Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 123

Wer das schon seit langem klar hat kommen sehen, war Paul Krugman. Seht hierzu zum Beispiel ein Interview mit Paul Krugman im “Handelsblatt” vom November 2011 mit dem Titel “Paul Krugman:Die EZB muss sehr radikale Dinge tun´“.

In diesem Interview bemerkt Paul Krugman unter anderem:

Griechenland ist klein. Was ist mit anderen Wackelkandidaten?

Auch Portugal ist fundamental insolvent, eventuell auch Irland. Aber das gilt nicht für Italien und Spanien. Wenn beide Länder nicht unter einer spekulativen Attacke der Märkte zusammenbrechen, können sie es schaffen. Sowohl Spanien als auch Italien haben bei Anleiherenditen von bis zu vier Prozent eine gute Überlebenschance. Bei sieben Prozent allerdings funktioniert das nicht. Da kommt dann eben die EZB ins Spiel. (…)

Die EZB müsste eben sehr radikale Dinge tun. Sie müsste großflächig Staatsanleihen aufkaufen. Der Rettungsschirm ist im Vergleich dazu weniger wichtig. Und die EZB müsste glaubhaft machen, dass sie mit ihrem Inflationsziel nicht mehr so strikt umgeht.

Regeln brechen, im Widerspruch zu geltenden Verträgen Anleihen kaufen, Inflation vernachlässigen – ist jetzt alles erlaubt?

Wir sind eben in einer ganz entscheidenden Phase. Und das Inflationsthema darf man nicht überstrapazieren. Fallende Rohstoffpreise werden die Geldentwertung in Schach halten. Vielleicht kommen wir dann auf drei Prozent jährlich. Das wäre keine echte Gefahr. Wir stehen nicht vor dem deutschen Hyperinflationsjahr 1923.

Dennoch: Verträge brechen? Es regt sich Widerstand, auch innerhalb der Bundesbank.

Regeln werden gebrochen. Aus historischer Sicht ist es nicht neu. Das haben Zentralbanken schon oft getan. Ein Beispiel: die Bank von England im 19. Jahrhundert in ähnlicher Lage mit Genehmigung der Regierung. Da haben viele einfach weggeschaut.

Als Amerikaner kommen Sie aus einem Land mit einer anderen Notenbanktradition als in Deutschland.

In den USA oder Großbritannien war immer klar, dass die Notenbanken bei Extremlagen als letzter Retter bei der Finanzierung einspringen. Noch einmal: In Extremlagen bricht man eben die Regeln. Aus EZB-Sicht heißt es: Entweder das oder wir lassen den Euro auseinanderbrechen – dann können wir die Gemeinschaftswährung vergessen.

Spielt es da überhaupt noch eine Rolle, ob die EZB Anleihen direkt vom Staat oder an den Finanzmärkten kauft?

Das spielt eigentlich keine maßgebliche Rolle, das sind eher technische Feinheiten. Die EZB würde ganz einfach eine Untergrenze für die Preise der Anleihen setzen beziehungsweise spiegelbildlich die Renditen deckeln. Wenn man das dem Markt glaubhaft macht, wären möglicherweise gar keine so umfassenden Bondkäufe nötig”.

Das heisst, Paul Krugman hat schon im November 2011 erkannt, dass die EZB jetzt radikal und entschieden handeln und sich letztendlich unter anderem zum “lender of last resort” erklären muss.

Genau dies hat ja auch der Euro-Währungsraum-Spezialist Paul De Grauwe schon seit langem gefordert.

Seht hierzu zum Beispiel den guten und klaren Artikel von Paul De Grauwe vom 18.8.2011 mit dem Titel “The European Central Bank as a lender of last resort” in VoxEU.org.

In diesem Artikel stellt Paul De Grauwe abschliessend fest: “The ECB has been unduly influenced by the theory that inflation should be the only concern of a central bank. It is becoming increasingly clear that financial stability should also be on the radar screen of a central bank. In fact, most central banks have been created to solve an endemic problem of instability of financial systems. With their unlimited firing power, central banks are the only institutions capable of stabilising the financial system in times of crisis.

In order for the ECB to be successful in stabilising the sovereign bond markets of the Eurozone, it will have to make it clear that it is fully committed to exert its function of lender of last resort. By creating confidence, such a commitment will ensure that the ECB does not have to intervene in the government bond markets most of the time, very much like the commitment to be a lender of last resort in the banking system ensures that the central bank only rarely has to provide lender of last resort support.

While the ECB’s lender of last resort support in the sovereign bond markets is a necessary feature of the governance of the Eurozone it is not sufficient. In order to prevent future crises in the Eurozone, significant steps towards further political unification will be necessary. Some steps in that direction were taken recently when the European Council decided to strengthen the control on national budgetary processes and on national macroeconomic policies. These decisions, however, are insufficient and more fundamental changes in the governance of the Eurozone are called for. These should be such that the central bank can trust that its lender of last resort responsibilities in the government bond markets will not lead to a never-ending dynamic of debt creation”.

Und den ersten entscheidenden Schritt in diese Richtung ist jetzt EZB-Chef Mario Draghi gegangen, wobei ich sicher bin, dass noch weitergehende Schritte werden folgen müssen.

Vor allem meint Paul Krugman, dass die EZB höhere Inflationsraten als bisher anzielen muss.

Seht hierzu zum Beispiel einen Interview vom 23.5.2012 mit dem Titel “Paul Krugman on Euro Rescue Efforts ‘Right Now, We Need Expansion’” in “Spiegel Online International“.

In diesem Interview stellt Paul Krugman unter anderem fest:

“SPIEGEL: What do you want the ECB and the German government to do?

Krugman: First of all, give the green light to the ECB and say: Price stability is the mandate, but it’s not defined. So the reality is we’re going to need to see 3-plus percent inflation over the next five years. No more tightening, no more raising interest rates at the first hint of inflation, even if it’s obviously a commodity blip. If anything, cut interest rates. Open-ended lending to governments and banks.

SPIEGEL: And Berlin …

Krugman: … should not be doing austerity in Germany. I’m tempted to add that I wish for all of that and a pony as long as we’re wishing for things we don’t expect to get.

SPIEGEL: And maybe that’s a good thing. Because 4 or 5 percent inflation may be fine for a short while, but how do you make sure that it doesn’t rise to 7 and 8 percent or more once the expectation is there?

Krugman: It’s not actually hard. Just raise interest rates once it’s creeping up to the level you don’t like. I mean, people have the notion that inflation just explodes out of nowhere. It just isn’t true. It just hasn’t happened. If you actually look at the histories of the inflations that we’ve had, hyperinflations come from a very different story. They come from governments that can’t raise revenue and just rely on the printing press.

SPIEGEL: But if inflation really isn’t that big of a problem, why is everybody so afraid of it?

Krugman: For one, it’s that central-banker culture. Central bankers almost define themselves that way. Their job is to take away the punchbowl just as the party really gets going. And, in the current circumstance, they seem to be eager to take away the punchbowl even though there isn’t any party to begin with. Plus, in Germany, you have this weirdly lopsided historical memory where everyone remembers 1923, everybody remembers Weimar. And nobody remembers Chancellor Brüning (Germany’s chancellor from 1930 to 1932, who pushed austerity measures)”.

Tja, über diese seltsame deutsche Amnesie in Sachen Deflationspolitik (die im Kern eine Austeritätspolitik war) von 1930 bis 1932 des damaligen Reichskanzler Heinrich Brünings während der Weimarer Republik hat Joschka Fischer im Mai 2012 einen sehr intelligenten Artikel mit dem Titel “The Threat of German Amnesia” unter anderem in “Projekt Syndicate” veröffentlicht.

Wer Paul Krugmans Vorstellungen von einer möglichen zukünftigen erfolgreichen EZB-Politik auf eine volkswirtschaftlich und finanztechnisch noch genauer erläuterte Weise kennen lernen will, der sollte sich mal in Ruhe den Artikel vom 29.7 mit dem Titel “Internal Devaluation, Inflation, and the Euro (Wonkish)” in Paul Krugmans Blog “The Conscience of a Liberal” durchlesen.

Und wenn ihr diesen Artikel mit dem Titel “Internal Devaluation, Inflation, and the Euro (Wonkish)” von Paul Krugman in einer ins Deutsche übertragenen Version kennenlernen wollt, dann lest den Artikel vom 30.7. mit dem Titel “Internal Devaluation und Inflation im Euroraum” in “Acemaxx-Analytics” durch.

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