Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 79

Recht erfreuliche Nachrichten kommen heute, am 26.7.2012, von der EZB und vor allem vom aktuellen EZB-Chef Mario Draghi. Angesichts des offensichtlich Versagens der europäischen Politiker (an dem kein Zweifel bestehen kann, und leider muss hier an erster Stelle Angela Merkel genannt werden) ist jetzt Mario Draghi offensichtlich bereit, etwas gegen die aberwitzig miserable Lage der südeuropäischen PIIGS-Staaten und ihrer Banken zu unternehmen. Das betrifft natürlich in erster Linie Spanien, aber in zweiter Linie auch Mario Draghis eigene Heimat Italien (Mario Draghi ist gebürtiger Römer).

Heute, am 26.7., erscheint in “Spiegel-Online” daher ein Artikel mit dem Titel “Aufkauf von Staatsanleihen: Anleger bejubeln Draghis Euro-Versprechen“.

In dieserm Artikel erfahren wir unter anderem: “An den Finanzmärkten wächst die Hoffnung auf eine Lösung der Euro-Krise. Ausgerechnet die Europäische Zentralbank (EZB), die sich bisher stets gegen die Rolle des Euro-Retters gesträubt hat, soll nun alles wieder in Ordnung bringen. In ganz Europa schossen die Aktienkurse am Donnerstag nach oben.

Auslöser für die Euphorie sind drei kleine Sätze des Notenbankpräsidenten Mario Draghi: “Innerhalb unseres Mandats ist die EZB bereit, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten”, sagte Draghi am Donnerstag auf einer Investorenkonferenz in London. “Und glauben Sie mir, das wird ausreichen.” Sollten hohe Risikoaufschläge für Staatsanleihen von Krisenländern die Wirkung der Geldpolitik stören, “fällt das in unser Mandat”.

Anleger deuten das als Signal dafür, dass die EZB nun wieder Staatsanleihen von Krisenstaaten wie Spanien und Italien kauft und so deren extrem hohe Zinskosten drückt. Der europäische Aktienindex Euro Stoxx 50 drehte unmittelbar nach den Aussagen ins Plus und schloss vier Prozent höher als am Vortag. Der deutsche Leitindex Dax stieg um 2,8 Prozent auf 6582 Punkte und auch der amerikanische Dow Jones startete mit einem Plus von 1,7 Prozent.

Besonders stark profitierten Bankaktien. Der Kurs der Deutschen-Bank-Papiere legte um fünf Prozent zu. Für italienische und französische Banken ging es teilweise um mehr als acht Prozent nach oben. Die spanische Banco Santander gewann sogar mehr als zehn Prozent. Auch der Kurs des Euro stieg kräftig – innerhalb einer Stunde gewann er im Vergleich zum Dollar mehr als 1,5 Cent an Wert.

Am Anleihenmarkt sorgten Draghis Aussagen für Entspannung. Die Zinsen spanischer Staatspapiere mit zehnjähriger Laufzeit sanken erstmals seit einer Woche wieder unter die kritische Marke von sieben Prozent”.

Tja, schon die Ankündigung einer rettenden Intervention seitens der EZB (Mario Draghi) hat also genügt, um die Börsen wieder etwas zu stabilisieren und die Anleger wieder etwas zu beruhigen. Bei dieser Sache ist eben auch viel Psychologie im Spiel, und wenn Mario Draghi den Anlegern auch in den nächsten Wochen vermitteln kann, dass er das ernst meint, was er gesagt hat, dann muss er vielleicht gar nicht so viele Staatsanleihen der betroffenen südeuropäischen PIIGS-Staaten (nicht zuletzt Spaniens) kaufen, weil die Anleger ihm glauben und sie das Vertrauen in die Staatsanleihen der südeuropäischen PIIGS-Staaten, auch das Vertrauen in die Staatsanleihen Spaniens, wieder zurückgewinnen und nicht mehr so absurd hohe Risikoaufschläge verlangen wie in den letzten Wochen und Monaten.

Einen ähnlichen Artikel mit dem Titel “Letzte Rettung EZB: EFSF soll Anleihen kaufen” findet man heute, am 26.7., auch in “ntv“.

In diesem Artikel heisst es: “Die Euroländer bereiten sich laut Medienberichten darauf vor, spanische Staatsanleihen von privaten Banken zu kaufen und so die Zinskosten für das südeuropäische Land zu senken. Kaufen soll die spanischen Papiere die Europäische Zentralbank (EZB) – allerdings nicht auf eigene Rechnung, sondern im Auftrag des Euro-Rettungsfonds EFSF. “Falls Madrid einen Antrag stellt, sind wir bereit zu handeln”, zitierte die “Süddeutsche Zeitung” einen EU-Diplomaten. Das würde Spaniens Refinanzierungskosten senken, die zuletzt auf einem Niveau gelegen hatten, dass zumindest nicht langfristig tragbar wäre.

Die Rendite für zehnjährige spanische Anleihen liegt zurzeit über sieben Prozent. Manche Experten gehen davon aus, dass Spanien die hohen Risikoaufschläge daher nicht dauerhaft bewältigen kann und als gesamtes Land internationale Hilfen in Anspruch nehmen muss. (…). 

In den vergangenen Tagen hatten sich daher Forderungen gemehrt, die EZB solle ihr Staatsanleihekaufprogramm wieder aufnehmen, um eine Eskalation der Staatsschuldenkrise zu verhindern”.

Tja, das sind eigentlich ganz gute Nachrichten und mir scheint dies auch ein gangbarer Weg. Auch der belgische Ökonom Paul De Grauwe (der mittlerweile an der “London School of Economics” lehrt) ist ja schon seit längerer Zeit der Meinung, dass nur ein entschiedenes Bekenntnis der EZB zum Euro und eine klar angekündigte Handlungsbereitschaft der EZB in dieser Eurokrise den Euro noch retten kann.

Schon im Oktober 2011 erschien hierzu ein Artikel im “Handelsblatt” mit dem Titel “Schuldenkrise: EZB –  ein Staubsauger für Staatsanleihen?“.

In diesem Artikel heisst es unter anderem: “Die Erkenntnis ist 138 Jahre alt und geht auf den Londoner Ökonomen und Journalisten Walter Bagehot zurück: Die Zentralbank soll als Kreditgeber der letzten Instanz (“lender of last resort”) für private Banken agieren. Um Bank Runs zu verhindern, solle die Notenbank kriselnden Geldinstituten im Fall der Fälle unbegrenzt Liquidität zur Verfügung stellen. Denn: Wenn alle Sparer gleichzeitig ihr Geld abheben wollen, bricht auch die solideste Bank zusammen.

Das mache die Märkte für Staatsanleihen anfällig für Liquiditätskrisen und Ansteckungseffekte. Eine regional begrenzte Schuldenkrise wie in Griechenland könne schnell auf andere Staaten überschwappen und eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale in Gang setzen: Die Investoren misstrauen der Zahlungsfähigkeit anderer Regierungen, flüchten aus den Staatsanleihen und sorgen so dafür, dass weitere Länder tatsächlich in eine Liquiditätskrise geraten. “Die Zentralbank kann dieses Koordinationsversagen lösen, indem sie als ‘lender of last resort’ agiert”, so de Grauwe. 

Die Sorge, dass dies zu höheren Inflationsgefahren führt, hält der Ökonom für unbegründet. Denn die Geldmenge, die in der Wirtschaft im Umlauf ist, steige keineswegs automatisch – weil Banken und andere Finanzmarktakteure in der Krise die zusätzliche Liquidität horten und diese nicht nachfragewirksam werde. Hoch sei zudem die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB ihre Garantien gar nicht erst einlösen müsse, weil dank ihrer Garantie keine Panik ausbreche. 

Der belgische Ökonom Paul de Grauwe fordert nun, die EZB soll dieses Prinzip auch bei Staatsanleihen anwenden. Wenn Panik auf den Bond-Märkten aufkomme, sollte sie rigoros Staatsanleihen von illiquiden Ländern kaufen, um die Märkte zu stabilisieren: “Die Märkte für Staatsanleihen in einer Währungsunion haben die gleiche Struktur wie das Bankensystem”, ist de Grauwe überzeugt. (…).

De Grauwe plädiert in seinem Papier mit dem Titel “The European Central Bank: Lender of Last Resort in the Government Bond Markets?” für einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Geldpolitik: Die Zentralbank solle nicht nur die Inflation bekämpfen, sondern auch für ein stabiles Finanzsystem sorgen. Er liefert in seinem gestern erschienenen Papier eine umfassende wissenschaftliche Rechtfertigung dafür, dass die Käufe von Staatsanleihen in einer Krise richtig und ungefährlich sind. 

Sein Kernargument ist, dass die Währungsunion die Märkte für Staatsanleihen deutlich anfälliger für Vertrauenskrisen gemacht hat. Früher verschuldeten sich Regierungen in nationalen Währungen, die sie selbst drucken konnten. Dadurch hätte es für die Käufer von Staatsanleihen stets eine implizite Garantie der Schulden gegeben – weil die Länder ihre Verbindlichkeiten im Zweifel mit frisch gedrucktem Geld bezahlen konnten. Das sei in der Euro-Zone anders. Die Staaten verschulden sich in einer Währung, die sie nicht selbst drucken können”.

Tja, für mich klingen diese Überlegungen und dieser Plan ganz vernünftig, vor allem, wenn man bedenkt, dass die europäische Politik in dieser Eurokrise einfach blockiert ist und mit der Lösung der Probleme der südeuropäischen PIIGS-Staaten nicht vorankommt.

Wenn die europäischen Politiker es nicht hinkriegen, müssen es eben die Banker von der EZB und ihr Chef Mario Draghi machen. Einen anderen Weg, den Euro über die nächsten Monate zu retten und zu erhalten, sehe ich angesichts der dramatischen Lage aktuell vor allem in Spanien eigentlich nicht mehr.

Ausserdem haben wir in der Eurozone und gerade auch in den südeuropäischen PIIGS-Staaten mittlerweile in erster Linie einen Bankenkrise. Das betrifft gerade auch Spanien, ein Land, das in erster Linie an den Folgen einer Immobilienblase leidet. Wie es in Spanien zu dieser Immobilienblase kommen konnte, dazu seht unter anderem meinen Blogartikel “Madrid heute – Abschied von meiner Madrider Vergangenheit“.

Aber auch in Italien wackeln die Banken mittlerweile schon verdächtig, in Griechenland und Portugal schon lange, nicht zuletzt wegen der ganz massiven Kapitalflucht in all diesen Ländern, über die ich schon öfters ausführlich berichtet habe.

Daher ist es vielleicht auch ganz vernünftig, wenn jetzt die EZB als Kern und Stütze des europäischen Bankensystems versucht, diese Eurokrise zu meistern. Mit einer sogenannten “Staatsschuldenkrise” hat diese ganze Geschichte ja mittlerweile nicht mehr viel zu tun.

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