Zur Geschichte der Psychiatrie: Die Psychiater, die Spießbürger und die Homosexuellen – 1

Sogenannte Außenseiter werden in unserer Gesellschaft oft zur Zielscheibe der Psychiater, die unsere Gesellschaft von vermeintlich asozialen, geisteskranken und angeblich gefährlichen “Elementen” säubern wollen.

Die Psychiater brauchen das Feindbild des vermeintlich gefährlichen Geisteskranken als eine taktisch-strategische Begründung für ihre bis heute oft mehr als zweifelhaften Methoden, zu denen wie seit jeher immer noch die psychiatrische Zwangsbehandlung gehört. Und dieses Feindbild gehört natürlich auch zum Geschäftsmodell der biologistischen Psychiatrie nach dem Motto: “Hier hilft nur noch der Medikamentenhammer“.

In der Regel kooperieren die Psychiater bei der Ermittlung eines für sie gerade günstigen und verwertbaren Feindbildes mit den konservativen Spießbürgern in ihren Gesellschaften. Die Psychiater brauchen schließlich auch eine gesellschaftliche Unterstützung in dem, was sie treiben. Insofern kommt in der Psychiatrie eines Landes vor allem immer auch der konservative Mainstream zum Ausdruck.

Nun, ein Außenseiter kann man in unserer Gesellschaft auf viele Weise sein. Man kann zum Beispiel auch in sexueller Hinsicht einer Minderheit angehören, wie zum Beispiel der Gruppe der Homosexuellen (sogenannte Schwule und Lesben).

Die Geschichte der Behandlung von Homosexuellen durch die Psychiater ist ein interessantes Thema.

Was die Kastration und Lobotomierung von Homosexuellen von den 1950er-Jahren bis in die 1970er-Jahre angeht, so seht hier zum Beispiel folgenden Blogartikel mit dem Titel “LGBT History: The Decade of Lobotomies, Castration and Institutions” in der Website des amerikanischen Bürgerrechtlers und Politik-Aktivisten David Mixner.

Besonders gefürchtet unter amerikanischen Homosexuellen war in jenen Jahren – wie auch David Mixner berichtet – anscheinend vor allem das kalifornische Atascadero State Hospital.

Seht zum Atascadero State Hospital auch das PDF “The Torture of Homosexuals – 1950s – 1980s” von Matthew Barry.

Mit welchen brutalen Mitteln – wie zum Beispiel Elektroschock-Therapie (Aversionstherapie) an den Genitalien  – Homosexuelle damals auch in den USA “behandelt” (?!) wurden, zeigt zum Beispiel ein Artikel vom 28.6.2013 von Jamie Scott mit dem Titel “Shock the Gay Away: Secrets of Early Gay Aversion Therapy Revealed (PHOTOS)in der “Huffington Post“.

Was die Lobotomierung von psychiatrischen Patienten – gerade auch von Homosexuellen – angeht, so tat sich damals in den USA anscheinend vor allem der Arzt und Psychiater Walter Freeman hervor, der offensichtlich auch Mitglied der “American Psychiatric Association” war.

Tatsächlich klassifizierte die WHO die Homosexualität bis 1992 als psychische Krankheit.

Ca. 40% der Patienten, die Walter Freeman anscheinend “wie am Fließband” lobotomierte, waren anscheinend Homosexuelle, wie Jamie Scott im obigen Artikel mit dem Titel “Shock the Gay Away: Secrets of Early Gay Aversion Therapy Revealed (PHOTOS)” berichtet.

Walter Freeman entwickelte die sogenannte “icepick lobotomy“. Mit dieser Technik soll er 2.500 Patienten lobotomiert haben.

Zur Lobotomierung von psychiatrischen Patienten und zum Fall Walter Freeman siehe auch den Artikel vom 1.8.2005 mit dem Titel “Frontale Lobotomie, eine Methode, die das Leben vieler Patienten zerstört hat” in der “Ärzte Zeitung“.

Was die (medikamentöse) Kastration von Homosexuellen angeht, so gibt es hier zum Beispiel den berühmten Fall des genialen Mathematikers, Logikers, Kryptoanalytikers und Informatikers Alan Turing (1912 – 1954).

Über Alan Turing erfahren wir im entsprechenden Wikipedia-Artikel: “Das von ihm entwickelte Berechenbarkeitsmodell der Turingmaschine bildet eines der Fundamente der theoretischen Informatik. Während des Zweiten Weltkrieges war er maßgeblich an der Entzifferung der mit der Enigma verschlüsselten deutschen Funksprüche beteiligt. Der Großteil seiner Arbeiten blieb auch nach Kriegsende unter Verschluss.

Turing entwickelte 1953 eines der ersten Schachprogramme, dessen Berechnungen er mangels Hardware selbst durchführte. Nach ihm benannt sind der Turing Award, die bedeutendste Auszeichnung in der Informatik, sowie der Turing-Test zum Nachweis künstlicher Intelligenz. (…)

1952 half der 19-jährige Arnold Murray, zu dem Turing eine gleichgeschlechtliche Beziehung hatte, einem Komplizen dabei, in Turings Haus einzubrechen. Turing meldete daraufhin einen Diebstahl bei der Polizei, die ihm als Folge der Ermittlungen eine sexuelle Beziehung zu Murray vorwarf. Da homosexuelle Handlungen zu dieser Zeit – wie in den meisten anderen (westlichen) Ländern – auch in England strafbar waren, wurde Turing wegen „grober Unzucht und sexueller Perversion“ angeklagt. Turing sah keinen Anlass, sich wegen dieser Vorwürfe zu rechtfertigen.

Nach seiner Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe wurde er vor die Wahl gestellt, die Haftstrafe anzutreten oder, da zu seiner Zeit Homosexualität von weiten Teilen der Psychiatrie als Krankheit angesehen wurde, sich behandeln zu lassen. Er entschied sich für die psychiatrische Behandlung, zu der auch eine medikamentöse Behandlung mit dem Hormon Östrogen gehörte. Östrogen wurde eine triebhemmende Wirkung zugeschrieben. Diese dauerte ein Jahr und führte zu Nebenwirkungen wie der Vergrößerung der Brustdrüse. Auch wenn er seine körperlichen Veränderungen mit Humor kommentierte, muss die Verweiblichung seiner Konturen den sportlichen Läufer und Tennisspieler schwer getroffen haben. Turing erkrankte an einer Depression.

1954 starb Turing, wahrscheinlich durch Suizid, an einer Cyanidvergiftung, dem Anschein nach von einem vergifteten Apfel herrührend, den man halb aufgegessen neben ihm auffand. Die Ermittler versäumten es jedoch, den Apfel auf Gift untersuchen zu lassen. Es wird berichtet, dass Turing seit 1938, nachdem er den Film „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ gesehen hatte, immer wieder die Verse „Dip the apple in the brew / Let the sleeping death seep through“ („Tauch den Apfel ins Gebräu / Lass den Schlaftod einziehen“) sang. Unter seinen Biographen ist die Annahme verbreitet, die psychiatrische Behandlung mit ihren Nebenwirkungen sei eine der Hauptursachen für den Suizid gewesen”.

Man kann sich vorstellen, dass wenn so etwas in den 1950er-Jahren sogar mit einem Genie wie Alan Turing gemacht wurde, der für die Alliierten unter anderem kriegswichtige Arbeit geleistet hatte (die deutsche Enigma-Verschlüsselungsmaschine!), die Zeiten damals für Homosexuelle wohl oft hart und gefährlich waren.

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