Das technologische und wirtschaftliche Gefälle zwischen Nord- und Mitteleuropa und Südeuropa – 1

Ich bin gerade eben aus meiner Stammkneipe (Das Litfass) zurückgekehrt, wo ich eine interessante und manchmal auch etwas konfuse und turbulente Diskussion mit den anderen Stammgästen geführt habe, die ich zumeist recht gut kenne.

Und es ging dabei auch um das Thema des aktuellen massiven wirtschaftlichen Gefälles zwischen Nord- und Mitteleuropa auf der einen Seite und Südeuropa auf der anderen Seite, das in der Eurokrise klar sichtbar wurde.

Aber das Grundproblem ist natürlich viel älter und letztlich in der völlig unterschiedlichen Geschichte der verschiedenen europäischen Länder begründet, gerade auch im Hinblick auf ihre Wirtschaftsgeschichte.

Nun, ich habe mir jetzt überlegt: Wie kann ich meinen Bloglesern auf eine einfache Art erklären, wie tief und groß die wirtschaftliche und technologische Kluft zwischen Südeuropa und Mittel- und Nordeuropa immer noch ist, eine Kluft, die schon immer da war und nur jetzt anlässlich der Eurokrise im Rahmen eines von Anfang an falsch und vor allem unzureichend konstruierten gemeinsamen europäischen Währungsraumes (Eurozone) klar sichtbar wurde?

Dass der Euro von Anfang an schief gewickelt war, das sagen sogar einige der damaligen Architekten des Euros und der Eurozone mittlerweile ganz klar.

Seht hierzu zum Beispiel den Artikel vom 3.12.2011 mit dem Titel “Jacques Delors: Euro was flawed from beginning” in “BBC News“.

Jacques Delors hatte von 1981 bis 1984 das Amt des französischen Wirtschafts- und Finanzministers unter Präsident François Mitterrand inne. Von 1985 bis 1995 war er Präsident der EG-Kommission und stand drei Kommissionen vor (EG-Kommission Delors I, EG-Kommission Delors II und Kommission Delors III).

In diesem Artikel “Jacques Delors: Euro was flawed from beginning” erfahren wir unter anderem: Jacques Delors “told Britain’s Daily Telegraph that the lack of central powers to co-ordinate economic policies allowed some members to run up unsustainable debt.

As head of the European Commission from 1985 to 1995, he played a key role in the process that launched the euro.

The comments come amid growing doubts over the viability of the eurozone.

In his interview with the Daily Telegraph, Mr Delors says the debt crisis stems not from the idea of a single currency itself, but from “a fault in execution” by political leaders who oversaw its launch.

He says they turned a blind eye to the fundamental weaknesses and imbalances of member states’ economies.

`The finance ministers did not want to see anything disagreeable which they would be forced to deal with´, the 86-year-old Frenchman says.

Mr Delors insists that all European countries must share the blame for the debt crisis – which has led to fears for the survival of the euro.

`Everyone must examine their consciences,´ he says”.

Tja, zu dieser kritischen Selbstprüfung und Durchleuchtung vor allem der wirtschaftspolitischen und finanzpolitischen Aspekte der Eurozonen-Vergangenheit bis zum Ausbruch der Eurokrise, wie Jacques Delors in diesem Artikel in “BBC News” im Dezember 2011 forderte, ist jetzt natürlich kein führender Politiker in den jeweiligen Ländern bereit.

Das Hauptproblem seit der Einführung des Euro war folgendes: Zwar wurde mit dem Euro ein gemeinsamer europäischer Währungsraum (die Eurozone) geschaffen.

Aber die verschiedenen Eurozonen-Länder, deren wirtschaftliche Leistungskraft teilweise extrem unterschiedlich ist (man vergleiche mal Griechenland mit Deutschland) haben ihre jeweilige Finanz– und Wirtschaftspolitik gar nicht miteinander abgesprochen.

Nicht mal die Lohnentwicklung in den jeweiligen einzelnen Länder wurde gemeinsam abgesprochen.

Hier habt ihr zum Beispiel eine Chart mit der Lohn- und Gehaltsentwicklung in 26 entwickelten Ländern von 2000 bis 2009 (Quelle: Spiegel Online/ILO)

Und wie ihr anhand dieser Chart mit der Lohn- und Gehaltsentwicklung in 26 entwickelten Ländern von 2000 bis 2009 klar erkennen könnt, hat ausgerechnet das wohl wirtschaftlich und technologisch stärkste Eurozonen-Land Deutschland eine Politik der Lohnzurückhaltung betrieben, so dass die durchschnittlichen Reallöhne in Deutschland in diesem Zeitraum (2000-2009) offensichtlich sogar gesunken sind.

Damit hat Deutschland natürlich seine ohnehin schon gute Wettbewerbsfähigkeit noch weiter gesteigert.

Und ein eigentlich wirtschaftlich und technologisch eher schwaches Land wie zum Beispiel Spanien hat die Löhne in diesem Zeitraum (2000-2009) kräftig erhöht, obwohl der “spanische Reichtum” (?!) in diesen Jahren eigentlich im wesentlichen vor allem aus einer im Nachhinein illusorischen und gefährlichen Immobilienblase sprudelte, die dann Anfang 2008 geplatzt ist.

Seht hierzu nochmals diese Chart mit der Lohn- und Gehaltsentwicklung in 26 entwickelten Ländern von 2000 bis 2009.

Und mit dieser Lohnpolitik hat natürlich Spanien gegenüber dem ohnehin technologisch und wirtschaftlich übermächtigen Deutschland in diesem Zeitraum noch weiter an Wettbewerbsfähigkeit verloren.

In Irland hatten wir übrigens zur gleichen Zeit ebenfalls eine solche Immobilienblase, die dann das Land in den Abgrund gerissen hat. So landete dann der “Keltische Tiger” ebenfalls im Jahre 2008 als Bettvorleger.

Und auch Irland hat in diesen Jahren massiv seine Löhne hochgefahren, obwohl auch hier wohl das Geld in jenem Zeitraum wohl im wesentlichen aus dieser irischen Immobilienblase sprudelte. 

Seht hierzu nochmals diese Chart mit der Lohn- und Gehaltsentwicklung in 26 entwickelten Ländern von 2000 bis 2009.

So etwas kann auf keinen Fall gut gehen. Man hätte die Lohnentwicklung in den verschiedenen Eurozonen-Ländern regelmäßig miteinander absprechen müssen.

Hier habt ihr eine Tabelle mit der Entwicklung der Lohnstückkosten in Europa seit dem Jahre 2000 (Quelle: Wirtschaftskammer Österreich).

Auch hier ist die Politik der Lohnzurückhaltung Deutschlands klar erkennbar, während in wirtschaftlich und technologisch schwachen Ländern wie Portugal und Griechenland im gleichen Zeitraum die Lohnstückkosten deutlich gestiegen sind.

Und die Möglichkeit einer Währungsabwertung, um wieder konkurrenzfähiger zu werden, haben diese schwachen südeuropäischen Länder und übrigens auch Irland in dieser aktuellen Krise eben nicht, da sie alle Teil der Eurozone sind und alle an der EZB dranhängen.

Seht hierzu auch meinen Blogartikel “Ein massives Problem der südeuropäischen PIIGS-Staaten: Sie können nicht abwerten“.

So entfällt hier leider das in wirtschaftlichen Krisensituationen oft nützliche Instrument der Währungsabwertung für diese PIIGS-Staaten.

Umso wichtiger wäre es dann natürlich, die jeweilige Wirtschafts- und Finanzpolitik in den einzelnen Eurozonen-Ländern zu koordinieren, nicht zuletzt auch die Lohnentwicklung

Nun, das Resultat dieser massiven Ungleichgewichte und mangelnden Absprachen zwischen den verschiedenen Eurozonen-Ländern ab 1999 (Einführung des Euro) ist nun, dass in den einzelnen Länder seit Beginn der Eurokrise (Griechische Finanzkrise ab 2009) die jeweiligen Nationalismen hochkochen und jedes Land nun das andere beschuldigt, die jeweils anderen europäischen Partnerländer und vor allem sein eigenes Land angeblich “betrogen” und “abgezockt” und “hintergangen” zu haben.

Nicht wenige führende Politiker in den Eurozonen-Ländern versuchen natürlich genau diese nationalen Egoismen seit Beginn der Eurokrise (Griechische Finanzkrise ab 2009) für sich auszubeuten.

Jemand wie der italienische Komiker und Blogger Beppe Grillo hätte niemals ohne diesen Hintergrund der Eurokrise und der hochkochenden nationalen Egoismen bei den Parlamentswahlen in Italien im Februar 2013 für seine populistische Protestpartei MoVimento 5 Stelle ein solches Traumergebnis erzielen können.

Die Partei MoVimento 5 Stelle hatte damals sowohl für die Abgeordnetenkammer als auch für den Senat die zweitmeisten Stimmen aller Wähler auf sich vereinigen können.

Und Mario Monti, der in Italien nicht zuletzt das getan hatte, was unter anderem Angela Merkel von ihm verlangt hatte, die Durchführung einer allerdings ökonomisch widersinnigen und schädlichen Austeritätspolitik, verschwand sang- und klanglos in der Versenkung.

Genauso lässt sich natürlich unter anderem das Traumergebnis Angela Merkels bei der Bundestagswahl am 22. September 2013 erklären: Angela Merkel hatte sich seit Beginn der Eurokrise (Griechische Finanzkrise ab 2009) dem deutschen Wähler zu jedem Zeitpunkt als “Eiserne Kanzlerin” und konsequente “Madame Non” präsentiert, die allen Wünschen der PIIGS-Staaten konsequent die rote Karte zeigt.

Das gilt natürlich auch für den aktuellen sozialistischen französischen Präsidenten François Hollande, der nicht nur von Angela Merkel in allen seinen eurokrisenpolitischen Vorschlägen konsequent ignoriert wird, sondern auch von den zumeist wirtschaftspolitisch neoliberal eingestellten deutschen Medien systematisch schlechtgeredet wird.

Ich habe praktisch noch nie in einer deutschen Zeitung oder einem deutschen Magazin einen positiven Artikel über François Hollande und seine Politik gelesen. Hollande wird systematisch in den deutschen neoliberalen Medien als sozialistischerLoser” präsentiert.

Das Ergebnis hiervon ist unter anderem, dass die traditionell guten und für die Europäische Union absolut zentralen deutsch-französischen Beziehungen von Angela Merkel deutlich und ganz bewusst beschädigt wurden, was aber Angela Merkel nicht stört, solange sie bei ihrem deutschem konservativem Wahlvolk damit punkten kann, nach dem Motto: “Diesen französischen Sozialisten zeigen wir jetzt, wo der neoliberale deutsche Hammer hängt“.

Seht zum Thema des aktuellen Standes der deutsch-französischen Beziehungen auch den Artikel vom 14.4.2013 mit dem Titel “Deutsch-französische Freundschaft: Das Nicht-Verhältnis von Merkel und Hollande” im “Tagesspiegel“.

Seht zur Strategie Angela Merkels gegenüber Frankreich und François Hollande auch meinen Blogartikel “Zur Kritik François Hollandes an der Austeritätspolitik in den Krisenstaaten der Eurozone“.

Angela Merkel war seinerzeit sogar so taktlos, sich im April 2012 direkt in den französischen Wahlkampf anlässlich der Präsidentschaftswahl in Frankreich 2012 einzumischen und sich für ihren damaligen “europapolitischen PudelNicolas Sarkozy (Merkozy) stark zu machen.

Seht hierzu unter anderem den klugen Kommentar vom 20.2.2012 von Alexander Gauland mit dem Titel “Wahlkampf in Frankreich: Madame Merkel sollte sich nicht einmischen” im “Tagesspiegel“.

Doch diese Rechnung ging wie im Fall von Mario Monti nicht auf: Nicolas Sarkozy verlor wohl nicht zuletzt auch wegen dieser für die französischen Wähler brüskierenden Einmischung Angela Merkels die damalige Präsidentschaftswahl in Frankreich.

Und Mario Monti verschwand wohl nicht zuletzt deswegen in der politischen Versenkung, weil er für die Italiener in erster Linie ein Erfüllungsgehilfe Angela Merkels und der EU-Kommission war. Tatsächlich war ja Mario Monti von 1994-1999 EU-Kommissar für den Binnenmarkt und danach war er bis 2004 EU-Kommissar für Wettbewerb.

Die “europapolitischen Pudel” Angela Merkels hatten in ihrer Freundschaft zu Angela Merkel bisher immer wenig Glück, wenn es um ihre Wiederwahl ging.

Creative Commons Lizenzvertrag Das technologische und wirtschaftliche Gefälle zwischen Nord- und Mitteleuropa und Südeuropa – 1 Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz

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