Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 117

Wenn ihr einen Überblick haben wollt, wie die gestrigen Beschlüsse des EZB-Rats unter der Leitung von Mario Monti in einigen führenden europäischen Zeitungen aufgenommen wurden, dann könnt ihr den recht vernünftigen Überblicksartikel vom 7.9 mit dem Titel “Kauf von Anleihen: EZB-Entscheidung – Europa feiert Super-Mario” in “Welt-Online” durchlesen.

Von den eher kritischen Kommentaren in den europäischen Zeitungen zum jetzt beschlossenen EZB-Programm mit der Bezeichung “Outright Monetary Transactions” (OMT), die in diesem Artikel erwähnt werden, scheint mir der von Larry Elliott in der linksliberalen britischen Tageszeitung “The Guardian” leider der am vielleicht zutreffendsten zu sein.

Wir erfahren zu Larry Elliots Einschätzung in diesem Artikel mit dem Titel “Kauf von Anleihen: EZB-Entscheidung – Europa feiert Super-Mario” in “Welt-Online” folgendes: “Auch diesmal habe die EZB lediglich mehr Zeit gewonnen, argumentiert der Euro-skeptische Chefkommentator des linksliberalen “Guardian”, Larry Elliott. Weil der Draghi-Plan an weitere Sparpläne gebunden sei, werde er “mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen“.

Genau das ist auch meine Befürchtung. Man will zwar den PIIGS-Staaten helfen, zwingt sie aber gleichzeitig möglicherweise sogar noch zu einer Verschärfung des jetzt schon potentiell selbstzerstörerischen massiven Sparkurses.

Und wie gefährlich diese Austeritätspolitik ist, haben wir bisher in allen PIIGS-Staaten seit Beginn der Eurokrise (Griechische Finanzkrise ab 2009) beobachten können.

Bisher sieht es so aus, als wenn nur Irland diese Austeritätspolitik überleben könnte, und zwar nur wegen des massiven Standortvorteils Irlands über seine seit Mitte der neunziger Jahre extrem niedrigen Unternehmenssteuern (aktuell einheitlich bei 12,5%).

Dieser massive Standortvorteil Irlands über die in der Eurozone einmalig niedrigen Unternehmenssteuern dieses Landes war übrigens der Motor hinter der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung des sogenannten “Keltischen Tigers” zwischen 1995 und 2007

Zurück zu Larry Elliott von “The Guardian“: Wenn ihr Larry Elliotts Einschätzung von Mario Draghis Programm “Outright Monetary Transactions” (OMT) im Detail kennenlernen wollt, lest den von ihm verfassten Artikel vom 6.9. mit dem Titel “Mario Draghi rescue plan with more misery at its core will not save euro” in “The Guardian” durch.

Larry Elliott bemerkt in diesem Artikel unter anderem: “Mario Draghi has done his bit. As promised, the European Central Bank will wade into the financial markets in an attempt to hold together the single currency until the politicians get their act together and agree on steps towards closer political union.

That’s the good news. The bad news is that the Draghi blueprint will not be enough to save the euro. The impression left by Thursday’s announcement on unlimited bond buying was that it was technically sound but based on flawed economics.

The ECB will deploy its firepower to bring down interest rates on the borrowings of troubled members of the single currency provided the governments of the supplicant states agree to “strict and effective” conditions. Beneath his urbane exterior Draghi is one tough cookie and he has forced his plan through the ECB despite the opposition of the Bundesbank, something that would have been seen as impossible a few months ago. (…).

A bigger problem is the economic thinking behind the plan. The Organisation for Economic Cooperation and Development in Paris said on Thursday that Italy’s economy will shrink by 2.4% this year. In Spain youth unemployment is more than 50%, the banks are tottering under the weight of bad debts from a bombed-out housing market, and private capital is leaving the country at an alarming rate. Greece’s economy is 20% smaller than it was four years ago.

Put simply, Greece is in depression, Spain on the brink and Italy heading that way.

The “rescue” plan involves governments in Rome and Italy driving their economies deeper into depression to reduce the interest rates they pay on their borrowing. The ECB seems to think that the reason investors are giving Italy and Spain the cold shoulder is that they are not cutting hard enough, fast enough. Steeped in economic orthodoxy, Draghi makes George Osborne look like a paid-up member of the Maynard Keynes appreciation society.

The reason investors demand high interest rates when they lend to Italy and Spain is their concern about the impact of permanent recession on public finances and banks. A rescue plan that has at its core more demand-destroying measures will do more harm than good.

To sum up, Draghi has bought Europe a bit more time. The can has been kicked a few metres down the road. He has done so by incurring the wrath of the Bundesbank and will know that if this fails, there is little more the ECB can do.

Fail it almost certainly will, because success means more than knocking half a percentage point off Italian and Spanish bond yields. It means solving the growth and competitiveness problems of the weaker eurozone countries and convincing their increasingly alienated people that Europe has more to offer than endless misery”.

Tja, ich sehe es auch ein Stück weit so wie Larry Elliott. Mit diesem Programm “Outright Monetary Transactions” (OMT) halst man der schon stark leidenden Bevölkerung in den südeuropäischen PIIGS-Staaten und dem schon massiv darbenden Binnenmarkt in diesen Ländern noch weitere möglicherweise harte Sparmassnahmen auf.

Das bedeutet letztendlich, dass sich die Rezession in diesen südeuropäischen PIIGS-Staaten wohl noch weiter verschärfen wird. Auf Dauer kann man auf diese Weise die südeuropäischen Eurokrisen-Länder wohl nicht effektiv retten.

Am Ende hat man also mit diesem EZB-Programm “Outright Monetary Transactions” (OMT) vielleicht wieder nur etwas Zeit gewonnen, mehr nicht. Genau diese Befürchtung wie Larry Elliott habe ich leider auch.

Ian Traynor von “The Guardian” vermutet übrigens in seinem Artikel vom 6.9. mit dem Titel “ECB introduces unlimited bond-buying in boldest attempt yet to end euro crisis“, dass Spanien der erste Kandidat unter den PIIGS-Staaten sein wird, der dieses jetzt beschlossene EZB-Programm mit der Bezeichnung “Outright Monetary Transactions” (OMT) in Anspruch nehmen wird.

Ian Traynor bemerkt in diesem Artikel mit dem Titel “ECB introduces unlimited bond-buying in boldest attempt yet to end euro crisis” unter anderem: “The European Central Bank (ECB) unveiled its boldest attempt yet to stabilise the battered single currency on Thursday when its president, Mario Draghi, announced a new programme of open-ended, unlimited buying of distressed government bonds.

The scheme is aimed at depressing the costs of borrowing for Spain and Italy and countering the risks of a fragmentation of the eurozone and the unravelling of the single currency.

But Draghi also set strict terms for triggering the bond-buying programme, putting pressure on the eurozone’s political leaders to request help, enter austerity programmes, and agree on direct bailouts for struggling governments before the ECB will act. (…).

Spain is the strongest candidate for becoming the first beneficiary of the new programme. But following talks in Madrid on Thursday with Chancellor Angela Merkel, the Spanish prime minister, Mariano Rajoy avoided all talk of whether Spain would request a bailout”.

Ich rechne auch damit, dass dieser spanische Antrag bald kommen wird. Wie die aktuelle Lage in Spanien aussieht, können wir zum Beispiel in einem Artikel vom 7.9. mit dem Titel “Spanien: `Wir stehen am Rande der Zahlungsunfähigkeit´” in “Welt Online” nachlesen.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Am Tag vor dem goldenen Donnerstag, an dem Mario Draghi den unbegrenzten Ankauf von Staatsanleihen verkündete, beschrieben Eingeweihte die Stimmung in Spaniens innersten Machtzirkeln so: “Es herrscht Panik. Die Situation ist extrem delikat.” Ende Juli waren die Zinsen in Rekordhöhe geschossen, weil Draghi eben nicht das erlösende Versprechen gegeben hatte. Das vermeintlich erlösende Versprechen. Denn für Regierungschef Mariano Rajoy bedeutet die Frankfurter Ansage, dass er zum zweiten Mal den Bußgang nach Brüssel antreten muss.

Dass Rajoy den Antrag für Hilfen aus den Euro-Rettungstöpfen stellen wird, steht außer Frage. Der Konservative hat keinen Spielraum mehr. Diese Woche meldete mit Andalusien die vierte Region Bankrott an. Erstmals musste die Regierung zudem auf einen nationalen Sicherungsfonds zugreifen, um die Renten auszuzahlen. Und im Oktober muss Madrid Anleiheschulden in Höhe von 25 Milliarden Euro zurückzahlen. Trotzdem ist die Frage: Wann trudelt der entsprechende Brief in Brüssel ein? Und vor allem: Was wird ihm folgen?

Angela Merkel (CDU), die dem Spanier am Donnerstag einen Besuch abstattete, soll beim Gespräch hinter verschlossenen Türen eindeutig zu verstehen gegeben haben, was sie von ihm erwartet: Dass die Post möglichst schnell Richtung Norden geht. Auch der Chef des spanischen Unternehmerverbands, Arturo Fernández, drängte den Regierungschef: “Wir sind ein Land am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Wenn es einer Firma schlecht geht, dann bittet sie auch um Hilfe.” Aber die Zeit dränge.

Rajoy bleibt seinem Ruf als Zauderer treu – diesmal aber möglicherweise mit Strategie. Er setzt darauf, dass er wie schon bei den Banken eine Sonderbehandlung bekommt. Für die 100-Milliarden-Hilfe, die Spanien von den Euro-Partnern bekommt, musste Rajoy sich nicht unter Aufsicht begeben, lediglich die Banken.

Irlands Regierung musste Ende 2010 wegen der maroden Finanzhäuser komplett unter den Schirm. Die langen Krisenmonate aber haben gezeigt, dass die Troika-Rezepte nicht die Wirkung haben, die sie haben sollten. Das lässt sich am darbenden Portugal ablesen. Und auch Spanien wird schon für seinen selbstverordneten Radikalkurs nicht belohnt.

Im ganzen neuen Krisen-Umfeld mit der neuen Achse Paris-Rom-Madrid könnte bei Spanien nun das Umdenken einsetzen. Die entscheidende Frage für Madrid ist, ob EU-Kommission und Internationaler Währungsfonds noch mehr Spar- und Reformressourcen finden und sie Madrid aufbürden” (Fettdruck von mir),

Tja, so sehe ich das auch. Ein Umdenken in Sachen “harte Sparmassnahmen in den PIIGS-Staaten” wäre dringend notwendig.

Leider bin ich eher skeptisch, dass dieses Umdenken in der aktuellen deutschen schwarz-gelben Regierungskoalition und bei der “Troika” (EU-Kommission, IWF, EZB) tatsächlich entschieden und schnell stattfinden wird. Wenn überhaupt, wird es wahrscheinlich nur ein graduelles und langsames Umdenken geben.

Aber es wäre schon ein Anfang, wenn man im Fall Spaniens zumindest ein Stück weit von dieser bisher verderblichen radikalen Austeritätspolitik in den PIIGS-Staaten abrücken würde.

Im Grunde bräuchte man für alle diese südeuropäischen PIIGS-Staaten keine eigentliche “Wachstumspolitik” oder irgendwelche Konjunkturprogramme.

Schon ein blosses Aufgeben oder ein klares Zurückfahren der bisherigen harten Austeritätspolitik in diesen Ländern würde wahrscheinlich genügen, damit diese südeuropäischen PIIGS-Staaten wieder eine echte Chance bekommen, mittel- und langfristig in der Eurozone zu überleben.

Wer dies übrigens auch ganz klar so gesagt hat, zum Beispiel in einem Interview vom 2.7. mit Ulrike Herrmann für die Gewerkschaft “ver.di” mit dem Titel “Wir müssen den Kürzungs-Irrsinn beenden“, war Heiner Flassbeck.

In diesem Interview bemerkt Heiner Flassbeck:

“ver.di PUBLIK | Schlagen Sie ein Konjunkturprogramm für Spanien vor?

FLASSBECK | Nein. Es würde schon völlig reichen, wenn man einfach die ständigen   Sparvorgaben streicht. Wir müssen diesen Kürzungs-Irrsinn beenden. Dann erst kann wieder Wachstum entstehen.

ver.di PUBLIK | Spanien spart aber nicht grundlos. Im Staatshaushalt klafft ein  gigantisches Haushaltsdefizit, das im vergangenen Jahr 8,5 Prozent der  Wirtschaftsleistung betrug. Wie soll das finanziert werden?

FLASSBECK | Spanien spart nicht grundlos, aber falsch. Das Defizit ist aber zum  Teil genau dadurch entstanden, dass so stark Ausgaben gekürzt und Löhne  gesenkt wurden, weil es die Rezession dramatisch verschärft hat. Daraus folgt: Der Staat, der weniger kürzt, ermöglicht Wachstum und muss sich  am Ende weniger verschulden; wer nur kürzt, muss sich mehr verschulden. Das ist offenbar nicht ganz leicht zu verstehen, aber trotzdem wahr.

ver.di PUBLIK | Aber die Investoren verlangen inzwischen fast 7 Prozent Zinsen für eine  Anleihe  von zehn Jahren. So hohe Zinsen treiben Spanien in die Pleite.

FLASSBECK | Weil die Investoren klüger sind als die Politiker und sehen, dass es so nicht geht. Um die Zinsen kurzfristig zu drücken, muss die europäische Zentralbank die spanischen Staatsanleihen aufkaufen”.

Tja, das ist hier von Heiner Flassbeck klar gesagt und analysiert.

Nun, die EZB ist jetzt im Rahmen des jetzt beschlossenen Programms mit der Bezeichnung “Outright Monetary Transactions” (OMT) bereit, spanische Staatsanleihen zu kaufen, um die Refinanzierungskosten Spaniens effektiv zu drücken.

Wird die EZB (und mit ihr natürlich auch die anderen Mitglieder der “Troika“, die EU-Komission und der IWF) aber kurz- oder doch zumindest mittel- und langfristig auch bereit sein, den von Flassbeck zurecht so bezeichneten “Kürzungs-Irrsinn” zu beenden?

Und werden auch Angela Merkel und Wolfgang Schäuble endlich begreifen, dass die bisherige Austeritätspolitik eindeutig mehr Schaden als Nutzen für die südeuropäischen PIIGS-Staaten und damit auch für die Eurozone insgesamt erbracht hat?

Das ist aus meiner Sicht der entscheidende Punkt, der vielleicht darüber entscheiden könnte, ob dieses jetzt beschlossene Programm “Outright Monetary Transactions” (OMT) der EZB auch mittel- oder sogar langfristig diesen südeuropäischen PIIGS-Staaten etwas bringt und vielleicht auch ein erster wichtiger Schritt in eine dauerhafte Lösung der Probleme Spaniens und natürlich der anderen südeuropäischen PIIGS-Staaten und damit auch der Eurozone insgesamt sein könnte.

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