Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 110

Heute, am 30.8, kontert übrigens der sonst zurückhaltende Mario Draghi auf öffentlicher und medialer Ebene in Deutschland in einem Gastbeitrag für “Die Zeit” auf die Angriffe von Jens Weidmann im “Der Spiegel” von vergangenen Montag, dem 27.8. (Siehe hierzu die “Spiegel”-Nummer 35/2012 mit dem Titel “Aufstand der Bundesbank“).

Es gibt zu diesem Gastbeitrag in “Die Zeit” von Mario Draghi in mehreren Medien-Websites Vorabberichte. Ich bringe hier die entsprechende Meldung in “Reuters Deutschland” von gestern, dem 29.8., mit dem Titel “Draghi kontert Bundesbank-Kritik an EZB-Kurs in Eurokrise“.

In diesem Artikel heisst es unter anderem: “EZB-Chef Mario Draghi hat die Kritik der Bundesbank an seinem Kurs mit einem flammenden Plädoyer für eine Retter-Rolle der Zentralbank in der Euro-Krise gekontert. (…).

Die EZB müsse auf die Störung an den Finanzmärkten reagieren, betonte Draghi in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung “Die Zeit” laut Vorabbericht vom Mittwoch. “Dies kann hin und wieder außergewöhnliche Maßnahmen erfordern. Diese, wenn nötig, zu ergreifen ist unsere Verantwortung als Zentralbank für die Euro-Zone als Ganzes”, erläuterte der EZB-Chef.

Draghi hatte jüngst angekündigt, im Rahmen seines Mandats alles zum Erhalt des Euro zu tun. Zugleich stellte er ein Anleihenankaufprogramm für Schuldenstaaten in Aussicht, die sich unter den Euro-Rettungsschirm begeben und sich im Gegenzug zu Reformen verpflichten. Bundesbankchef Jens Weidmann hatte den Kurs massiv kritisiert und im “Spiegel” davor gewarnt, dass eine solche Hilfe “wie eine Droge” zur Abhängigkeit der Schuldenländer führen könne. Zugleich sieht der oberste Notenbanker Deutschlands die Gefahr, dass die Retter-Rolle der EZB in der Eurokrise die Zentralbank in Konflikt mit ihrer wichtigsten Aufgabe bringen würde, die Preise stabil zu halten.

Draghi wählte für seine Replik mit der “Zeit” nun ebenfalls ein deutsches Medium: “Die Europäische Zentralbank (EZB) wird alles Notwendige tun, um die Preisstabilität zu gewährleisten. Sie wird unabhängig bleiben. Und sie wird immer im Rahmen ihres Mandats handeln”, schreibt Draghi in der “Zeit”. (…).

Vor einem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin hatte der italienische Regierungschef Mario Monti vor den Folgen gewarnt, die die Kluft zwischen den Refinanzierungskosten Deutschlands und Italiens berge. “Es wäre nur fair zu sagen, dass die Ungleichgewichte eine ernsthafte Angelegenheit für uns sind”, sagte er der italienischen Tageszeitung “Il Sole 24 Ore“. “Sie sind aber auch ein Risiko für Länder, die scheinbar davon profitieren.” So sehe sich Deutschland mit steigendem Inflationsdruck konfrontiert. Der Bund profitiert derzeit von seinem Status als sicherer Hafen in der Krise, so dass Investoren beim Ankauf von Anleihen sogar bereit sind, dem Staat eine Prämie zu zahlen – sprich negative Zinsen in Kauf zu nehmen. Angesichts des niedrigen Zinsniveaus können sich Hypotheken- und Pfandbriefbanken günstiger refinanzieren und verbilligen Baudarlehen. Da immer mehr Menschen angesichts der Euro-Krise ihr Geld in vermeintlich sichere Anlagen wie Immobilien investieren, ziehen die Preise bei steigender Nachfrage an, was wiederum die Inflation anheizt”.

Zumindest was den aktuellen Bau- und Immobilienboom in Deutschland angeht, so hat Mario Monti völlig recht. Dieser aktuelle  Bau- und Immobilienboom in Deutschland steht in engstem Zusammenhang mit der Eurokrise.

Die deutschen Anleger reagieren auf diese Verunsicherung durch die Eurokrise unter anderem in dem sie sich massiv ins sogenannte “Betongold” (=Immobilien) flüchten.

Die anderen europäischen Anleger wittern natürlich im Moment im deutschen Immobilienmarkt mit seinen aktuell schnell steigenden Preisen das Geschäft und werden durch die Entwicklung angelockt, wodurch die Preise dann noch rasanter hochziehen.

Das Nachsehen bei dieser Entwicklung hat in Deutschland der “Kleine Mann“, der bei diesen Preisen zunehmend nicht mehr mithalten kann.

Seht hierzu zum Beispiel einen Artikel in “Welt-Online” vom 24.8. mit dem Titel “Immobilienboom treibt Baukonjunktur“.

In diesem Artikel erfahren wir unter anderem: “Die Baubranche in Deutschland profitiert vom steigenden Interesse an einer sicheren Geldanlage in Immobilien. Das erste Halbjahr 2012 brachte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum Zuwächse sowohl bei den Auftragseingängen als auch beim Umsatz, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte.

Die Aufträge erhöhten sich preisbereinigt um 5,5 Prozent, der Gesamtumsatz des Bauhauptgewerbes lag mit gut 39 Milliarden Euro um 0,5 Prozent über dem Niveau der ersten sechs Monate des Jahres 2011. Hauptgrund für den Aufschwung: Viele Investoren flüchten wegen der turbulenten Märkte in vermeintlich sicheres «Betongold» und stecken Geld in Immobilien. «Der Wohnungsbau ist unglaublich stark, das ist ganz klar die treibende Kraft der konjunkturellen Entwicklung – nicht flächendeckend, aber vor allem in den Ballungsräumen», erklärte Heiko Stiepelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Sprecher des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie. (…).

Nach Berechnungen des Verbandes wurden in Großstädten und ihrem Umland von Januar bis Ende Juni dieses Jahres insgesamt gut 41 Prozent mehr neue Wohnungen in Mehrfamilienhäusern genehmigt als in den ersten sechs Monaten 2011. Damit lag die Wachstumsrate etwas mehr als doppelt so hoch wie in Gesamtdeutschland mit rund 20 Prozent. Ausgewertet hat die Bauindustrie dabei die Daten für Berlin, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Hamburg, die Region Hannover, Köln, den Stadtkreis Stuttgart sowie München (Stadt und Landkreis).

«Bei den Immobilienpreisen in Deutschland gibt es noch Luft nach oben, auch weil es hier nicht diese Blasen gab wie etwa in Spanien und Irland.

Das lockt auch ausländisches Kapital nach Deutschland», sagte Stiepelmann. «Das führt dann dazu, dass Investitionen oft im höherpreisigen Segment stattfinden: Wenn gebaut wird, wird eher teurer gebaut. Wohnungsbaugesellschaften, die auch preisgünstigere Wohnungen anbieten wollen, haben da oft Schwierigkeiten.» Städtetag und Wohnungsunternehmen hatten kürzlich Alarm geschlagen: Wer wenig verdiene, habe zunehmend Probleme, bezahlbare Wohnungen zu finden” (Fettdruck von mir).

Tja, das sind die vor allem für den sogenannten “Kleinen Mann” in Deutschland gar nicht so grossartigen Folgen der Eurokrise und des politischen Versagens der europäischen und nicht zuletzt der deutschen Politikerkaste, vor allem auch von Angela Merkel.

Mario Monti und natürlich auch Mario Draghi haben anscheinend den Sachverstand, diese Zusammenhänge zu durchschauen und zu erkennen. Und Mario Draghi als Chef der EZB will anscheinend auch etwas dagegen tun.

Das ist viel mehr, als was wir im Moment von den europäischen Politikern, auch von Angela Merkel, erwarten dürfen.

Ich kenne Mario Draghi nicht persönlich und habe grundsätzlich keine allzugrossen Sympathien für sogenannte “Top-Banker“.

Das hängt nicht zuletzt mit der verderblichen Rolle der Banken in der Finanzkrise ab 2007 und in der Eurokrise zusammen: Wer hat denn zum Beispiel die Immobilienblasen in Irland und Spanien finanziert? Natürlich die irischen und spanischen, aber letztlich alle europäischen Banken, auch die deutschen Banken.

Und die Kernursache der Finanzkrise ab 2007 war die amerikanische Immobilienblase. Alles begann in den USA mit der sogenannten Subprimekrise.

Ich bin aber in der aktuellen Situation froh, dass wir Mario Draghi in der Eurozone haben. Er leitet die einzige europäische Institution, die EZB, die im Moment wirksam dem politischen Vakuum gegensteuern kann, das vom Desaster der europäischen Politik in den letzten fast drei Jahren seit Ausbruch der Eurokrise in der Eurozone hinterlassen wurde.

Mario Draghi kann vielleicht mit viel Glück den Scherbenhaufen halbwegs kitten, den nicht zuletzt auch Angela Merkel wirtschaftspolitisch in der Eurozone in den letzten fast drei Jahren hinterlassen hat (die Eurokrise wurde spätestens ab dem Herbst 2009 mit dem Beginn der “Griechischen Finanzkrise” klar sichtbar).

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