Ein massives Problem der südeuropäischen PIIGS-Staaten: Sie können nicht abwerten – 2

In der Eurozone haben wir eigentlich eine absurde Situation: Der Euro ist aktuell angesichts der Leistungskraft der deutschen Wirtschaft für Deutschland deutlich zu schwach.

Und angesichts der Leistungskraft der griechischen, portugiesischen, spanischen und italienischen Wirtschaft ist der Euro aktuell für diese südeuropäischen Länder Griechenland, Portugal, Spanien und Italien deutlich zu stark.

Ein Ergebnis hiervon:

Erstens: Deutschland rennt seit vielen Jahren von Exporterfolg zu Exporterfolg und ist schon seit vielen Jahren in der Eurozone und in Europa und im Prinzip weltweit der unbestrittene Exportweltmeister (ausserhalb Europas kann nur China da noch mithalten).

Vor allem ausserhalb der Eurozone gewinnt Deutschland zur Zeit massiv an Wettbewerbsfähigkeit durch den aktuell schwachen Euro. Nur ca. 40% der deutschen Exporte gehen in die Eurozone. Ungefähr weitere 20% gehen in die restlichen EU-Länder. Und ca. 40% gehen in Nicht-EU-Länder, nicht zuletzt natürlich in die USA und China.

Gerade dieser Export-Anteil in nicht-europäische Länder ist seit Beginn der Eurokrise ganz deutlich am Wachsen. Vor allem auf dem amerikanischen Markt hat Deutschland aktuell grosse Erfolge.

Seht hierzu zum Beispiel den Artikel vom 4.12.2012 mit dem Titel “Außenhandel: US-Konjunktur rettet deutsche Exportwirtschaft” in “Spiegel Online“.

Der deutsche Export in die südeuropäischen Krisenländer bricht hingegen seit geraumer Zeit ganz deutlich ein.

Seht hierzu zum Beispiel den Artikel vom 30.8.2012 mit dem Titel “Euro-Zone: Deutscher Export in Krisenländer bricht ein” in “Spiegel Online“.

Seht zum Thema der immer weiter wachsenden Exporterfolge Deutschlands (die mit der Krise in den südeuropäischen PIIGS-Staaten in Zusammenhang stehen) auch meinen Blogartikel: “Das deutsche `Exportwunder´ und die prallen Kassen des deutschen Fiskus in den letzten anderhalb Jahren: Herzlichen Dank an die Krisenstaaten Südeuropas“.

Seht hierzu insbesondere auch den Artikel vom 25.5.2012 mit dem Titel “Deutschland: Exportvolumen bei 51,97% des nominalen BIPs” im Blog “Querschüsse” von Steffen Bogs, der viele sehr ausschlussreiche Charts enthält (Steffen Bogs gibt sich gerade mit den vielen Charts in seinen Artikeln immer grosse Mühe).

Steffen Bogs stellt in diesem Artikel ebenso zutreffend wie intelligent fest: “Die deutsche Exportmaschine, extrem wettbewerbsfähig und erfolgreich am Weltmarkt ist zusammen mit völlig unterentwickelten Volkswirtschaften in einem gemeinsamen Währungsraum vereinigt, profitiert vom relativ schwachen Außenwert des Euro und befeuert mit maximaler Kraft die Ungleichgewichte innerhalb des Währungsraumes und spielt die Partner hoffnungslos an die Wand, die realistischer Weise unter dem Korsett der gemeinsamen Währung keine Chance haben an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Deutschland aufzuschließen. Die Schere der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit schließt sich deshalb auch nicht, sondern öffnet sich immer weiter! Dieser Wahnsinn kumuliert sich in einer Währungsunion der Narren, deren Ungleichgewichte zwangsläufig in einer Schuldenkrise münden musste und wo die sinkende Leistungsfähigkeit der Schuldner, eine Lösung der Probleme immer weiter erschwert und komplette Zahlungsausfälle immer wahrscheinlicher macht”.

Tja, klarer und besser könnte ich es selbst nicht sagen. Steffen Bogs hat in seinem Blog  “Querschüsse” schon viele kluge Artikel zu zahlreichen Aspekten der Eurokrise verfasst.

Zweitens: Die südeuropäischen Länder haben also seit jeher ein massives Wettbewerbsproblem gegenüber den mittel- und nordeuropäischen Ländern und auch vor allem gegenüber Deutschland und können in der Eurozone aktuell jetzt erst recht in dieser Eurokrise auf keinen Fall mehr mithalten mit mittel- und nordeuropäischen Ländern wie Deutschland.

Im übrigen sind alle diese südeuropäischen Länder traditionell sowieso keine wirklich sehr bedeutenden Exportnationen. Einzige Ausnahme ist hier Oberitalien, das Herz der italienischen Wirtschaft.

Und jetzt, da die südeuropäischen Länder Teil der Eurozone und im Brennpunkt der Eurokrise sind, versucht man dieses Problem der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit dieser südeuropäischen PIIGS-Staaten so zu lösen, indem man die Löhne in diesen südeuropäischen Ländern massiv absenkt, bzw. die Lohnstückkosten deutlich verringert. Man führt jetzt unter anderem eine Art “Lohndrücker-Kur” oder “Lohndrücker-Therapie” in diesen südeuropäischen PIIGS-Staaten durch.

Hinter dieser “Lohndrücker-Kur” oder “Lohndrücker-Therapie” steht natürlich nicht zuletzt die aktuelle deutsche schwarz-gelbe Regierungskoalition (Kabinett Merkel II) und auch die sogenannte “Troika” (auch wenn der IWF unter Christine Lagarde nun seit einigen Monaten einen deutlich wachstumsorientierteren Kurs fordert und damit zumindest die Austeritätspolitik in den PIIGS-Staaten in Frage stellt).

Seht  hierzu auch den Artikel vom 11.12. mit dem Titel “Lohnstückkosten in Euroländern: Wovon der Erfolg der Krisen-Reformen abhängt” in der “Wirtschaftswoche“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Für Angela Merkel ist der Fall klar: “Ich glaube, Portugal ist ein Beispiel dafür, wie sich die Wettbewerbsfähigkeit verbessert hat”, lobte die Bundeskanzlerin die Reformanstrengungen der Portugiesen bei ihrem Besuch in Lissabon Mitte November. Weniger klar liegt der Fall allerdings für Ökonomen. Diese streiten derzeit mit Verve darüber, ob in den Peripherieländern der Währungsunion das Glas der Reformerfolge halb voll oder halb leer ist. Optimisten verweisen darauf, dass in vielen Krisenländern die Lohnstückkosten seit einiger Zeit zurückgehen – und werten dies als Zeichen für eine ökonomische Renaissance”.

Das IMK (das Teil der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung ist) sieht diese Sache deutlich anders als Angela Merkel. Seht hierzu den Artikel vom 26.11.2012 mit dem Titel “Studie zu Arbeitskosten: Deutsche Lohnzurückhaltung belastet die Euro-Zone” in “Focus“.

Wir erfahren in diesem Aritkel unter anderem: “Die Schuldenländer gewinnen laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung langsam an Wettbewerbsfähigkeit. In Griechenland, Irland und Portugal wuchsen die Arbeitskosten seit 2008 nur unterdurchschnittlich. In Portugal lag Plus bei durchschnittlich 1,5 Prozent pro Jahr, in Griechenland waren es 0,1 Prozent und in Irland fielen die Arbeitskosten sogar um 0,4 Prozent. Der Schnitt der Euro-Zone lag bei 2,3 Prozent. In den beiden Schuldenländern Spanien und Italien stiegen die Kosten dagegen erneut überdurchschnittlich an. (…).

Für die Hans-Boeckler-Stiftung ist diese Mäßigung der falsche Weg. „Da innerhalb einer Währungsunion Krisenländer nicht abwerten können, sind diese gezwungen, über unterdurchschnittliche Lohnsteigerungen ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern“, heißt es in der Studie. „Dieser Weg ist aber extrem langwierig, wenn Deutschland ihn nicht mit Lohnsteigerungen unterstützt, die über dem Durchschnitt liegen.“ Deutschland müsse deshalb in den kommenden Jahren einen Anstieg der Lohnstückkosten um zwei Prozent pro Jahr anstreben. Das hieße, dass die Löhne um drei Prozent wachsen müssten. Das würde nicht nur den Krisenländern helfen, sondern auch Deutschland, wie es in dem Report weiter heißt. Denn es würde die Binnennachfrage fördern und die Exportabhängigkeit senken”.

Tja, so wie das IMK und die Hans-Böckler-Stiftung sehe ich das auch. Wenn Deutschland nur einseitig verlangt, dass die südeuropäischen PIIGS-Staaten ihre Löhne massiv absenken, ohne selbst aktiv etwas für diese Länder zu tun, indem man zum Beispiel in Deutschland selbst die Löhne deutlich anhebt und damit den deutschen Binnenmarkt stärkt und somit zugleich die deutschen Handelsbilanzüberschüsse nicht zuletzt innerhalb der Eurozone etwas abbaut, wird dieser Weg für die südeuropäischen PIIGS-Staaten ebenso langwierig wie schmerzhaft werden.

Für den Binnenmarkt dieser südeuropäischen Länder ist diese “Lohndrücker-Kur” oder “Lohndrücker-Therapie” ohnehin nicht gerade grossartig. Denn haben zum Beispiel die durchschnittlichen Spanier weniger Geld in der Tasche, schadet das dem spanischen Binnenmarkt. In den anderen südeuropäischen Ländern wird dies genau gleich sein.

Im Klartext: Dass diese Art von rein einseitigerLohnabwertung” in den südeuropäischen Ländern wirklich funktionieren kann, halte ich für eher zweifelhaft. Diese Form der “Lohnabwertung” ist auf keinen Fall mit einer Wahrungsabwertung vergleichbar, die in so einem Fall wie jetzt in dieser Eurokrise für alle diese südeuropäischen PIIGS-Staaten eigentlich geboten und vernünftig wäre.

Diese  in “Focus” erwähnte 22 Seiten starke Studie mit dem Titel “Zu schwache deutsche Arbeitskostenentwicklung belastet Europäische Währungsunion und soziale Sicherung” vom November 2012 könnt ihr auf der Website des IMK auffinden und als PDF downloaden. Dieses PDF enthält viele aufschlussreiche Charts.

Wir erfahren in dieser Studie mit dem Titel “Zu schwache deutsche Arbeitskostenentwicklung belastet Europäische Währungsunion und soziale Sicherung” unter anderem: “Seit Beginn der Währungsunion ist eine zunehmende Divergenz der Lohnstückkostenentwicklung in der Industrie und in der Gesamtwirtschaft und damit der preislichen Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der
EWU zu beobachten. Da Länder in einem gemeinsamen Währungsraum nicht die Möglichkeit haben, ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit durch eine Abwertung ihrer Währung zu verbessern, haben sich im Euroraum große Leistungsbilanzungleichgewichte aufbauen können, die ein wichtiger Grund für die
anhaltende Krise sind. Mittlerweile setzt sich die Einsicht durch, dass diese Krise nur gelöst werden kann, wenn die Leistungsbilanzungleichgewichte
abgebaut werden. Dazu müssen – so die übliche Argumentation – die Lohnstückkosten in den Krisenländern sinken, damit diese an Wettbewerbsfä-higkeit gewinnen und über vermehrte Exporte und reduzierte Importe ihre Handels- und damit auch
ihre Leistungsbilanz verbessern. Des Weiteren sollte von einer Verbesserung des Außenbeitrags ein positiver Stimulus auf das gesamtwirtschaftliche
Wachstum ausgehen.
In Spanien, Portugal und Irland ist es unter enormen Belastungen für die Bevölkerung tatsächlich gelungen, die Lohnstückkosten zu senken. Gleichwohl bleiben die von manchen erwarteten stimulierenden Effekte auf das gesamtwirtschaftliche
Wachstum bislang aus.
Zwar haben Portugal, Spanien und Griechenland ihre Leistungsbilanzdefizite im Jahr 2011 deutlich reduziert, was daran liegt, dass die Exporte dieser Länder expandierten
während die Importe rückläufig waren. Gleichzeitig waren aber die Einkommensverluste in diesen Ländern so gewaltig, dass die Konsumausgaben
der privaten Haushalte – das größte BIP­ Aggregat – drastisch zurückgingen. In Griechenland fielen sie um 7,9 %, in Portugal um 3,9 % und in Spanien
um 0,8 %. Unterm Strich verzeichnete Spanien im Jahr 2011 ein leichtes BIP-Wachstum von 0,4 %, während das BIP in Portugal um 1,7 % zurückging
und in Griechenland um 7,1 % einbrach”.

Im Klartext: Es ist tatsächlich in den PIIGS-Staaten Irland, Griechenland, Portugal und Spanien gelungen, die Lohnstückkosten zu senken und den Export zu stärken. Gleichzeitig ist aber das BIP von Griechenland, Portugal und Spanien aufgrund der drastisch gesunkenen Konsumausgaben deutlich beschädigt worden. Hinzurechnen muss man bei alle dem natürlich die Effekte der Austeritätspolitik, die ebenfalls dafür sorgen, dass das BIP in diesen Länder massiv zusammenschrumpft.

Es ist also so, wie ich vermutet habe: Was man durch Senkung der Lohnstückkosten im Exportbereich gewinnt, geht teilweise oder vielleicht sogar ganz auf dem Binnenmarkt wieder verloren.

Wenn man dann noch die Folgen der diesen Ländern aufgezwungenen aberwitzigen Austeritätspolitik hinzurechnet, kann man sich denken, dass es den Menschen in diesen südeuropäischen PIIGS-Staaten nun wirklich dreckig geht.

Und ich war in diesem Jahr oft in Spanien und zumindest den durchschnittlichen Spaniern geht es mittlerweile wirklich nicht mehr gut, von den Unterschichten ganz zu schweigen. Und bei den Griechen und Portugiesen wird es wohl nicht viel anders ein. Und auch den Italienern dürfte es mittlerweile zunehmend wirklich schlecht gehen, vor allem im traditionell armen Süden des Landes.

Und noch etwas: Selbst wenn diese “Lohndrücker-Kur” oder “Lohndrücker-Therapie” funktionieren würde, wäre dies für die gewöhnlichen und einfachen Arbeitnehmer in diesen südeuropäischen PIIGS-Staaten eine eher elende Lösung.

Es bedeutet für diese durchschnittlichen Arbeitnehmer in Südeuropa letztendlich armselige Löhne und ein Leben auf niedrigem materiellen Niveau. Sie würden zwar dann in der Eurozone arbeiten und verbleiben, hätten aber verdammt wenig Euros in ihrer Tasche.

Für mich sieht das nicht nach sehr einer vernünftigen Lösung für das Problem der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit in diesen südeuropäischen PIIGS-Staaten aus.

Wenn überhaupt, freuen sich die Arbeitgeber vor allem im exportierenden Bereich in diesen südeuropäischen PIIGS-Staaten über diese “Lösung” (?!), sollte sie tatsächlich funktionieren.

Die Studie der IMK mit dem Titel “Zu schwache deutsche Arbeitskostenentwicklung belastet Europäische Währungsunion und soziale Sicherung” fordert als eine mögliche Lösung dieses Problems daher ganz klar: “Da innerhalb einer Währungsunion den Krisenländern keine nominalen Abwertungen zur Verfügung stehen, sind diese gezwungen, über unterdurchschnittliche Lohnsteigerungen ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Dieser Weg ist aber extrem langwierig, wenn Deutschland ihn nicht mit Lohnsteigerungen unterstützt, die deutlich über dem Durchschnitt der EWU-Länder liegen. Es reicht nicht aus, dass die Lohnstückkosten in den Krisenländern mit derselben Rate wachsen wie in Deutschland, denn dann würde sich die
Wettbewerbsposition dieser Länder gegenüber Deutschland noch nicht verbessern, sondern nur unverändert schlecht bleiben. Deutschland müsste
deshalb in den kommenden Jahren einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten von mehr als 2 % pro Jahr anstreben. Das impliziert
über Jahre hinaus Stundenlohnsteigerungen von deutlich mehr als 3 %. Ein solcher Anstieg wäre stabilitätsgerecht und würde die wirtschaftliche
Entwicklung in Deutschland hin zu einem ausgewogeneren Wachstumsmodell befördern. Den Krisenländern würde es ermöglichen, einen Anpassungspfad einzuschlagen, der nicht in Deflation und Depression endet”.

Tja, was diese Studie der IMK mit dem Titel “Zu schwache deutsche Arbeitskostenentwicklung belastet Europäische Währungsunion und soziale Sicherung” hier fordert wäre zumindest ein möglicher wichtiger Baustein zur Lösung dieser Eurokrise.

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