Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 95

Als Beispiel für eine verdrehende und tendenziöse Berichterstattung aus dem Eurokrisen-Land und PIIGS-Staat Spanien bringe ich hier mal einen Artikel vom 10.8. mit dem Titel “Wirtschaftskrise in Spanien: Generation Nesthocker” aus der “Süddeutschen Zeitung”. Verfasst hat diesen Artikel Thomas Urban.

In diesem Artikel wird zwar korrekt über das Phänomen der jungen Arbeitslosen in Spanien berichtet (Jugendarbeitslosigkeit in Spanien aktuell: über 50%), und damit zusammenhängennd natürlich auch über das Problem des steigenden Drogenkonsums und der steigenden Kriminalität unter diesen jungen Spaniern, die aus wirtschaftlichen Gründen unter anderem gezwungen sind, weiter bei ihren Eltern zu leben (Generation “Nesthocker“).

Wenn es aber um die Ursachen dieser Misere geht, redet Thomas Urban in diesem Artikel nur Blödsinn.

So behauptet Thomas Urban in diesem Artikel unter anderem:Spanien steckt in einer gigantischen Schuldenkrise: Nicht nur alle Verwaltungsebenen sind verschuldet – Gemeinden, Regionen, Zentralregierung -, sondern auch ein Großteil der Privathaushalte (Fettdruck von mir). Die meisten Banken sind in Schieflage geraten, weil mehr als die Hälfte der von ihnen gewährten Kredite nun als gefährdet gelten”.

Die Folgen sind vor allem für die junge Generation von 16 bis 29 Jahren einschneidend: 920.000 junge Spanier sind arbeitslos, das sind 53 Prozent der Altersgruppe, Rekord in der Europäischen Union. Nur ein Fünftel der Jungakademiker findet eine der Ausbildung entsprechende Anstellung, dies meist nur befristet und mit einem miserablen Anfangsgehalt von kaum mehr als 1000 Euro – mileuristas nennt man sie deshalb. Dafür steigen der Drogenkonsum und die Jugendkriminalität.

Madrider Wirtschaftsexperten sehen, mit unterschiedlichen Akzenten, zwei hausgemachte Hauptursachen für die Misere: Zunächst hat die bis 2004 regierende konservative Volkspartei (PP) unter José Maria Aznar durch die Liberalisierung des Bodenrechts einen gewaltigen Bauboom ausgelöst, der zur Zersiedlung weiter Landstriche führte. Trotz aller warnenden Stimmen dämmte sein Nachfolger, der Sozialist José Luis Zapatero, diesen Bauwahn nicht ein, vielmehr wurde er in seiner Regierungszeit sogar noch angeheizt – bis 2007 die Immobilienblase platzte. Überdies hat Zapatero für seine Sozial- und Bildungsprogramme gigantische Staatsschulden angehäuft, die nun den Staat an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gebracht haben (Fettdruck von mir).

Was Thomas Urban hier daherschreibt, ist verdrehender Schwachsinn. Es ist zwar richtig, dass José María Aznar (PP) und José Luis Zapatero (PSOE) an dieser spanischen Immobilienblase mitschuldig sind.

Spanien war aber auf staatlicher Ebene nie hoch verschuldet. Und José Luis Rodríguez Zapatero (PSOE) konnte alle spanischen Bildungs- und Sozialprogramme – die übrigens nicht besonders luxuriös waren, sondern natürlich immer noch weit unter dem deutschen Standard lagen – locker bezahlen, solange der spanische Bauboom lief. Solange der Bauboom lief, hatte Spanien mehr als genug steuerliche Einnahmen und musste kaum Schulden machen.

Spanien hatte bis zum Platzen der spanischen Immobilienblase im Jahre 2008 wesentlich weniger Schulden als zum Beispiel Deutschland. Spanien hatte im Jahre 2007 eine Staatsverschuldung von ca. 37% des BIP. Seht hierzu eine Graphik in “statista.com” mit dem Titel “Spanien: Staatsverschuldung von 2002 bis 2012 in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP)

Deutschland hatte schon damals eine Staatsverschuldung von deutlich über 60% (also über dem Niveau, das von den Maastricht-Kriterien her zulässig ist). Seht hierzu eine Graphik in “statista.com” mit dem Titel “Staatsverschuldung von Deutschland gemäß Maastricht-Vertrag (in Mrd. Euro) von 1991 bis 2011“.

Was lag also in Spanien tatsächlich vor? Wir hatten in Spanien absolut kein Problem mit den Staatsschulden, sondern wir hatten in Spanien wenn überhaupt eine Privatverschuldungskrise, weil sehr viele Spanier in den Zeiten des spanischen Immobilienbooms völlig überteuerte Wohnungen und Häuser auf Pump gekauft haben.

Und wer hat diese irrwitzigen Immobilienkäufe auf Pump finanziert? Die spanischen (und übrigens auch ausländischen, zum Beispiel deutschen und französischen) Banken.

Also haben wir in Spanien aktuell letztendlich eine Bankenkrise, die zugleich eine gesamteuropäische Bankenkrise ist (denn viele dieser potentiell “faulen” Immobilienkredite liegen unter anderem in den Portfolien der deutschen und auch der französischen Banken).

Wenn ihr euch genauer für die selbstgemachten spanischen Ursachen dieser aktuellen schweren spanischen Wirtschaftskrise interessiert, dann lest euch mal meinen Artikel “Madrid heute – Abschied von meiner Madrider Vergangenheit” durch.

Und wenn ihr die tieferen Ursachen der Finanzkrise ab 2007 und auch der Eurokrise insgesamt kennen lernen wollt, dann lest mal meinen Blogartikel “Die Ursachen und Folgen der neoliberalen Revolution ab den 80er-Jahren” durch.

Und wenn ihr euch dafür interessiert, wie in Spanien aktuell die sozialen Folgen der halbkriminellen Praktiken der spanischen Banken auf dem Höhepunkt der Immobilienblase aussehen, dann lest meinen Blogartikel “Die Praktiken der spanischen Banken auf dem Höhepunkt der Immobilienblase: Eine soziale Zeitbombe” durch.

Und wenn ihr wissen wollt, inwiefern die von Brüssel und Deutschland anbefohlene Austeritätspolitik die Situation in den südeuropäischen PIIGS-Staaten auch noch massiv verschärft hat und weiterhin verschärft, dann lest unter anderem mal meinen Blogartikel “Angela Merkels Irrglaube an die Wirksamkeit ihrer kruden Sparrezepte in Südeuropa” durch.

Warum schreibt hier also Thomas Urban solchen Schwachsinn in diesem Artikel mit dem Titel “Wirtschaftskrise in Spanien: Generation Nesthocker“?

Nun, Thomas Urban schreibt das, was die Herausgeber der “Süddeutschen Zeitung” lesen wollen.

Er schreibt leider nicht, was die Abonnenten und Käufer der “Süddeutschen Zeitung” lesen wollen. Die würden sicher gern in der Mehrzahl die Wahrheit erfahren.

Die “Süddeutsche Zeitung” gehört dem “Süddeutschen Verlag“.

Alle diese Medienhäuser und Verlagshäuser, denen der “Süddeutschen Verlag” gehört, sind meist in der Hand von schwerreichen Oberschichtdeutschen. Bei den anderen deutschen Tageszeitungen ist es übrigens genauso.

Diese schwerreichen Herausgeber der meisten deutschen Tageszeitungen propagieren den deutschen “Geiz ist geil“- Neoliberalismus, dessen Kernideologie die von Angela Merkel und den neoliberalen Lobbys wie die ISNM gepriesene “Schwäbische Hausfrau” ist.

Seht hierzu  einen Video-Beitrag im Springer-Blatt  “Welt-Online” vom 8.8. mit dem Titel “Die schwäbische Hausfrau als Vorbild in der Krise” (dieser Beitrag stammt offensichtlich ursprünglich von der “Deutschen Welle“, dem staatlichen deutschen Auslandsfunk).

Was in diesem Video-Beitrag in “Welt-Online” mit dem Titel “Die schwäbische Hausfrau als Vorbild in der Krise” behauptet wird, dass die Schwaben reich seien, weil sie soviel sparen, ist Quatsch.

Die Schwaben sind reich, weil sie seit spätestens Mitte des 19 Jh. erfolgreiche und kompetente Tüftler und Techniker sind. Dass die Schwaben sparsam sind, schadet nichts, aber durch sparen wird man nicht reich. Reich wird man, wenn man gute Produkte verkauft. Und die Schwaben verkaufen seit langer Zeit weltweit im großen Stil hervorragende Hochtechnologieprodukte.

Belustigend finde ich auch die Schlussbemerkung dieses Video-Beitrags in “Welt-Online” mit dem Titel “Die schwäbische Hausfrau als Vorbild in der Krise“, die ungefähr so lautet: “Diese Mentalität des Sparens stammt aus dem 19. Jahrhundert, als die Schwaben noch sehr arm waren. Jetzt geht es ihnen gut. Das Sparen hat sich also gelohnt“.

Wissen diese Schwachköpfe von der “Deutschen Welle“, wie aberwitzig arm und rückständig zum Beispiel Spanien im 19. Jahrhundert war? Wissen diese Schwachköpfe von der “Deutschen Welle” nicht, dass zum Beispiel die Spanier noch in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Zeit des Franquismus so arm waren, dass sie massenhaft nach Mittel- und Nordeuropa als sogenannte “Gastarbeiter” ausgewandert sind, auch nach Deutschland, um sich etwas Geld zusammenzuverdienen? Bei den Griechen, Portugiesen und vor allem den Süditalienern war es übrigens genau gleich.

Diese superreichen Herausgeber (auch der “Süddeutschen Zeitung“) haben kein Interesse, dass die Leser der “Süddeutschen Zeitung” die simple Wahrheit begreifen: Dass der Euro und die Eurozone jetzt unter anderem wegen der miesen Geschäfte der europäischen und teilweise auch internationalen Banken am Abgrund stehen (nicht zuletzt auch der deutschen Banken). Und auch die Finanzmärkte hängen natürlich in dieser Sache mit drin.

Bis zum Ausbruch der Eurokrise im Herbst 2008 (Zusammenbruch der Lehman-Brothers-Bank) haben auch die Finanzmärkte diese PIIGS-Staaten finanziert. Ob diese Länder, wie zum Beispiel Griechenland, eine ausreichende Bonität für diese Finanzierung hatten, das hat sie wenig gekümmert.

Bis zum Herbst 2008 waren die Risikoaufschläge für griechische Staatsanleihen kaum höher als für deutsche Staatsanleihen.

Schaut euch in mal in “Markdaten.de” die Charts für die “Renditen europäischer Staatsanleihen (10jährig) an“. Bis zum Herbst 2008 (Zusammenbruch Lehman-Brothers-Bank) gab es praktisch keinen “Spread” zwischen Deutschland und Griechenland (obwohl Deutschland ohne Zweifel ein gut funktionierendes, wirtschaftlich, industriell und technologisch starkes Land ist, aber Griechenland keinesfalls).

Denn würden die Leser der “Süddeutschen Zeitung” das begreifen, dass unter anderem die europäischen Banken und die Finanzmärkte diese Sache verbockt haben, würden sie empört für die kommende Zukunft eine strenge und klare Regulierung des europäischen und internationalen Bankensektors und übrigens auch der Finanzmärkte und Börsen fordern und würden vielleicht denken, dass soziale Bewegungen wie die kanadische und amerikanische Bewegung “Occupy Wallstreet” oder die spanische Bewegung “Movimiento 15-M” im Kern mit ihrer Kritik am weltweiten Banken- und Finanzsystem völlig recht haben.

Stattdessen wollen die Herausgeber der “Süddeutschen Zeitung” ihren Lesern einreden, diese ganze Eurokrise sei die Folge der “Verschwendungssucht (?!) in den PIIGS-Staaten, die angeblich zu viele “Staatsschulden(?!) gemacht hätten.

Mit dieser Argumentation wollen die Herausgeber der “Süddeutschen Zeitung” nicht nur ihre Leser von den wahren Ursachen dieser Eurokrise weglenken, sie hetzen so auch die europäischen Völker gegeneinander auf: Solide und sparsame Deutsche gegen unsolide südeuropäische “Verschwender”.

Deshalb schwafelt hier Thomas Urban von irgendeiner “Schuldenkrise“, damit die Leser der “SZ” denken, das ganze sei nur ein Problem von “verschwenderischen, unsoliden Südeuropäern” (Im Klartext: Thomas Urban bedient hier nationale Stereotypen).

Thomas Urban ist übrigens auch noch ein Osteuropa-Experte. Da kann ich nur sagen: “Schuster, bleib bei deinen Leisten“. Was er in diesem Artikel mit dem Titel “Wirtschaftskrise in Spanien: Generation Nesthocker” schreibt, ist absoluter Käse.

Nur ein kleiner Hinweis: Die schlimmste Immobilienblase in den letzten Jahren hatten wir in den USA. Diese amerikanische Immobilienblase (für die ebenfalls in erster Linie die amerikanischen Banken verantwortlich waren: “Subprime-Krise“) war der Auslöser für die Finanzkrise ab 2007, die bis heute nicht überwunden ist und dann ab Herbst 2008 (Zusammenbruch Lehman-Brothers-Bank) auf die Eurozone übergesprungen ist (dann ist unter anderem auch definitiv die spanischen Immobilienblase geplatzt).

Nun, sind die Amerikaner vielleicht “verschwenderische, unsolide Südeuropäer“?

Das Gleiche ist übrigens auch in Irland passiert. Sind die Iren auch “verschwenderische, unsolide Südeuropäer“?

Wenn in deutschen Zeitungen nur auf niedrigem Niveau zusammengeschrieben wird, was die Herausgeber der betreffenden Zeitung lesen wollen, dann sollten sich diese Herausgeber auch nicht darüber wundern, dass junge Menschen heutzutage oft auf das Abonnement einer Tageszeitung verzichten und sich lieber im Internet informieren.

An der sogenannten “Zeitungskrise” sind die Zeitungen selbst nicht völlig unschuldig. Ich bin seit 25 Jahren Journalist und kann meinen Bloglesern versichern, dass das Niveau der deutschen Tageszeitungen in diesen 25 Jahren leider keinesfalls gestiegen, sondern vielmehr massiv gesunken ist.

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