Zur Geschichte der Psychiatrie: Die Psychiater, die Spießbürger und die Homosexuellen – 4

Was nun meine deutsche Heimatstadt Freiburg angeht, so glaube ich nicht, dass der durchschnittliche Freiburger Spießbürger (der oft die CDU wählt) das viel anders sieht als die Mitglieder der Madrider Oberschicht.

Seht hierzu zum Beispiel den Artikel vom 29.1.2014 von Silvio Duwe mit dem Titel “Homosexualität ist eine Entwicklungsstörung!” in “Telepolis“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Homosexualität ist eine Krankheit: bis 1992 war das die offizielle Ansicht der Weltgesundheitsorganisation. Dann wurde sie aus der International Classification of Diseases (ICD) gestrichen. Heute käme kein ernst zu nehmender Wissenschaftler mehr auf die Idee, Homosexuelle als krank anzusehen. Doch einen kleinen Verein in Sachsen-Anhalt kann das nicht beirren – die Gesellschaft für Lebensorientierung in Sachsen-Anhalt, kurz LEO e.V., bietet Seminare an, durch die Schwule und Lesben sich von ihrer “Störung” befreien lernen sollen. Das Pikante: Der Verein ist eng mit der CDU verbunden.

Wie Recherchen der ARD-Sendung FAKT gestern zeigten, ist es mit der viel gepriesenen Toleranz der CDU gegenüber Homosexuellen offenbar zumindest in einigen Teilen der Partei nicht weit her. Hochrangige Mitglieder der CDU in Sachsen-Anhalt haben sich dort in einem Verein versammelt, der Homosexualität als psychische Störung begreift, die geheilt werden kann.

Gründer des Vereins ist der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Bernhard Ritter, ein Pastoralpsychologe und ehemals bildungspolitischer Sprecher seiner Partei. Ritter sieht sich selbst offenbar als Fachmann für Homosexualität. In seinem Buch “Eine andere Art zu lieben?” schreibt Bernhard Ritter: “Wir sehen in jeder Form der Homosexualität eine Entwicklungsstörung. Deshalb halten wir den Rat, Homosexualität als eine normale Gegebenheit im Leben zu akzeptieren und entsprechend zu leben, für schädlich und verantwortungslos.”

Bernhard Ritter fiel schon als Landtagsabgeordneter mit kruden Thesen zu Homosexualität auf. In einer Anhörung zum Abbau von Diskriminierung gleichgeschlechtlich Lebender im Landtag von Sachsen-Anhalt sprach Ritter, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch Landtagsabgeordneter, für seinen LEO e.V. über die Heilung von Homosexuellen: “Ein Großteil der homosexuell fühlenden Menschen empfinden den Widerspruch zwischen ihrer biologischen Geschlechtsdeterminierung und ihrem erotischen Empfinden als individuelles Leiden.”

Und diesen Leidenden will Ritters LEO e.V. helfen. Der Maßstab für eine erfolgreiche Therapie, so erklärte Ritter damals gemäß dem Sitzungsprotokoll, liege “darin, daß eine Person zu einem stabilen heterosexuellen Empfinden gefunden hat und darin lebt”. Von der in der Wissenschaft vorherrschenden Meinung, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen weder eine Störung noch für eine Therapie zugänglich ist, will der Pastoralpsychologe nichts wissen – bis heute”.

Auch in den USA werden solche pseudo-wissenschaftlichen “conversion therapies” vor allem von christlichen reaktionären Gruppen und Vereinen bis heute angeboten. Seht hierzu auch nochmals das PDF “The Torture of Homosexuals – 1950 – 1980s” von Matthew Barry.

Selbst der ehemalige Außenminister im Kabinett Merkel II Guido Westerwelle (FDP) ist von der Fortschrittlichkeit der CDU in Sachen Homosexualität nicht wirklich überzeugt. Angela Merkel hat in Sachen “Gleichstellung von Homosexuellen” natürlich immer auf ihre konservative Wählerschaft geschielt.

Seht hierzu den Artikel vom 15. Januar 2014 mit dem Titel “Homosexualität: Westerwelle macht Merkel für mangelnde Gleichstellung verantwortlich” in “Die Zeit“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Der frühere Außenminister Guido Westerwelle (FDP) erwartet von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), dass sie die Gleichstellung von homosexuellen Lebenspartnerschaften mit der Ehe weiter vorantreibt. (…). Auf die Frage, ob die vollständige Gleichstellung bislang am Unwillen der Kanzlerin gescheitert sei, sagte der Exaußenminister: “Ja. Aber nun hat sie es in der Hand.”

Deutschland ist nach Auffassung des einstigen FDP-Chefs noch immer keine ausreichend aufgeklärte Gesellschaft. Westerwelle bezog sich dabei auf einen Beitrag des früheren Bundesarbeitsministers Norbert Blüm (CDU) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Blüm hatte darin das Bundesverfassungsgericht scharf für dessen Rechtsprechung zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft kritisiert. Der CDU-Politiker hatte geschrieben: “Die Familie ist die Elementareinheit der Gesellschaft, die auf ihr Weiterleben angelegt ist. Diese Funktion vermögen gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht einzulösen. Kinder, ihr Kommen und Gedeihen, spielen offenbar beim Hohen Verfassungsgericht eine niedere Rolle.”

Westerwelle sagte, die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften werde oft damit begründet, dass daraus keine Kinder entstehen könnten. Er frage sich, was dann an jenen heterosexuellen Ehen besser sei, in denen es auch keine Kinder gebe. Wäre er zehn Jahre jünger, wäre es für ihn ein Thema, Kinder zu haben”.

In diesem Zusammenhang ein Hinweis meinerseits: Auch Angela Merkel hat keine Kinder. Was ich ihr ganz bestimmt nicht zum Vorwurf mache. Aber es ist so.

Und obwohl ich kein Fan von Guido Westerwelle bin was seine wirtschaftspolitischen Überzeugungen angeht: In seinen Ausführungen zum Thema “Homosexualität, Angela Merkel und die CDU” muss ich ihm Recht geben.

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