Julian Assanges Asylgesuch an Ecuador 9

Nachtrag 15.9.2013: Ich habe jetzt schon recht lange nicht mehr über den Fall Julian Assange berichtet, weil sich hier auch wenig zu tun scheint.

Julian Assange sitzt jetzt seit über einem Jahr in der Botschaft von Ecuador in London, aus der er aufgrund der Dauerüberwachung durch die Londoner Polizei nicht heraus kann, ohne fest genommen zu werden.

Seht hierzu den Artikel vom 19.6.2013 mit dem Titel “Ein Jahr in ecuadorianischer Botschaft: Assange fordert sichere Ausreise” in “tagesschau.de“.

Gelegentlich kann sich Julian Assange bei öffentlichen Veranstaltungen über Bildschirm reinschalten lassen, wie zum Beispiel dem letzten LeadAward in Hamburg.

Seht hierzu zum Beispiel den Artikel vom 13.9.2013 mit dem Titel “Julian Assange spricht bei Lead Awards in Hamburg” im “Hamburger Abendblatt“.

Aber ansonsten bewegt sich in dieser Sache anscheinend nicht viel.

Was nun den Fall Julian Assange selbst angeht, so ist im Mai dieses Jahres ein Dokumentarfilm mit dem Titel “We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks” des US-amerikanischen Filmmachers Alex Gibney in die Kinos der USA gelangt.

Zum ersten Mal gezeigt wurde dieser Dokumentarfilm auf dem “Sundance Film Festival” im Januar dieses Jahres.

Ich habe mir diese Doku in Ruhe angeschaut, aber allzu viel Neues und Überraschendes bringt sie eigentlich nicht.

In diesem Dokumentarfilm wird eher der Ende Juli 2013 in den USA zu 35 Jahren Haft verurteilte Bradley Manning zum lebensmüden oder heldischen “Whistleblower” aufgebaut, während Julian Assange als eher wurzellose und fragwürdige Gestalt mit einem gebrochenen Verhältnis zur Wahrheit in eigener Sache wegkommt und es so scheint, als hätten ihn die beiden frustrierten “Groupies“, mit denen er wohl Sex hatte, deshalb angezeigt, weil er nicht bereit war, ihnen einen HIV-Test zu liefern (denn er soll ja angeblich ungeschützten Geschlechtsverkehr mit ihnen gehabt haben).

Und natürlich sollen diese “Groupies” (die als sogenannte “Volunteers” für Wikileaks arbeiteten) auf keinen Fall von amerikanischen Geheimdiensten zu dieser Aktion angestiftet worden sein. Beweisen kann Alex Gibney das alles aber nicht.

Eines der beiden “Groupies” namens “Anna” – mit einer fetten Perücke ausstaffiert, unter der ihre Gesichtszüge kaum erkennbar sind und im Halbdunkel sitzend – klagt in diesem Dokumentarfilm über ihr hartes Los nach ihrer Anzeige gegen Assange. Angeblich sollen Assange-Fans sie unzählige Male belästigt und ihr unter anderem oft eine deftige Vergewaltigung gewünscht haben. Und sie soll die Anzeige nur aufgegeben haben, weil der aus ihrer Sicht hartherzige Egoist Julian Assange ihr den notwendigen HIV-Test verweigert habe. Denn nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Assange habe sie sich natürlich vor einer ansteckenden Geschlechtskrankheit (= AIDS) gefürchtet.

Tja, das kann man glauben. Oder eben auch nicht. Denn dass diese “Groupies” vor der Anzeige nicht wussten, dass einem Mann mit so vielen mächtigen Feinden wie Assange solch eine Anzeige höchstwahrscheinlich das Genick brechen würde, kann ich mir irgendwie nicht vorstellen.

Wussten die beiden “Groupies” das tatsächlich nicht und sollten sie tatsächlich ahnungslos diese Anzeige aufgegeben haben, dann sind sie in der Tat wohl ziemlich unterbelichtet. In diesem Fall hätte Julian Assange eher auf den Verstand seiner “Groupies” als auf ihr Aussehen achten sollen. Nun, diesen Fehler machen leider viele Männer.

Eigentlich wird in diesem Film nur deutlich, dass Assange sich mit WikiLeaks wohl gewaltig übernommen hat. Denn diese Internet-Enthüllungsplattform war personell und finanziell nicht vorbereitet und ausgestattet, um derartige Mengen an empfindlichen Dokumenten über den Krieg in Afghanistan seit 2001 und den Irakkrieg ab 2003 zu sichten und sie so zu entschärfen, dass niemand nach der Veröffentlichung behaupten konnte, Assange würde mit der Veröffentlichung dieser Dokumente amerikanische Armeeangehörige, die sich in Afghanistan oder dem Irak befinden, gefährden.

Julian Assange war in diesem Punkt auch unflexibel und nahm dieses Risiko leichtfertig in Kauf. In diesen Dokumenten erschienen daher unter anderem auch Namen von amerikanischen Armeeangehörigen.

Julian Assange wurde hier wohl das Opfer seiner eindeutig zu simplen Hacker-Ideologie, die davon ausgeht, dass die Veröffentlichung von geheimen Dokumenten immer gut sei, da “Transparenz” unter allen Umständen und um jeden Preis das höchste gesellschaftliche und politische Ziel sein müsse.

Julian Assange scheint nicht zu begreifen, dass Staatsgeheimnisse Teil jedes staatlichen Systems sind und ein Stück weit für das Funktionieren jedes staatlichen Systems notwendig sind, auch wenn natürlich staatliche Verbrechen grundsätzlich aufgeklärt werden sollten. Und in Afghanistan und im Irak wurden auch Verbrechen seitens von amerikanischen Armeeangehörigen begangen (ein Beispiel ist hier der Skandal um die Folterungen im irakischen Abu Ghraib-Gefängnis) und sicher nicht alle dieser Verbrechen sind bisher an die Öffentlichkeit gelangt.

Tatsächlich stand nach der Veröffentlichung dieser Dokumente genau dieser Vorwurf im Raum, Assange gefährde das Leben von amerikanischen Armeeangehörigen im Irak und Afghanistan, der dann von allen rechten Hardlinern in den USA in den US-amerikanischen Medien so oft wiedergekäut wurde, bis Assange dann für viele konservative Amerikaner zum “Staatsfeind Nr. 1” wurde und Bradley Manning zu einem Verräter, der hingerichtet oder für immer ins Gefängnis gehört.

Was Bradley Manning angeht, so erstaunt hier vor allem, wie so ein Mann überhaupt in den amerikanischen Streitkräften landen konnte. Er war mehr oder weniger offen homosexuell (was im Kontext der vielen schiesswütigen Machos im amerikanischen Militär eher ungünstig ist) und vor allem leidet er unter seiner ungeklärten geschlechtlichen Identität, denn eigentlich möchte er eine Frau sein und er wies seine Vorgesetzten gegen Ende seiner Dienstzeit auch darauf hin, dass er an eine Geschlechtsumwandlung denke.

Und Manning war von seinem Verhalten her ganz offensichtlich psychisch völlig instabil. Eine weibliche Vorgesetzte von ihm berichtet in diesem Film, wie oft Manning während seiner Amtszeit auf völlig unberechenbare Weise ausrastete. Dies ging soweit, dass er am Ende nicht mal mehr über ein Gewehr verfügen durfte, weil seinem Verhalten einfach nicht zu trauen war.

Wie so jemand, der eher ein Fall für den Psychologen als für das Militär ist, Tag für Tag im amerikanisch besetzten Irak an Computern gearbeitet hat, an denen er sich Zugang zu unzähligen sensiblen Dokumenten verschaffen und sie ungehindert downloaden und abspeichern konnte, erscheint zumindest mir völlig bizarr zu sein.

Aber wirklich neue Fakten bringt diese Doku “We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks” eigentlich nicht.

Sie bewertet nur die Fakten anders als zum Beispiel die vielen “Fans” von Assange, die es immer noch geben mag, auch wenn der “Hype” um die Person Julian Assange natürlich nachgelassen hat.

Medienhypes haben naturgemäß eine recht kurze Halbwertszeit. Wenn der Protagonist eines solchen Hypes seit über einem Jahr in einer Botschaft als Gefangener einsitzt, dann lässt das Medieninteresse eben deutlich nach. Das wäre selbst dann so, wenn ein Papst sich in solch einer Situation befinden würde.

Ehrlich gesagt, ich weiß langsam nicht mehr, was ich von dieser ganzen Geschichte um Julian Assange halten soll und je mehr oft widersprüchliche Interviews und Artikel ich zum Fall Julian Assange lese, die teilweise auch noch deutlich spekulativ zu sein scheinen, für umso unwahrscheinlicher halte ich es, dass wir irgendwann einmal die wie auch immer geartete “ganze und gesamte Wahrheit” (?!) über den Fall Julian Assange erfahren werden.

Nur eines scheint mir klar zu sein: Mit seiner Wikileaks-Plattform und der Veröffentlichung der zahllosen US-amerikanischen Dokumente zum Krieg in Afghanistan ab 2001, zum Irakkrieg ab 2003 und der vielen Dokumente aus dem Bereich amerikanischer Botschaften etc. hat Julian Assange wohl die USA und ihre Interessen und ihre politische und militärische Strategie nicht wirklich gefährdet, aber in den Augen vieler konservativer Amerikaner die USA lächerlich gemacht.

Und die rechten US-amerikanischen Hardliner, die politisch bei den Republikanern aufzufinden sind, werden Julian Assange das nicht verzeihen. Da bin ich mir ganz sicher.

Diese Leute haben übrigens auch Bradley Manning nicht verziehen, dass er die Dokumente an Wikileaks weitergeleitet hat.

Manning mag in diesem Film “We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks” von Alex Gibney besser wegkommen als Assange.

Vor dem für ihn zuständigen amerikanischen Militärgericht war Manning aber einfach ein mieser Verräter. Er hatte seit seiner Verhaftung im Mai 2010 teilweise üble Haftbedingungen zu ertragen und tatsächlich hatte die Anklage im Fall Bradley Manning als Abschreckung für zukünftige mögliche Fälle von Geheimnisverrat sogar sechzig Jahre Haft gefordert.

Was nun Barack Obama angeht, so scheint er sich in dieser ganzen Sache in einer Art Zwickmühle oder in einem kaum lösbaren Dilemma zu befinden: Wahrscheinlich ist er persönlich nicht an allzu großer Härte gegenüber Manning und Assange interessiert.

Aber politisch steht er unter Zugzwang: Lässt er offensichtliche Milde walten, werden ihn die Republikaner als “Weichei” (?!) und “schlechten Patrioten” (?!) hinstellen, der in dieser Sache die vermeintlich vitalen Interessen der USA auf´s Spiel setze.

Insofern wird Obama hier wahrscheinlich einen Schlingerkurs fahren oder die Rachegelüste der republikanischen Hardliner ein Stück weit befriedigen müssen, die Manning am liebsten zum Tode verurteilt und Assange am liebsten umgelegt hätten, durch einen Killer, eine “Drohne” oder wie auch immer.

Und es versteht sich von selbst, dass der betreffende vermeintliche Störenfried vor der Beseitigung medial zur zwielichtigen Figur oder besser noch zum üblen Verbrecher abgestempelt werden muss. Das ist begründungsstrategisch natürlich notwendig. Schließlich muss dem Publikum ja vorher vermittelt werden, dass so jemand verdienterweise beseitigt oder für viele Jahre eingelocht wird.

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