nach, das sich zum Sex an den Strand zurückzieht. Tisserand verfolgt sie mit einem Messer, bringt den Mord dann aber doch nicht über sich. In der selben Nacht fährt er zurück nach Paris und stirbt bei einem Verkehrsunfall.

Mit dem Erzähler geht es daraufhin auch bergab, er sitzt tagelang nur noch in seiner Wohnung. Nachts hat er Alpträume. Silvester will er im Heimatdorf seiner Eltern in Südfrankreich verbringen. Er kommt bis Lyon, wo er die Nacht im Bahnhof zwischen Junkies und Obdachlosen verbringt. Am nächsten Morgen fährt er zurück nach Paris. Schließlich begibt er sich in psychiatrische Behandlung, wo bei ihm eine Depression diagnostiziert wird. In der letzten Szene des Romans fährt er unter Aufbietung all seiner Kräfte mit dem Fahrrad in den Forst von Mazas, der im Gebirge liegt: “Ich fahre noch etwas tiefer in den Wald hinein. Auf der anderen Seite dieses Hügels, sagt die Karte, sind die Quellen der Ardéche. Das interessiert mich nicht mehr; ich fahre trotzdem weiter. Und ich weiß nicht mal mehr, wo die Quellen sind; alles ist jetzt einander gleich. Die Landschaft ist jetzt so sanft, so freundlich und froh, dass mir die Haut wehtut. Ich bin mitten im Abgrund. Ich spüre meine Haut wie eine Grenze; die Außenwelt ist das, was mich zermalmt. Heilloses Gefühl der Trennung; von nun an bin ich ein Gefangener in mir selbst. Die sublime Verschmelzung wird nicht stattfinden; das Lebensziel ist verfehlt. Es ist zwei Uhr nachmittags“.

Die zentrale Stelle des Romans ist die, in der dem Leser erklärt wird, was mit der “Ausweitung der Kampfzone” gemeint ist. Tatsächlich dreht sich der Roman nur um den Kampf der Menschen in der Gesellschaft um Status, Geld und Sex. Tatsächlich sind diese ja auch die Hauptversprechungen des neoliberalen Kapitalismus für diejenigen Mitglieder der Gesellschaft, die bereit sind, sich der geforderten “rat race” im System zu stellen.

Houellebecq in Kapitel acht von “Ausweitung der Kampfzone”: “Der Sex, sagte ich mir, stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist; und es funktioniert mindestens auf ebenso erbarmungslose Weise. Auch die Wirkungen dieser beiden Systeme sind genau gleichartig. Wie der Wirtschaftsliberalismus – und aus analogen Gründen – erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung. Manche habe täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf- oder sechsmal in ihrem Leben oder überhaupt nie. Manche treiben es mit hundert Frauen, andere mit keiner. 

Das nennt man “Marktgesetz”. In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen.

In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend.

In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige  ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt.

Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. (…). Manche gewinnen auf beiden Ebenen; andere verlieren auf beiden. Die Unternehmen kämpfen um einige wenige Jungakademiker; die Frauen kämpfen um einige wenige junge Männer; die Männer kämpfen um einige wenige Frauen. Das Maß an Verwirrung und Aufregung ist beträchtlich”. 

Dies ist die Grundeinsicht des Romans, und die verschiedenen Situationen im Roman exemplifizieren und unterstreichen diese Grundeinsicht, die dem Roman zugleich als Titel dient.

Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone” ist ein kleiner Geniestreich und eine Abrechnung mit dem Kapitalismus und der “Sexuellen Revolution“, die letztendlich die Statuskämpfe in unserer Gesellschaft noch massiv verschärft hat und den Verlierern im System nicht nur auf ökonomischer, sondern zusätzlich noch auf sexueller Ebene den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ich kann euch diesen Roman nur wärmstens empfehlen, wenige heutige Schriftsteller haben ein so ehrliches und radikales Buch geschrieben wie dieses.

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