Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 107

Zu den Verlautbarungen von Jens Weidmann, bzw. der Bundesbank sind heute natürlich viele Kommentare im Netz zu finden.

Mit die intelligenteste finanztechnische Analyse des aktuellen EurozonenSchmierentheaters leistet für mich der Kapitalmarktanalyst Robert Halver von der Baader-Bank. Robert Halver ist anscheinend schon seit ungefähr einem Jahr zu einem gefragten medialen “Shooting Star” unter den Eurokrisen-Kommentatoren geworden. Seht hierzu den Artikel vom 14.8.2011 mit dem Titel “Kapitalmarktanalyst Robert Halver: Der Kopf zum Crash” in “FAZ.NET“.

Wenn ihr euch für die analytische und schreiberische Produktion von Robert Halver interessiert, so habt ihr zum Beispiel im Finanzportal ARIVA.DE eine Sammlung von Kolumnen von Robert Halver.

Sein letzter Artikel in dieser Kolumnen-Sammlung vom 24.8. hat den Titel “Politisch heißer Euro-Herbst voraus?

In diesem Artikel erfahren wir unter anderem: “Die  deutsche Politik hat hinter vorgehaltener Hand längst begriffen, dass die  konsequente Umsetzung von Stabilität der deutschen Machart zu einer schmutzigen  und für Deutschland teuren Scheidung in der Eurozone führen wird. Also kann es  Berlin in der real existierenden Euro-Zweckehe nur darum gehen, das  Stabilitäts-Gesicht irgendwie zu wahren.

Pragmatisch betrachtet scheint  dabei die stabilste Instabilitätsidee zu sein, stillschweigend die Finanzierung  der klammen Mitgliedsländer der Europäischen Zentralbank zu übertragen. Mit der  geldpolitischen Formulierung von Zinsobergrenzen für Spanien & Co. würde den  euro-renitenten Heuschrecken sofort das Wasser abgegraben. Den Finanzmärkten würde man nicht mehr verzweifelt hinterherlaufen. Nein, dieses Mal wäre man  selbst in der Pole-Position. Denn im Kampf um die Oberhoheit über die  Finanzmärkte werden sich die finanziell stets unterlegenen Spekulanten gegen die EZB mit ihrem unendlich großen Portemonnaie bestenfalls eine blutige Schnauze holen. Und wer will dies heutzutage in schwieriger Zeit für die Finanzindustrie wirklich riskieren? Insofern müsste die EZB mit dieser „Bis hierher und nicht  weiter“-Strategie ihre Geldbörse für diese Rettungsaktion auch gar nicht so weit  aufmachen. Das Wort des heimlichen Präsidenten der Eurozone, Signore Draghi,  würde klare Kante geben. Und noch besser, durch den offensichtlichen Wegfall des  Zinsrisikos nähme man den Banken auch die Angst, Staatstitel der Euro-Südzone zu  kaufen. Staat X, Y und Z könnte sich also wieder einfacher und billiger  refinanzieren. Übrigens würde hiermit auch einem Dominoeffekt nach einem Grexit  ein entscheidender Riegel vorgeschoben.

Ja, es wäre wieder ein Stück  Aufgabe von Marktwirtschaft und ein weiterer Schritt hin zum dirigistischen  Staatskapitalismus, sozusagen zur romanischen Währungsunion. Das “Joch der  Bundesbank” würde abgeworfen. Und leider muss festgestellt werden, dass Fiskalpolitik immer mehr Sache der Geldpolitik ohne parlamentarische Kontrolle  wird. Ja so weit hat man es kommen lassen.

Es ist dann nur ein schwacher  Trost, dass dieser Strukturbruch in der europäischen Geldpolitik Berlin die Peinlichkeit erspart, weiter in auch für Wähler klar sichtbare Staatsschulden  und Rettungsschirme zu buttern. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Und wenn man  dann auch noch nicht mehr von verdeckter Staatsfinanzierung durch die Notenbank,  sondern offiziell von Währungsmanagement einer unabhängigen EZB spricht, ist die  Sache für Berlin geritzt. Vor diesem Hintergrund spricht  wenig für einen politisch heißen Herbst”

Nun, in “Focus-Online” erscheint heute, am 27.8., ein Interview mit dem Titel “Börsen-Experte Robert Halver `Wenn der letzte Tourist abreist, wird in Griechenland der Stecker gezogen´“.

Robert Halver glaubt also nicht, dass die Griechen sich trotz der aktuellen Bemühungen von Adonis Samaras weiter in der Eurozone werden halten können.

Adonis Samaras war vor einigen Tagen in Berlin und hat mehr oder weniger um Gnade für Griechenland gebettelt. Seht hierzu den Artikel vom 24.8 mit dem Titel “Samaras-Besuch in Berlin: Merkel macht Griechen ein bisschen Hoffnung” in “Spiegel-Online“.

Zurück zum Interview mit Robert Halver von der Baader-Bank in “Focus-Online“. Wir erfahren in diesem Interview mit dem Titel “Börsen-Experte Robert Halver `Wenn der letzte Tourist abreist, wird in Griechenland der Stecker gezogen´” unter anderem:

FOCUS Online: Viele öffentliche und private Gläubiger sind in Griechenland engagiert. Wie teuer wird der Austritt?

Halver: Die deutschen Banken haben sich weitgehend aus Griechenland zurückgezogen…

FOCUS Online: …aber auf EZB und Bundesbank werden Abschreibungen
zukommen.

Halver: Die muss man aber in Kauf nehmen, weil alles
andere nur lebensverlängernd wäre und damit noch teurer und absurder
wäre.

FOCUS Online: Das heißt, die meisten Kosten bleiben an den
öffentlichen Gläubigern – und damit am Steuerzahler – hängen. War es ein Fehler,
so lange zu warten, bis fast alle Griechenland-Risiken bei öffentlichen
Institutionen liegen?

Halver: Der Politik waren die Hände gebunden: Für einen Austritt muss zuerst der Rettungsschirm ESM stehen. Und Bundesverfassungsgericht hat noch nicht entschieden, ob der ESM grundgesetzkonform ist.

FOCUS Online: Hat die Taktik des Zeitkaufens auch Vorteile? Nach dem Motto: Wenn die privaten Gläubiger sich erst aus Griechenland zurückgezogen haben, führt ein Austritt nicht mehr zu großen Verwerfungen an den Finanzmärkten?

Halver: Ich glaube, die Politik hat den Banken schon vor längerer Zeit nahegelegt, sich aus Griechenland zurückzuziehen. Viele unterschätzen die Intelligenz und Schlitzohrigkeit von Frau Merkel.

FOCUS Online: Aber jetzt müssen statt der privaten
die öffentlichen Gläubiger in den sauren Apfel beißen. Ist das nicht
ungerecht?

Halver: Ja. Aber man kann es geschickt verkaufen: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Mit dem griechischen Euro-Austritt kann Merkel einen Pflock einrammen und sich als „eiserne Kanzlerin“ profilieren. Schließlich hat sie gerade wegen ihrer harten Haltung so gute Umfragewerte.

FOCUS Online: Was passiert mit Spanien und Italien, wenn Griechenland aus dem Euro ausscheidet? Befürchten Sie einen Dominoeffekt?

Halver: Nein, das wird die EZB verhindern. Gerüchten zufolge wurde dort für die Kapitalmarktabteilung schon eine Urlaubssperre für den heißen Herbst verhängt. So deutlich wie Mario Draghi hat noch nie ein EZB-Chef gesagt, dass er den Kollaps der Euro-Zone verhindern wird. Wenn es sein muss, wird er die „Dicke Berta“ massenhaft einsetzen. Die EZB erwägt ja offenbar sogar, Zinsobergrenzen für die Krisen-Staaten festzulegen. Da werden Dinge offen ausgesprochen, die für deutsche Ohren Teufelszeug sind. Für solche Äußerungen, wie Draghi sie macht, wären Bundesbanker früher unters Sauerstoffzelt gebracht worden.

FOCUS Online: Die deutschen Rufe nach Zurückhaltung der EZB werden verhallen?

Halver: Ja. Draghi wird eine italienische Vorstellung von Stabilität durchsetzen. Man könnte fast sagen: Am italienischen Wesen soll die Euro-Zone genesen. Draghi orientiert sich wohl ein bisschen an alten Mafia-Filmen: Er macht den Finanzmärkten ein Angebot, das sie nicht ablehnen können.

FOCUS Online: Wie wird Draghis Kurs aussehen?

Halver: Wir werden Aktionen der EZB erleben, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Die EZB wird an den Anleihemärkten noch massiver eingreifen als bislang. Dafür wird sie auch Inflation in Kauf nehmen.

FOCUS Online: Geldwertstabilität ist aber die Kernaufgabe der EZB. Die soll sie aufgeben?

Halver: Es gibt keine Alternative mehr. Nur so lässt sich ein Dominoeffekt verhindern. Nehmen Sie die diskutierte Zinsobergrenze für Anleihen der Krisen-Staaten: Damit signalisiert Draghi allen Spekulanten, dass es sich nicht lohnt, gegen die Euro-Zone zu pokern. Dabei würden sich die Investoren nämlich nur eine blutige Nase holen. Man spielt nicht Poker gegen Draghi. Die EZB ist der ultimative Retter der Euro-Zone.

FOCUS Online: Die deutschen Rezepte sind überholt?

Halver: Prinzipiell bin ich ein großer Anhänger der harten Bundesbanklinie, die auf Stabilität setzt. Aber nicht in der aktuellen Lage. Das Kind ist nun einmal in den Brunnen gefallen. Wenn die EZB einen Kurs fahren würde, der Bundesbank-orientiert wäre, dann ist die Euro-Zone Ende des Jahres mausetot”.

Robert Halver erkennt also klar, dass es in jetzigen Situation selbstmörderisch wäre, dem Verweigerungskurs von Jens Weidmann und der Bundesbank mit ihren monetaristischen Prinzipien einer “harten” Stabilität zu folgen.

Da hat Robert Halver natürlich völlig recht. Und Robert Halver weiss auch ganz genau, dass die geldexpansiven EZB-Interventionen von Mario Draghi letztendlich dazu führen werden, dass die Eurozone eventuell eine höhere Inflation als bisher in Kauf nehmen muss.

Wer das übrigens schon Ende Mai dieses Jahres ganz klar hat so kommen sehen war Paul Krugman.

In seinem intelligenten und humorvollen Interview vom 30.5 in der britischen Tageszeitung “The Independent” mit dem Titel “Interview with economist Paul Krugman: ‘Greece will leave eurozone within 12 months’ stellt Paul Krugman unter anderem fest:

Will Greece leave the euro?

Something has to happen and in the end it does have to be a Greek exit. I’d be astonished if they can go more than two years without leaving. I’d be astonished if they could go even one year. The event that will force an exit is when the European Central Bank (ECB) puts a stop to the emergency lending to Greek banks. Nobody wants to do that but at some point the numbers will make that unavoidable. If I was a Greek depositor I’d be trying to shift money out of the banks because there’s a reasonable probability that, after a long weekend, you’ll find out that it has turned into a new drachma account worth 50 or 30 per cent less.

Would Greece actually be better off out?

The possibilities for a recovery are certainly there if Greece leaves. One of their major exports is tourism. Greece could exits creating a very ugly scene for six months or a year, but after that there’s tons of package tours of British lager louts going to the Greek isles. It sounds awful, but compared with 50 per cent youth unemployment, maybe not so bad. But there’s no certainty. Anyone who says I’m highly confident Greece would do well in the three years following devaluation – I don’t know that. But it’s not as if Greece is on a sustainable path now.

Should the rest of us fear the consequences of a Greek exit?

Greece essentially doesn’t matter except in terms of the knock-on effects on the eurozone. If Greece exits then we know that euro membership is non-irreversible. You then have a run on Spanish and Italian banks. That does not have to lead to an immediate crisis so long as the ECB is willing to supply the euros.

But that also raises the question: where is the hope for recovery for those countries? They are also in an unsustainable situation unless there’s a change in policy that gives them a reasonable hope of a recovery in a five year period. So there’s a fork in the road. Will we see more ECB lending plus more expansionary fiscal policy and higher inflation targeting? Or will it be a complete eurozone break up? Both alternatives sound impossible but one of them has to happen. What will Germany in the end choose? It’s not Sophie’s Choice, but Germany’s choice.

Also ich wiederhole hier nochmals die entscheidenden Sätze von Paul Krugman:

So there’s a fork in the road. Will we see more ECB lending plus more expansionary fiscal policy and higher inflation targeting? Or will it be a complete eurozone break up? Both alternatives sound impossible but one of them has to happen. What will Germany in the end choose? It’s not Sophie’s Choice, but Germany’s choice”.

Wir stehen also jetzt eurokrisentechnisch an einer Weggabelung (“fork in the road“). Deutschland hat also im Grunde nur die Wahl zwischen “more ECB lending plus more expansionary fiscal policy and higher inflation targeting” oder einem “complete eurozone break up“.

Und um hier Paul Krugman einmal zu variieren und auf den Punkt zu bringen:It´s not Sophie´s Choice but Angela Merkel´s Choice“.

Und “Angie” ist letztendlich Pragmatikerin und eine wendige Opportunistin und wahrscheinlich nicht verrückt genug, um nur wegen einer neoliberalen und monetaristischen Ideologie den Euro hopsgehen zu lassen und Deutschland deshalb in ein riesiges wirtschaftliches und finanzielles Desaster hineinzuführen.

Das heisst Angela Merkel wird dann mit einem zähneknirschenden und jammernden Jens Weidmann an der Seite Mario Draghi gewähren lassen, nicht zuletzt mit dem Argument, dass Jens Weidmann sich nunmal dem Ratschluss der Mehrheit der EZB-Zentralbanker beugen muss (und so ist es ja auch: Wahrscheinlich wird Jens Weidmann im EZB-Rat einfach überstimmt, falls er dauerhaft auf Konfrontationskurs mit Mario Draghi bleiben sollte).

Genau das war auch immer meine Theorie: Angela Merkel und Wolfgang Schäuble profilieren sich bei der deutschen konservativen Wählerschaft, indem sie ein Exempel an den “faulen Griechen” (?!) statuieren.

Die ganze Art, wie die beiden mit Griechenland umgesprungen sind, hat immer den Verdacht erweckt, dass genau dies von Anfang an der Plan war.

Aber dann werden Angela Merkel und Wolfgang Schäuble die restlichen PIIGS-Staaten, Portugal und Irland und vor allem Spanien (viertgrösste Eurozonen-Volkswirtschaft) und Italien (drittgrösste Eurozonen-Volkswirtschaft) retten lassen.

Die Iren können sich vielleicht sogar irgendwann mal selbst retten, weil sie sich durch ihre extrem niedrigen Unternehmensteuern (12,5%) seit Mitte der neunziger Jahre einen unschlagbaren Standortvorteil in der Eurozone verschafft haben.

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