Das deutsche “Exportwunder” und die prallen Kassen des deutschen Fiskus in den letzten anderthalb Jahren: Herzlichen Dank an die Krisenstaaten Südeuropas – 2

Aber bis vor einigen Monaten hat Deutschland auf der Ebene der Exportindustrie ganz klar von der Krise in den PIIGS-Staaten auch  (Stichwort: Exportweltmeister) profitiert: Nämlich wegen des seit Beginn der Eurokrise zunehmend gegenüber den anderen Währungen, insbesondere dem US-Dollar, schwächelnden Euro. Schaut euch hierzu den Eintrag “Dollarkurs (Euro – Dollar) – Historische Kurse” in “Finanzen.net” an.

Der schwache Euro machte die deutschen Produkte auf den internationalen Exportmärkten ausserhalb der Eurozone deutlich preisgünstiger und so verschaffte sich Deutschland einen klaren Wettbewerbsvorteil auf diesen Märkten. Der Niedergang der PIIGS-Staaten und vor allem Südeuropas war so für die deutsche Exportindustrie ein rundes Geschäft.

Hier habt den Eintrag mit dem Titel “Rangfolge der wichtigsten Handelspartner Deutschlands nach Wert der Exporte im Jahr 2011 (in Milliarden Euro)” in “Statista“. Frankreich steht an erster Stelle, aber auch zahlreiche andere Länder, die nicht zur Eurozone gehören, spielen hier eine wichtige Rolle: USA, Vereinigtes Königreich, China und die Schweiz (ein kleines, aber sehr wohlhabendes Land).

Seht hierzu auch den Artikel vom 8.8.2012 mit dem Titel “Deutschland: Außenhandelsdaten Juni” im Blog “Querschüsse“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) heute Morgen mitteilte stiegen die deutschen Exporte von Waren und Güter im Juni 2012 um kräftigere +7,4% zum Vorjahresmonat, auf 94,618 Mrd. Euro, nach 92,710 Mrd. Euro im Vormonat und nach 88,140 Mrd. Euro im Vorjahresmonat. Das Rekordexportvolumen wurde im März 2012 mit 98,759 Mrd. Euro markiert. Damit bleibt das deutsche Geschäftsmodell, der Export, immer noch ungebrochen stark, trotz der Krise in der Südperipherie der Eurozone. (…).

Der Schwerpunkt beim deutschen Exportvolumen (unbereinigt) lag auch im Juni 2012 weiter in Europa, denn 53,6 Mrd. Euro bzw. 56,7% aller Exporte von Waren und Gütern gingen in die Länder der EU27. In die Eurozone (EU17, mit dem Euro als gemeinsamer Währung) ging ein Volumen von 35,5 Mrd. Euro bzw. von 37,53% aller deutschen Exporte. In Drittländer (alle Länder außerhalb der EU 27) wurden Waren und Güter in Höhe von 41,1 Mrd. Euro geliefert, der Anteil stieg auf 43,45% (Fettdruck von mir)”.

Zum deutschen “Exportboom” in den letzten beiden Jahren seht zum Beispiel den Artikel vom  8.2.2012 mit dem Titel “Eine Billion – Deutscher Export geht durch die Decke” in “Die Welt“.

Seht zum Beispiel auch den Artikel vom 3.3.2012 mit dem Titel “Deutsche Industrie erwartet einen Export-Boom” in “Die Welt“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Der niedrige Wechselkurs des Euro helfe den deutschen Unternehmen zusätzlich beim Verkauf ihrer Güter ins Ausland. Die Exporteure hätten ein dickes Auftragspolster und seien für Konjunkturschwankungen gut gerüstet”. (…).

In den vergangenen Monaten profitierten vor allem die Maschinenbauer von der höheren Nachfrage außerhalb der deutschen Grenzen: Sie konnten ihre Auslandsverkäufe um satte 14 Prozent steigern. Die Autohersteller verkauften sieben Prozent mehr, die Elektroindustrie drei Prozent mehr und Chemie- und Pharmafirmen meldeten ein Plus von rund sechs Prozent”.

Dabei ist Deutschland das einzige wohlhabende Industrieland, das in den vergangenen Jahren seinen Anteil am Welthandel weiter ausbauen konnte. Im vergangenen Jahr lag der Anteil von Gütern aus Deutschland auf den Weltmärkten bei 8,7 Prozent und damit leicht höher als im Jahr 2000. Im gleichen Zeitraum sank der Weltmarktanteil der USA von 11,4 Prozent auf 8,7 Prozent und Japans Anteil von 8,3 Prozent auf 5,1 Prozent”.

Das Interessante dabei ist – und ich habe schon oft darauf hingewiesen – dass Deutschlands seit der Einführung des Euro immer weiter anwachsende Exportüberschüsse wohl eine der wichtigen Ursachen der Eurokrise sind.

Seht hierzu zum Beispiel auch den Artikel vom 21.12.2011 mit dem Titel “Export: Europas Unwucht aus Deutschland” in “Financial Times Deutschland“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Es braucht immer zwei zum Tangotanzen, hat die Währungsfonds-Chefin Christine Lagarde einmal mit kritischem Blick auf die großen Exportüberschüsse Deutschlands gesagt. Seither sind die europäischen Handelsungleichgewichte ein Dauerstreitthema in Brüssel. Das Ifo-Institut hat exklusiv für die FTD berechnet, wie sich Deutschlands Handelsbilanzen mit den anderen EU-Ländern 2011 entwickelt haben. Das Ergebnis: Vom geforderten Abbau der Ungleichgewichte fehlt jede Spur – wie schon 2010 verbuchen 20 der 27 EU-Länder ein Defizit mit Deutschland.

Was die einen als Ausdruck der Wirtschaftskraft Deutschlands sehen, ist für die anderen eine zentrale Ursache der Euro-Krise. Denn die großen Überschüsse gehen einher mit hohen Forderungen gegenüber den weniger wettbewerbsfähigen Abnehmerländern. Spiegelbildlich verschlechtern die Defizite der Importeure deren Bonität am Anleihemarkt und erhöhen auf Dauer damit die Gefahr eines Bankrotts. Für Harvard-Ökonom Dani Rodrik sind die Ungleichgewichte sogar die Essenz der Euro-Krise: “Diese Ungleichgewichte sind eine Quelle enormer Instabilität für das europäische Währungssystem.”

Seht zum Problem der von Anfang an in der Eurozone auseinanderdriftenden Handelsbilanzen der verschiedenen Eurozonen-Länder nicht zuletzt auch meine beiden Blogeinträge “Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 139” und den nachfolgenden Beitrag.

Seht hierzu unter anderem auch einen Vortrag vom 8.2.2012 mit dem Titel “Die systemischen Ursachen der Krise” von Thomas Konicz, der zahlreiche aufschlussreiche Charts enthält.

Die südeuropäischen Eurozonen-Länder auf der einen Seite in der Regel von Anfang an steigende Handelsbilanzdefizite hingelegt, während Deutschland auf der anderen Seite immer höhere Handelsbilanzüberschüsse aufgebaut hat. Die südeuropäischen Eurozonen-Länder haben diese Handelsbilanzdefizite in der Regel mit der Aufnahme von Staatsschulden ausgeglichen.

Im Fall von Spanien war das vorliegende Handelsbilanzdefizit verdeckt, da Spanien sich im wesentlichen bis 2008 jahrelang aus einer Immobilienblase finanziert hat. Deshalb hatte Spanien bis zum Jahre 2008 wenig Staatsschulden und war in der Einhaltung der Defizite vorbildlich. Nach dem Platzen der Immobilienblase fingen aber dann für Spanien massiv die Probleme an. Im Fall von Irland war es übrigens ganz ähnlich.

Seitdem steigen auch in beiden Ländern massiv die Staatsschulden.

Seht hierzu den Eintrag mit dem Titel “Spanien: Staatsverschuldung von 2003 bis 2013 in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP)” in “Statista“.

Und seht ebenfalls den Eintrag mit dem Titel “Irland: Staatsverschuldung von 2003 bis 2013 in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP)”  in “Statista“.

Zum Charakter des deutschen “Exportbooms” in den letzten anderthalb Jahren lest nicht zuletzt den klugen Artikel vom 8.11.2012 mit dem Titel “Konjunktur: Deutschlands schräger Aufschwung” vom Chefökonom der “FTDThomas Fricke.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Seit Monaten steigt der Überschuss deutscher Exporte gegenüber den Importen rasant. Im Spätsommer lagen die Ausfuhren um rekordverdächtige 16 Mrd. Euro über den Einfuhren – in einem einzigen Monat. Das hat es seit Januar 2008 nicht gegeben – dem Jahr, als der weltweite Mix aus Rekordüberschüssen und entsprechend gefährlichen Defiziten anderer zur Krise beitrug (siehe Grafik). Dabei schien das Ungleichgewicht im deutschen Außenhandel seit 2008 bereits spürbar nachzulassen. Jetzt ist es fast wieder so groß wie vorher – der Handelsüberschuss dürfte 2012 rund 30 Mrd. Euro höher liegen als 2009.

Die Trendumkehr wirkt umso bizarrer, als Europas viel kritisierte Krisenländer ihre Außenbilanzen dramatisch verbessern, auch gegenüber den Deutschen – wenn auch teils auf brutale Art. Unser Überschuss mit Spanien ist von vierteljährlich zeitweise 7 Mrd. Euro auf zuletzt 2 Mrd. implodiert – den niedrigsten Stand seit Ende der 90er-Jahre. Der Überschuss mit Italien raste seit Sommer 2011 von 4,3 auf nur noch 2 Mrd. Euro – seit die Wirtschaft (auf deutsche Austeritätsempfehlung hin) unnötig in die Rezession geriet. Der deutsche Positivsaldo mit Portugiesen und Griechen sackte auf je ein Drittel.

Die Frage liegt nahe: Wie kann es da sein, dass der deutsche Exportüberschuss trotzdem neue Rekorde erreicht – wenn die vermeintlichen Schluderer teils kaum mehr Defizite haben? Logisch: Da muss es jetzt andere geben, die umso mehr Defizit einfahren und sich verschulden – so wie einst die, die (auch) deshalb heute in der Krise stecken.

Der Befund hat es in sich. Zu den Kandidaten zählt Frankreich. Hier ist der deutsche Überschuss an Exporten seit 2009 um rund die Hälfte gestiegen. Im Frühjahr verkauften die Deutschen beim Nachbarn für fast 10 Mrd. Euro im Quartal mehr, als sie dort einkauften. Einsamer Rekord. Ähnlich spektakulär ist die Trendumkehr im Handel mit Asien. Noch Ende 2008 hatten die Deutschen mit den Billglohnländern ein enormes Defizit (6,4 Mrd. Euro). Seit Ende 2011 gibt es hier – Achtung – Überschüsse.

Politisch nicht ganz unwichtig: Der Überschuss ist selbst im Handel mit den USA auf Rekordkurs. Nachdem der Saldo 2009 auf nur noch 3 Mrd. Euro gesunken war, schnellte er dieses Frühjahr auf gut 7,5 Mrd. Euro. Das hat es noch nie gegeben. Jetzt werden solche Diagnosen schnell damit gekontert, dass wir tolle Exporteure haben. Klar. Nur ist das bestenfalls die halbe Wahrheit, lässt sich der Trend zu Schuldnern nur bedingt auf die Schludrigkeit anderer schieben. Die Lohnstückkosten steigen in Deutschland seit Jahren stärker als bei vielen Konkurrenten. Die USA haben ihren Gesamtexport in dieser Zeit stärker ausgeweitet als wir.

Wenn die Deutschen überhaupt global wettbewerbsfähiger geworden sind, dann wegen der krisenbedingten Euro-Schwäche, die Waren im Ausland verbilligt – zweifelhafter Verdienst (Fettdruck von mir). Der Hauptgrund für das Wiederhochschnellen des Handelsüberschusses liegt auf der anderen Seite der Bilanz: bei der Schwäche der deutschen Importnachfrage.

Seit sich die Euro-Krise zugespitzt hat, schwindet aller Beteuerung zum Trotz die Dynamik der Binnennachfrage. Für deutsche Verhältnisse mag es nach zehn tristen Jahren toll wirken, dass die Verbraucher 2012 real ein Prozent mehr ausgeben. Das ist so weit vom Konsumboom entfernt wie die Erde vom Mars. Die Bauinvestitionen sind nach ein paar guten Quartalen wieder gesunken. Und die Unternehmen investieren trotz rekordtiefer Zinsen seit einem Jahr stetig weniger im Inland, offenbar aus Angst vor der Euro-Krise”.

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