Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 189

Wir erfahren in diesem Artikel von Wolfgang Münchau mit dem Titel “Die spanische Bombe” auch, was die Amerikaner seit der Finanzkrise ab 2007 richtig gemacht haben und die Europäer, die ganz ähnliche Probleme seit der Eurokrise haben, falsch gemacht haben.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Man vergleiche einmal die Situation mit den USA, wo sich der Privatsektor ebenfalls überschuldete: Die Amerikaner sind anpassungsfähiger als die Europäer, weil sie eine viel aktivere Wirtschaftspolitik betreiben. Zu den Handlungen der Obama-Administration gehörte die Zwangsrekapitalisierung der Banken. Die Notenbank senkte nicht nur die Zinsen auf nahezu null. Sie kaufte außerdem aggressiv Anleihen auf, gleich zu Anfang der Krise. Geldmenge und Kredite wachsen jetzt wieder langsam. Auch das amerikanische Haushaltsdefizit geht langsam runter, weil ein moderates Wachstum zurückgekehrt ist. Die Häuserpreise sind wieder fast auf Vorkrisenniveau. In Spanien war die Blase größer, und das Bankensystem hat höhere Risiken auf sich genommen. Gleichzeitig kann Spanien nicht abwerten. Geldmenge und Kreditvergabe fallen weiterhin. Der spanische Staat spart im Haushalt und wird es auf absehbare Zeit auch weiterhin tun”.

In seinem Weltwirtschaftsausblick machte der IWF eine wichtige Bemerkung: Die Sparprogramme haben heute einen größeren Effekt als früher. Man nennt den Effekt der Haushaltspolitik auf die Wirtschaftsleistung einen Multiplikator. In Europa ging man früher von einem Multiplikator von 0,5 aus. Das heißt: Wenn der Staat eine Milliarde spart, dann verringert sich das Volkseinkommen nur um eine halbe Milliarde. Der IWF vermutet aber, dass der Multiplikator mittlerweile in einer Bandbreite von 0,9 und 1,7 liegt. Wenn er größer ist als eins, heißt das, die Wirtschaft schrumpft insgesamt mehr als das Haushaltsdefizit. Genau das zeigt die europäische Erfahrung der vergangenen Jahre: Man spart, und die Schuldenquote steigt”.

Das heisst, während die USA seit Beginn der Finanzkrise ab 2007 im Rahmen einer aktiven Wirtschaftspolitik aggressive Massnahmen ergriffen haben, um die Situation ihres Landes und ihrer Banken zu stabilisieren und das Wachstum wieder anzukurbeln, sparen sich die PIIGS-Staaten in eine massive Rezession hinein und ihre Schuldenquote steigt auch noch.

Und der Bankensektor in der Eurozone ist immer noch nicht wirklich stabil, weil die Massnahmen bisher nicht weit genug gingen, auch nicht die der EZB.

Und die spanischen Banken vergeben praktisch keine Kredite mehr. Ich weiss das von Verwandten, die teilweise Freunde in Madrid mit Geschäftsideen haben, die sie nicht realisieren können, weil zur Zeit die spanischen Banken praktisch nie bereit sind, in solch einem Fall einen Kredit zu erteilen. Die Kreditvergabe der spanischen Banken ist aktuell praktisch eingefroren. In den anderen südeuropäischen PIIGS-Staaten wird es wohl ähnlich sein.

Im Prinzip bräuchten wir eine Bankenunion in der Eurozone, um den europäischen Bankensektor wirklich stabil zu bekommen. Bisher ist als erster Schritt nur eine gemeinsame Bankenaufsicht für die Eurozone beschlossen worden. Das genügt wohl nicht.

Zurück zur Sparpolitik in den PIIGS-Staaten: Schrumpft das BIP, wächst automatisch der Schuldenanteil eines Landes gemessen am BIP, falls der “fiscal multiplier” für das jeweilige Sparprogramm über 1,0 liegt. Und der IWF hat mittlerweile klar ausgerechnet, dass die bisher zugrunde gelegten “fiscal multipliers” für die Austeritätsprogramme in den PIIGS-Staaten leider viel zu niedrig angesetzt wurden. Je höher aber der “fiscal multiplier“, umso mehr schrumpft bei einem Sparprogramm das jeweilige BIP des Landes und umso geringer ist letztendlich der Spareffekt.

Um es mal simpel auszudrücken: Wenn ein Sparprogramm einen hohen “fiscal mulitplier” hat, ist das Ergebnis “a lot of pain and not much gain“. In extremen Fällen von wirklich hohen “fiscal mulitpliers” kann der Gewinn sogar praktisch gleich Null sein oder das Sparprogramm sogar effektiv zu Verlusten sorgen, weil mit dem Binnenmarkt auch die Einnahmenseite des jeweiligen Staates zusammenbricht.

Seht zu dieser Sache unter anderem auch nochmals meinen Blogeintrag mit dem Titel “Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 156” an. Hier gehe ich auf das Thema der bisher viel zu niedrig angesetzten “fiscal multipliers” für die Austeritätsprogramme in den jeweiligen PIIGS-Staaten gezielt ein.

Und man sollte bei dieser Sache nicht das spanische Volk beschuldigen und verhöhnen nach dem Motto “südländische Verschwender“. Tatsächlich ist bei einer Kreditvergabe der Kreditgeber (in diesem Fall also die jeweilige Bank) dafür verantwortlich, die Bonität des jeweiligen Kreditnehmers einzuschätzen und zu bewerten.

Im Klartext: Hier geht es nicht um die vermeintliche Verschwendungssucht der Spanier. Hier geht es um Banken, die bereit sind, extreme und unkalkulierbare Risiken einzugehen um hohe Gewinne zu erzielen. Die deutschen Banken hingen in diesem “spanischen Kasino” genauso mit drin wie im “irischen Kasino“.

Zum Einsatz der deutschen Banken im “irischen Kasino” seht zum Beispiel den Artikel vom 16.11.2010 mit dem Titel “Angst vor Staatsbankrott: Deutsche Banken halten Irland-Anleihen im Wert von 138 Milliarden Dollar” in “Spiegel Online“.

Seht hierzu auch den Artikel vom 18.12.2010 mit dem Titel “113 Milliarden Euro Deutsche Banken sind größte Irland-Kreditgeber” in “Spiegel Online“.

Zum “irischen Kasino” seht auch den Artikel vom 22.11.2010 mit dem Titel “Irland: Der keltische Tiger ist tot” in “Zeit Online“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Irland hat sich verspekuliert. Lange war die grüne Insel so etwas wie das Eldorado der Finanzindustrie. Doch nun leidet das Land unter einer ausgereiften Bankenkrise und muss sich  unter den Rettungsschirm der EU  flüchten. Eine ganze Nation steht vor einem Abstieg, der lang und schmerzhaft werden wird.     

Schuld daran ist vor allem eine viel zu laxe Finanzaufsicht. In kaum einem anderen Land der Euro-Zone wurden die Banken so wenig überwacht wie hier. Der Andrang war entsprechend groß und die Iren lockten die Zocker noch mit sehr niedrigen Steuern. Auch viele deutsche Banken eröffneten Dependancen in Dublin, um von dort über ihre Zweckgesellschaften munter mit Derivaten zu spekulieren. Die Depfa, eine Tochter der mittlerweile verstaatlichen Hypo Real Estate, verlegte sogar ihren Sitz in die irische Hauptstadt. Niedrige Zinsen und eine großzügige Kreditvergabe produzierten eine immense Spekulationsblase – ähnlich der in Spanien und den USA. Der Immobilienmarkt erwirtschaftete zeitweise 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Irland war das Kasino Europas” (…). So schnell also kann ein solches Wachstumsmodell an sein Ende kommen. Der keltische Tiger ist tot. Die Party der Banken aber geht weiter. Nur suchen sie sich eben einen neuen Ort dafür”.

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