Die biologistische Psychiatrie: “Seelsorge” im Auftrag der Pharmaindustrie – 3

Der Psychiater und Psychotherapeut Fritz B. Simon – einer der fähigsten deutschen Spezialisten für systemische Therapie – betreibt einen Blog in der Website des Carl Auer-Verlags mit dem Titel “Simons Systemische Kehrwoche“.

Interessant ist unter anderem, was Fritz B. Simon zum Thema Pharmaindustrie und Karriere im psychiatrischen Bereich in einem seiner Blogartikel vom 4.10.2008 mit dem Titel “Psychiatrische Korruption” bemerkt:

Seit mehr als 20 Jahren ist die akademische Psychiatrie aus meiner Sicht ein ziemlich korruptes System. Das liegt daran, dass die Pharma-Industrie zu einem guten Teil die Karrieren aufstrebender Psychiater durch gut dotierte Drittmittelprojekte sponsort. Letztlich sind seit etlichen Jahren die meisten Ordinarien nicht mehr als habilitierte Pharma-Vertreter. Das ist einer der Gründe, warum die biologische Psychiatrie solch einen Aufschwung erlebt hat. Dies ist allerdings nicht nur ein deutsches Problem, sondern eines der ganzen westlichen Welt.

Gestern stand in der New York Times ein langer Artikel mit dem Titel “Top Psychiatrist Didn´t Report Drug Makers´ Pay” (3.10.2008) über die Verquickung der Interessen von angesehenen Uni-Psychiatern und Pharmafirmen. Es ging dabei um eine Kongresskomission, die diese Interessenkonflikte untersucht. Beispiel war ein Professor der Emory Universität, der sich persönlich mit Miilionen von Glaxo hat bezahlen lassen:

Niemandem, der sich auch nur ein paar Wochen in der universitären Psychiatrie aufhält, bleibt die Verquickung der Interessen der Pharmaindustrie und der dort tätigen Psychiater verborgen. Das fängt beim Sponsoring von Vortragsveranstaltungen an, setzt sich mit der Bezahlung der Teilnahme an Medikamenten-Studien fort und endet bei Kongressreisen ans andere Ende der Welt (mit Partner)”.

Die beiden (Sozial-)Psychiater und Psychotherapeuten Volkmar Aderhold und Dieter Lehmkuhl (mittlerweile im Ruhestand) haben im Jahre 2008 ein PDF zum Thema “Verhältnis Psychiatrie und Pharmaindustrie” ins WWW gestellt.

Dem Material dieses PDFs zufolge hat die Psychiatrie anscheinend schon seit längerem ihre Unabhängigkeit gegenüber der Pharmaindustrie verloren.

Welche massiven Interessenkonflikte im Falle der amerikanischen Psychiater vorliegen, wurde gerade auch in Zusammenhang mit der Erstellung des im Jahre 2013 neuerschienenen DSM-5 sichtbar.

Beim DSM handelt es sich um den sogenannten “Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“.

Zum Thema der Kritik am neuen DSM-5 siehe auch das Buch von Allen Frances “Normal” (2013):

Deutsch: Allen Frances, B. Schaden: NORMAL: Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen. Dumont Buchverlag; 1. Auflage (2013)

Englisch: Allen Frances, Saving Normal. An Insider’s Revolt Against Out-of-Control Psychiatric Diagnosis, DSM-5, Big Pharma, and the Medicalization of Ordinary Life. William Morrow; 1. Auflage (2013).

Im Wikipedia-Artikel zu Allen Frances erfahren wir unter anderem:

Allen James Frances (* 1942 in New York City) ist ein US-amerikanischer Psychiater, der den Vorsitz der Arbeitsgruppe innehatte, die die vierte Revision des Diagnostic and Statistical Manual (DSM-IV) durchgeführt hat und für seine Kritik an der aktuellen Version, der DSM-V bekannt wurde, dem Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen, einem Klassifikationssystem der American Psychiatric Association (US-amerikanische Psychiatrische Vereinigung). Der DSM entspricht die ICD-10. Er warnt davor, dass die Erweiterung der psychiatrischen Grenzen eine Inflation an psychiatrischen Diagnosen verursachen wird, die zu einer Übertherapie der „eingebildeten Kranken“ führt, wodurch die Psychiatrie nur vom eigentlichen Focus, nämlich der Behandlung der psychisch schwer Kranken abgelenkt wird”.

Die wachsende Diagnosenflut im Bereich der Psychiatrie ist vor allem auch der Pharmaindustrie dienlich. Denn wo eine Diagnose ist, muss auch eine Behandlung her. Und die ist im Bereich der biologistischen Psychiatrie immer medikamentös.

Im Klartext: Mehr Diagnosen = mehr Verschreibungen an Psychopharmaka = Mehr Profit für die Pharmaindustrie.

Zu den bei den Verfassern des im letzten Jahr neuerschienenen DSM-5 vorliegenden Interessenkonflikten lassen sich zahlreiche englischsprachige Artikel im WWW finden, zum Beispiel folgende

The Huffington Post: Allen Frances: Holding Psychiatry to a Much Higher Ethical Standard (22.1.2014)

ABC News: DSM-5 critized for Financial Conflicts of Interest (13.3.2012)

Medscape: APA Critized Over DSM-5 Panel Members´ Industry Ties (20.3.2012)

American Association of University Professors: Diagnosing Conflict of Interest Disorder (November-December 2010)

Siehe auch folgenden Artikel vom 7.5.2008 im Deutschen Ärzteblatt mit dem Titel “Psychiatrie: Häufige Interessenkonflikte der DSM-V-Autoren“.

Interessant ist auch die Tatsache, dass zumindest die US-Pharmaindustrie offensichtlich wesentlich mehr Geld für das Marketing als für die Forschung ausgibt. Auch in Europa wird es nicht viel anders sein.

Seht hierzu zum Beispiel den Artikel im “Deutschen Ärzteblatt” vom 7.1.2008 mit dem Titel “Studie: Pharmafirmen geben mehr Geld für Marketing als für Forschung aus“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem:

Nach einer Studie in Public Library of Science Medicine (2008; 5: e1) gibt die amerikanische Pharmaindustrie möglicherweise doppelt so viel Geld für das Marketing aus wie für die Entwicklung neuer Medikamente. Ein Großteil der Gelder fließt in kostenfreie Arzneimittelproben, die nach einer anderen Studien im American Journal of Public Health (2008, 10.2105/AJPH.2007.11424) keineswegs die ärmeren Bevölkerungsschichten erreicht, wie dies die Industrie behauptet. Seit etwa einem halben Jahrhundert steht die US-Pharmaindustrie wegen ihrer hohen Marketingausgaben in der Kritik. Tatsächlich nutzen die Hersteller ausgiebig die Möglichkeiten, den eigenen Marktanteil durch den Besuch von Pharmareferenten und die unentgeltliche Abgabe von Medikamentenproben zu steigern”.

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