Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 86

Laurence Copeland hat in “Reuters” am 1.6. einen interessanten Artikel mit dem Titel “A German debt purchase is a bet on euro zone break-up” veröffentlicht. Er erklärt hier logisch den aktuellen “run” auf die deutschen Staatsanleihen, der dafür gesorgt hat, dass deutsche Staatsanleihen jetzt seit Juni sogar negativ rentieren (klingt absurd, ist aber so: Deutschland verdient jetzt Geld mit Schulden machen!).

Zu diesem Effekt der negativ rentierenden deutschen Staatsanleihen siehe den Artikel vom 1.6. in “Acemaxx-Analytics” mit dem Titel “Zweijährige deutsche Staatsanleihe mit Negativ-Rendite.”

Zurück zur Analyse Laurence Copelands in seinem Artikel mit dem Titel “A German debt purchase is a bet on euro zone break-up“.

In diesem Artikel stellt Laurence Copeland unter anderem fest: “Wednesday’s panic in the bond markets drove yields down to unprecedented lows in U.S., UK and Germany. The stampede into British and American debt is no surprise, since both countries represent a rock-solid guarantee of repayment in their own currency (though heaven knows how much lenders will be able to buy with the money in ten or twenty years’ time), but why the rush into Bunds?

One possible interpretation, which can never be discounted, is pure panic, based on nothing more rational than faith in Germany’s sleek cars, orderly cities and conservative bankers. But that is unlikely to be the whole story, if only because the trend has been apparent for too long to be put down to knee-jerk reaction.

The only other plausible interpretation is that the market is now betting on a euro zone break-up. (…).

No, the only scenario which can justify holding Bunds is a German exit from the euro zone – either alone (unlikely) or as part of a complete breakup — in which case investors may hope to find themselves holding claims denominated in Deutsche mark instead of euros. Unfortunately, if they are anticipating a nice juicy capital gain, they may end up being disappointed, because (albeit I am no lawyer) I can see no reason why Germany would feel forced to convert its debt to Deutsche mark at a rate favourable to investors. The most transparent way to do things would be to issue Deutsche mark alongside euros (if the euro zone had not totally disintegrated by this point) allowing the new and the old currencies to trade for a while so as to establish a market-based exchange rate as a basis for converting Bunds. However, in the more likely scenario of a total collapse of the euro zone, conversion would have to take place rate at some more or less arbitrary exchange rate, and even the Germans might be tempted to err on the low side, even if it meant short-changing Bundholders.

For example, suppose they chose to convert at €1.00 = DM0.50. Would investors have got a good deal from the conversion?

The fact that the newly-launched Deutsche mark might by this time be trading in the currency market at some rate or other against the dollar, the yen and the pound will do nothing to answer this question, and if the answer will not be obvious even after the fact, we certainly cannot know in advance. Indeed, even in the closed room somewhere deep in the bowels of the Bundesbank where the “contingency plan” for a Deutsche mark relaunch must be well advanced by now, even the economists working on it may not know whether the deal they are going to offer investors will turn out to be a fair reward for the near-free loan or a complete rip-off.

Either way, German debt is a risky business (Fettdruck von mir) Banks may have no choice, given that they are more or less forced by the regulators to hold Government debt, but when many blue chip stocks are yielding 6% or more, I cannot understand why any investor would choose to hold Bunds (or UK gilts or U.S. Treasuries) at current yields”.

Tja, so wie Laurence Copeland habe ich das von Anfang auch gesehen, wer in der letzten Zeit deutsche Staatsanleihen kauft, spekuliert eindeutig auf den “break-up” der Eurozone, und viele europäische und vielleicht auch internationale Anleger spekulieren wohl jetzt darauf.

Was mich genauso wie Laurence Copeland von Anfang an erstaunt hat ist die Sicherheit dieser Anleger, dass sie damit ein gutes Geschäft machen.

Wer garantiert diesen Anlegern denn, dass die dann erfolgende Konversion des Euros in die wiedereingeführte D-Mark besonders günstig für sie ausfällt? Abgesehen davon, dass Deutschland bei einem “break-up” der Eurozone wirtschaftlich (Exportaussichten) und finanziell (enorme Verluste aus den Target-2-Salden, eventueller europaweiter Bankencrash, etc.) wohl wie alle andere Eurozonen-Länder ebenfalls schwer beschädigt wird.

Insofern hat mich dieses Phänomen von Anfang an wirklich erstaunt. Wenn ich auf einen “break-up” der Eurozone spekuliere, würde ich mein Geld in keine Staatsanleihen irgendeines Eurozonen-Landes stecken, auch nicht in deutsche Staatsanleihen.

Und Laurence Copeland sieht das ähnlich und glaubt, dass die Erwartungen dieser Anleger, die zur Zeit ihr Geld in deutsche Staatsanleihen stecken, bei einem tatsächlichen “break up” der Eurozone vielleicht enttäuscht werden. Genau so sehe ich das auch.

Sicher ist nur, dass es im Falle eines möglichen Zusammenbruchs der Eurozone besser sein wird deutsche als zum Beispiel griechische, portugiesische, spanische, italienische oder irische Staatsanleihen zu besitzen (also Staatsanleihen der PIIGS-Staaten).

Und genau darauf scheinen diese Anleger zu spekulieren. Aber dass diese Sache an sich ein wirklich gutes Geschäft ist, glaube ich weniger.

Und beim aktuellen sehr niedrigen Zinssatz sind auch die britischen und amerikanischen Staatsanleihen nicht wirklich ein gutes Geschäft. Auch das sagt Laurence Copeland ganz klar.

Interessant ist auch die Frage, inwieweit Zentralbank-Manager und Staatsfonds-Manager sich auf einen “break-up” der Eurozone einstellen und wie sie das Risiko in der Eurozone zur Zeit einschätzen.

Ein interessanter Artikel mit dem Titel “Central bankers brace for euro break-up” ist hierzu am 14.6. in der “Financial Times” erschienen.

Wir erfahren in diesem Artikel: “UBS surveyed more than 80 central bank reserve managers, sovereign wealth funds  and multilateral institutions with more than $8,000bn in assets at its annual  seminar for sovereign institutions. The results were not weighted for assets  under management.

The central bankers and SWF managers said that a  break-up of the eurozone was the greatest risk to the global economy over  the next 12 months. Nearly three quarters of them said at least one country  would leave the eurozone within five years. Of those, roughly a quarter said  that more than one country would drop the euro”.

Tja, so sieht´s aus. Das habe ich mir auch schon so gedacht.

Der legendäre US-Hedgefonds-Manager John Paulson geht mittlerweile anscheinend mit einer Sicherheit von 50% davon aus, dass die Eurozone zerbrechen wird. Siehe hierzu einen Artikel in “Reuters” vom 23. Juli mit dem Titel “Paulson sees 50 percent chance euro zone will break up“.

Die US-amerikanische Bank Morgan Stanley ging schon am 28.5 mit einer Sicherheit von 35% davon aus, dass die Eurozone zerbricht. Siehe hierzu einen Artikel vom 28.5. mit dem Titel “Morgan Stanley warns of 35% chance of eurozone collapse” in “Investment Week“.

Der IWF redet zwar nicht von einem “break-up” der Eurozone, hat aber schon vor knapp zwei Wochen, am 18.7., der Eurozone (und damit natürlich ihren Politikern, nicht zuletzt Angela Merkel und Wolfgang Schäuble) ein verheerendes Zeugnis in Sachen Eurokrisen-Bewältigung ausgestellt.

Seht hierzu zum Beispiel einen Artikel in “Focus” vom 18.7. mit dem Titel “ROUNDUP: IWF stellt Eurozone verheerendes Zeugnis aus“.

Wir erfahren in diesem Artikel unter anderem: “In seinem jährlichen Bericht zur Eurozone kommt der IWF zu dem Schluss, dass nach wie vor die „grundlegenden Werkzeuge“ fehlten, um mit einem der Kernprobleme der Schuldenkrise fertig zu werden – dem Teufelskreis zwischen schwachen Banken und den knappen Kassen der Regierungen. (…).

Die Eurokrise habe ein neues, kritisches Stadium erreicht, sagte Mahmood Pradhan
von der IWF-Europasektion auf einer Pressekonferenz. Die Anspannungen an den
Märkten hätten weiter zugenommen, der Teufelskreis zwischen Banken und
Regierungen habe sich noch verstärkt und die Realwirtschaft sei schwach. (…).

Die Krise erfordere jetzt eine viel stärkere kollektive Anstrengung, „um den
unmissverständlichen Willen der politischen Entscheidungsträger zu
demonstrieren, die Europäische Währungsunion zu erhalten“, mahnt der IWF. Nur
eine „überzeugende und konzertierte Bewegung“ hin zu einer vollständigeren
Währungsunion könne den Vertrauensverlust stoppen.

„Die Eurozone befindet sich an einem unbequemen und unhaltbaren Halbzustand“, heißt es in dem Report weiter. „Während sie genügend integriert ist, um eskalierende Probleme in einem Land auf andere überschwappen zu lassen, fehlen ihr die wirtschaftliche Flexibilität oder die politischen Werkzeuge, mit diesen Auswirkungen fertig zu werden.“ Auch fehlten in weiten Teilen „ehrgeizige“ Schritte zur
Wiederherstellung eines starken und ausgewogenen Wachstums.

Der IWF sieht in der Eurozone eine „ungefähr 25-prozentige Wahrscheinlichkeit“, dass es bis zum Frühjahr 2014 zu einer Deflation kommen könnte. Dieses Risiko sei in Ländern mit größerem Wachstum relativ klein, aber an der Peripherie der Eurozone
„bedeutend“, stellt der IWF fest”.

Tja, so ist das. Die aktuelle schwarz-gelbe Regierungskoalition unter Angela Merkel und die deutschen neoliberalen Volkswirtschaftler reden dauernd wahnhaft von einer Gefahr einer Inflation. Tatsächlich steuern wir auf eine Deflation zu. Die aktuelle Austeritätspolitik, gerade auch in den PIIGS-Staaten, ist aber im Kern auch eine Deflationspolitik.

Wer das klar erkannt hat ist Joschka Fischer, der einen erhellenden Artikel mit dem Titel “The Threat of German Amnesia” am 25.5. in “Project Syndicate”  veröffentlicht hat.

Er schreibt in diesem Artikel über die aktuelle Amnesie der deutschen Neoliberalen, die sich anscheinend nicht an die historische Erfahrung der Deflationspolitik des damaligen Reichskanzlers Heinrich Brüning Anfang der 1930er-Jahre während der Weimarer Republik erinnern wollen, die im Kern eine pickelharte Austeritätspolitik war.

Für Adolf Hitler war die Massenarbeitslosigkeit und schwere Not in Deutschland während jener Zeit die Chance, Reichskanzler zu werden. Adolf Hitler hatte dann ab 1930 vor dem Hintergrund der schweren Wirtschaftskrise immer grössere Wahlerfolge, bis der damalige Reichspräsident Paul von Hindenburg ihn Anfang 1933 zum Reichskanzler machte. Und das war dann auch das Ende der Weimarer Republik.

Und auch jetzt wird seitens der UN vor einer massiven Zunahme der Arbeitslosigkeit in der Eurozone gewarnt. Siehe hierzu einen Artikel in “Focus” vom 11.7. mit dem Titel “Arbeit: UN warnen vor Arbeitslosigkeit in der Eurozone“.

In diesem Artikel heisst es unter anderem: “Die Zahl der Arbeitslosen in den 17 Staaten der Eurozone würde dadurch von derzeit insgesamt 17,4 Millionen auf rund 22 Millionen anwachsen, warnte die OIT in einer in Genf veröffentlichten Studie.

Ohne zielgerichtete Maßnahmen zur Erhöhung der Investitionen in der Realwirtschaft, wird sich die wirtschaftliche Krise vertiefen und die Erholung des Arbeitsmarktes wird niemals beginnen“, warnte OIT-Generaldirektor Juan Somavia. Nötig sei ein globaler
Konsens darüber, dass Wachstum und Globalisierung viel stärker auf die Schaffung
von Arbeitsplätzen ausgerichtet werden müssten.

Auch in jenen Euro-Ländern, in denen seit 2008 wieder Arbeitsplätze geschaffen wurden – Deutschland, Belgien, Österreich, Luxemburg und Malta – gebe es „Anzeichen dafür, dass sich die Arbeitsmarktsituation nicht mehr weiter verbessert“.
Insgesamt habe die Arbeitslosigkeit seit 2010 in mehr als der Hälfte der
Euro-Länder zugenommen. Die Folgen einer längeren Rezession auf dem Arbeitsmarkt wären besonders schlimm für junge Arbeitsuchende“, betont die OIT. 
Bereits jetzt seien mehr als drei Millionen der Arbeitslosen in der Eurozone
junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren. „Insgesamt mehr als ein Drittel der
arbeitsfähigen Bevölkerung in der Eurozone ist entweder arbeitslos oder vom
Arbeitsmarkt ausgeschlossen, und die Langzeitarbeitslosigkeit nimmt immer mehr
zu.“

Tja, so sieht´s aus. Deshalb habe ich schon vor über zwei Wochen den ironischen Blogartikel mit dem Titel “Eurozone: Arbeitslosenquote erreicht im Juli 2012 Rekordwert von 11,1 Prozent: Der Lösungsvorschlag der “Dead Kennedys” geschrieben.

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