Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 106

Ein relativ schlichter und dennoch nützlicher Artikel mit dem Titel “Kampf gegen den Zusammenbruch der Währungsunion: So frisst sich die Schuldenkrise durch Europa” ist am 23.7. in “Focus-Online” erschienen.

Der Artikel führt einem einfach nochmal die wichtigsten Stationen in dieser Eurokrise in den letzten zweieinhalb Jahren vor.

Begonnen hat die ganze Sache eigentlich im Herbst 2008. Da ist die Lehman-Brothers-Bank als vorläufiger Höhepunkt der Finanzkrise ab 2007 zusammengebrochen. Und seitdem sind die sogenannten PIIGS-Staaten in die Krise gerutscht und der “Spread” zwischen den Zinsen für Staatsanleihen der PIIGS-Staaten und den Zinsen für die deutschen Staatsanleihen hat begonnen, unaufhörlich immer grösser zu werden.

Seht hierzu in der Website “Marktdaten.de” den Eintrag “Rendite europäischer Staatsanleihen (10-jährig)“.

Im Klartext: Seit dem Herbst 2008 haben die Finanzmärkte begonnen, den PIIGS-Staaten, beziehungsweise ihren Staatsanleihen zu mißtrauen.

Dieser Überblick in “Focus-Online” mit dem Titel  “Kampf gegen den Zusammenbruch der Währungsunion: So frisst sich die Schuldenkrise durch Europa” beginnt mit dem Oktober 2009.

Hierzu heisst es in diesem Überblick: “Oktober 2009: In Griechenland gewinnen die oppositionellen Sozialisten die vorgezogene Parlamentswahl. Giorgos Papandreou wird Ministerpräsident. Die neue Regierung revidiert die Zahlen zur Staatsverschuldung: Das Defizit werde nicht die von der Vorgängerregierung angekündigt bei sechs, sondern bei 12,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen. (Am Ende des Jahres liegt das Defizit sogar bei 15,4 Prozent.) Das Vertrauen in die Staatsfinanzen beginnt zu sinken. Die
Ratingagenturen beginnen in den folgenden Monaten, die Kreditwürdigkeit
Griechenlands herabzustufen. Spekulationen um eine Staatspleite beginnen. Auch
Spanien, Portugal und Irland sind angeschlagen. Die Wirtschafts- und Finanzkrise
hat die Defizite in bedrohliche Höhe schießen lassen. Schon bald ist nur noch
von den PIGS-Staaten die Rede.

Tja, und dann kommt Eintrag um Eintrag, bis zum letzten Eintrag vom

23. Juli 2012: Griechenland steuert Medienberichten zufolge auf einen
Staatsbankrott zu. Die wichtigsten Geldgeber des Landes, allen voran
Deutschland, seien nicht mehr bereit, Athen über die bisherigen Zusagen hinaus
Kredite zur Verfügung zu stellen, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ).
Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) glaubt kaum noch daran, dass Athen die
notwendigen Reformen für einen Verbleib in der Eurozone umsetzen kann. Auch der
Internationale Währungsfonds (IWF) wolle über die bisherigen Zusagen hinaus
keine Kredite zur Verfügung stellen, schreibt die „SZ“.

Interessant in diesem Überblick ist nicht zuletzt nachzuverfolgen, was Angela Merkel hauptsächlich in dieser Krise “geleistet” (?!) hat.

Ich gebe euch hier nur exemplarisch drei Beispiele.

Das erste Beispiel ist vom “16. August 2011: Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy treffen sich in Paris und bekräftigen den Plan einer Finanzmarkttransaktionssteuer und einer europäischen Wirtschaftsregierung.
Außerdem soll jedes Land eine Schuldenbremse nach deutschem Vorbild in seine
Verfassung aufnehmen. Gemeinsamen Anleihen der Euro-Länder, sogenannten
Eurobonds, erteilt Merkel erneut eine Absage. In den Tagen vor dem Treffen war heftig über dieses Thema diskutiert worden”. (Fettdruck von mir).

Das zweite Beispiel ist vom “23. Januar 2012: Die Euro-Finanzminister beschließen, dass der permanenten Rettungsschirm ESM noch in diesem Jahr und nicht wie
ursprünglich geplant 2013 seine Arbeit aufnehmen soll. Der Fonds kann 500
Milliarden Euro an Staaten in Not ausleihen. Viele Experten zweifeln, ob das
Volumen tatsächlich reicht, um auch große Länder wie Spanien oder Italien im
Krisenfall zu helfen. Bundeskanzlerin Merkel weist aber alle Forderungen nach
einer Aufstockung zurück(Fettdruck von mir).

Das dritte Beispiel ist vom “24. Mai 2012: Die Europäische Union setzt im Kampf gegen Schuldenkrise und Rezession auf mehr Impulse für Wirtschaftswachstum. Nach dem EU-Sondergipfel in Brüssel nennt Bundeskanzlerin Angela Merkel als Stichworte eine bessere Arbeitsvermittlung für Facharbeiter und eine Stärkung des Binnenmarkts. Auch
sogenannte Projektanleihen für Infrastrukturvorhaben sind geplant. In der
hitzigen Debatte um Eurobonds – also gemeinsame Anleihen von Euroländern – gibt es auf dem Brüsseler Treffen keine Bewegung. Frankreich befürwortet sie,
Deutschland lehnt sie weiter ab”. (Fettdruck von mir).

Angela Merkels Leistung in dieser Krise bestand also vor allem bisher darin, einfach immer “Nein” zu jedem möglichen Lösungsvorschlag zu sagen.

Deswegen wird sie in Europa auch oft einfach “madame non” genannt.

Seht hierzu exemplarisch einen Artikel in “Spiegel Online” vom Mai 2011 mit dem Titel “Schuldenkrise: Das Comeback der Madame Non.”

In diesem Artikel erfahren wir unter anderem: “Es läuft nicht gut für Angela Merkel in Europa: Die deutschen Bedingungen für den Euro-Rettungsschirm könnten verwässert werden – und mit ihren Attacken gegen die Südländer hat die Kanzlerin ihre Verhandlungsposition nicht gerade gestärkt. Deutschland droht ein heftiger Konflikt mit den EU-Partnern”.

Tja, und so ist es mittlerweile auch gekommen. Was immer Angela Merkel an Ansehen in Südeuropa hatte, auch gerade in Spanien, hat sie längst verspielt.

Ich bin jetzt, im August 2012, wieder mal in Madrid. Das Thema Angela Merkel werde ich gegenüber meinen spanischen Verwandten lieber nicht mehr erwähnen.

Zu Angela Merkel als notorische “Nein-Sagerin” in der Eurokrise seht auch die witzige Karikaturen-Strecke von William Banzai in “Zero Hedge” mit dem Titel “LiViN’ IT UP AT THe HoTeL NeiN… “.

Mittlerweile hat sich auch Jens Weidmann wieder mal lautstark und öffentlich zum Thema der geplanten Ankäufe von Staatsanleihen der PIIGS-Staaten durch die EZB reingemeldet.

Was Jens Weidmann zu dieser Sache zu sagen hat, können wir uns schon denken. Er sagt natürlich “Nein” dazu. So gesellt sich zu einer deutschen “madame nonAngela Merkel  mittlerweile ein deutscher “monsieur nonJens Weidmann hinzu.

Wer genau wissen will, was Jens Weidmann zu sagen hat, der soll sich die kommende Spiegel-Nummer 35/2012 mit dem Titel “Aufstand der Bundesbank” besorgen.

In “Spiegel-Online” gibt es heute schon einen kurzen Überblicksartikel mit dem Titel “Euro-Krise: Bundesbank-Chef Weidmann warnt EZB vor Anleihekäufen“.

In diesem Artikel erfahren wir unter anderem. “Bundesbank-Präsident Jens Weidmann übt harsche Kritik an den Plänen der Europäischen Zentralbank (EZB), ein neues Programm zum Ankauf von Staatsanleihen aufzulegen. “Eine solche Politik ist für mich zu nah an einer Staatsfinanzierung durch die Notenpresse”, warnt Weidmann im Gespräch mit dem SPIEGEL. “In Demokratien sollten über eine so umfassende Vergemeinschaftung von Risiken die Parlamente entscheiden und nicht die Zentralbanken.”

Wenn die Euro-Notenbanken Staatsanleihen einzelner Länder kaufen, “landen die Papiere in der Bilanz des Eurosystems”, warnt Weidmann: “Letztlich stehen dafür die Steuerzahler aller anderen Länder gerade.” Die grundlegenden Probleme würden auf diese Weise nicht gelöst, so der Bundesbankpräsident – im Gegenteil: “Der Geldsegen der Zentralbanken würde anhaltende Begehrlichkeiten wecken”, so Weidmann im SPIEGEL. “Wir sollten die Gefahr nicht unterschätzen, dass Notenbankfinanzierung süchtig machen kann wie eine Droge.”

Weidmann sieht außerdem die Unabhängigkeit der EZB in Gefahr. Auf den zweiten Blick falle auf, dass es bei den Plänen “auf abgestimmte Aktionen der staatlichen Rettungsschirme und der Notenbank hinausläuft. Dadurch entsteht eine Verknüpfung von Fiskal- und Geldpolitik.” Er wolle “vermeiden, dass die Geldpolitik unter die Dominanz der Fiskalpolitik gerät”.

Eine unmittelbare Inflationsgefahr sieht Weidmann nicht. “Aber wenn sich die Geldpolitik als umfassender politischer Problemlöser einspannen lässt, droht ihr eigentliches Ziel mehr und mehr in den Hintergrund zu rücken.” Weidmann warnt deshalb davor, die EZB zu verpflichten, “den Verbleib von Mitgliedsländern in der Euro-Zone um jeden Preis zu garantieren”. Bei der Entscheidung über einen möglichen Austritt Griechenlands müsse “sicherlich auch eine Rolle spielen, dass kein weiterer Vertrauensschaden am Rahmenwerk der Währungsunion entsteht und die wirtschaftspolitischen Auflagen der Hilfsprogramme ihre Glaubwürdigkeit behalten”.

Das Hauptargument von Jens Weidmann ist also dies, dass durch solche Ankäufe von Staatsanleihen der PIIGS-Staaten durch die EZB eine Vergemeinschaftung von Risiken in der Eurozone stattfinden würde.

Jens Weidmann scheint nicht zu begreifen, dass Mario Draghi (aktueller EZB-Chef) genau das will: Er will die EZB als einen “lender of last resort” (“Kreditgeber der letzten Zuflucht“) installieren und auf diese Weise natürlich auch eine indirekte Form von Schuldenhaftung in der Eurozone einrichten.

Wenn wir die PIIGS-Staaten und damit letztlich den Euro retten wollen, kommen wir letztendlich um irgendeine Form der gemeinsamen Schuldenhaftung nicht herum.

Stefan Kaiser hat zu diesem Thema am 20.8. einen Artikel mit dem Titel “Drohende Griechenland-Pleite: Drei dornige Wege zur Euro-Rettung” in “Spiegel-Online” verfasst.

Die drei realen Alternativen (die immer indirekterweise eine Form von Schuldenhaftung miteinschliessen) sind folgende:

  • massive Anleihenkäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB), um die Anleihenrenditen unter einer festgelegten Schwelle zu halten
  • unbegrenzte Feuerkraft für den Rettungsfonds ESM durch eine Banklizenz, also eine faktische Erlaubnis zum Gelddrucken
  • europäische Gemeinschaftsanleihen, sogenannte Euro-Bonds.

Um eine dieser drei Alternativen werden die Eurozonen-Länder und damit natürlich auch Deutschland als finanziell und wirtschaftlich stärkstes Land der Eurozone nicht herumkommen.

Alternative 1massive Anleihenkäufe durch die Europäische Zentralbank (EZB), um die Anleihenrenditen unter einer festgelegten Schwelle zu halten” will Jens Weidmann anscheinend eindeutig nicht. Er will diese Möglichkeit, wie wir ja jetzt sehen, sogar eindeutig blockieren.

Von Alternative 2unbegrenzte Feuerkraft für den Rettungsfonds ESM durch eine Banklizenz, also eine faktische Erlaubnis zum Gelddrucken” und Alternative 3europäische Gemeinschaftsanleihen, sogenannte Euro-Bondsredet Jens Weidmann auch nicht.

Was will also Jens Weidmann eigentlich?

Am 10.6. hat Jens Weidmann eine Rückkehr zur D-Mark aufgrund der drohenden horrenden Verluste für Deutschland und auch aufgrund der Unberechenbarkeit eines solchen Ausstiegs von Deutschland aus dem Euro oder eines Zerbrechens des Euros kategorisch ausgeschlossen.

Seht hierzu einen Artikel vom 10.6. in “Welt-Online” mit dem Titel “Währung: Bundesbankpräsident: Keine Rückkehr zur D-Mark” (Der Artikel beruht anscheinend auf einer AFP-Meldung)

In diesem kurzen Artikel lässt Jens Weidmann verlautbaren.Angesichts der Eurokrise erteilt Bundesbankpräsident Jens Weidmann einer Rückkehr zur D-Mark eine kategorische Absage. “Ein Zerfall der Währungsunion wäre mit extrem hohen Kosten und Risiken verbunden, die niemand wirklich vorhersehen kann”, sagte Weidmann der “Welt am Sonntag”. “Aus diesem Grund kann ein solches Szenario nicht das Ziel des Handelns der politisch Verantwortlichen sein”, fügte er hinzu.

Allerdings warnte Weidmann, die enge Bindung an den Euro dürfe “nicht heißen, dass Deutschland erpressbar wird und Haftung ohne Kontrolle verspricht”. “Denn das würde die Stabilitätsgrundlagen der Währungsunion aushöhlen”, sagte er der Zeitung. In ihrer derzeitigen Verfassung könne die Eurozone “nicht nachhaltig funktionieren”. “Notwendig ist vielmehr Klarheit darüber, ob wir den Weg zu einer Fiskalunion gehen wollen”, sagte Weidmann der Zeitung.

Laut einem Bericht des “Spiegel” arbeiten die europäischen Institutionen bereits an einer Fiskalunion, in der die einzelnen Mitgliedsländer nicht mehr selbstständig neue Schulden machen dürfen. Frei verfügen sollen die Regierungen demnach nur noch über Finanzmittel, die durch eigene Einnahmen gedeckt sind. Wer mehr Geld braucht, als er selbst erwirtschaftet, müsste seinen Bedarf laut dem Bericht bei der Gruppe der Finanzminister der Eurozone anmelden”.

Zugleich erschien in “Welt-Online” am 10.6. ein langer Artikel mit dem Titel “Ausstiegsszenario: Gigantische Verluste bei der Rückkehr zur D-Mark“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “Die Zeit heilt bekanntlich Wunden. Im Fall der D-Mark scheinen die Deutschen den Abschiedsschmerz aber nicht zu verwinden. 55 Prozent der Bundesbürger halten laut dem neuesten Deutschlandtrend die Einführung des Euro für einen Fehler, das sind neun Prozentpunkte mehr als noch vor einem halben Jahr.

Da scheint es eine Frage der Zeit, wann die Menschen radikalere Maßnahmen fordern. Nach dem Motto: Wenn die Griechen nicht endlich die Euro-Zone verlassen, könnten wir das doch selbst tun. Aber ist das überhaupt möglich? Was wären die Folgen?

Eine Diskussion darüber will niemand in der Politik führen. Zwar fordert etwa der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi lautstark einen Austritt Deutschlands aus der gemeinsamen Währung. Aber deutsche Politiker schweigen dazu. Ein Abschied aus der gemeinsamen Währung ist streng genommen rechtlich unmöglich.

Abgesehen davon wäre der politische Schaden für Deutschland gigantisch. Und es wäre wirtschaftlich höchst riskant. “Ein Zerfall der Währungsunion wäre mit extrem hohen Kosten und Risiken verbunden, die niemand wirklich vorhersehen kann”, sagt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann “Welt Online”. “Aus diesem Grund kann ein solches Szenario nicht das Ziel des Handelns der politisch Verantwortlichen sein.”

Allerdings warnt Weidmann eindringlich: “Das darf andererseits nicht heißen, dass Deutschland erpressbar wird und Haftung ohne Kontrolle verspricht. Denn das würde die Stabilitätsgrundlagen der Währungsunion aushöhlen.”

Manche Ökonomen raten deshalb, einen Ausstieg aus der Euro-Zone nicht komplett auszuschließen: “Wenn wir diese Debatte nicht führen, wenn wir nicht zumindest aufzeigen, dass ein deutscher Ausstieg aus der Euro-Zone möglich ist, dann sind wir erpressbar”, sagt Thomas Mayer, bis vor Kurzem Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Ein solches Szenario lässt sich nur unter ziemlich rigiden Annahmen entwerfen. Das hat “Welt Online” getan”.

Und dann wird in diesem Artikel in “Welt-Online” mit dem Titel “Ausstiegsszenario: Gigantische Verluste bei der Rückkehr zur D-Mark” dieses Szenario entworfen und dargelegt.

Zugleich erschien am 31.5. in “finanzen.net” ein langer Artikel mit dem Titel “EURO AM SONNTAG-TITEL: Rückkehr zur D-Mark – Was Anlegern droht“.

In diesem Artikel erfahren wir unter anderem: “Verhandeln Sie gerade über den Druck griechischer Drachmen? Rob Hutchinson, Sprecher der weltgrößten Banknotendruckerei De La Rue, zögert. Dann sagt er: „Wir können das nicht kommentieren.“ Ein klares Nein klingt anders. Das sieht auch die Börse so. Dort legte die De La Rue-Aktie in den vergangenen neun Monaten um mehr als 36  Prozent zu. Und das, obwohl der Umsatz der Briten 2011 um 17 Prozent und der Gewinn sogar um 63 Prozent schrumpfte.

Anleger scheinen darauf zu spekulieren, dass De La Rue schon bald größere Druckaufträge abwickeln könnte. Vielleicht kommen sie aus Europa, das zu D-Mark, Lira und Drachme zurückkehrt? Geht es nach Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin, so wäre dieses Szenario fast schon wünschenswert. Nicht umsonst trägt sein neues Buch den Titel „Europa braucht den Euro nicht“.

Banken und Industrie spielen jedenfalls schon einmal die Rückkehr zu nationalen Währungen durch.  „Viele Unternehmen haben Taskforces gebildet, die mit unseren Mitarbeitern Austrittsszenarien prüfen“, sagt Britta Becker, Partnerin bei der Unternehmensberatung Ernst & Young. Vor allem ein möglicher Austritt Portugals und Spaniens beschäftigt derzeit die Unternehmen.

Für Anleger ist es daher ebenfalls ratsam, sich mit diesem Szenario auseinanderzusetzen. Sie sollten wissen, wie eine Währungsumstellung ablaufen könnte und welche Folgen das für ihr Vermögen hätte”.

Und dann wird in diesem Artikel  in “finanzen.net” mit dem Titel “EURO AM SONNTAG-TITEL: Rückkehr zur D-Mark – Was Anlegern droht” ebenfalls das Szenario eines Zerbrechens des Euros oder eines deutschen Ausstiegs aus dem Euro durchgespielt und die Folgen für die deutschen Anleger und Vermögensinhaber dargelegt.

Und diesen deutschen Anlegern und Vermögensinhabern werden hier Ratschläge erteilt, wie sie sich angesichts dieses drohenden Szenarios anlage- und vermögenstechnisch am besten vorbereiten können.

finanzen.net” gehört übrigens genauso wie “Welt Online” zur Axel Springer AG.

Offensichtlich scheint also in dieser Frage eines möglichen Zerbrechens des Euros oder eines möglichen deutschen Ausstiegs aus dem Euro in Deutschland eine völlige Konfusion zu herrschen.

Und von einer 100%igen Unumkehrbarkeit des Euros scheinen zumindest die Finanzportale wie “finanzen.net” nicht auszugehen. Und auch “Welt Online” spielt hier diesen Gedanken einmal detailliert durch.

Und auch Jens Weidmann zeigt keinerlei gangbaren Weg aus der Eurokrise auf. Stattdessen will er einen der drei möglichen Wege ganz klar blockieren und er wendet sich daher ganz bewusst an die deutsche Öffentlichkeit, um sie vor den vermeintlichen Gefahren einer EZB mit einer offen deklarierten und installierten Funktion eines “lender of last resort” zu warnen (Was Mario Draghi offensichtlich machen will und ein Euro-Währungsraum-Spezialist wie Paul de Grauwe schon seit geraumer Zeit fordert).

Eigentlich hat Paul Krugman in Sachen Eurokrise schon am 15.4. die Sache auf den Punkt gebracht, in einem Artikel in seinem Blog “The Conscience of a Liberal” in der “New York Times” mit dem Titel “Insane in Spain“.

Sein Fazit in diesem kurzen und klaren Artikel, in dem er darlegt, dass jetzt eindeutig Spanien im Focus der Eurokrise steht: “I’m really starting to think that we’re heading for a crackup of the whole system”.

Tja, so sehe ich das auch.

In seinem Blogartikel mit dem Titel “Eurodämmerung” vom 13.5 stellt dann Paul Krugman eine mögliche und relativ wahrscheinliche Variante des Zerbrechens des Euros vor. Sie beginnt mit dem “Grexit” (der jetzt tatsächlich bald kommen könnte).

Ich zitiere aus diesem Artikel mit dem Titel “Eurodämmerung“:

1. Greek euro exit, very possibly next month.

2. Huge withdrawals from Spanish and Italian banks, as depositors try to move their money to Germany.

3a. Maybe, just possibly, de facto controls, with banks forbidden to transfer deposits out of country and limits on cash withdrawals.

3b. Alternatively, or maybe in tandem, huge draws on ECB credit to keep the banks from collapsing.

4a. Germany has a choice. Accept huge indirect public claims on Italy and Spain, plus a drastic revision of strategy — basically, to give Spain in particular any hope you need both guarantees on its debt to hold borrowing costs down and a higher eurozone inflation target to make relative price adjustment possible; or:

4b. End of the euro.

And we’re talking about months, not years, for this to play out”.

Und was nun die Rolle von Jens Weidmann und der Deutschen Bundesbank in diesem möglichen “eurozone-breakup” angeht, so hat sich George Soros schon am 11.4 auf eindeutige Weise hierzu in einem Artikel mit dem Titel “Europe’s future is not up to the Bundesbank” in der “Financial Times” geäußert.

Er sagt in diesem Artikel unter anderem folgendes: “At the onset of the crisis, the eurozone’s break-up was inconceivable: assets and liabilities denominated in the common currency were so intermingled that it  would have caused an uncontrollable meltdown. But, as the crisis has progressed,  the eurozone has been reoriented along national lines.

The LTRO enabled Spanish and Italian banks to engage in very profitable and  low-risk arbitrage in their own countries’ bonds. And the preferential treatment  received by the ECB on its Greek bonds will discourage other investors from  holding sovereign debt. If this continues for a few more years, a eurozone break-up would become possible without a meltdown – but would leave creditor  countries’ central banks holding big claims that would be hard to enforce against debtor countries’ central banks.

The Bundesbank has seen the danger. It is now campaigning against the indefinite expansion of the money supply, and it has started  taking measures to limit the losses it would sustain in a break-up. This is creating a self-fulfilling prophecy: once the Bundesbank starts guarding against a break-up, everybody will have to do the same. Markets are beginning to reflect this”.

Im Klartext: Was Jens Weidmann mit seinen Kassandra– und Unken-Rufen betreibt, ist wirklich gefährlich: Die anderen europäischen Nationalen Zentralbanken und nicht zuletzt die Anleger an den Finanzmärkten könnten das ernst nehmen und sie nehmen es teilweise anscheinend auch ernst und sie gehen dann – ebenso wie Jens Weidmann und die Bundesbank es offensichtlich vorhaben – definitiv in Deckung. So könnten die Gefahren, die Jens Weidmann hier beschwört, zur “self-fulfilling prophecy” werden.

Dann sind höchstens noch die eigenen Banken des jeweiligen PIIGS-Staates bereit, die Staatsanleihen dieser Länder zu erwerben. In gewisser Weise ist das schon seit vielen Monaten tatsächlich mehr oder weniger der Fall.

Die Banken der Eurozonen-Länder, die zumindest im Fall der PIIGS-Staaten auch den bei weitem grössten Teil der Staatsanleihen ihrer Länder halten, renationalisieren sich also seit geraumer Zeit zunehmends und am Ende könnte dann nicht zuletzt deshalb die Eurozone auseinanderfliegen.

Auf diese Gefahr einer Renationalisierung der Banken der Eurozonen-Länder, speziell in den PIIGS-Staaten, hat George Soros auch am 11.4 in einem Interview mit dem Titel “Börsenguru: Soros hält Euro-Krise für `potenziell tödlich´” in “Welt Online” ausdrücklich nochmals hingewiesen und schon damals hat George Soros Jens Weidmann und der Bundesbank schwere Vorwürfe gemacht.

In diesem Interview bemerkt George Soros unter anderem: “Kurzfristig habe die Flutung des Finanzsektors mit Zentralbankgeld eine Erleichterung gebracht. Doch auf mittlere Sicht wird die Krise nach Ansicht von Soros dadurch sogar noch verschärft. “Die Schulden der Staaten werden immer mehr von den Banken ihres jeweiligen Landes gehalten. Das heißt, die Institute werden renationalisiert.” Damit werde aber ein Auseinanderbrechen der Währungsunion ohne finanzielle Kernschmelze möglich.

Der Bundesbank macht Soros schwere Vorwürfe. Indem sie versuche, sich gegen ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone zu wappnen, beschleunige sie in Wahrheit den Prozess: “Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung” Als wichtigste Zentralbank in der Währungsunion habe die Bundesbank besondere Verantwortung, der sie aktuell nicht gerecht werde. “Wenn sich die Bundesbank absichert, werden andere dazu neigen, das gleiche zu tun.”

Sollte dann die Eurozone und damit auch das ESZB tatsächlich auseinanderfliegen, kämen dann nicht zuletzt über das ESZB riesige Forderungsausfälle auf die Deutsche Bundesbank und damit natürlich den deutschen Steuerzahler zu (Target-2-Salden).

Zu den Target-2-Salden, über das ich schon oft geredet habe, seht zum Beispiel den Artikel vom 9.7. mit dem Titel “Target-2-Saldo steigt weiter: Noch mehr Sprengstoff in der Bundesbank-Bilanz” in “Focus-Online“.

In diesem Artikel erfahren wir unter anderem: “An astronomische Geldbeträge hat man sich im Laufe der Euro-Krise wohl oder übel gewöhnt. Eine Zahl ragt dennoch heraus: 728,6 Milliarden Euro – auf diese gewaltige Summe belaufen sich mittlerweile die Forderungen der Bundesbank aus dem so genannten Target-2-System. In diesem System werden grenzüberschreitende Zahlungen zwischen Notenbanken der Euro-Zone abgewickelt. (…).

Sollte eines oder mehrere Länder Südeuropas die Euro-Zone verlassen, könnte auf Deutschland also eine gewaltige Rechnung warten. Kein Wunder, dass EU-Diplomaten beim Thema Target 2 mittlerweile die Augen verdrehen”.

Das wäre aber bei weitem nicht die einzige negative Folge für Deutschland.

So hat zum Beispiel der “Allianz“-Chefvolkswirt Michael Heise am 29.7. in einem Artikel mit dem Titel “Währungspolitik: Die D-Mark wäre eine Belastung für Deutschland” in “Welt-Online” eindringlich vor den gravierenden finanziellen und wirtschaftlichen Folgen für Deutschland im Fall einer Rückkehr zur D-Mark gewarnt. Lest euch mal diesen Artikel in Ruhe durch.

Im Klartext: Die Sache wäre dann auch für Deutschland finanziell und wirtschaftlich ein riesiger Schaden.

Und genau mit diesem Risiko spielt Jens Weidmann leichtfertig und er tut auch noch so, als wenn die Bundesbank hier die entscheidende Instanz sei, die über den Fortbestand oder das Scheitern des Euro zu wachen habe.

Die Bundesbank haftet mit 27% für die potentiellen Verluste der EZB. Sie ist also nur ein allerdings wichtiger Teil des ESZB. Und der Chef der EZB ist Mario Draghi und nicht Jens Weidmann.

Allerdings: Wenn südeuropäische Eurozonen-Länder Pleite gehen, erhöht sich natürlich auch der prozentuale Haftungsanteil der Bundesbank, denn die Nationalen Zentralbanken dieser südeuropäischen PIIGS-Staaten fallen ja dann aus und ausserdem sind genau diese südeuropäischen Nationalen Zentralbanken, die nicht zuletzt im Rahmen des Target-2-Systems riesige Verbindlichkeiten gegenüber den mittel- und nordeuropäischen Nationalen Zentralbanken des ESZB aufgebaut haben.

Jens Weidmann macht sich mit seinen gerade mal 44 Jahren mächtig wichtig, das muss man schon sagen. Und er rettet mit dieser Sache den Euro oder Deutschland keineswegs, sondern vielmehr bringt er den Euro und damit indirekt auch Deutschland wohl in erhebliche Gefahr.

Das Verhalten von Mario Draghis, der sich ostentativ und klar hinter den Euro stellt und auch bereit ist, die EZB in einen “lender of last of resort” (“Kreditgeber der letzten Zuflucht“) umzubauen, ist im Grunde viel schlauer und vorsichtiger.

Mario Draghi will dadurch die PIIGS-Staaten und letztlich den Euro retten und stabilisieren und die Spekulanten an den Börsen und Hedgefonds, die schon seit geraumer Zeit gegen die PIIGS-Staaten und den Euro spekulieren, eindeutig in ihre Schranken weisen und abschrecken.

Übrigens: Mario Draghi ist 65 Jahre alt. Er hat ein bisschen mehr Erfahrung als Jens Weidmann, der sich anscheinend über seinen Vorgänger, den ehemaligen Bundesbankchef Axel Weber (Zweitgutachter der Dissertation von Jens Weidmann) und durch die Fürsprache und Förderung von Angela Merkel (2006 berief Angela Merkel Jens Weidmann zum Leiter der Abteilung IV “Wirtschafts- und Finanzpolitik” im Bundeskanzleramt) in diese für sein Alter erstaunliche hohe, vielleicht doch eindeutig zu hohe Position hochgezurrt hat.

Creative Commons LizenzvertragTrotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 106Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s