Online-Petition gegen das geplante “Leistungsschutzrecht” – 2

Am 10.10. erschien ein Artikel mit dem Titel “Piratenpartei: Online-Petition gegen Leistungsschutzrecht vor dem Scheitern” in “Spiegel-Online“.

Am 11.10. erschien ein weiterer Artikel mit dem Titel “Piratenpartei: Online-Petition gegen Leistungsschutzrecht gescheitert”  in “Spiegel-Online“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Die Online-Petition gegen das sogenannte Leistungsschutzrecht hat nicht einmal die Hälfte der erforderlichen 50.000 Unterschriften erreicht. Als Nächstes entscheidet der Bundestag über das umstrittene Gesetz“.

Am 30.11.2012 haben sich anscheinend Vertreter der Regierungsfraktionen und der Opposition zu nachtschlafender Stunde im Bundestag einen Schlagabtausch über den Regierungsentwurf für ein neues Leistungsschutzrecht geliefert.

Seht hierzu zum Beispiel einen Artikel vom 30.11. mit dem Titel “Bundestag streitet übers geplante Leistungsschutzrecht” in “heise online“.

Wenn ihr wissen wollt, wer dieses Gesetz unbedingt durchbringen will, so erfahrt ihr in diesem Artikel: “Die Präsidenten der Verlegerverbände BDZV und VDZ, Helmut Heinen und Hubert Burda haben unterdessen ihre Sorge über die laufende Kampagne Googles zur “Netzverteidigung” in einem Brief an die Bundestagsabgeordneten ausgedrückt. Die von dem Suchmaschinenkonzern getroffenen Aussagen seien irreführend und unbegründet, ist darin nachzulesen. Von den Verlagen gehe keine Gefahr aus. Jeder müsse dagegen wissen, dass Google noch zu viel mehr im Stande sei und sich im Gegensatz zur deutschen Presse nicht der Wahrheit verpflichtet fühle”.

Besonders belustigend finde ich die Behauptung der Präsidenten der Verlegerverbände BDZV (Helmut Heinen) und VDZ (Hubert Burda), dass die deutsche Presse sich im Gegensatz zu Google “zur Wahrheit verpflichtet” (?!) fühle. 

Ach ja, hat irgendeiner von euch das Gefühl “Die Wahrheit” (?!) zu erfahren, wenn ihr zum Beispiel die Bild-Zeitung (Axel Springer AG) lest?

Seht zu dieser Debatte im Bundestag auch den Eintrag vom 30.11. mit dem Titel “Zum Nachschauen: Debatte über Leistungsschutzrecht in erster Lesung im Bundestag” in Markus Beckedahls Blog “netzpolitik.org“.

Hier geht es einfach nur ums Geld für die deutschen Verleger von Zeitungen und Zeitschriften. Google soll an diese Verleger Geld zahlen, damit sie die Suchergebnisse für die Artikel der deutschen Zeitungen und Zeitschriften listen dürfen. Die besten Karten haben bei diesen Verhandlungen mit Google wohl die Anbieter von Presserzeugnissen für die Masse. Google würde wohl kaum darauf verzichten können, die Artikel zum Beispiel der “Bild-Zeitung” zu listen.

Die Verlage von kleineren und oft auch finanziell in einer klammeren Situation befindlichen Presseerzeugnissen gehen bei diesem Spiel wohl praktisch leer aus oder werden einfach übergangen (Nach dem Motto: “Die Sache lohnt sich nicht, die listen wir einfach nicht“). Und die Qualitätspresse (die vor allem auch in den deutschen überregionalen Tageszeitungen und Wochezeitungen vertreten ist) wird man wohl mit diesem geplanten “Leistungsschutzrecht für Presseverleger” kaum retten können.

Könnte man zum Beispiel aktuell die “Frankfurter Rundschau” oder die “Financial Times Deutschland” mit so einem “Leistungsschutzrecht für Presseverleger” retten?

Seht zum Thema der “Frankfurter Rundschau” und der “Financial Times Deutschland” auch meinen Blogeintrag “Trotz des eitlen Selbstlobs Wolfgang Schäubles: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 165“.

Das Hauptproblem der Qualitätspresse in Deutschland und Europa ist der allgemeine Verfall der Bildung und insbesondere der Lesekultur in unserer Gesellschaft. Für die USA gilt dies wohl genauso.

Die jüngeren, nachwachsenden Generationen in Deutschland (und in Europa und den USA allgemein) lesen selten und kaufen in der Regel oft auch keine Tageszeitung oder Wochenzeitung mehr.

Das Phänomen ist übrigens schon lange bekannt. Ich selbst habe öfters mit Journalisten über diese Sache geredet, die für die Freiburger “Badische Zeitung” arbeiten. Selbst der “Badischen Zeitung“, die in der Freiburger Region praktisch eine Monopolstellung hat, brechen im Bereich der jüngeren Leser die Abonnenten und Käufer deutlich weg.

Seht zu diesem Phänomen zum Beispiel den Artikel vom 1.6.2001 mit dem Titel “W&V: Dramatische Entwicklung – den Tageszeitungen laufen junge Leser davon” in “presseportal.de“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Deutsche Tageszeitungen verlieren immer mehr junge Leser. In der Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen büßten viele
Zeitungen teils dramatisch an Reichweite ein, ergab eine
Marktuntersuchung von w&v  – werben und verkaufen, dem führenden
deutschen Marketingmagazin, in Zusammenarbeit mit dem Axel Springer
Verlag, der dafür die Mediaanalysen 1993 – 2000 auswertete. Die
Zeitung sei zwar noch nicht in der Krise, aber sie steuere zielgenau
darauf zu, heißt es in der aktuellen Ausgabe von w&v. Dazu kommt,
dass die Zeit für die tägliche Zeitungslektüre seit Jahren stagniert,
während die Nutzung anderer Medien teils deutlich zulegte”.

Zur aktuellen Situation seht zum Beispiel einen Artikel vom 30.11.2012 mit dem Titel “JIM-Studie: Trotz hoher Glaubwürdigkeit: Nur jeder vierte Jugendliche liest täglich Zeitung” in der Website von “Werben & Verkaufen“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Gedruckte Medien tun sich bei Jüngeren zunehmend schwerer, genießen aber nach wie vor hohe Glaubwürdigkeit. Das geht aus der heute veröffentlichten JIM-Studie 2012 (Jugend, Information, (Multimedia) hervor, der jährlichen Studie zur Mediennutzung von Jugendlichen des Medienpädagogischen Forschungsverbandes Südwest (MPFS). Basis der Erhebung sind gut 1.201 befragte Heranwachsende zwischen zwölf und 19 Jahren.

Nur 26 Prozent der Jugendlichen geben an, täglich Zeitung zu lesen. Vor zwei Jahren waren es jeweils noch einige Prozentpunkte mehr gewesen und 2008 hatten zum Beispiel noch fast 30 Prozent der Jugendlichen täglich Zeitung gelesen. Tageszeitungen im Web rufen zehn Prozent der Jugendlichen täglich auf, mindestens einmal pro Woche tun es 18 Prozent. Gedruckte Zeitschriften werden von 26 Prozent der Jugendlichen mindestens einmal pro Woche durchgeblättert. Etwa halb so viele surfen die Titel im gleichen Zeitraum im Internet an”.

Seht hierzu auch einen entsprechenden Artikel vom 28.9.2011 zur Situation in den USA mit dem Titel “How newspapers are losing next-gen readers” im Blog “Reflections on a Newsosaur” des Journalisten und Beraters von Medienunternehmen Alan D. Mutter.

Ich kenne dieses Phänomen übrigens auch gut, weil ich selbst vor ungefähr zweieinhalb Jahren ein Referendariat an einem Beruflichen Gymnasium in Freiburg abgeschlossen habe. Meine Schüler und Schülerinnen haben in der Regel keine Tageszeitung oder Wochenzeitung gelesen. Seht zu meiner Ausbildung auch meinen Blogartikel “Who I am: My CV“.

Schuld an diesem Verfall von Bildungs und Lesekultur in unserer Gesellschaft sind übrigens nicht die jüngeren Menschen selbst.

Schuld an diesem Phänomen ist eine Gesellschaft, in der Bildung und Lesekultur gar keinen Wert mehr repräsentieren.

Man kann schwerlich verlangen, dass jüngere Menschen Bildung und die Lektüre allgemein für einen Wert halten, wenn ihnen alle medialen Kanäle in unserer Gesellschaft andauernd signalisieren, dass es in unserer Gesellschaft nur auf Erfolg, Geld und Sex ankommt.

Auch kann man schwerlich verlangen, dass jüngere Menschen die Geisteswissenschaften ernst nehmen (in denen vor allem gelesen und geschrieben wird), wenn die Geisteswissenschaften an den meisten Universitäten Europas und wohl auch an den meisten Universitäten der USA gar nicht mehr ernsthaft gefördert werden und überhaupt kein Prestige mehr geniessen.

Wer übrigens genau wusste, dass Bildung und nicht zuletzt auch aufgeklärtes Denken eng an die Lesekultur geknüpft sind, war Neil Postman.

In seinem Buch “Amusing Ourselves to Death: Public Discourse in the Age of Show Business” von (1985) leistete Neil Postman eine ebenso kritische wie treffsichere Diagnose der aktuellen neoliberalen Schwachsinnsgesellschaft, die zunehmend von medialen Angeboten beherrscht wird, in denen eine anspruchsvolle und differenzierte Argumentation nur noch eine untergeordnete oder gar keine Rolle mehr spielt. Nur komplexe Texte und intelligente Reden können in der Regel solch eine anspruchsvolle und differenzierte Argumentation anbieten.

Als Folge hiervon spielt natürlich anspruchsvolles und differenziertes Argumentieren in unserer Gesellschaft grundsätzlich keine grosse Rolle mehr. Die Politiker werden dann zunehmend zu Showmastern, die mit primitiven Parolen hantieren. Bezeichnenderweise zierte das Bild des damaligen republikanischen und neoliberalen US-Präsidenten Ronald Reagan mit roter Pappnase das Cover der amerikanischen Erstausgabe von 1985 (Siehe hierzu nochmals den englischen Wikipedia-Artikel zu diesem Buch von Neil Postman. Die Erstausgabe des Buches erschienen bei Viking Press in New York und hatte dieses Cover).

In den achtziger Jahren wurde, wie Neil Postman in diesem Buch sehr klar darstellt und erläutert, das Fernsehen und vor allem auch das Privatfernsehen zum Leitmedium in unserer Gesellschaft. Dieser Gedanke der Verfall einer Lesekultur als Kern des Verfalls aufklärerischer Ideen und anspruchsvoller Bildung allgemein taucht auch in anderen Büchern von Neil Postman immer wieder auf.

Vor allem in seinem letzten umfangreicheren Buch mit dem Titel “Building a Bridge to the 18th Century: How the Past Can Improve Our Future (1999)erläutert Neil Postman nochmals ausführlich den Zusammenhang zwischen der Lese- und Schreibkultur und anspruchsvollem, differenziertem und aufgeklärtem Denken und Argumentieren.

Was das Internet angeht: Dort kann man sehr viele Websites mit anspruchsvollen Texten finden. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die meisten jungen Menschen in unserer Gesellschaft in der Regel eben diese Websites mit solchen anspruchsvollenTexte ansteuern oder nicht die ebenfalls massig vorhandenen grottigen und trashigen Websites im WWW.

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