Trotz des eitlen Selbstlobs von Wolfgang Schäuble: Die Eurokrise ist massiv zurückgekehrt 74

Wie die schlechten Nachrichten aus Griechenland und Spanien bei den Finanzmärkten und Börsen ankommen, darüber berichtet ein Artikel vom 23.7. mit dem Titel “Märkte fürchten Zerfall der Eurozone” in “boerse.ARD.de“.

In diesem Artikel heisst es: “Der Dax erleidet mit minus 3,18 Prozent bei 6.419 Punkten den kräftigsten Tagesverlust seit dem ersten Juni. Zeitweise rauschte der deutsche Leitindex sogar um fast vier Prozent in die Tiefe auf 6.371 Punkte. Der Euro rutschte erstmals seit zwei Jahren wieder unter die Marke von 1,21 Dollar, klettert am Abend aber wieder über diese Marke.

Die Mailänder Börse verliert 2,8 Prozent. Der spanische Leitindex Ibex macht dagegen sein zeitweiliges Minus von 5,5 Prozent größtenteils wieder wett und schließt 1,1 Prozent niedriger. Die Kurse an der Börse in Athen fallen dagegen um über sieben Prozent.

Für einen Beginn von Panikstimmung sorgte am Nachmittag die Ankündigung Spaniens und Italiens Leerverkäufe von Finanzwerten zu verbieten. Daraufhin weiteten die wichtigsten Indizes ihre Verluste massiv aus.

Italiens Börsenaufsichtsbehörde verbot Leerverkäufe von Finanzwerten bis zum Freitag und Spanien verbot sie in allen Papieren für die kommenden drei Monate. Leerverkäufe sind Verkäufe von Wertpapieren, die der Verkäufer noch nicht besitzt. Dieser spekuliert darauf, dass die Kurse sinken, bis die Wertpapiere an die Käufer geliefert werden müssen, und er sie sich dann billiger beschaffen kann.

Aus Spanien verlautete zudem, dass möglicherweise auch die Region Murcia Hilfen der Regierung in Madrid beantragen. Anleger gehen davon aus, dass damit eine Flucht des gesamten Landes unter einen internationalen Rettungsschirm wahrscheinlicher wird.

Chefanalyst Folker Hellmeyer von der Landesbank Bremen sagte zu den zeitweiligen Verboten: “Fakt ist, dass aggressive Spekulationen die Märkte immer wieder stark unter Druck bringen.” Doch darüber hinaus sieht er, wie auch sein Kollege Frank Geilfuß vom Bankhaus Löbbecke & Co, die Talfahrt in der aufgeflammten Eurokrise begründet. Die Gefahr eines Auseinanderbrechens der Eurozone habe sich “dramatisch zugespitzt”, sagte Hellmeyer und setzte daher die Börsenampel auf rot.

Seine Bank habe das Risiko des Scheiterns der Eurozone zuletzt auf 20 Prozent beziffert. “Nach den jüngsten Entwicklungen liegt dieses Risiko jenseits der 40-Prozent-Marke mit zunehmender Tendenz.”

Auch an der Wall Street sorgt die Krisenstimmung in Europa für Verluste. Der Dow Jones-Index der amerikanischen Standardwerte büßt zeitweise 1,7 Prozent ein. Bei Börsenschluss in Frankfurt notiert der US-Leitindex bei 12.689 Punkten, ein Minus von gut einem Prozent”.

Dass es in den südeuropäischen PIIGS-Staaten schon seit längerer Zeit rasant bergab geht, ist ja offensichtlich. Wie wahrscheinlich dann ein Zerbrechen des Euros und der Eurozone ist kann man nicht ganz genau berechnen, aber die Wahrscheinlichkeit steigt natürlich, je offensichtlicher und schwerer die Eurokrise in den südeuropäischen PIIGS-Staaten wird.

Karin Finkenzeller hat am 23.7. in  “Die Zeit” einen Artikel mit dem Titel “Euro-Krise: Spaniens verdrängtes Schuldenproblem” veröffentlicht.

In diesem Artikel heisst es: “Eigentlich wollte Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos bei seinem morgigen Besuch in Berlin nur über Details des Rettungsprogramms für Spaniens Banken sprechen. Nun aber steht eine Frage von ganz anderer Dimension im Raum: Wird Spanien aller Dementis zum Trotz nicht doch mehr Geld aus dem Rettungsfonds benötigen als die maximal 100 Milliarden Euro? Steht womöglich noch im Sommer ein zweites Rettungspaket an?

Seit dem vergangenen Freitag sind Europas Regierungen in Alarmbereitschaft. Da meldete zuerst die Region Valencia an, Hilfe aus dem nationalen spanischen Rettungsfonds FLA zu brauchen. Kurz darauf sagte der Regierungspräsident der benachbarten Region Murcia frei von der Leber weg, er hoffe im September auf zwischen 200 und 300 Millionen Euro. Die Risikoaufschläge für spanische Anleihen schossen daraufhin in die Höhe. An diesem Montag stiegen die Renditen auf mehr als sieben Prozent – so hoch wie seit Jahrzehnten nicht.

Wirklich überrascht über die desolate Lage der spanischen Regionen dürfte niemand sein. In Spanien und Europa war das Problem bekannt, doch statt es anzugehen, wurde es kleingeredet. Niemand wollte schlafende Hunde wecken. Schließlich ist die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Euro-Gruppe ein so großer Brocken, dass daran sogar die Währungsunion zerbrechen könnte.

Als Spanien und die Euro-Partner sich Anfang Juni auf die Grundlagen für das Bankenrettungspaket einigten, wurde deshalb mit keiner Silbe die immense Verschuldung der spanischen Regionen erwähnt. Dabei hatte die konservative Zentralregierung unter Ministerpräsident Mariano Rajoy deren Schuldenlast zuletzt immer wieder genannt, um die desolate Haushaltslage des Landes zu erklären. Manche der 17 unabhängigen spanischen Regionen, die einen ähnlichen Status haben wie Deutschlands Bundesländer, müssen seit Monaten höhere Zinsen für Anleihen zahlen als Griechenland.

Dabei hätte man die Anzeichen für die Misere längst sehen können und Ernst nehmen müssen. Die Regionen haben in den vergangenen Monaten bereits Zahlungsaufschübe bei der Sozialversicherung erwirkt. Von Januar bis Juni wurden Beiträge für die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst in Höhe von 382,46 Millionen Euro gestundet. Das waren 172 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Allein Valencia blieb 83 Millionen Euro schuldig. Die Staatsbank Instituto de Crédito Oficial (ICO) stellte Valencia im Januar rund eine Milliarde Euro zur Verfügung, im Mai bat die Region um weitere knapp 1,7 Milliarden Euro.

Doch die Regierung in Madrid glaubte die Finanzmärkte mit dem Hinweis einlullen zu können, dass die Regionen ihre Neuverschuldung in diesem Jahr auf 1,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts beschränken müssten. (…).

Mit ein wenig mehr Realismus hätte man sich in Brüssel wiederum die Frage stellen können, wie zum Beispiel Valencia seine aktuelle Neuverschuldung von 4,4 Prozent des BIP bis zum Jahresende auf 1,5 Prozent drücken soll. Schließlich befindet sich Spanien in der Rezession. Was wächst, ist nicht das Volumen der Steuereinnahmen, sondern die Zahl der Anträge auf Arbeitslosengeld (Fettdruck von mir).

“Es ist nicht an den Haaren herbei gezogen, dass Spanien in die Lage kommt, um ein zweites Rettungspaket zu bitten, noch bevor das erste komplett geschnürt ist”, urteilt Javier Flores, Ökonom bei der spanischen Anlegerorganisation Asinver. Das neue Paket könnte bereits im September festgezurrt werden. Paul De Grauwe von der London School of Economics geht ebenfalls von einer Intervention der Troika spätestens im Herbst aus. “Wenn die Märkte panisch reagieren, könnten wir sogar schon im August Zeuge eines Szenarios sein, das wir bisher für undenkbar hielten.” (Fettdruck von mir).

Dem ist wenig hinzuzufügen. So sehe ich das auch.

Paul De Grauwe glaubt übrigens nicht, dass der voraussichtlich kommende ESM die Finanzmärkte stabilisieren kann. Seht hierzu sein Interview in der “FTD” vom 5.7. mit dem Titel “ESM kann Märkte nicht stabilisieren“. Seiner Meinung nach kann nur die EZB die Situation retten, durch Ankündigung massiver und unbegrenzter Interventionen.

Und je entschiedener dann diese Bereitschaft der EZB wirke, umso weniger Staatsanleihen der betroffenen PIIGS-Staaten müsse die EZB dann tatsächlich kaufen.

Das heisst, Paul De Grauwe ist überzeugt, dass nur die EZB wieder das Vertrauen der Anleger in die südeuropäischen PIIGS-Staaten und ihre Staatsanleihen herstellen kann.

Allerdings glaubt auch Paul De Grauwe, dass so etwas zur Zeit in der Eurozone kaum politisch durchsetzbar ist, er sagt das in dem obigen Interview ganz klar.

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