Stephan Hebel: Mutter Blamage (2013) – 1

Der deutsche Journalist und Publizist Stephan Hebel, der lange für die “Frankfurter Rundschau” gearbeitet hat, hat Ende Februar dieses Jahres ein 160 Seiten starkes Buch mit dem Titel “Mutter Blamage: Warum die Nation Angela Merkel und ihre Politik nicht braucht” vorgelegt.

Den Titel und die Absicht seines Werkes erläutert Stephan Hebel auf S. 8f. seines Vorwortes: “Bertold Brecht schrieb sein Theaterstück “Mutter Courage und ihre Kinder” 1938/39 im schwedischen Exil. Es spielt im Jahre 1624, während des Dreißigjährigen Krieges. Wie man sieht, hat all das mit Angela Merkel wenig zu tun. Aber Brechts Titelfigur Anna Fierling, genannt Mutter Courage, zeigt sich auf höchst aktuelle Weise immun gegen falsche Versprechungen. Der Werber, der ihren Sohn zum Militär und damit in den sicheren Tod locken soll, verspricht “eine schöne Kappe und Stulpenstiefel”. Die mutige Mutter durchschaut das Spiel und übersetzt die Versprechungen des Werbers in unmissverständlichen Klartext: “Komm, geh mit angeln, sagt der Fischer zum Wurm”.

Angela Merkel lockt uns nicht in den sicheren Tod, das nicht. Aber zu unserem Vorteil wird es nicht sein, wenn wir ihren Versprechungen glauben – und dabei den Wurm spielen, während sie mit uns angeln geht und uns vor aller Welt blamiert. Deswegen habe ich dieses Buch geschrieben”.

Nun, ich habe dieses Buch vor einigen Tagen durchgelesen. Und ich fand es klar und flüssig geschrieben und in den meisten Punkten seiner Analyse und Bewertung von Angela Merkels Politik stimme ich Stephan Hebel zu.

Übrigens: Speziell was die Eurokrisen-Politik Angela Merkels und Konsorten (Kabinett Merkel II) angeht, habe ich mich ja selbst schon sehr ausführlich zu den meiner Meinung nach klar erkennbaren Mängeln und Fehlern von Angela Merkels Politik geäußert.

Also werde ich hier nur einige Rezensionen und Interviews zu diesem Buch verlinken, die ich für vernünftig und sachlich halte. Und ich werde zu diesen Rezensionen und Interviews vielleicht selbst noch einige Anmerkungen machen.

Eine ausführliche Rezension mit dem Titel “Angela Merkel – „Mutter Blamage“ – Eine Rezension” hat Wolfgang Lieb am 8.3.2013 in den “NachDenkSeiten” veröffentlicht.

Wolfgang Lieb bemerkt in dieser Rezension unter anderem: “Hebel schlägt mit weiteren Kapiteln etwa über die Privatisierung der Rente, über den Überwachungsstaat, über die diskriminierende Ausländer- und Asylbewerberpolitik, über die von knallharten Interessen geleitete Außen- und Militäreinsatzpolitik und vielen weiteren Einzelthemen – wie etwa Stuttgart 21 –  einen großen Bogen der Kritik an der Regierung Merkel. Kritik, die Sie als Leser oder Leserin der NachDenkSeiten in hunderten Artikel im Detail nachlesen konnten. Dennoch ist es spannend, diese Kritik nochmals in Buchform zusammengefasst zu bekommen. Es ist ein Buch, das den politischen und ökonomischen Laien ansprechen soll, dennoch  hätte man sich an manchen Stellen eine noch fundiertere Untermauerung der (richtigen) Kritik gewünscht.

Manchmal hätte man sich erhofft, dass die Perspektive seiner Kritik an Merkels Politik politisch und ökonomisch noch etwas weiter geöffnet worden wäre. So wirkt es etwas unglaubwürdig, wenn er sich zur Bestätigung seiner Kritik häufig auf Zitate von Politikern der Oppositionsparteien von SPD und Grünen stützt. Da wäre es ehrlicher gewesen, wenn er deutlicher darauf hingewiesen hätte, dass diese Parteien im Bundestag sich selbst noch unter der Regentschaft Merkel gleichfalls nur allzu oft „blamiert“ haben, etwa weil sie den „Sparkurs“, den Fiskalpakt, die Austeritätspoliltik und die Durchsetzung des deutschen Agenda-Modells in ganz Europa bis heute mehrheitlich unterstützt haben. Hebel beklagt zwar die Deregulierungspolitik des Finanzministers während der Großen Koalition, Peer Steinbrück, um aber die gesamte „Blamage“ deutscher Regierungspolitik vor und nach der Finanzkrise darzustellen und zur Erklärung, warum Merkel das Betrugsmanöver gelingen konnte, hätte es des Hinweises darauf bedurft, dass sich die Kanzlerin hinter der politischen Schockwelle verbergen konnte, die Gerhard Schröder und Rot-Grün mit ihrer Agenda-Politik ausgelöst hatten. Auf dieser Welle konnte Merkel bis heute surfen und sich über Wasser halten. Mit einer Politik nach dem Motto: „Hauptsache, die Leute merken es (noch) nicht.“

Nun, wenn Wolfgang Lieb hier behauptet, dass sich Angela Merkel bis heute hinter der politischen Schockwelle verbergen konnte, die Gerhard Schröder und Rot-Grün mit ihrer Agenda-Politik ausgelöst hatten und sie bis heute auf dieser Welle surfen und sich über Wasser halten könne, kann ich Wolfgang Lieb nicht gänzlich recht geben.

Es ist richtig, dass Gerhard Schröder und Rot-Grün (1998-2005) mit der auch für mich in vieler Hinsicht  asozialen (oder besser: sozial ungerechtenAgenda-Politik die “Vorreiter” für Angela Merkels dann nochmals verschärfte neoliberale Wirtschaftspolitik in Deutschland waren.

Aber dennoch gibt es einen klaren qualitativen Unterschied zwischen jemandem wie Angela Merkel (die letztlich nur ein willfährige Marionette und das Sprachrohr der deutschen neoliberalen Lobbys ist) und jemandem wie Joschka Fischer, der in den 70er-Jahren Teil der Frankfurter Anarcho-Szene war.

Gerhard Schröder lasse ich hier mal weg, den ich nie besonders gemocht habe, nicht zuletzt, weil er das politisch einflussreichste Mitglied von Carsten MaschmeyersHannover Connection” war und wohl auch im Auftrag von Carsten Maschmeyer Oskar Lafontaine (damals Bundesminister der Finanzen) im März 1999 aus der damaligen rot-grünen Regierung (Kabinett Schröder I) rausgeekelt hat.

Zur “Hannover Connection” Carsten Maschmeyers seht zum Beispiel den Artikel vom 21.12.2011 mit dem Titel “Wulffs Hannover-Connection: Maschmeyer kennt sie alle” in “Focus“. Seht hierzu zum Beispiel auch den Artikel vom 21.12.2011 mit dem Titel “Carsten Maschmeyer und die Hannover-Connection: Wulffs Revier” in der “Süddeutschen Zeitung“.

Christian Wulff ist auch Teil der “Hannover-Connection” Carsten Maschmeyers.

Carsten Maschmeyer hatte Gerhard Schröder vor 1998 unter anderem ganz bewusst gefördert, um den damals populären und von ihm als vermeintlich “Iinksradikal(?!) eingeschätzten Oskar Lafontaine zu verhindern. Carsten Maschmeyer hat das vor Journalisten auch öfters ganz klar so gesagt. Seht hierzu zum Beispiel den Artikel vom 28.4.2011 mit dem Titel “Unternehmer Carsten Maschmeyer: Er half Schröder, wo er konnte” in der “Süddeutschen Zeitung“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Offenbar war es dem AWD-Chef sehr ernst damit, die Chancen Schröders im SPD-internen Kampf um die Kanzlerkandidatur gegen den Saarländer Oskar Lafontaine zu verbessern. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung hatte Maschmeyer offen zugegeben, dass er den linksorientierten Lafontaine unbedingt verhindern wollte”.

Seht zum Thema Carsten Maschmeyer und der “Hannover-Connection” auch meinen Blogartikel “Carsten Maschmeyer: Der `Drückerkönig´ des AWD“.

Nun, zurück zu Joschka Fischer: Der mag zwar als Teil der damaligen rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder (1998-2005) ein “Realo” gewesen sein und hat wohl die “Agenda 2010“-Politik mitgetragen. Das heißt aber noch lange nicht, dass Joschka Fischer so dumm und kurzsichtig wäre, dass er an die Wirksamkeit einer Austeritätspolitik in wirtschaftlichen Krisenzeiten glauben und eine solche Austeritätspolitik in den Krisenstaaten der Eurozone gnadenlos und ohne wenn und aber durchpeitschen würde.

Seht hierzu den ebenso klaren wie hellsichtigen Artikel von Joschka Fischer vom 25.5.2012 mit dem Titel “Europa am Abgrund” in “Project Syndicate“.

In diesem Artikel bemerkt Joschka Fischer unter anderem: “Europa, angeführt von Deutschland,  löscht lieber weiter mit Kerosin statt mit Wasser und der Brand wird so mit der  von Merkel erzwungenen Austeritätspolitik beschleunigt. Genau deshalb hat  sich die Finanzkrise in der Eurozone innerhalb von drei Jahren zu einer  wirklichen Existenzkrise ausgewachsen. 

Und man mache sich keine Illusionen. Europa steht heute am Abgrund und wird in eben diesen in den kommenden Monaten  hineinfallen, wenn jetzt nicht Deutschland und Frankreich gemeinsam das Steuer  herum reißen und den Mut zu einer Fiskalunion und politischen Union der  Eurogruppe aufbringen. Denn wenn der Euro zerfällt, wird auch die EU mit ihrem  gemeinsamen Markt zerfallen – global der zweitgrößte Wirtschaftsraum – und eine  Weltwirtschaftskrise auslösen, wie sie die heute lebenden Generationen noch  nicht erlebt haben.

Die jüngsten Wahlen in Frankreich und  Griechenland, aber auch die Kommunalwahl in Italien und die anhaltende Unruhe in  Spanien und Irland haben gezeigt, dass die Bevölkerungen den Glauben an die von  Deutschland erzwungene Sparpolitik ohne Wachstum längst verloren haben. Angela Merkels Therapie a la Doktor Eisenbart ist an der Realität und an der Demokratie  gescheitert. 

Wir lernen jetzt erneut auf die harte Tour, dass eine solche Sparpolitik in einer großen Finanzkrise diese nur zur  Depression verschärft. Eigentlich sollte diese Erkenntnis schon seit der  Weltwirtschaftskrise von 1929 und der damaligen Sparpolitik von Hoover in den  USA und Brüning in Deutschland Allgemeingut sein. Leider ist dem nicht so,  zumindest in Deutschland nicht”.

Tja, so ist es wohl. Mittlerweile haben wir Anfang Juni 2013, und immer noch erfolgt kein Kurswechsel in der Eurozone in Sachen Austeritätspolitik, weshalb die Rezession in der Eurozone immer schärfer wird und selbst in den leistungsstärksten mitteleuropäischen Ländern wie Deutschland und Österreich aktuell nur noch ein trauriges “Mini-Wachstum” erzielt wird. Seht hierzu unter anderem meinen Blogeintrag “Die OECD senkt die Wachstumsprognose für die Eurozone und Deutschland“.

Und Frankreich, Deutschlands wichtigster Handelspartner, ist im letzten Quartal in die Rezession gerutscht.

Seht hierzu auch den Artikel vom 15.5.2013 mit dem Titel “Maue Konjunkturdaten aus Frankreich: Französische Wirtschaft fällt in die Rezession” in “Focus“.

Und seht hierzu unter anderem auch meinen Blogartikel “Zur Kritik François Hollandes an der Austeritätspolitik in den Krisenstaaten der Eurozone“.

Creative Commons Lizenzvertrag Stephan Hebel: Mutter Blamage (2013) – 1 Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s