Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte (2012) – 2

Im Wikipedia Eintrag zur “Corporate Social Responsibility” erfahren wir zu den Kritikpunkten gegenüber diesem Marketingkonzept: “Corporate Social Responsibility ist auch Kritik ausgesetzt. Diese beruht im Wesentlichen auf der Tatsache, dass Unternehmen (insbesondere börsennotierte Unternehmen) nach den Kriterien der Profitmaximierung wirtschaften und dabei für sie soziale oder ökologische Gesichtspunkte keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen. Viele Unternehmen würden Corporate Social Responsibility daher nur aus ökonomischen Gründen betreiben, und zwar auf eine Art und Weise, dass sie mit minimalen Kosten einen maximalen positiven Effekt für sich selbst erzielen. Es bestehen also Zweifel an der Aufrichtigkeit der Motive für ein Engagement im Sinne des CSR. Nach Ansicht der Kritiker setzen solche Unternehmen CSR-Aktivitäten nicht “um der Sache selbst” willen, sondern aus einem oder mehreren der folgenden Gründe um:

  • Verbesserung des eigenen Images: Ein Unternehmen setzt CSR-Aktivitäten um und hebt diese (beispielsweise in seiner Werbung) als eines seiner herausragenden Merkmale hervor. Das Ziel ist ein verbessertes Ansehen des Unternehmens in der Bevölkerung (und oft ein damit einhergehender gesteigerter Gewinn). Die Ausgaben für die Werbung können in solchen Fällen die Kosten für die Umsetzung der CSR-Aktivitäten um ein Vielfaches übersteigen. Kritik wird besonders an solchen Unternehmen geübt, die von der CSR-Aktivität abgesehen durch ihre sonstigen Handlungen ökologisch oder sozial nicht nachhaltig sind. Im Bezug auf ökologische Nachhaltigkeit spricht man in einem solchen Zusammenhang von Greenwashing.
  • Vorbeugung gegen die Schaffung von Gesetzen: Aufgrund der weltweit steigenden Nachfrage nach ökologisch und sozial nachhaltig produzierten Gütern und der wachsenden Erwartung der Gesellschaft an die Unternehmen, ethisch korrekt zu wirtschaften, wächst auch die Wahrscheinlichkeit, dass immer mehr Länder Gesetze einführen, die die Unternehmen zu solch einem Handeln zwingen. Nach Ansicht der Kritiker wird daher CSR von einigen Unternehmen umgesetzt, um der Schaffung solcher Gesetze vorzubeugen, da diese für die Unternehmen mit wesentlich höheren Kosten verbunden wären als wenn sie sich selbst freiwillig engagieren. Kritiker vergleichen dies mit einem Ablasshandel, einer Botschaft der Unternehmen an die Politik und Bürger: „wir kümmern uns drum, wir brauchen keine Regeln und ihr Konsumenten könnt in Ruhe bei uns einkaufen.“
  • Vermeidung von Folgekosten von Pannen und Unfällen: Ökologisch und sozial nicht nachhaltiges Handeln kann zu Pannen, Unfällen oder sonstigen Unglücken führen, deren Folgen für das verantwortliche Unternehmen mit erheblichen Kosten verbunden sind, welche die gesparten Kosten bei weitem übersteigen. Aus diesem Grund sind CSR-Aktivitäten für solche Unternehmen auch vom finanziellem Gesichtspunkt aus sinnvoll und werden nach Ansicht der Kritiker auch nur aus finanziellen Gründen durchgeführt. Beispiele für Vorfälle, die die Umsetzung von CSR zur Folge hatten, sind das Tankerunglück der Exxon Valdes von 1989, oder die Rückrufaktion von mit Blei belastetem Spielzeug von Mattel im Jahr 2007″.

Im Wikipedia-Artikel zu “Sponsoring” (in dem auch das “Sozio- und Umweltsponsoring” erwähnt wird) erfahren wir: “Unter Sponsoring versteht man die Förderung von Einzelpersonen, einer Personengruppe, Organisationen oder Veranstaltungen, durch eine Einzelperson, eine Organisation oder ein kommerziell orientiertes Unternehmen, in Form von Geld-, Sach- und Dienstleistungen mit der Erwartung, eine die eigenen Kommunikations– und Marketingziele unterstützende Gegenleistung zu erhalten”.

Im Klartext: Sponsoring dient dem Image und den Marketingzielen eines Unternehmens.

Sponsoring ist einfach nur Teil der Marketingstrategie eines Unternehmens und dient letztendlich der Erhöhung des Umsatzes und somit auch des Gewinns des betreffenden Unternehmens.

Wer sich dafür interessiert, was Großunternehmen (amerikanisch: “Corporations“) tatsächlich oft so treiben, der kann sich zum Beispiel mal meinen Blogeintrag “`The Corporation´ (2003)” durchlesen.

Sieht so vielleicht die Sozial- und Ökopolitik der Zukunft aus? Ist das die neoliberale Vision einer marktkonformen Sozial- und Ökopolitik, um hier mit den Worten Ingo Schulzes zu sprechen?

Über das Regenwald-Sponsoring der Brauerei Krombacher erfahren wir übrigens in dem Wikipedia-Artikel zum Thema “Sponsoring” folgendes: “Das Engagement der Krombacher Brauerei zur Rettung von Teilen des Regenwaldes galt als fragwürdig und ist wohl eher der klassischen Werbung zugehörig”.

In diesem Stil also schwadroniert Henryk M. Broder in seiner Rezension mit dem Titel  “Wie uns die Zukunft abhanden kam” vom 28.7 in “Welt-Online” Absatz um Absatz weiter und produziert hier einen klassischen “Verriss“, wie solch eine Art von Rezension im Journalistenjargon bezeichnet wird.

Wie sagt man so schön: “Papier ist geduldig“.

Warum ereifert sich denn Henryk M. Broder in seiner Rezension mit dem Titel  “Wie uns die Zukunft abhanden kam” so über Ingo Schulzes neuerschienenes Büchlein?

Nun, der Grund ist schnell genannt: Die Tageszeitung “Die Welt” gehört der “Springer AG“. Und die “Springer AG” und konkret auch Friede Springer wollen wohl verhindern, dass die Deutschen auf möglicherweise non-konforme und systemkritische Gedanken kommen.

Das mächtigste Instrument der “Springer AG“, um den Deutschen gründlich das Gehirn zu waschen, ist seit jeher die Bild-Zeitung.

Die Variante für gehobenere und bildungsorientiertere Schichten ist dann eben “Die Welt” (wobei in “Die Welt” manchmal auch gute und sachliche Artikel erscheinen. Aber die Grundtendenz ist eindeutig. In den anderen bundesdeutschen Tageszeitungen ist es übrigens meistens nicht viel anders).

Deshalb wird hier Ingo Schulzes Text “Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” pflichtgemäß von Henryk M. Broder verrissen.

Ingo Schulze wendet sich in diesem Text, wie ja schon der Titel seines Büchleins sagt, gegen Angela Merkels Vision einer “marktkonformen Demokratie” und fordert stattdessen in logischer Umkehrung “demokratiekonforme Märkte“.

Nun, in Ingo Schulzes Forderung steckt natürlich eine geballte Kritik am Neoliberalismus.

Denn die Grundidee im klassischen Manchesterliberalismus ebenso wie im Neoliberalismus ist eine simple und naive Marktgläubigkeit, die sich in Adam Smiths Metapher der sogenannten “Unsichtbaren Hand” verdichtet, die angeblich zum Wohle aller die Märkte regiert.

Nun, diese “Unsichtbare Hand” ist im Prinzip einfach nur ein wirtschaftsliberaler Mythos und wie Joseph Stiglitz einmal ironisch in einem Interview im Februar 2010 im Commonwealth Club of California bemerkte, sei die sogenannte “Unsichtbare Hand” wohl deshalb unsichtbar, weil sie in den meisten Marktsituationen gar nicht präsent sei.

Seht hierzu den kurzen Clip in YouTube mit dem Titel “Joseph Stiglitz: Smith’s “Invisible Hand” a Myth?“.

Eine “marktkonforme Demokratie” ist eine marktgläubige und marktradikale Demokratie. Und so etwas will Ingo Schulze nicht und er glaubt, dass dies letztendlich ein Ausverkauf des Staates und der gesamten Gesellschaft an die Banken, an die Finanzmärkte, an die Unternehmen und Kapitalanleger darstellen würde.

Und er hat völlig recht damit.

Im Grunde noch systemkritischer ist aber eine andere Forderung von Ingo Schulze: Er will, dass die Menschen in unserer Gesellschaft sich endlich wieder selbst ernst nehmen.

Und in gewisser Weise hat Ingo Schulze selbst seine Rede “Unsere schönen neuen Kleider” am 26. Februar 2012 im Staatsschauspiel Dresden deswegen gehalten, weil er selbst mit gutem Beispiel vorangehen und sich selbst ernst nehmen wollte.

Ingo Schulze weiss wahrscheinlich, dass er nicht in erster Linie ein professioneller Ökonom ist. Und tatsächlich habe ich selbst beim Durchlesen seines Büchleins einige Punkte gefunden, in denen ich Ingo Schulze auf dieser analytischen und wirtschaftspolitischen Ebene widersprechen würde und die Sache anders sehen würde als er.

Und Ingo Schulzes Denken ist logischerweise – da er aus der ehemaligen “DDR” stammt – von der marxistischen Theorie beeinflusst.

Ich selbst stehe eher den “New Keynesians” wie Paul Krugman und Joseph Stiglitz nahe.

Mein kritisches Instrumentarium gegenüber dem Neoliberalismus entstammt also eher der Keynesianischen als der marxistischen Theorie.

Meine Vision einer gerechten Gesellschaft steht eher dem Keynesianischen Gedanken einer breiten Mittelstandsgesellschaft als marxistischen revolutionären Theorien nahe.

Aber ich stimme Ingo Schulzes Forderungen im Kern völlig zu: Wir brauchen tatsächlich demokratiekonforme Märkte und wir sollten endlich anfangen, unsere Wünsche und Bedürfnisse ernst zu nehmen und auch die notwendigen Veränderungen im aktuellen neoliberalen Wirtschaftssystem endlich einfordern.

Ein gutes Leben kann nicht im luftleeren Raum stattfinden. Ein gutes Leben ist auch an konkrete materielle Bedingungen gebunden. Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das der breiten Masse der Bevölkerung dient und auch auf ökologischer Ebene vernünftig funktioniert.

Daher endet Ingo Schulzes Rede sinnigerweise mit der Bemerkung (S. 80): “Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich habe mich selbst so ernst genommen, dass ich Ihnen diese Rede zugemutet habe. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld“.

Und genau dies will unsere aktuelle Vergnügungsgesellschaft auf jeden Fall verhindern: Dass wir uns selbst ernst nehmen.

Denn sollten wir uns irgendwann einmal tatsächlich wieder ernst nehmen, könnten wir ja anfangen, ernsthaft über klare und deutliche Veränderungen in unserem aktuellen neoliberalen Wirtschaftssystem nachzudenken und mit Ernsthaftigkeit eine Wende zu einer sozialeren und ökologisch vernünftigeren Politik fordern.

Einer der brilliantesten Technik- und Medienkritiker in den USA war Neil Postman. Und sein vielleicht populärstes Buch war “Amusing Ourselves to Death

Deutsch: Postman, Neil, Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, 18. Auflage, Frankfurt: Fischer 2008.

Dieses Buch erschien 1985, als die neoliberale Revolution in den USA schon voll angelaufen war.

Die mediale Verblödungsmaschinerie in unseren westlichen Gesellschaften verfolgt genau dieses Ziel, uns jede Ernsthaftigkeit auszutreiben, auch was unser eigenes Leben angeht.

Am Ende reduziert sich alles nur auf einen aufgeblasenen und verdrehenden “Bullshit“, der sich mittlerweile in alle Bereiche ausdehnt, sogar in den akademischen Bereich an den Universitäten.

Harry G. Frankfurt hat zu diesem Phänomen im Jahre 2005 ein ebenso prägnantes wie witziges Büchlein mit dem Titel “On Bullshit” veröffentlicht.

Insofern ist gerade dieser Gedanke, dass wir uns endlich wieder selbst ernst nehmen sollten, der vielleicht systemkritischste Gedanke, den Ingo Schulze hier von seinen Lesern einfordert. Und er hat auch damit völlig recht.

Die Voraussetzung für jeden gesellschaftlichen Wandel ist sicherlich, dass nicht zuletzt die intellektuellen Eliten in einem Land anfangen, sich selbst ernst zu nehmen und zusammen mit der breiten Masse der Bevölkerung die notwendigen Veränderungen einfordern.

Und dass Veränderungen notwendig sind, daran besteht kein Zweifel.

Die Finanzkrise ab 2007 ist auch in den USA noch lange nicht ausgestanden, und sie ist spätestens im Herbst 2008 beim Zusammenbruch der Lehman-Brothers-Bank auf die Eurozone übergesprungen.

Das Management der Eurokrise (beginnend mit der Griechischen Finanzkrise ab 2009) seitens der europäischen Politiker war derart lausig, dass jetzt der Euro tatsächlich droht zu zerbrechen.

Diese Finanzkrise ab 2007 ebenso wie die Eurokrise ist nicht zuletzt die Folge der Deregulierung der Banken, Börsen und Finanzmärkte, die in der neoliberalen Revolution unter Margaret Thatcher (England) und Ronald Reagan (USA) ihren Ausgang nahm.

Seht hierzu nochmals meinen Blogartikel mit dem Titel “Die Ursachen und Folgen der neoliberalen Revolution ab den 80er-Jahren“.

Und natürlich ist das neoliberale Wirtschaftssystem ein sozial ungerechtes System. Es begünstigt eine kleine Schicht von Spitzenverdienern, Unternehmern und Kapitalanlegern und spaltet die Gesellschaft in Sieger und Verlierer.

Die ökologischen Probleme auf unserer Welt sind schon seit vielen Jahrzehnten drängend. Dabei sind die vorliegenden Grundprobleme spätestens seit der Veröffentlichung des Berichts mit dem Titel “Die Grenzen des Wachstums” durch den Club of Rome im Jahre 1972 im wesentlichen bekannt.

Immer noch beruht unser Wirtschafts- und Produktionssystem im wesentlichen auf der massiven und unkontrollierten Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unsere Erde. Vor allem das Problem der Abhängigkeit von den fossilen Energieträgern ist immer noch ungelöst.

Wer sich für das Thema der zunehmenden Knappheit vieler Rohstoffe auf dem Weltmarkt interessiert, die für unsere Industrieproduktion absolut notwendig sind, der kann zum Beispiel einmal meinen Blogartikel “Deutschland und der globale Kampf um die verbliebenen weltweiten Ressourcen” durchlesen.

Und wen das Thema der zunehmenden schwindenden Ölreserven auf dieser Welt interessiert, der kann zum Beispiel einmal meinen Blogartikel “A Crude Awakening: `The Oil Crash´ (2006) und `The End of Suburbia (2004)´” einsehen.

Angehängt an diesen Artikel findet ihr zwei gute und klare Vorträge von zwei Referenten, die an das “Postfossil Institut” in Hamburg angeschlossen sind und dieses Thema sehr gut kennen.

Die Auswirkungen dieser Art zu wirtschaften und zu produzieren sind schon längst klar erkennbar: Zum Beispiel der aktuelle Klimawandel ist ein Resultat hiervon.

Die im deutschen politischen Diskurs modisch gewordenen Schlagworte von der “Nachhaltigkeit” und “Generationengerechtigkeit” können nicht darüber hinwegtäuschen, dass unsere aktuelle Art zu wirtschaften und zu produzieren immer noch in keinster Weise nachhaltig und damit natürlich selbstverständlich auch nicht generationengerecht ist.

Natürlich sind die Menschen in den Ländern in der “Dritten Welt” immer noch massiv benachteiligt und wir tun viel zu wenig, um diesen Ländern und ihrer Bevölkerung zu helfen.

Mehr noch: Unter anderem sind diese Länder in der “Dritten Welt” oft das Ziel einer gnadenlosen Ausbeutung nicht zuletzt durch Unternehmen der entwickelten Länder wie Deutschland.

Diese Länder dienen uns in erster Linie als preisgünstige Lieferanten für diejenigen Rohstoffe, die für unsere industrielle Produktion dringend benötigt weden.

Aber am Schicksal gerade auch der einfachen und zumeist bitter armen Bevölkerung dieser Länder nehmen diese Unternehmen der entwickelten Länder wie Deutschland und auch unsere regierenden Politiker in der Regel kein Interesse.

Insofern gebe ich Ingo Schulze im Kern völlig recht: Wir sollten uns endlich wieder ernst nehmen und demokratiekonforme Märkte einfordern.

Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratische Märkte. Hanser Berlin; 80 Seiten, 10 Euro

Creative Commons Lizenzvertrag Ingo Schulze: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte (2012) – 2 Klaus Gauger steht unter einer Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported License

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