Zur Geschichte der Psychiatrie: Die Psychiater, die Spießbürger und die Homosexuellen – 2

Allerdings gibt es bis heute immer noch viele Weltgegenden, in denen Homosexuelle einer diskriminierenden Gesetzgebung und oft auch einer massiven Verfolgung ausgesetzt sind.

Seht hierzu zum Beispiel den Artikel vom 30.6.2013 mit dem Titel “Afrika: Homosexuelle müssen um ihr Leben fürchten im “Tagesspiegel“.

Seht hierzu auch den Artikel vom 1.7.2013 mit dem Titel “Homosexuelle in Russland: Putin betreibt staatliche Diskriminierung” in “Die Zeit“.

Zurück zum Fall Alan Turing: Über Alan Turing erfahren wir im entsprechenden deutschen Wikipedia-Artikel unter anderem: “Während des Zweiten Weltkriegs war Turing einer der herausragenden Wissenschaftler bei den erfolgreichen Versuchen in Bletchley Park, verschlüsselte deutsche Funksprüche zu entziffern. Er steuerte einige mathematische Modelle bei, um sowohl die Enigma– als auch Fish-Verschlüsselungen zu dechiffrieren. Die Einblicke, die Turing bei den Fish-Verschlüsselungen gewann, halfen später bei der Entwicklung des ersten digitalen, programmierbaren elektronischen Röhrencomputers ENIAC. Konstruiert von Max Newman und seinem Team und gebaut in der Post Office Research Station in Dollis Hill von einem von Thomas Flowers angeführten Team im Jahr 1943, entzifferte Colossus die Fish-Chiffren. Auch half Turing, die sogenannten Bomben zu konstruieren. Diese Rechenmaschinen wurden wegen ihres Tickens so genannt und waren eine weiterentwickelte Version der von dem Polen Marian Rejewski konstruierten Bomba-Maschinen zur Suche nach den Schlüsseln für Enigma-Nachrichten. Dabei handelte es sich um elektromechanische Geräte, die mehrere nachgebaute Enigma-Maschinen verbanden und so in der Lage waren, viele mögliche Schlüsseleinstellungen der Enigma-Nachrichten durchzutesten und gegebenenfalls zu eliminieren.

Turings Mitwirkung als einer der wichtigsten Codeknacker bei der Entzifferung der Enigma war bis in die 1970er Jahre geheim; nicht einmal seine engsten Freunde wussten davon. Die Entzifferung geheimer deutscher Funksprüche war eine kriegsentscheidende Komponente für den Sieg der Alliierten im U-Boot-Krieg und im Afrikafeldzug.

Wir erfahren im deutschen Wikipedia-Artikel zu Alan Turing weiterhin: “Im Jahr 2009 sprach der damalige britische Premierminister Gordon Brown eine offizielle Entschuldigung im Namen der Regierung für die „entsetzliche Behandlung“ Turings aus und würdigte dessen „außerordentliche Verdienste“ während des Krieges; eine Begnadigung wurde aber auch 2011 noch nach einer Petition abgelehnt. Zum 24. Dezember 2013 sprach Königin Elisabeth II. posthum ein “Royal Pardon” (Königliche Begnadigung) aus”.

Tja, das ist schön, dass die Queen hier so großzügig war. 

Allerdings: Die vielen anderen ganz normalen Homosexuellen, die keine Genies waren und keine kriegswichtige Arbeit geleistet haben, hätten vielleicht auch eine Entschuldigung verdient, oder nicht?

Oder verdient man als Homosexueller solch eine Entschuldigung nur, wenn man ein Genie im Dienste der nationalen Sicherheit in Kriegszeiten ist?

So ganz scheint das Verhältnis der Gesellschaft zu den Homosexuellen auch in der westlichen Welt heute noch nicht geklärt zu sein, wenn es die britische Oberschicht – repräsentiert durch die Königin Elisabeth II. – bis zum Jahre 2013 gerade mal geschafft hat, Alan Turing posthum ein “Royal Pardon” zu gewähren.

Auch was die heutigen Psychiater angeht, wäre ich mir ihrer vermeintlichen Liberalität in Sachen “Homosexualität” nicht so sicher.

Noch vor nicht allzu langer Zeit konnte man auch in Deutschland wegen Homosexualität in der Psychiatrie oder im Gefängnis landen.

Der berüchtigte Paragraph 175 (§ 175) wurde erst 1994 in Deutschland definitiv abgeschafft. Und erst im Jahre 1992 wurde die Homosexualität mit der Einführung des ICD 10 aus der Liste der Krankheiten gestrichen.

Seht zum Thema der aktuellen Einschätzung der Homosexualität durch die Psychotherapeuten und Psychiater in Deutschland auch den Artikel vom Januar 2005 mit dem Titel “Homosexualität: Diskriminierung gibt es noch immer” im Archiv des “Deutschen Ärzteblatts“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Fakt ist jedoch, dass Wissen um Homosexualität im Gesundheitswesen und insbesondere im psychiatrisch/psychotherapeutischen Kontext kaum eine Rolle spielt. Zudem stehen wissenschaftliche Arbeiten und empirische Daten über homosexuelle Lebenswelten bisher nur in sehr geringem Maße zur Verfügung. Die Forschung zu Fragen der klinischen Behandlung von Lesben und Schwulen ist derzeit noch im Anfangsstadium. Eine der wenigen Umfragen zu diesen Fragen wurde von der Frauenberatungsstelle Donna Klara in Schleswig-Holstein durchgeführt. Befragt wurden betroffene Frauen und niedergelassene Therapeutinnen und Therapeuten. Da es sich um ein kleines Forschungsprojekt handelte, darf man die Ergebnisse nur sehr vorsichtig verallgemeinern; insgesamt sind sie jedoch richtungweisend. Deutlich wurde, dass die sexuelle Orientierung meistens nicht der Anlass für die Aufnahme einer Psychotherapie war. Auffallend war, dass eine relativ große Unsicherheit bestand, in Erstgesprächen die eigene homosexuelle Orientierung anzusprechen, obwohl ein Erstgespräch dazu dienen soll, einen Überblick über die Lebenssituation der Patientin zu erhalten. Bei der Befragung der Therapeuten stellte sich unter anderem heraus, dass heute immer noch einige die Ansicht vertreten, dass lesbische Frauen in der Entwicklung einer heterosexuellen Orientierung unterstützt werden sollten. Dies ist nach heutigem Erkenntnisstand diskriminierend – wenn auch oft subtil und aus Unwissenheit heraus geschehend.

Weitaus schwieriger wird die Situation in der psychiatrischen Versorgung. Auf dem letztjährigen Kongress des VLSP (Verband von Schwulen und Lesben in der Psychologie) mit dem Thema „Anders – verrückt?! Lesben und Schwule in der Psychiatrie“ waren sowohl betroffene schwule und lesbische Psychiatrie-Erfahrene anwesend als auch Psychologen und Ärzte, die in psychiatrischen Einrichtungen arbeiten. Seit der Entpathologisierung wurde der Begriff Homosexualität in der Psychiatrie komplett gestrichen. Er existiert nicht mehr. Ein offener Umgang mit der eigenen Homosexualität wurde weder bei Betroffenen noch bei Mitarbeitern gern gesehen. Viele berichteten von einer Art Pseudoakzeptanz des Personals beziehungsweise der Kollegen, wo „es okay war“, aber dazu geraten wurde, „es auf Station doch lieber geheim zu halten“. Im Gesundheitswesen muss sich noch einiges tun, ehe man von einer wertschätzenden, fairen Gleichstellung sprechen kann” .

Und ob sich in Sachen Einschätzung der Homosexualität durch Psychotherapeuten und Psychiater in den letzten Jahren die Situation in Deutschland wesentlich geändert hat, wage ich zu bezweifeln. Das glaube ich eher nicht. Wir leben im Moment nicht gerade in besonders progressiven Zeiten.

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