Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte (2012) – 2

Im Wikipedia Eintrag zur “Corporate Social Responsibility” erfahren wir zu den Kritikpunkten gegenüber diesem Marketingkonzept: “Corporate Social Responsibility ist auch Kritik ausgesetzt. Diese beruht im Wesentlichen auf der Tatsache, dass Unternehmen (insbesondere börsennotierte Unternehmen) nach den Kriterien der Profitmaximierung wirtschaften und dabei für sie soziale oder ökologische Gesichtspunkte keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen. Viele Unternehmen würden Corporate Social Responsibility daher nur aus ökonomischen Gründen betreiben, und zwar auf eine Art und Weise, dass sie mit minimalen Kosten einen maximalen positiven Effekt für sich selbst erzielen. Es bestehen also Zweifel an der Aufrichtigkeit der Motive für ein Engagement im Sinne des CSR. Nach Ansicht der Kritiker setzen solche Unternehmen CSR-Aktivitäten nicht “um der Sache selbst” willen, sondern aus einem oder mehreren der folgenden Gründe um:

  • Verbesserung des eigenen Images: Ein Unternehmen setzt CSR-Aktivitäten um und hebt diese (beispielsweise in seiner Werbung) als eines seiner herausragenden Merkmale hervor. Das Ziel ist ein verbessertes Ansehen des Unternehmens in der Bevölkerung (und oft ein damit einhergehender gesteigerter Gewinn). Die Ausgaben für die Werbung können in solchen Fällen die Kosten für die Umsetzung der CSR-Aktivitäten um ein Vielfaches übersteigen. Kritik wird besonders an solchen Unternehmen geübt, die von der CSR-Aktivität abgesehen durch ihre sonstigen Handlungen ökologisch oder sozial nicht nachhaltig sind. Im Bezug auf ökologische Nachhaltigkeit spricht man in einem solchen Zusammenhang von Greenwashing.
  • Vorbeugung gegen die Schaffung von Gesetzen: Aufgrund der weltweit steigenden Nachfrage nach ökologisch und sozial nachhaltig produzierten Gütern und der wachsenden Erwartung der Gesellschaft an die Unternehmen, ethisch korrekt zu wirtschaften, wächst auch die Wahrscheinlichkeit, dass immer mehr Länder Gesetze einführen, die die Unternehmen zu solch einem Handeln zwingen. Nach Ansicht der Kritiker wird daher CSR von einigen Unternehmen umgesetzt, um der Schaffung solcher Gesetze vorzubeugen, da diese für die Unternehmen mit wesentlich höheren Kosten verbunden wären als wenn sie sich selbst freiwillig engagieren. Kritiker vergleichen dies mit einem Ablasshandel, einer Botschaft der Unternehmen an die Politik und Bürger: „wir kümmern uns drum, wir brauchen keine Regeln und ihr Konsumenten könnt in Ruhe bei uns einkaufen.“
  • Vermeidung von Folgekosten von Pannen und Unfällen: Ökologisch und sozial nicht nachhaltiges Handeln kann zu Pannen, Unfällen oder sonstigen Unglücken führen, deren Folgen für das verantwortliche Unternehmen mit erheblichen Kosten verbunden sind, welche die gesparten Kosten bei weitem übersteigen. Aus diesem Grund sind CSR-Aktivitäten für solche Unternehmen auch vom finanziellem Gesichtspunkt aus sinnvoll und werden nach Ansicht der Kritiker auch nur aus finanziellen Gründen durchgeführt. Beispiele für Vorfälle, die die Umsetzung von CSR zur Folge hatten, sind das Tankerunglück der Exxon Valdes von 1989, oder die Rückrufaktion von mit Blei belastetem Spielzeug von Mattel im Jahr 2007″.

Im Wikipedia-Artikel zu “Sponsoring” (in dem auch das “Sozio- und Umweltsponsoring” erwähnt wird) erfahren wir: “Unter Sponsoring versteht man die Förderung von Einzelpersonen, einer Personengruppe, Organisationen oder Veranstaltungen, durch eine Einzelperson, eine Organisation oder ein kommerziell orientiertes Unternehmen, in Form von Geld-, Sach- und Dienstleistungen mit der Erwartung, eine die eigenen Kommunikations– und Marketingziele unterstützende Gegenleistung zu erhalten”.

Im Klartext: Sponsoring dient dem Image und den Marketingzielen eines Unternehmens.

Sponsoring ist einfach nur Teil der Marketingstrategie eines Unternehmens und dient letztendlich der Erhöhung des Umsatzes und somit auch des Gewinns des betreffenden Unternehmens.

Wer sich dafür interessiert, was Großunternehmen (amerikanisch: “Corporations“) tatsächlich oft so treiben, der kann sich zum Beispiel mal meinen Blogeintrag “`The Corporation´ (2003)” durchlesen.

Sieht so vielleicht die Sozial- und Ökopolitik der Zukunft aus? Ist das die neoliberale Vision einer marktkonformen Sozial- und Ökopolitik, um hier mit den Worten Ingo Schulzes zu sprechen?

Über das Regenwald-Sponsoring der Brauerei Krombacher erfahren wir übrigens in dem Wikipedia-Artikel zum Thema “Sponsoring” folgendes: “Das Engagement der Krombacher Brauerei zur Rettung von Teilen des Regenwaldes galt als fragwürdig und ist wohl eher der klassischen Werbung zugehörig”.

In diesem Stil also schwadroniert Henryk M. Broder in seiner Rezension mit dem Titel  “Wie uns die Zukunft abhanden kam” vom 28.7 in “Welt-Online” Absatz um Absatz weiter und produziert hier einen klassischen “Verriss“, wie solch eine Art von Rezension im Journalistenjargon bezeichnet wird.

Wie sagt man so schön: “Papier ist geduldig“.

Warum ereifert sich denn Henryk M. Broder in seiner Rezension mit dem Titel  “Wie uns die Zukunft abhanden kam” so über Ingo Schulzes neuerschienenes Büchlein?

Nun, der Grund ist schnell genannt: Die Tageszeitung “Die Welt” gehört der “Springer AG“. Und die “Springer AG” und konkret auch Friede Springer wollen wohl verhindern, dass die Deutschen auf möglicherweise non-konforme und systemkritische Gedanken kommen.

Das mächtigste Instrument der “Springer AG“, um den Deutschen gründlich das Gehirn zu waschen, ist seit jeher die Bild-Zeitung.

Die Variante für gehobenere und bildungsorientiertere Schichten ist dann eben “Die Welt” (wobei in “Die Welt” manchmal auch gute und sachliche Artikel erscheinen. Aber die Grundtendenz ist eindeutig. In den anderen bundesdeutschen Tageszeitungen ist es übrigens meistens nicht viel anders).

Deshalb wird hier Ingo Schulzes Text “Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” pflichtgemäß von Henryk M. Broder verrissen.

Ingo Schulze wendet sich in diesem Text, wie ja schon der Titel seines Büchleins sagt, gegen Angela Merkels Vision einer “marktkonformen Demokratie” und fordert stattdessen in logischer Umkehrung “demokratiekonforme Märkte“.

Nun, in Ingo Schulzes Forderung steckt natürlich eine geballte Kritik am Neoliberalismus.

Denn die Grundidee im klassischen Manchesterliberalismus ebenso wie im Neoliberalismus ist eine simple und naive Marktgläubigkeit, die sich in Adam Smiths Metapher der sogenannten “Unsichtbaren Hand” verdichtet, die angeblich zum Wohle aller die Märkte regiert.

Nun, diese “Unsichtbare Hand” ist im Prinzip einfach nur ein wirtschaftsliberaler Mythos und wie Joseph Stiglitz einmal ironisch in einem Interview im Februar 2010 im Commonwealth Club of California bemerkte, sei die sogenannte “Unsichtbare Hand” wohl deshalb unsichtbar, weil sie in den meisten Marktsituationen gar nicht präsent sei.

Seht hierzu den kurzen Clip in YouTube mit dem Titel “Joseph Stiglitz: Smith’s “Invisible Hand” a Myth?“.

Eine “marktkonforme Demokratie” ist eine marktgläubige und marktradikale Demokratie. Und so etwas will Ingo Schulze nicht und er glaubt, dass dies letztendlich ein Ausverkauf des Staates und der gesamten Gesellschaft an die Banken, an die Finanzmärkte, an die Unternehmen und Kapitalanleger darstellen würde.

Und er hat völlig recht damit.

Im Grunde noch systemkritischer ist aber eine andere Forderung von Ingo Schulze: Er will, dass die Menschen in unserer Gesellschaft sich endlich wieder selbst ernst nehmen.

Und in gewisser Weise hat Ingo Schulze selbst seine Rede “Unsere schönen neuen Kleider” am 26. Februar 2012 im Staatsschauspiel Dresden deswegen gehalten, weil er selbst mit gutem Beispiel vorangehen und sich selbst ernst nehmen wollte.

Ingo Schulze weiss wahrscheinlich, dass er nicht in erster Linie ein professioneller Ökonom ist. Und tatsächlich habe ich selbst beim Durchlesen seines Büchleins einige Punkte gefunden, in denen ich Ingo Schulze auf dieser analytischen und wirtschaftspolitischen Ebene widersprechen würde und die Sache anders sehen würde als er.

Und Ingo Schulzes Denken ist logischerweise – da er aus der ehemaligen “DDR” stammt – von der marxistischen Theorie beeinflusst.

Ich selbst stehe eher den “New Keynesians” wie Paul Krugman und Joseph Stiglitz nahe.

Mein kritisches Instrumentarium gegenüber dem Neoliberalismus entstammt also eher der Keynesianischen als der marxistischen Theorie.

Meine Vision einer gerechten Gesellschaft steht eher dem Keynesianischen Gedanken einer breiten Mittelstandsgesellschaft als marxistischen revolutionären Theorien nahe.

Aber ich stimme Ingo Schulzes Forderungen im Kern völlig zu: Wir brauchen tatsächlich demokratiekonforme Märkte und wir sollten endlich anfangen, unsere Wünsche und Bedürfnisse ernst zu nehmen und auch die notwendigen Veränderungen im aktuellen neoliberalen Wirtschaftssystem endlich einfordern.

Ein gutes Leben kann nicht im luftleeren Raum stattfinden. Ein gutes Leben ist auch an konkrete materielle Bedingungen gebunden. Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das der breiten Masse der Bevölkerung dient und auch auf ökologischer Ebene vernünftig funktioniert.

Daher endet Ingo Schulzes Rede sinnigerweise mit der Bemerkung (S. 80): “Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich habe mich selbst so ernst genommen, dass ich Ihnen diese Rede zugemutet habe. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld“.

Und genau dies will unsere aktuelle Vergnügungsgesellschaft auf jeden Fall verhindern: Dass wir uns selbst ernst nehmen.

Denn sollten wir uns irgendwann einmal tatsächlich wieder ernst nehmen, könnten wir ja anfangen, ernsthaft über klare und deutliche Veränderungen in unserem aktuellen neoliberalen Wirtschaftssystem nachzudenken und mit Ernsthaftigkeit eine Wende zu einer sozialeren und ökologisch vernünftigeren Politik fordern.

Einer der brilliantesten Technik- und Medienkritiker in den USA war Neil Postman. Und sein vielleicht populärstes Buch war “Amusing Ourselves to Death

Deutsch: Postman, Neil, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, 18. Auflage, Frankfurt: Fischer 2008.

Dieses Buch erschien 1985, als die neoliberale Revolution in den USA schon voll angelaufen war.

Die mediale Verblödungsmaschinerie in unseren westlichen Gesellschaften verfolgt genau dieses Ziel, uns jede Ernsthaftigkeit auszutreiben, auch was unser eigenes Leben angeht.

Am Ende reduziert sich alles nur auf einen aufgeblasenen und verdrehenden “Bullshit“, der sich mittlerweile in alle Bereiche ausdehnt, sogar in den akademischen Bereich an den Universitäten.

Harry G. Frankfurt hat zu diesem Phänomen im Jahre 2005 ein ebenso prägnantes wie witziges Büchlein mit dem Titel “On Bullshit” veröffentlicht.

Insofern ist gerade dieser Gedanke, dass wir uns endlich wieder selbst ernst nehmen sollten, der vielleicht systemkritischste Gedanke, den Ingo Schulze hier von seinen Lesern einfordert. Und er hat auch damit völlig recht.

Die Voraussetzung für jeden gesellschaftlichen Wandel ist sicherlich, dass nicht zuletzt die intellektuellen Eliten in einem Land anfangen, sich selbst ernst zu nehmen und zusammen mit der breiten Masse der Bevölkerung die notwendigen Veränderungen einfordern.

Und dass Veränderungen notwendig sind, daran besteht kein Zweifel.

Die Finanzkrise ab 2007 ist auch in den USA noch lange nicht ausgestanden, und sie ist spätestens im Herbst 2008 beim Zusammenbruch der Lehman-Brothers-Bank auf die Eurozone übergesprungen.

Das Management der Eurokrise (beginnend mit der Griechischen Finanzkrise ab 2009) seitens der europäischen Politiker war derart lausig, dass jetzt der Euro tatsächlich droht zu zerbrechen.

Diese Finanzkrise ab 2007 ebenso wie die Eurokrise ist nicht zuletzt die Folge der Deregulierung der Banken, Börsen und Finanzmärkte, die in der neoliberalen Revolution unter Margaret Thatcher (England) und Ronald Reagan (USA) ihren Ausgang nahm.

Seht hierzu nochmals meinen Blogartikel mit dem Titel “Die Ursachen und Folgen der neoliberalen Revolution ab den 80er-Jahren“.

Und natürlich ist das neoliberale Wirtschaftssystem ein sozial ungerechtes System. Es begünstigt eine kleine Schicht von Spitzenverdienern, Unternehmern und Kapitalanlegern und spaltet die Gesellschaft in Sieger und Verlierer.

Die ökologischen Probleme auf unserer Welt sind schon seit vielen Jahrzehnten drängend. Dabei sind die vorliegenden Grundprobleme spätestens seit der Veröffentlichung des Berichts mit dem Titel “Die Grenzen des Wachstums” durch den Club of Rome im Jahre 1972 im wesentlichen bekannt.

Immer noch beruht unser Wirtschafts- und Produktionssystem im wesentlichen auf der massiven und unkontrollierten Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unsere Erde. Vor allem das Problem der Abhängigkeit von den fossilen Energieträgern ist immer noch ungelöst.

Wer sich für das Thema der zunehmenden Knappheit vieler Rohstoffe auf dem Weltmarkt interessiert, die für unsere Industrieproduktion absolut notwendig sind, der kann zum Beispiel einmal meinen Blogartikel “Deutschland und der globale Kampf um die verbliebenen weltweiten Ressourcen” durchlesen.

Und wen das Thema der zunehmenden schwindenden Ölreserven auf dieser Welt interessiert, der kann zum Beispiel einmal meinen Blogartikel “A Crude Awakening: `The Oil Crash´ (2006) und `The End of Suburbia (2004)´” einsehen.

Angehängt an diesen Artikel findet ihr zwei gute und klare Vorträge von zwei Referenten, die an das “Postfossil Institut” in Hamburg angeschlossen sind und dieses Thema sehr gut kennen.

Die Auswirkungen dieser Art zu wirtschaften und zu produzieren sind schon längst klar erkennbar: Zum Beispiel der aktuelle Klimawandel ist ein Resultat hiervon.

Die im deutschen politischen Diskurs modisch gewordenen Schlagworte von der “Nachhaltigkeit” und “Generationengerechtigkeit” können nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere aktuelle Art zu wirtschaften und zu produzieren immer noch in keinster Weise nachhaltig und damit natürlich selbstverständlich auch nicht generationengerecht ist.

Natürlich sind die Menschen in den Ländern in der “Dritten Welt” immer noch massiv benachteiligt und wir tun viel zu wenig, um diesen Ländern und ihrer Bevölkerung zu helfen.

Mehr noch: Unter anderem sind diese Länder in der “Dritten Welt” oft das Ziel einer gnadenlosen Ausbeutung nicht zuletzt durch Unternehmen der entwickelten Länder wie Deutschland.

Diese Länder dienen uns in erster Linie als preisgünstige Lieferanten für diejenigen Rohstoffe, die für unsere industrielle Produktion dringend benötigt weden.

Aber am Schicksal gerade auch der einfachen und zumeist bitter armen Bevölkerung dieser Länder nehmen diese Unternehmen der entwickelten Länder wie Deutschland und auch unsere regierenden Politiker in der Regel kein Interesse.

Insofern gebe ich Ingo Schulze im Kern völlig recht: Wir sollten uns endlich wieder ernst nehmen und demokratiekonforme Märkte einfordern.

Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratische Märkte. Hanser Berlin; 80 Seiten, 10 Euro

Creative Commons Lizenzvertrag Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte (2012) – 2 Klaus Gauger steht unter einer Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported License

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Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte (2012) – 1

Am 30. Juli ist Ingo Schulzes kurzer Text “Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” erschienen. Dieser Text geht auf eine Rede zurück, die Schulze am 26. Februar 2012 im Staatsschauspiel Dresden gehalten hat.

Diese Rede mit dem Titel “Unsere schönen neuen Kleider: Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” könnt ihr unter anderem auf der Website von Ingo Schulze einsehen.

Ingo Schulze hat nach dem 26. Februar 2012 diese Rede überarbeitet und noch ein Vorwort vorgeschaltet, bis der jetzt vorliegende Text von ungefähr etwas über 70 Seiten im Taschenbuchformat vorlag.

Der “Aufhänger” für Ingo Schulzes Rede war das berühmte Märchen von Hans Christian AndersenDes Kaisers neue Kleider“.

Das Märchen handelt von einem Kaiser, der sich von zwei Betrügern für viel Geld neue Gewänder weben lässt. Diese machen ihm weis, die Kleider seien nicht gewöhnlich, sondern könnten nur von Personen gesehen werden, die ihres Amts würdig und nicht dumm seien. Tatsächlich geben die Betrüger nur vor zu weben und dem Kaiser die Kleider zu überreichen.

Aus Eitelkeit und innerer Unsicherheit erwähnt der Kaiser nicht, dass er die Kleider selbst auch nicht sehen kann und auch die Menschen, denen er seine neuen Gewänder präsentiert, geben Begeisterung über die scheinbar schönen Stoffe vor. Der Schwindel fliegt erst auf, als ein Kind ausruft, der Kaiser habe gar keine Kleider an.

Die Erzählung wird oft als Beispiel angeführt, um Leichtgläubigkeit und die unkritische Akzeptanz angeblicher Autoritäten und Experten zu kritisieren. Aus Furcht um seine Stellung und seinen Ruf spricht wider besseres Wissen niemand, nicht einmal der treueste Minister des Kaisers, die offensichtliche Wahrheit aus. Vor die Entscheidung „Ansehen und Wohlstand oder Wahrheit“ gestellt, entscheidet man sich letzten Endes gegen die Wahrheit und für die materiellen und ökonomischen Vorteile.

Ingo Schulze nutzt in seiner Rede dieses Märchen als Parabel, um auf die Leichtgläubigkeit und unkritische Akzeptanz der meistens Menschen in unserer Gesellschaft, nicht zuletzt seitens vieler Ökonomen und Politiker, gegenüber der Praxis und den Verheißungen einer von Angela Merkel so bezeichneten “marktkonformen Demokratie” hinzuweisen. Ingo Schulze fordert stattdessen in logischer Umkehrung “demokratiekonforme Märkte”.

Siehe zu Angela Merkels Bemerkungen hinsichtlich einer sogenannten “marktkonformen Demokratie” zum Beispiel einen Clip in YouTube mit dem Titel “Angela Merkel über die marktkonforme parlamentarische Demokratie“.

Ich habe im Netz schon einige Rezensionen zu diesem neuen Büchlein von Ingo Schulze aufgefunden. Ich fand sie eigentlich alle ziemlich schwach. Eine dieser Rezensionen ist sogar richtiggehend schwachsinnig und wohl ganz bewusst unfair.

Es ist die Rezension von Henryk M. Broder mit dem Titel “Wie uns die Zukunft abhanden kam” vom 28.7 in “Welt-Online“.

Nun, Henryk M. Broder ist als undifferenzierter und grober journalistischer “Haudrauf” berüchtigt. Nicht immer tut er der Welt damit nur Gutes an.

Man sollte nicht vergessen, dass der norwegische islamophobe Massenmörder Anders Behring Breivik seinerzeit beim Kompilieren seines über 1500 Seiten starken Manifests “2083: A European Declaration of Independence” auch in den Texten von Henryk M. Broder fündig wurde, der in seinen publizistischen Auslassungen in der Vergangenheit gerne mal aggressiv über den Islam hergezogen ist.

So tauchte dann ein Interview von Henryk M. Broder in einer holländischen Zeitung, in dem er unter anderem bemerkt hatte, dass wenn er jünger wäre, er Europa verlassen und in ein Land ziehen würde, das nicht von einer schleichenden Islamisierung bedroht wäre, in voller Länge in eben diesem Manifest von Anders Behring Breivik auf.

Natürlich ist Henryk M. Broder nach den Anschlägen in Norwegen 2011 pflichtgemäß zu Anders Behring Breivik auf Distanz gegangen und hat in einem langatmigen Artikel vom 25.7. mit dem Titel “Das Manifest des Anders Behring Breivik und ich” in “Welt-Onlineerklärt (?!), wie es zu dieser Sache kommen konnte.

Henryk M. Broder gehört zur Sorte von Autoren, die mit deftiger und unsachlicher Polemik punkten wollen. Das ist gut für den eigenen Geldbeutel und so macht man sich bei seinem Stammpublikum beliebt. Der Sache selbst dient so etwas meist nicht.

Wir kennen solchen Leute übrigens auch im politischen Raum. CSU-Politiker wie Horst Seehofer oder Peter Gauweiler funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Das Bierzelt tobt begeistert, wenn diese beiden bayerischen Haudegen ihre deftigen Kapriolen abziehen.

Der Hauptvorwurf Henryk M. Broders in seiner Rezension mit dem Titel “Wie uns die Zukunft abhanden kam” gegenüber Ingo Schulze ist der, dass Ingo Schulze ein unsachlicher und ideologisierter “DDR-Ostalgiker” sei.

Henryk M. Broder bemerkt in seiner Rezension mit dem Titel  “Wie uns die Zukunft abhanden kam” vom: “Ingo Schulze betreibt keine Sprach-, sondern eine Ideologiekritik. “Marktkonforme Demokratie” ist für ihn kein Ausrutscher, es ist “das allerschönste unserer neuen demokratischen Kleider, an dem öffentlich meines Wissens noch niemand Anstoß genommen hat”, ein Versuch, die Demokratie auf den Kopf zu stellen. Dem könnte man auch zustimmen, wenn Schulze nicht eine Melodie anstimmen würde, die sich sehr ostalgisch anhört.

Fast 23 Jahre nach dem Fall der Mauer kommt ihm die DDR plötzlich gar nicht mehr so übel vor. Das Wort “Unrechtsstaat”, das ihm 1990 noch, wie er behauptet, “flott über die Lippen” ging, hält er heute für eine “zu undifferenzierte Beschreibung” der Zustände in der DDR, wo “manches besser und sinnvoller (war), als es heute ist”. Wo die Menschen nicht nur “von einer besseren Welt” träumten, sondern ein “Recht auf Arbeit” hatten, dazu “ein moderneres Familienrecht, ein einheitliches Gesundheitswesen mit einer vorbildlichen Krebsstatistik und Kinder- und Jugendfürsorge”.

Nun, ich weiss nicht, worüber sich Henryk M. Broder hier ereifert. Die “DDR” war sicherlich auch ein Unrechtssystem.

Aber es ist wahr, dass dieses DDR-System dafür sorgte, dass jeder Bürger in der “DDR” Arbeit hatte. Es war eben kein marktwirtschaftliches System, sondern eine Zentralverwaltungswirtschaft.

Und eines der Ziele in diesem “DDR”-System war die Vollbeschäftigung. Ob so ein System effizient ist, in dem quasi auf gelenkte und von oben herab organisierte Weise für Vollbeschäftigung gesorgt wird, sei dahingestellt.

Aber Tatsache ist, dass im “DDR”-System Vollbeschäftigung herrschte. Und natürlich gab es in der “DDR” ein System von staatlichen Kinderkrippen und wohl auch ein allgemein zugängliches staatliches Gesundheitssystem. Und die Kinder- und Jugendlichen wurden wohl betreut und sozial und organisatorisch eingebunden.

Und daher ist es psychologisch leicht verständlich, warum ehemalige Bürger der “DDR” sich angesichts der dauerhaften und immer noch massiven Arbeitslosigkeit gerade auch in einigen Regionen im Osten Deutschlands manchmal mit Wehmut an eine Zeit zurückerinnern, wo sie nicht um ihren Arbeitsplatz fürchten oder verzweifelt einen Arbeitsplatz suchen und auch nicht für irgendwelche Niedrig– oder Dumpinglöhne arbeiten oder von Hartz IV leben mussten.

Übrigens: Unsere eigene aktuelle Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich in der “DDR” anscheinend recht wohl gefühlt und im DDR-System Karriere gemacht. Darüber will Henryk M. Broder aber offensichtlich nicht reden. Wen´s interessiert, der soll sich mal meinen Blogartikel “Angela Merkel: Die Biographie einer Opportunistin” durchlesen.

Weiterhin behauptet Henryk M. Broder in seiner Rezension mit dem Titel  “Wie uns die Zukunft abhanden kam“: “Ingo Schulze geht (…) die Misswirtschaft in der Bundesrepublik frontal an. “Unser Gemeinwesen wurde und wird von den demokratisch gewählten Volksvertretern systematisch gegen die Wand gefahren, indem es seiner Einnahmen beraubt wird.”

Man kann es einem Schriftsteller nicht übel nehmen, dass er keine Ahnung von Ökonomie hat; (…).

Dabei kann keine Rede davon sein, dass “unser Gemeinwesen seiner Einnahmen beraubt wird”. Allein vom Januar bis zum März dieses Jahres haben die Finanzämter die Rekordsumme von über 130 Milliarden Euro eingenommen, mehr als je in einem ersten Quartal zuvor, seit dies gemessen wird”.

Nun, es stimmt, was Henryk M. Broder hier behauptet, es wurden in letzter Zeit in Deutschland Rekordsummen seitens der Finanzämter eingenommen. Seht hierzu einen Artikel in “Focus” vom 20.4.2012 mit dem Titel “Gute Konjunktur: Steuereinnahmen auf Rekordhöhe“.

Interessanter ist aber die Frage, wer in Deutschland diese ganzen Steuern entrichtet.

Wenn euch das Thema interessiert, dann schaut euch mal zum Beispiel in Ruhe den Artikel vom August 2010 in den “Nachdenkseiten” mit dem Titel “Der Reiche als der ausgebeutete Gutmensch und der Arme als Schmarotzer” an. Da werdet ihr schnell begreifen, dass in unserem derzeitigen Steuersystem Spitzenverdiener, Unternehmen, und Kapitalanleger massiv bevorteilt werden.

Ich selbst habe einen Blogartikel mit dem Titel “Die Ursachen und Folgen der neoliberalen Revolution ab den 80er-Jahren” verfasst, in dem ich unter anderem darauf eingehe, was seit den 80er-Jahren nicht nur in den USA und England, sondern auch in Deutschland speziell ab der Regierung Schröder (1998-2005) mit der Einnahmenseite des Staates passiert ist.

Und in meinem Blogartikel “Der `deutsche Sparwahn´: Dumm und verlogen” gehe ich auf dieses Thema ebenfalls ausführlich ein.

Und in diesen beiden Artikel stelle ich unter anderem jeweils gleichlautend fest: “Aber noch interessanter ist, was mit der Einnahmenseite des deutschen Staates seit der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1989-90 und seit der rot-grünen Regierung Gerhard Schröder (1998-2005) und auch seit Einführung des “Euros” (1999)  passiert ist.

Im Jahr 1995 erklärte das Bundesverfassungsgericht die Vermögenssteuer für unzulässig. Der Grund: Geldvermögen wurden von ihr stärker belastet, als die mit einem sogenannten Einheitswert sehr billig angesetzten Immobilien. Statt die Ungleichbehandlung zu beheben wurde die Vermögenssteuer 1997 von der Regierung Kohl komplett abgeschafft.

Die Einkommenssteuerspitzensätze wurden ebenfalls drastisch verringert: Erstmals 1990 von 56 auf 53 Prozent, dann ab dem Jahr 2000 von der Regierung Schröder in mehreren Schritten bis auf 42 Prozent. Erst 2007 wurde für besonders hohe Einkommen (250.000 Euro pro Person) ein Spitzensteuersatz von 45 Prozent neu eingeführt.

Zuletzt wurden unter Kanzlerin Merkel auch noch Steuern auf Kapitaleinkünfte, also Gewinne aus Zinsen und Aktiengeschäften, drastisch gesenkt. Ursprünglich wurden solche Kapitalerträge wie andere Einkommen behandelt, also mit dem individuellen Steuersatz belastet. Seit 2009 gilt dafür die Abgeltungssteuer, die mit maximal 25 Prozent sehr viel geringer ausfällt.

Und auch die Unternehmenssteuern wurden in Deutschland drastisch gesenkt: Unter Helmut Kohl hatten wir einen Unternehmenssteuersatz von 56,6%. Unter Gerhard Schröder wurde er auf 38.3% abgesenkt. Und Angela Merkel hat den Unternehmenssteuersatz nochmals abgesenkt auf 29,4%”.

Betreffend der Entwicklung der Einnahmenseite des deutschen Staates seit der Regierung Schröder behauptet Ingo Schulze in seinem Text  “Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” wörtlich folgendes (S. 58f.): “Unser Gemeinwesen wurde und wird von den demokratisch gewählten Volksvertretern systematisch gegen die Wand gefahren, indem es seiner Einnahmen beraubt wird. Der Spitzensteuersatz wurde in Deutschland von der Schröder-Regierung von 53 Prozent auf 42 Prozent gesenkt, die Unternehmensssteuersätze (die Gewerbesteuer und die Körperschaftssteuer) wurden zwischen 1997 und 2009 fast halbiert, nämlich von 57,5% auf 29 Prozent. Die Steuer auf Kapitalerträge, die sogenannte Abgeltungssteuer, wurde auf 25% gesenkt. Auch die Erbschaftssteuer wurde teilweise abgesenkt”.

Tja, Ingo Schulze hat das also ganz korrekt recherchiert.

Henryk M. Broder behauptet in dieser Rezension mit dem Titel “Wie uns die Zukunft abhanden kam” weiterhin: “Für Schulze steht fest, dass alle Armut und alles Elend Folgen der “marktkonformen Demokratie” sind – in Deutschland wie in Bangladesch, wo die “Schulspeisung einer Million unterernährter Kinder” eingestellt werden musste, und in Somalia, wo die 300.000 Flüchtlinge “heute nur noch eine Tagesration von 1500 Kalorien statt des Existenzminimums von 2200 Kalorien” erhalten.

Solche Zustände haben natürlich nichts mit den politischen Verhältnissen und der Misswirtschaft in den betroffenen Ländern zu tun, sie rühren daher, dass mit Lebensmitteln Geschäfte gemacht werden und dass wir es nicht schaffen, “der Wirtschaft soziale, moralische und ökologische Standards abzuverlangen”.

Wirklich? Inzwischen wird man eher eine Jungfrau auf St. Pauli als irgendein Produkt finden, dessen Hersteller sich nicht der sozialen Gerechtigkeit, der Nachhaltigkeit und dem Umweltschutz verpflichtet fühlen. Wer einen Kasten Krombacher Bier kauft, tut es in der Gewissheit, einen Beitrag zur Rettung des Regenwaldes in Zentralafrika zu leisten. Zumindest behauptet das die Krombacher-Werbung. Nike will Schuhe aus einem umweltfreundlichen Gummi entwickeln, der gleich 96 Prozent weniger Giftstoffe enthalten soll als die herkömmliche Sohle. Evian hat ein Wasserschutzprogramm ins Leben gerufen, das der “Reduzierung der Armut” und der “Förderung von Kommunikation, Bildung und Bewusstseinsbildung” dienen soll. Bei Schlecker konnte man das “Öko Nature” Toilettenpapier kaufen, der Umwelt zuliebe. Es gibt kein Unternehmen von Rang, das nicht eine Abteilung für “Corporate Social Sponsoring” unterhalten würde – unternehmerische Gesellschaftsverantwortung. Schulze scheint das alles nicht mitbekommen zu haben”.

Weiß Henryk M. Broder wirklich nicht, dass die Abteilung für das sogenannte “Corporate Social Sponsoring” in den grossen Unternehmen im Prinzip einfach nur Teil der Marketingstrategie dieser Unternehmen ist und es hier einfach um eine Imagepflege zwecks Förderung des Umsatzes und des Gewinnes dieser Unternehmen geht?

Und weiss Henryk M. Broder tatsächlich nicht, dass diese Unternehmen nur wegen der Existenz einer solchen Abteilung “Corporate Social Sponsoring” noch lange nicht ernsthaft vorhaben, sozial, ökologisch und gesellschaftlich verantwortlich zu handeln?

Creative Commons Lizenzvertrag Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte (2012) – 1 Klaus Gauger steht unter einer Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported License

Jared Diamonds “Kollaps” (2005)

Ein interessantes Buch, das ich vor ungefähr sechs Jahre einmal gelesen habe, ist Jared DiamondsKollaps” aus dem Jahre 2005.

In einer Zeit, in der sich immer mehr abzeichnet, dass die weltweiten Ressourcen zur Neige gehen oder zumindest knapp werden (das gilt nicht nur für das Erdöl, sondern auch für zahlreiche andere Rohstoffe, darunter in einigen südlichen Weltgegenden so absolut zentrale und überlebensnotwendige Ressourcen wie das Wasser) und zugleich die damit zusammenhängenden Umweltprobleme immer mehr zunehmen (man denke da nur als ein Beispiel an den Klimawandel), hat Jared Diamond sich die Mühe einer historisch fundierten Untersuchung gemacht und einmal an zahlreichen Beispielen untersucht, woran in der Vergangenheit teilweise durchaus hochstehende Zivilisationen gescheitert sind (und dann in einer relativ kurzen Zeitspanne einen “Kollaps” erlebt haben) oder manchmal andere Zivilisationen trotz ungünstiger Bedingungen dennoch überlebt haben.

Der 1937 in Boston geborene Jared Diamond ist ein US-amerikanischer Evolutionsbiologe, Physiologe und Biogeograf.

Er war viele Jahrzehnte lang in der Feldforschung tätig und leitete zahlreiche anthropologische und evolutionsbiologische Expeditionen nach Neuguinea.

Seit 2004 ist er Professor für Geografie an der University of California, Los Angeles. Vorher war er dort Professor für Physiologie an der medizinischen Fakultät. Jared Diamond ist dem breiten Publikum durch seine populärwissenschaftlichen Bücher, in denen er neueste Erkenntnisse aus Anthropologie, Biologie und Geschichte zusammenhängend darstellt, bekannt geworden. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter 2006 den Dickson Prize in Science.

In seinem Buch “Kollaps” betrachtet er beispielhaft einige Kulturen, die sich durch Übernutzung der Umwelt bzw. durch falsche Reaktion auf allgemeine Umweltveränderungen selbst zugrunde richteten und dann innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums einen vollkommenen gesellschaftlichen Zusammenbruch erlebten. So analysiert er beispielsweise die Wikinger in Grönland, die Anasazi in Nordamerika, die Polynesier auf der Osterinsel oder die Maya in Mittelamerika. Er behandelt aber auch positive Beispiele von Kulturen, die trotz ungünstiger Voraussetzungen durch Anpassungsleistungen überleben konnten. Er nennt hier die Isländer, die Inuit in Grönland, Japan unter dem Tokugawa-Shogunat und Populationen einiger polynesischer Inseln. Zudem leitet er aus diesen Erkenntnissen Handlungsempfehlungen für die heutigen Gesellschaften ab, die er weltweit in einer ähnlich gefährlichen Gesamtsituation sieht.

Das Buch “Kollaps” ist in vier Abschnitte gegliedert.

Teil 1 beschreibt die Umwelt des US-Bundesstaats Montana, wobei das Zusammenspiel von Gesellschaft und Umwelt untersucht wird. Diamond hält fest, dass selbst in einem modernen amerikanischen Bundesstaat wie Montana eine veränderte Ökologie langfristige und gravierende Schäden aufkommen lässt.

Teil 2 beschreibt primär den Zusammenbruch verschiedener vergangener Kulturen (Anasazi-Indianer in Nordamerika, die Polynesier auf der Osterinsel, die Polynesier auf den Inseln Pitcairn und Henderson, die Mayas in Mittelamerika und die Wikinger auf Grönland) und findet eine Ordnung von fünf Faktoren, die den Zusammenbruch bedingen.

Kontrastierend nennt er Beispiele für alte Gesellschaften, die durch kluge Reaktion auf Veränderungen ihr Überleben gesichert hätten (so etwa durch die Aufforstung von Wäldern im Japan der Tokugawa-Epoche)

Teil 3 untersucht heutige Gesellschaften (u.a. Ruanda, China und Australien) und ihre Gefährdungslage.

Teil 4 versucht, aus den verschiedenen Beispielen eine Lehre für heute zu finden. Dabei wird eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, wie unsere “auf einem nicht nachhaltigen Kurs” befindliche Gesellschaft positiv in eine nachhaltige und vernünftige Bahn gelenkt werden könnte.

Diamond macht fünf wesentliche Gründe aus, die zum Zusammenbruch der von ihm untersuchten historischen Gesellschaften geführt haben:

  1. Umweltschäden
  2. Klimaschwankungen
  3. Feindliche Nachbarn
  4. Wegfall von Handelspartnern
  5. eine falsche Reaktion der Gesellschaft auf stattfindende Veränderungen

Bereits an dieser Liste ist erkennbar, dass Diamond seine Untersuchungen nicht auf ökologische Probleme verengt, sondern die Interaktion von Umwelt und menschlichem Handeln untersucht.

Umweltschäden umfassen das Abholzen von Wäldern und die daraus folgende Bodenerosion. Aber auch die Bodenversalzung durch falsche Bewässerung und zurückgehende Bodenfruchtbarkeit durch zu intensive Bewirtschaftung. Diamond zeigt am Beispiel der Osterinsel, dass diese Schäden bis zur totalen Entwaldung gehen konnten.

Klimaschwankungen waren zur Zeit der untersuchten Gesellschaften natürliche Phänomene. Das Klima schwankt oft in Zeitabständen, die weit größer er sind als die Lebenszeit  der damaligen Menschen. Aufgrund des Fehlens einer Schrift ging so das Wissen über Klimaschwankungen oft verloren. Damit fiel es den Gesellschaften schwer, sich auf das Phänomen einzustellen. Insbesondere kann ein über viele Jahre anhaltendes günstiges Klima zu einer wachsenden Bevölkerung führen. Geht das Klima dann in eine weniger günstige Phase über, kann die größere Bevölkerung unter Umständen nicht mehr ernährt werden und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Spannungen führen zur Selbstzerstörung der Gesellschaft. Zusätzlich kann eine Klimaveränderung die bereits aus den Umweltschäden resultierenden Probleme massiv verstärken.

Gesellschaften waren auch in vergangenen Zeit selten isoliert. Neben feindlichen Nachbarn, deren Beitrag zum Untergang einer Gesellschaft offensichtlich ist, spielen auch Handelspartner eine wichtige Rolle. Diamond zeigt am Beispiel der Henderson-Insel, wie der Verlust eines strategisch wichtigen Handelspartners eine Gesellschaft vollkommen verschwinden lassen kann.

Dass der Untergang nicht unabänderlich durch ökologische Gesichtspunkte bedingt ist, zeigt Diamond durch den Vergleich von Gesellschaften im gleichen Lebensraum. Hierzu zieht er primär Normannisch-Grönland und die Inuit heran. Während die Wikinger-Siedlungen in Grönland letztendlich untergingen, konnten die Inuit zur selben Zeit trotz der lebensfeindlichen Umgebung überleben. Diamond zeigt, dass hier insbesondere das Festhalten an mittelalterlich-europäischen Verhaltensweisen – die vorher jahrhundertelang sehr gut funktioniert hatten – den Wikingern eine Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen erschwerten. Entscheidend ist also die gewählte Reaktion auf Veränderungen.

Im Blick auf die Zukunft benennt Diamond unter anderem drei zentrale Faktoren, die für die Schwächung und den Untergang heutiger und zukünftiger Gesellschaften beitragen können:

  1. menschengemachter Klimawandel
  2. Umweltgifte
  3. Energiekrisen

Eine entscheidende Rolle spielt für Diamonds Betrachtung immer das Vorliegen einer konkreten Überbevölkerung. Denn würden Teile der Gesellschaft mit lebensbedrohlichen Veränderungen ihrer Umwelt konfrontiert werden, würden sie keinesfalls passiv sterben, sondern bei dem Versuch zu überleben auch die Teile der Gesellschaft gefährden, die bisher nicht betroffen waren und sich möglicherweise in falscher Sicherheit wähnten.

Nicht allein der notleidende Teil, sondern die gerade heutzutage eng vernetzte Gesamtgesellschaft bricht in einer schnellen Katastrophe zusammen und erfährt einen “Kollaps”.

Diamond behauptet also nicht, dass unabänderliche ökologische Faktoren die einzige Ursache für das Zusammenbrechen von Gesellschaften seien, auch politische und ökonomische Faktoren – letztlich vor allem die Reaktion auf die ökologischen Bedingungen – stellen eine wichtige Ursache dar.

Im Ergebnis seiner Untersuchung sieht Diamond trotz seiner verheerenden Gesamtdiagnose der aktuellen globalen Situation dennoch “Zeichen der Hoffnung” und Grund für einen “vorsichtigen Optimismus” für die Zukunft, da trotz großer Gefährdungen prinzipiell eine kluge Reaktion auf die veränderten Gesamtbedingungen der ökologischen Weltbedingungen theoretisch durchaus noch möglich sei und die schlimmsten Gefahren damit abgewendet werden könnten. Das Spiel ist also trotz der verheerenden Gesamtdiagnose für die Menschheit noch nicht verloren. Allerdings werden die nächsten Jahrzehnte wohl darüber entscheiden, wie dieses Spiel voraussichtlich ausgehen wird.

Ich kann euch dieses Buch wirklich empfehlen, ich habe es seinerzeit mit grossem Interesse und Gewinn gelesen und es ist ausserdem ein unterhaltsames und gut geschriebenes Buch, die Lektüre gestaltet sich trotz des manchmal etwas deprimierenden Themas durchaus kurzweilig. Diamond hat die für einen Wissenschaftler, der ein breites Publikum erreichen will, wichtige Fähigkeit, komplexe Sachverhalte so zu erläutern, dass ein Laie sie dennoch nachvollziehen und verstehen kann.

National Geographic” hat übrigens vor kurzem einen Film auf der Basis dieses Buches mit eben demselben Titel “Collapse” produziert (siehe hierzu den IMDb-Eintrag), der durchaus interessant ist und von dem auch mehrere Versionen in YouTube hochgeladen worden sind.

Creative Commons LizenzvertragJared Diamonds “Kollaps” (2005)Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

António Lobo Antunes´ “Einblick in die Hölle” (1981) revisited

Ein weiterer Roman, den ich vor ungefähr sieben Jahren einmal gelesen und in den letzten Tagen wiedergelesen habe, ist  von António Lobo Antunes der 1981 erschienene Roman “Einblick in die Hölle” (deutsche Übersetzung 2003).

Der 1942 in Lissabon (Hauptstadt Portugals) geborene Antunes studierte zunächst Medizin und war während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola. Seine Erfahrungen in Angola verarbeitete er in dem Roman Der Judaskuss (Os Cus de Judas, 1979), mit dem er in Portugal den Durchbruch als Schriftsteller erreichte.

Nach seiner Tätigkeit als Militärarzt in Angola arbeitete er als Psychiater in der Nervenklinik “Hospital Miguel Bombarda” in seiner Heimatstadt Lissabon. 1985 gab er den Beruf des Psychiaters auf und heute lebt und arbeitet Antunes als Schriftsteller weiterhin in Lissabon.

Der Titel des Romans “Einblick in die Hölle” ist Programm: Was Antunes als Psychiater in der “Bombarda” in Lissabon erlebt, ist tatsächlich ein Einblick in eine Hölle, in der die Psychiater die Kerker- und Foltermeister sind und die Patienten die zu ewigen Höllenqualen Verdammten.

Natürlich ist der Roman nicht streng autobiographisch im Sinne eines sachlichen Erlebnisberichts. Der Stil von Antunes ist ausgesprochen barock, die verschiedenen Erzählstränge und Zeitebenen greifen komplex ineinander, der Text ist voller Assoziationen und surreal wirkender, phantastischer Sequenzen, die manchmal auch Traumnotate sind oder wie solche wirken.

Außerdem dreht sich der Roman nicht nur um die Zeit in der Psychiatrie “Bombarda”, denn genauso traumatisch war für Antunes die Zeit als Militärarzt in Angola während des brutalen Angolakrieges, der von 1960-1974, bis zur portugiesischen “Nelkenrevolution“, andauerte und der in diesem Roman ebenfalls als grausamer Wahnwitz beschrieben wird.

Der Roman ist also nicht nur eine Abrechnung mit der portugiesischen Psychiatrie der achtziger Jahre, sondern auch mit der blutigen Vergangenheit Portugals während der Diktatur von António de Oliveira Salazar, die – ähnlich wie das Franco-Regime in Spanien – von Anfang der 1930er-Jahre bis Mitte der 1970er-Jahre andauerte, also über 40 Jahre lang.

Zum Berufsstand des Psychiaters bemerkt Antunes, dass dessen einziger Daseinszweck darin bestehe, Menschen mundtot zu machen, ihren Willen zu brechen, ihre Seele zu schänden: „Die Hölle, das sind die Lehrbücher der Psychiatrie, die Hölle ist die Erfindung der Verrücktheit durch die Ärzte, die Hölle ist diese Dummheit der Tabletten, diese Unfähigkeit zu lieben, dieses Fehlen von Hoffnung.”

Dabei war der Berufs des Arztes und insbesondere des Psychiaters der Wunschberuf des jungen Antonio, „um zwischen verzerrten Menschen wie jenen zu leben, die uns in den Träumen aufsuchen, und um ihre Mondsprachen und die gerührten oder hasserfüllten Aquarien ihrer Hirne zu verstehen, in denen sterbend die Fische der Angst zugange sind.”

Die tägliche Arbeit als Arzt und Psychiater jedoch – erst in Angola während des Bürgerkriegs, dann nach der „Nelkenrevolution” in Lissabon – ließen bei Antunes Ekel und Scham an die Stelle der Neugier treten.

In der “Bombarda” werden die Insassen von genervten Verwandten eingeliefert und  durch Beruhigungsspritzen in gehorsame Tiere verwandelt. Die Ärzte verschreiben Sedativa, weil sie die Kranken nicht begreifen –„wie jemand, der das Telefon zum Schweigen bringt, indem er es unter einem Berg von Kissen begräbt”.

Portugal war damals ein armes und rückständiges südeuropäisches Land. Daher wurden die eingelieferten Insassen der “Bombarda” damals nicht nur weggesperrt und mit Medikamenten zum Schweigen gebracht und beruhigt, sondern außerdem waren sie zerlumpt, abgemagert und verwahrlost. Die Räumlichkeiten der “Bombarda” werden als abstoßend und deprimierend dargestellt.

Antunes berichtet über die Zustände in der “Bombarda”: “Ausgemergelte Gestalten wandern durch die Flure, man sperrt die Kranken nackt ins Schlafzimmer, läßt sie in ihrem Kot liegen. Jeder Widerstand wird niedergespritzt, und koste es den letzten Rest Persönlichkeit des Patienten. Die Herren Doktoren wollen nichts sehen, nichts hören“Ich bin in Auschwitz”, denkt, außer sich, Lobo Antunes’ “alter ego” in diesem Roman,ich gehöre der höheren Rasse der Kerkermeister, der Kastrierer, der Polizisten, der Schulpräfekten und der Stiefmütter der Kindermärchen an.”

Das Gute und Treffende an diesem Roman ist auch, dass Antunes sich nicht nur über die Psychiater lustig macht, sondern auch an den Psychoanalytikern kein gutes Haar lässt. Die Psychoanalytiker in der “Bombarda” sind oft noch grausamer und dümmer als die Psychiater, die letztendlich nur Gefängniswärter sind, die brav Medikamente verabreichen, während die Psychoanalytiker oft dem Typus der bösartigen Scharlatane angehören und eine schräge, sektiererische Ersatzreligion propagieren.

Antunes bemerkt in diesem Roman zu den Psychoanalytikern: “Von allen Ärzten, die ich bislang kennengelernt habe, sind die Psychoanalytiker, diese Kongregation von Laienpriestern mit Bibel, Messen und Gläubigen, die finsterste, die lächerliste, die kränkste Spezies von allen. Während die Pillen-Psychiater einfache Menschen ohne Umschweife, nur naive Henker sind, die lediglich über die schematische Guillotine der Elektroschocks verfügen, kommen die anderen mit einer komplexen, streng hierarchischen Religion mit Kardinälen, Bischöfen, Domherren daher, deren Altäre Diwane sind und deren Seminarszöglinge, vorzeitig ernst und alt, in den Klöstern der Institute das linkische Latein der Lehrlinge üben. Sie teilen die Welt der Menschen in zwei unvereinbare Kategorien, die der Analysierten und die der nicht Analysierten oder, anders gesagt, die der Christen und der Ungläubigen, und nähren für die zweite die unendliche, aristokratische Verachtung, die man Heiden vorbehält, den noch nicht Getauften und denen, die sich der Taufe verweigern, die sich auf einem Bett ausstrecken, um einem schweigenden Prior ihr intimstes, geheimstes Unglück zu erzählen, das, wofür sie sich schämen, ihre Ängste, ihre Enttäuschungen. Für sie existiert im Universum nichts außer einer Mutter und einem Vater, die beide titanenhaft, riesig, beinahe kosmisch sind, und ein auf den Anus, den Penis und den Mund reduziertes Kind, das mit diesen beiden unerträglichen Geschöpfen eine ungewöhnliche Beziehung unterhält, in der Spontaneität und Freude ausgeschlossen sind. Für die Sozialisation relevante Ereignisse gehen über die kargen Erschütterungen der ersten sechs Lebensmonate nicht hinaus, und die Psychoanalytiker bleiben weiterhin beharrlich an das uralte Mikroskop Freuds geklammert, das ihnen erlaubt, einen Quadratzentimeter Haut zu betrachten, während der Rest des Körpers fern von ihnen atmet, pulsiert, sich schüttelt, protestiert und sich bewegt“.

Um es ganz klar zu sagen: Dieser Roman von Antunes ist – genau wie seine anderen auch – nicht leicht zu lesen, wegen des barocken, assoziativen und surrealen Stils und dem komplexen Ineinandergreifen von Erzählsträngen und Zeitebenen. Aber in dieser barocken Flut finden sich Passagen, die richtige Perlen sind, Passagen auch, in den Antunes hellsichtig mit der Zunft der Psychiater und den diversen psychologischen Sekten abrechnet, die er während seiner langjährigen Tätigkeit als Psychiater sicher alle kennengelernt hat, der Text ist also auch autobiographisch und erfahrungsgesättigt.

Antunes gilt übrigens heute als einer der bedeutendsten portugiesischen Schriftsteller der Gegenwart und wird seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis angesehen.

Die Wiederbegegnung mit diesem Roman hat sich für mich gelohnt und ich kann die Lektüre dieses Werk empfehlen.

Creative Commons Lizenzvertrag António Lobo Antunes´ “Einblick in die Hölle” (1981) revisited Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

Gert Postels “Doktorspiele” (2003) revisited

Ein kleines autobiographisches Werk, das ich schon vor über fünf Jahren einmal durchgelesen und jetzt wiedergelesen habe, ist Gert Postels “Doktorspiele” aus dem Jahre 2003.

Wer ist Gert Postel? Der 1958 in Bremen geborene Gert Postel ist ein deutscher Hochstapler, der vor allem durch seine mehrfachen Anstellungen als falscher Arzt Bekanntheit erlangte. Er spielte aber möglicherweise auch eine Schlüsselrolle in der Barschel-Affäre.

Gert Postel besuchte die Hauptschule und schloss eine Ausbildung zum Postboten ab. Postel hat später behauptet, dass seine Mutter an einer Fehlbehandlung wegen Depression gestorben und auch er selbst für kurze Zeit in der Jugendpsychiatrie gewesen sei.

Solche Angaben sind bei einem Hochstapler allerdings immer mir Vorsicht zu geniessen und können immer auch der Selbstrechtfertigung dienen. Postel behauptet, dass daraus später die Absicht entstanden sei, die Psychiatrie als „heiße Luft“ zu enttarnen.

Obwohl er niemals ein Medizinstudium absolviert hatte, bewarb sich Postel unter dem Namen Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy im September 1982 um die Stelle des stellvertretenden Amtsarztes in Flensburg und wurde eingestellt.

Auf die Frage, worüber er promoviert hätte, antwortete Postel „Über die Pseudologia phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Felix Krull nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann und die kognitiv induzierten Verzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung“.

Durch einen Zufall – er verlor eine Geldbörse mit zwei Ausweisen, die auf unterschiedliche Namen ausgestellt waren – wurde im April 1983 seine wahre Identität festgestellt und Postel aus dem Dienst entfernt.

1984 erhielt er wegen mehrfacher Urkundenfälschung, missbräuchlichen Führens akademischer Titel sowie der Fälschung von Gesundheitszeugnissen eine Bewährungsstrafe.

Weitere Anstellungen als Arzt folgten, u. a. in der Privatklinik von Julius Hackethal und als Stabsarzt bei der Bundeswehr.

Postel gelang es, nachdem er sich in Münster für ein Studium der katholischen Theologie eingeschrieben hatte, durch Fürsprache des damaligen Münsteraner Bischofs am 1. Mai 1991 von Papst Johannes Paul II. in Rom in Privataudienz empfangen zu werden. Das Photo mit Johannes Paul II. ziert denn auch die erste Seite seines Buches “Doktorspiele“.

Nach einem kurzzeitigen Studium der Theologie gelang Postel im November 1995 erneut eine Rückkehr in den medizinischen Dienst. Unter seinem eigenen Namen trat er als Dr. Postel die Stelle eines Leitenden Oberarztes im Fachkrankenhaus für Psychiatrie Zschadraß bei Leipzig an.

Postel verfertigte in dieser Funktion psychiatrische Gutachten und hielt Vorträge vor Medizinern, ohne dabei Verdacht zu erregen. Am 10. Juli 1997 wurde er zufällig von einer Mitarbeiterin erkannt und tauchte unter. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits der Termin für ein Vorstellungsgespräch beim Sächsischen Staatsminister für Soziales, Gesundheit und Familie, Hans Geisler, anlässlich Postels Berufung auf eine C3-Professur und Ernennung zum Chefarzt und Klinikdirektor im Sächsischen Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Arnsdorf fest.

Da es Postel unter anderem um die Enttarnung der Psychiatrie als Halb- und Pseudowissenschaft geht, nimmt die Beschreibung seiner Tätigkeit in der Psychiatrie Zschadraß bei Leipzig den größten Raum in diesem Buch ein.

Die Zustände, die Postel für diese ostdeutsche Psychiatrie beschreibt, sind ziemlich haarsträubend.

Das Interessanteste an dieser Sache sind aber nicht die Zustände in einer ostdeutschen Psychiatrie sondern die Tatsache, dass nie Verdacht an Postels Kompetenz aufkam und er in der ganzen Zeit die besten Arbeitszeugnisse erhielt.

Wie erklärt sich das? Ganz einfach: Die Psychiatrie ist ein Fach, in dem kein zuverlässiges Diagnosemittel zur Verfügung steht. Man kann nicht, wie zum Beispiel bei Diabetes, den Blutzucker messen.

Man kann also den Patienten nicht in den Kopf schauen. Man kann die Patienten nur befragen, wie es ihnen geht und warum sie sich auf eine bestimmte Art Verhalten (die oft auch auffällig sein mag. Ob dieses auffällige Verhalten begründet ist, oder nicht, ist eine ganz andere Frage).

Diese Aussagen der Patienten selbst müssen dann vom Arzt interpretiert werden. Oft ist die Fragestellung der Psychiater dabei schon tendenziös. Noch schlimmer ist aber, dass die Interpretation der Antworten des Patienten völlig aleatorisch und ganz vom Arzt abhängig ist.

Natürlich gibt es noch die Standardbeschreibungen der Krankheiten im ICD-10. Der ICD-10 wird aber selbst jedes Jahr verändert und ist keineswegs ein objektives Regelwerk für die vorhandenen Krankheiten. So werden dauernd Krankheiten gestrichen oder eben neue dazu gefunden.

Ein lustiges Beispiel hierzu: Paul Watzlawick hat mal in einem Vortrag erklärt, wie man Anfang der 90er-Jahre (genau: Im Jahre 1992) Millionen Menschen auf einen Schlag “geheilt” hat, indem man die Homosexualität als psychiatrisch zu diagnostizierende sexuelle Deviation damals definitiv aus dem ICD-10 gestrichen hat.

Damit waren Menschen, die jahrhundertelang als “krank” und “pervers” galten, mit einem Schlag aus psychiatrischer Sicht “gesund” und “normal”. Und mit den anderen “psychiatrischen” Krankheiten ist es manchmal ähnlich.

Watzlawick als Konstruktivist war natürlich ein Skeptiker gegenüber jeder Form von “Wahrheit” und “Objektivität”, und als Psychologe nahm er sein eigenes Fach, die Psychologie und Psychiatrie, hiervon nicht aus.

Warum also konnte Postel alle Kollegen ebenso wie die Patienten und die übergeordneten Ministerien täuschen? Weil es ein Hochstapler auf dem Gebiet der Psychiatrie enorm einfach hat. Es gibt keine wirksamen hirnorganischen Untersuchungsmethoden und die Aussagen der Patienten sind beliebig interpretierbar. Die verwendeten Medikamente beschränken sich in der Praxis auf eine Handvoll bewährter Psychopharmaka, die man dann standardmässig einsetzen kann.

Als “Arbeitsmittel” genügt hier im Prinzip der Benkert-Hippius (Kompendium der psychiatrischen Pharmakotherapie) vollkommen.

In solch einem Handbuch kann man auch schnell nachschlagen, welche Medikamente bei welcher Diagnose standardmässig eingesetzt werden.

Der Grund, warum Postel sich ausgerechnet um die Stelle eines Amtsarztes oder Psychiaters beworben hat, ist vielleicht weniger dem von seiner Familiengeschichte her bedingten Rachebedürfnis an der Psychiatrie zu verdanken als der Tatsache, dass es in diesem Bereich ein Hochstapler enorm einfach hat und er selbst dann als guter Psychiater dastehen kann, wenn er von der ganzen Materie nur oberflächlich Ahnung hat.

Zum Vergleich: Wäre die Mutter Postels an der Fehlbehandlung eines Chirurgen verstorben oder Postel in seiner Jugend Opfer von misslungenen chirurgischen Behandlungen geworden, so hätte er sich trotzdem kaum an der Chirurgenzunft rächen können. Schon bei der ersten Operation durch den Hochstapler Postel wäre nach wenigen Minuten allen im Operationssaal Anwesenden klar geworden, dass er kein Chirurg ist und seine Patienten hätten seine Hochstapelei mit großer Sicherheit mit dem Leben bezahlt, zumindest bei komplizierteren Operationen.

Es wird wohl kaum jemals einen Hochstapler geben, der erfolgreich als Chirurg durchgekommen wäre. Man braucht hier ein sehr solides medizinisches und handwerkliches Wissen, das man nur durch gründliches Studium erwerben kann und nicht durch die flüchtige Lektüre eines Handbuches.

Nun, wie jeder Hochstapler wurde auch Postel am Ende enttarnt. Gert Postel wurde am 12. Mai 1998 in Stuttgart festgenommen und im Jahre 1999 vom Landgericht Leipzig wegen mehrfachen Betruges und Urkundenfälschung zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt.

Nach seiner vorzeitigen Entlassung im Januar 2001 veröffentlichte Gert Postel sein Buch “Doktorspiele“. Das Buch ist übrigens nicht schlecht geschrieben und witzig, auch wenn der Narzissmus Postels ein Stück weit spürbar ist. Postel ist auf seine Husarenstücke natürlich mächtig stolz, vielleicht nicht ganz zu Unrecht, das Hochstapeln ist auch eine Kunst und erfordert sehr gute Nerven.

Für manche Leute aus der Antipsychiatrie-Bewegung wurde Postel dadurch zum Helden. Für mich selbst gilt das nicht, Postel ist für mich im Prinzip ein Verbrecher und taugt daher nicht als Vorbild für eine ernsthafte Antipsychiatriebewegung.

Meine Vorbilder sind psychiatriekritische Philosophen wie Michel Foucault und Psychiater wie zum Beispiel Ronald D. Laing und Franco Basaglia, die versucht haben, die psychiatrische Praxis gemäß den Erkenntnissen der Antipsychiatrie-Bewegung zu verändern.

Aber Postels Fall ist insofern sehr lehrreich, als er zeigt, wie leicht es ein Hochstapler im Bereich der Psychiatrie und wie wenig hartes wissenschaftliches Fundament dieses Fach immer noch hat.

Daher sollte der Fall Postel jedem zu denken geben, der an eine vermeintlich “wissenschaftliche” Psychologie oder Psychiatrie glaubt. Tatsächlich ist an der Psychologie und Psychiatrie so gut wie nichts wissenschaftlich, beziehungsweise was wissenschaftlich daran ist, ist so dürftig, dass es von jedem Hochstapler schnell gelernt und erfolgreich angewendet werden kann.

Der Fall Postel sollte jeden nachdenklich stimmen, der meint, ein psychiatrisches oder psychologisches Gutachten jedwelcher Art enthalte irgendeine klar fixierbare und messbare, objektive Wahrheit.

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Frédéric Beigbeders “99 francs” (2000) revisited

Ein Buch, das ich in letzter Zeit ebenfalls wiedergelesen habe, ist Frédéric Beigebeders grober Hammer “99 francs” aus dem Jahre 2000, in der deutschen Übersetzung “Neununddreißigneunzig” (im Jahre 2001 in Deutschland erschienen).

Ich habe seinerzeit auch die Verfilmung des Romans mit dem Titel “39,90” von Jan Kounen im Jahre 2007 angeschaut, die übrigens tatsächlich gelungen ist.

Frédéric Beigbeder wurde 1965 als Sohn eines Personalberaters und einer Übersetzerin, Nachfahrin des Adelshauses de Chasteigner, im Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine geboren. Durch die frühe Scheidung seiner Eltern entwickelte er eine starke Bindung zu seinem Bruder, Charles Beigbeder, einem französischen Unternehmer der Energiewirtschaft und Ritter der Ehrenlegion.

Beigbeder studierte an der Sciences Po Paris Politikwissenschaft und wurde nach der Veröffentlichung seines ersten Romans “Memoiren eines Sohnes aus schlechtem Hause” von der international tätigen Werbeagentur Young & Rubicam engagiert. Dort arbeitete er zehn Jahre als Texter und Conceptioner, als hochbezahlte sogenannte “Kreativkraft“.

Mit der Veröffentlichung seines Romans Neununddreißigneunzig (99 francs) wurde er über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt und zugleich zu einem der Stichwortgeber für die Kritik an einem auch durch die Werbeindustrie zunehmend totalitär werdenden Kapitalismus. Weitere Romane folgten. 1994 rief er den Prix de Flore für junge Autoren (benannt nach dem berühmten Café Flore in St.-Germain-des-Prés) ins Leben, zu dessen Preisträgern Michel Houellebecq und Virginie Despentes zählen, beide übrigens wir er auch Skandalautoren, für die der Tabubruch Teil einer Marketingstrategie ist. 2009 erhielt Beigbeder für sein Werk “Un roman français” den Prix Renaudot.

Worum geht es in “Neuundreißigneunzig“? Nun, wie der Roman “Ausweitung der Kampfzone” von Michel Houellebecq trägt auch dieser Roman stark autobiographische Züge (siehe hierzu meinen vorhergehenden Blogeintrag: “Michel Houellebecqs `Ausweitung der Kampfzone´ revisited”).

Tatsächlich war es auch sein Freund Michel Houellebecq der Frédéric Beigbeder aufforderte, als dieser bei der Werbeagentur Young & Rubicam angestellt war, einen Roman über das zu schreiben, was hinter den Kulissen der Werbeindustrie vor sich geht.

Beigbeder schrieb diesen Roman also mit geballtem Insiderwissen und übrigens in der festen Absicht, gekündigt zu werden. Das gelang ihm auch. Sofort nach Erscheinen des Romans wurde Beigbeder gefeuert.

Der Titel 39,90 steht für den Verkaufspreis von DM 39,90 für die deutsche Erstausgabe (in Frankreich wurde der Roman erst für 99 francs verkauft, daher der Originaltitel: 99 francs)

Der Roman erzählt die Geschichte Octave Parangos, der in der Werbebranche als sogenannter Kreativer – er selbst nennt sich “Weltverschmutzer” – tätig ist. Octave schildert die durch seine Tätigkeit völlig ungut gewordenen Gefühle gegenüber der Konsumwelt und der Verantwortungslosigkeit der Werbeindustrie.

Octave geht immer wieder auf seinen vermeintlichen Traumjob ein, den er nur durch den exzessiven Kokainkonsum, käufliche Liebe und viel destruktiven Zynismus ertragen kann. Seine schwangere Frau Sophie vernachlässigt er, bis sie ihn verlässt.

Letztlich schafft es Octave trotz seiner Provokationen nicht, gekündigt zu werden. Im Gegenteil, nach dem Tod seines Vorgesetzten Marc Marronnier wird er sogar befördert. Mit einem Werbespot gewinnt er außerdem den Goldenen Löwen in Cannes. Beim Dreh des Spots in Florida tingelt Octave mit seinen Kollegen durch das Nachtleben von Miami. Aus Langeweile oder Überdruss dringen sie schließlich in die Villa einer Rentnerin ein, foltern und töten sie. Der Mord wird von Überwachungskameras gefilmt, die Täter werden identifiziert und schließlich bei der Preisverleihung in Cannes verhaftet. Octaves Erzählung endet im Gefängnis.

Im letzten Kapitel erfährt der Leser, dass Octaves ehemaliger Vorgesetzter Marc Marronnier nicht tot ist, sondern sich nur in die Karibik abgesetzt hat. Er lebt dort zusammen mit der ehemaligen Freundin Octaves Sophie und ihrer Tochter auf einer Insel von Aussteigern.

In sechs Kapiteln durchleuchtet der Ich-Erzähler die Werbebranche und prangert die einhergehende Dekadenz des Geschäfts an. Die Handlungs des Buches steht im Hintergrund, franst gegen Ende des Romans auch zunehmend aus. Der Erzähler versucht deutlich zu machen, dass die heutige Werbeindustrie nach den Mechanismen der Propaganda totalitärer Staaten funktioniere.

Das erste Motto, das Beigbeder seinem Buch voranstellt, ist zugleich das Programm des Buches: “Es gibt natürlich keinen Grund, warum der neue Totalitarismus dem alten gleichen sollte. Ein Regieren mittels Knüppeln und Exekutionskommandos, mittels künstlicher Hungersnöte, Massenverhaftungen und Massendeportationen ist nicht nur unmenschlich (darum schert sich heutzutage niemand viel); es ist nachweisbar leistungsunfähig – und in einem Zeitalter fortgeschrittener Technik ist Leistungsunfähigkeit die Sünde wider den Heiligen Geist. Ein wirklich leistungsfähiger totalitärer Staat wäre ein Staat, in dem die allmächtige Exekutive politischer Machthaber und ihre Armee von Managern eine Bevölkerung von Zwangsarbeitern beherrscht, die zu gar nichts gezwungen zu werden brauchen, weil sie ihre Sklaverei lieben. Ihnen die Liebe zu ihr beizubringen ist in heutigen totalitären Staaten die den Propagandaministerien, den Zeitungsredakteuren und Schullehrern zugewiesene Aufgabe” (Aldous Huxley, Schöne neue Welt, neues Vorwort 1946).

Um diese These zu belegen, greift der Erzähler Auswirkungen von realen Werbekampagnen auf und vergleicht sie mit der Propaganda zum Beispiel des Nationalsozialismus, und zitiert Goebbels, dessen Strategien der Massenbeeinflussung auch in der heutigen Werbung Verwendung fänden.

Die Sprache des Romans ist direkt, reißerisch und plakativ, wie die Werbung selbst: Die ideale Konsumentin einer fiktiven Joghurt-Marke des Romans wird als „Mongoloide unter 50“ bezeichnet. Der Protagonist Octave, der als ehemaliger Idealist zu einem frustrierten Beobachter der Werbeindustrie geworden ist, gerät im Verlauf des Romans in den Hintergrund und man erlebt ihn nur mehr als Teil der Werbemaschinerie.

Natürlich landet auch Octave irgendwann mal in der Psychiatrie. Dort lernt er Insassen mit abenteuerlichen (natürlich fiktiven und sarkastisch ausgestalteten) psychischen Krankheiten kennen: “So erzählt ihm sein Flurnachbar, es sei aidophil (eine neuartige sexuelle Perversion). `Ich hab Weiber aufgenommen, die sich von einem positiven Kumpel ohne Gummi haben poppen lassen. Die wussten natürlich von nichts. Dann hab ich sie aus einem Versteck heraus dabei gefilmt, wie sie ihre Testergebnisse abgeholt haben. Mein Höhepunkt war der Moment, wo sie begriffen haben, dass sie positiv sind. Wenn sie den Umschlag aufgerissen haben, hab ich abgespritzt. Die Aidophilie ist meine Erfindung. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie geil das war, wenn sie mit ihrem Wisch mit dem “HIV+” drauf aus dem Labor gekommen sind und losgeheult haben. Aber als die Bullen meine Kassetten konfisziert haben, war Schluss mit lustig. Sie haben mich in den Knast gesteckt und dann hier rein. Ich sterbe sowieso bald. Aber hier gehts mir gut (…)´.

Breiten Raum nehmen in diesem Roman auch die ironisch ausgestalteten fiktiven Werbespots ein, die von den “Kreativkräften” auf den Meetings präsentiert werden: “Gut, ja, also: Wir befinden uns am Strand von Malibu, Kalifornien. Herrliches Wetter. Zwei hinreißende Blondinen im roten Badeanzug laufen über den Strand. Sagt die eine: `Die onomastische Exegese sieht sich dem Widerruf durch die Hermeneutik ausgesetzt´. Antwortet die andere: `Man sollte sich jedoch hüten, in ontologische Paronomasie zu verfallen´. Auf dem Ozean brüllen sich währenddessen zwei braun gebrannte Surfer an: `Weißt du, dass Nietzsche in `Ecce Homo´ eine total hedonistische Eloge auf das Schwimmen verfasst hat?´ Der andere, ziemlich wütend: `Überhaupt nicht, er vertritt nur das Konzept der `Großen Gesundheit´ als allegorischen Solipsismus!´ Zurück zum Strand, wo die beiden Mädchen jetzt mathematische Gleichungen in den Sand malen. Dialog: `Wenn man als Hypothese annimmt, dass die Kubikwurzel aus x in Funktion des Unendlichen variiert….´. `Ja´, sagt die andere, `dann musst du das Ganze, das zur Asymptote strebt, nur noch gliedern´. Die Aufnahme eines Maigrelette-Bechers (Maigrelette ist der fiktive Joghurt einer grossangelegten Joghurt-Kampagne in diesem Roman) beendet den Film. Super: `Maigrelette. Schlank macht schlau´”.

Und so geht es in diesem Roman munter weiter. Das Ganze ist in seiner hammerartigen Brutalität und Derbheit eigentlich mehr am amerikanischen Skandalautor Bret Easton Ellis, vor allem seinem “American Psycho” und den Protagonisten seines Romans aus der Modewelt “Glamorama” dran (tatsächlich ist der “Werbepsycho” Octave Parango dem Protagonisten von “American Psycho” Patrick Bateman ein Stück weit ähnlich) als an Michel Houellebecq, dessen Stil und Beschreibungen ein Stück weit sensibler und wehmütiger sind.

Natürlich handelt es sich hier um kein grosses, klassisches Romanwerk, sondern um marketingstrategisch durchdachten Edeltrash und eine Brutalparodie auf die Werbeindustrie und den fortgeschrittenen Kapitalismus (mit dem Titel “99 francs” nimmt Beigbeder auch seine eigene Marketingstrategie kräftig auf die Schippe).

So aberwitzig dieser Roman auch ist, Fritz Göttler traf in einer Rezension in der “Süddeutschen” im Jahr 2001 den Nagel auf den Kopf: Göttler fand eigentlich, dass das Buch als “Satire zu verspielt” und als philosophisches “Pamphlet zu banal” ist. Und dennoch bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass der Roman “funktioniert”, was nach seiner Ansicht an dem munteren Mischen verschiedener Genres liegt. Um so faszinierender scheint er es zu finden, dass das Schreiben Beigbeders “moralisch affiziert” ist, und keineswegs nur “Ikonoklasmus” von überkommenen Werten darstellt, wie er betont.

So sehr also auch Beigbeder eine Marketingsstrategie vefolgt, hat er mit diesem Roman, wie Göttler zurecht bemerkt, doch auch massiv ein moralisches Anliegen.

Am Anfang von Kapitel 4 seines Roman legt er dieses Anliegen offen dar: “Eine kleine Klarstellung: Ich werde hier keine Selbstkritik üben und keine öffentliche Psychoanalyse betreiben. Ich schreibe eine Beichte, abgelegt von einem Kind dieses Jahrtausends. Und wenn ich den Begriff `Beichte´ verwende, dann im katholischen Sinne des Wortes. Bevor ich mich aus dem Staub mache, will ich meine Seele retten. Denn es wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen (Lukas 14.15). Der Einzige, mit dem ich noch einen unbefristeten Vertrag abschließe, ist Gott.”

Tatsächlich verweist also der Romantitel “99 francs” genau auf diese Bibelstelle. In der Einheitsübersetzung (Lukas 15,7): “Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, umzukehren“.

Dieser Roman ist kein Geniestreich wie Houellebeqs “Ausweitung der Kampfzone“, aber eine zornige und engagierte Abrechnung mit der Werbeindustrie, in der Beigbeder jahrelang als hochbezahlter Kreativer seine Arbeit verrichtete, bis er von diesem miesen “Business” genug hatte. Die Wiederbegegnung mit diesem Roman hat sich für mich mehr als nur gelohnt.

Creative Commons Lizenzvertrag Frédéric Beigbeders “99 francs” (2000) revisited Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

Michel Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone” (1994) revisited

In den letzten Tagen habe ich nach längerer Zeit (ich las seinerzeit den Roman kurz nachdem er in deutscher Übersetzung herauskam) nochmals Michel HouellebecqsAusweitung der Kampfzone” von 1994 (deutsche Übersetzung 1999) durchgelesen.

Der 1956 als Michel Thomas auf der Insel Réunion geborene Franzose Michel Houellebecq lebt heute in Irland und auf Lanzarote. Houellebecq lehrt an der European Graduate School in Saas-Fee.

Sein Vater, ein Hochgebirgsführer, und seine Mutter, eine Anästhesistin, beschlossen früh, Michel zu den Großeltern mütterlicherseits im seinerzeit noch französischen Algerien zu geben. Die Eltern befanden sich in einer Beziehungskrise und ließen sich scheiden, als seine Mutter von einem anderen Mann schwanger wurde. Mit sechs Jahren kam Michel zu seiner Großmutter väterlicherseits, einer Kommunistin, deren Geburtsnamen er später als Künstlernamen wählte. Der Umzug ins Pariser Umland bedeutete für ihn den Wechsel auf ein Internat in Meaux.

Nach dem baccalauréat besuchte er am Pariser Lycée Chaptal die Vorbereitungsklassen für technische Hochschulen (Grandes Écoles).

1975 wurde er zum Studium am Institut national agronomique Paris-Grignon (INA P-G) zugelassen. Hier gründete er nebenher die kurzlebige Literaturzeitschrift Karamazov, für die er einige Gedichte schrieb, und versuchte sich im Drehen eines Films, Cristal de souffrance (Leidenskristall).

1978 beendete er das Studium als diplomierter Landwirtschaftsingenieur. Statt jedoch berufstätig zu werden, bewarb er sich mit Erfolg um einen Studienplatz in der Sektion Film (Cinématographie) der École nationale supérieure Louis Lumière, die er 1981 aber vor dem Abschluss verließ.

1980 heiratete er die Cousine seines besten Freundes, ein Jahr später wurde sein Sohn Étienne geboren. Dieses Ereignis konnte Houellebecq nicht verkraften: Er war stellungslos, hatte Eheprobleme und litt an Depressionen. Er trennte sich von seiner Frau und begab sich in psychiatrische Behandlung.

1983 bekam er eine Stelle als Informatiker in einer Firma und wechselte später ins Landwirtschaftsministerium. Diese Zeit von rund drei Jahren verarbeitete er später in seinem Romanerstling “Ausweitung der Kampfzone”, der allerdings nicht rein autobiographisch ist, sondern seine persönlichen Erfahrungen zugleich frei und künstlerisch ambitioniert verarbeitet.

Neben der Berufstätigkeit schrieb er Gedichte, Kritiken und Rezensionen. Er kam mit verschiedenen Leuten im Pariser Literaturbetrieb in Kontakt und widmete sich schließlich ganz der Schriftstellerei. 1991 erschienen sein Essay H.P. Lovecraft und sein Gedichtband Rester vivant, dem 1992 der Band La Poursuite du bonheur folgte. Im selben Jahr lernte er seine heutige Ehefrau Marie-Pierre Gauthier kennen.

Vor allem aufgrund der Anfeindungen der französischen Kritik nach seinem zweiten Roman, Elementarteilchen von 1998, zog sich Houellebecq mit seiner Frau nach Irland zurück. Seit 2003 haben sie ein Haus in Südspanien, in der Nähe von Almería.

In seinem frühen Essay H. P. Lovecraft, contre le monde, contre la vie, 1991 (Gegen die Welt, gegen das Leben, 2002), setzte er sich mit Leben und Werk des amerikanischen Kultautors der phantastischen Literatur H.P. Lovecraft auseinander.

Aber erst mit seinen Romanen Extension du domaine de la lutte 1994 (Ausweitung der Kampfzone, 1999) und vor allem Les Particules élémentaires, 1998 (Elementarteilchen, 2001), die beide verfilmt wurden, erreichte er nationale und internationale Bekanntheit. Der dritte Roman, Plateforme, 2001 (Plattform) und der vierte, La Possibilité d’une île, 2005 (Die Möglichkeit einer Insel) waren gleich bei ihrem Erscheinen Erfolge.

Sie wurden mit den Literaturpreisen Prix Novembre bzw. Prix interallié ausgezeichnet und noch im Erscheinungsjahr in mehrere Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt.

In seinen meist in der Ich-Form erzählten Romanen zeichnet Houellebecq, ähnlich wie sein Freund Frédéric Beigbeder, das Bild einer sinnentleerten, narzisstischen westlichen Konsumgesellschaft. Seine Protagonisten leiden unter ihrer Egozentrik, ihrem Unerfülltsein und ihren Schwierigkeiten, in einer kontakt- und gefühlsgehemmten Gesellschaft menschliche Nähe und gegenseitige Hingabe zu erleben. Insbesondere die sexuelle Frustration erscheint als ein Leitmotiv. Eine von Houellebecqs Spezialitäten, die besonders in Plateforme zum Tragen kommt, besteht darin, regelmäßig halb- bis anderthalbseitige Sexszenen in die Handlung einzufügen. Hierbei werden die Vorgänge teils sachlich, teils einfühlsam dargestellt.

Ein anderes Merkmal sind die ebenfalls oft eingefügten essayistischen, zeitkritischen oder populärwissenschaftlichen Betrachtungen. Insgesamt ist Houellebecqs Sprache schnörkellos und präzise; sein Erzählstil wirkt nüchtern und beiläufig.

Houellebecqs drei Lyrikbände sind im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt geblieben, ebenso seine Essays (einige 2001 wiederveröffentlicht in Die Welt als Supermarkt), die in der internationalen Presse (u. a. Die Zeit) und in namhaften Literaturzeitschriften (u. a. L’Atelier du roman, Paris) erschienen sind.

Houellebecqs Romane werden häufig kritisiert wegen bestimmter Passagen, die den Autor als Rassisten, Frauenhasser, Reaktionär oder Religions- (meist Islam-) Feind erscheinen lassen. Auch hat der als „nouveau réactionnaire“ diffamierte Houellebecq selbst wenig getan, um negative Vorstellungen über sich zu relativieren, vielmehr hat er diesen Provokationen in seinen Interviews oft noch ostentativ eins draufgesetzt.

Aber wie für seinen französischen literarischen Weggefährten Frédéric Beigbeder und sein amerikanisches Pendant Bret Easton Ellis ist für ihn der Skandal zunächst Teil einer Strategie, sich auf dem literarischen Markt zu behaupten. Indem er jedoch die Befindlichkeit innerhalb einer vom globalisierten Kapitalismus regierten Lebenswirklichkeit zugespitzt artikuliert, gelangt er in die Position eines Mahners, der auf die tieferen Ursache für das weitverbreitete Gefühl der Ohnmacht in unserer Gesellschaft verweist.

Über die Qualität der Romane von Houellebecq lässt sich streiten. Seinen neuesten Roman “Karte und Gebiet” habe ich noch nicht gelesen, alle anderen aber schon. “Plattform” ist relativ schwach (von der Provokation des vom Protagonisten ostentativ ausgelebten Sextourismus´ mal abgesehen), “Die Möglichkeit einer Insel”, dessen Thematik an die Spinnereien der Rael-Bewegung angelehnt ist, ist meiner Meinung sogar sehr schwach.

Diese Romane hätten meiner Meinung nach keine Preise verdient.

Elementarteilchen“, der sich um das Leben der fiktiven Brüder Bruno und Michel dreht, ist ein gutgeschriebener und interessanter Roman, den ich gerne gelesen habe.

Das eigentliche Meisterwerk von Houellebecq aber, durch den der Autor auf einen Schlag berühmt wurde, ist “Ausweitung der Kampfzone“. Insgesamt wurde das Buch in über 20 Sprachen übersetzt und mit dem Grand Prix national des lettres sowie dem Prix Flore für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet.

Der Roman erzählt das Leben eines 30-jährigen Ich-Erzählers (ein “alter ego” Houellebecqs), der als gut bezahlter Informatiker in einem Pariser Software-Unternehmen arbeitet. Seine spärlichen und beschränkten sozialen Kontakte ergeben sich nur aus seinem Beruf, die Wochenenden verbringt er in der Regel völlig allein. Seine letzte intime Beziehung zu einer Frau liegt mehr als zwei Jahre zurück.

Er wird von seiner Firma abkommandiert, die Einführungen in eine neue Software für das Landwirtschaftsministerium zu übernehmen. Zusammen mit seinem Kollegen Tisserand muss er dazu drei Reisen in die Provinz unternehmen.

Tisserand brüstet sich unentwegt mit Frauengeschichten, die er gar nicht erlebt hat, weil er unattraktiv ist und alle Frauen die Flucht ergreifen, sobald er in ihre Nähe kommt. Obwohl er sich nach eigenen Angaben mit seinem Gehalt jede Woche eine Prostituierte leisten könnte, hat er noch keinerlei sexuelle Erfahrungen.

In La Roche-sur-Yon, der dritten Station des Teams, dreht der frustrierte Tisserand langsam durch. Der Erzähler bietet ihm an, mit ihm zusammen den Weihnachtsabend in einer Diskothek in Les Sables-d’Olonne zu verbringen; Tisserand willigt ein. Der Erzähler sieht sich eine Weile das aussichtslose Werben Tisserands um ein Mädchen an, das aussieht wie die Exfreundin des Erzählers. Doch Tisserand wird ziemlich bald von einem jungen Schwarzen ausgestochen, mit dem das Mädchen wenig später die Disco verlässt.

Der Erzähler überzeugt Tisserand davon, dass dieser niemals das Herz und den Körper einer Frau besitzen wird, aber durch einen Mord immerhin ihr Leben und ihre Seele besitzen kann. Sie fahren dem Pärchen nach, das sich zum Sex an den Strand zurückzieht. Tisserand verfolgt sie mit einem Messer, bringt den Mord dann aber doch nicht über sich. In der selben Nacht fährt er zurück nach Paris und stirbt bei einem Verkehrsunfall.

Mit dem Erzähler geht es daraufhin auch bergab, er sitzt tagelang nur noch in seiner Wohnung. Nachts hat er Alpträume. Silvester will er im Heimatdorf seiner Eltern in Südfrankreich verbringen. Er kommt bis Lyon, wo er die Nacht im Bahnhof zwischen Junkies und Obdachlosen verbringt. Am nächsten Morgen fährt er zurück nach Paris. Schließlich begibt er sich in psychiatrische Behandlung, wo bei ihm eine Depression diagnostiziert wird. In der letzten Szene des Romans fährt er unter Aufbietung all seiner Kräfte mit dem Fahrrad in den Forst von Mazas, der im Gebirge liegt: “Ich fahre noch etwas tiefer in den Wald hinein. Auf der anderen Seite dieses Hügels, sagt die Karte, sind die Quellen der Ardéche. Das interessiert mich nicht mehr; ich fahre trotzdem weiter. Und ich weiß nicht mal mehr, wo die Quellen sind; alles ist jetzt einander gleich. Die Landschaft ist jetzt so sanft, so freundlich und froh, dass mir die Haut wehtut. Ich bin mitten im Abgrund. Ich spüre meine Haut wie eine Grenze; die Außenwelt ist das, was mich zermalmt. Heilloses Gefühl der Trennung; von nun an bin ich ein Gefangener in mir selbst. Die sublime Verschmelzung wird nicht stattfinden; das Lebensziel ist verfehlt. Es ist zwei Uhr nachmittags“.

Die zentrale Stelle des Romans ist die, in der dem Leser erklärt wird, was mit der “Ausweitung der Kampfzone” gemeint ist. Tatsächlich dreht sich der Roman nur um den Kampf der Menschen in der Gesellschaft um Status, Geld und Sex. Tatsächlich sind diese ja auch die Hauptversprechungen des neoliberalen Kapitalismus für diejenigen Mitglieder der Gesellschaft, die bereit sind, sich der geforderten “rat race” im System zu stellen.

Houellebecq in Kapitel acht von “Ausweitung der Kampfzone”: “Der Sex, sagte ich mir, stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist; und es funktioniert mindestens auf ebenso erbarmungslose Weise. Auch die Wirkungen dieser beiden Systeme sind genau gleichartig. Wie der Wirtschaftsliberalismus – und aus analogen Gründen – erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung. Manche habe täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf- oder sechsmal in ihrem Leben oder überhaupt nie. Manche treiben es mit hundert Frauen, andere mit keiner. 

Das nennt man “Marktgesetz”. In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen.

In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend.

In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige  ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt.

Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. (…). Manche gewinnen auf beiden Ebenen; andere verlieren auf beiden. Die Unternehmen kämpfen um einige wenige Jungakademiker; die Frauen kämpfen um einige wenige junge Männer; die Männer kämpfen um einige wenige Frauen. Das Maß an Verwirrung und Aufregung ist beträchtlich”. 

Dies ist die Grundeinsicht des Romans, und die verschiedenen Situationen im Roman exemplifizieren und unterstreichen diese Grundeinsicht, die dem Roman zugleich als Titel dient.

Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone” ist ein kleiner Geniestreich und eine Abrechnung mit dem Kapitalismus und der “Sexuellen Revolution“, die letztendlich die Statuskämpfe in unserer Gesellschaft noch massiv verschärft hat und den Verlierern im System nicht nur auf ökonomischer, sondern zusätzlich noch auf sexueller Ebene den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ich kann euch diesen Roman nur wärmstens empfehlen, wenige heutige Schriftsteller haben ein so ehrliches und radikales Buch geschrieben wie dieses.

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