Madrid heute – Abschied von meiner Madrider Vergangenheit 1

In ungefähr zwei Wochen verlasse ich Madrid wieder Richtung Freiburg, nachdem ich hier fast anderthalb Monate in der kleinen Wohnng meiner Mutter an der bekannten Madrider Strasse Arturo Soria gelebt habe. Zeit, um Rückschau zu halten.

Früher hatte Madrid einen Charme und einen Reiz und vor allem war Hoffnung da, Hoffnung auf Weiterentwicklung und es gab im Madrid der achtziger Jahre viele kreative Köpfe und begabte Intellektuelle. Davon sehe ich jetzt nichts mehr, stattdessen spiessige Vollidioten, die in teueren BMWs und Mercedes rumfahren, die sie sich wahrscheinlich auf Pump gekauft haben, genauso wie ihre geschmacklos eingerichteten Wohnungen und Häuser, in denen sie meistens leben. Madrid ist eine Stadt von überdurchschnittlich vielen primitiven, ungebildeten und konsumistischen Spiessern geworden, das ist mein Eindruck von Madrid heute.

Und was ich jetzt auch sehe, ist das Desaster und die Depression. Diese Stadt hat mit der Stadt der “movida” der 80er-Jahre, mit der Stadt von Enrique Tierno Galván, nichts mehr zu tun.

Madrid wird jetzt regiert von einer spiessigen, konservativen typischen Oberschichtmadriderin namens Esperanza Aguirre (Präsidentin der “Comunidad de Madrid“) und was sie zu sagen hat, interessiert mich nicht im geringsten. Und die aktuelle Bürgermeisterin von Madrid ist Ana Botella, die erzdumme Frau des ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar.

Und die Stadt teilt sich in Bewohner, denen es wirtschaftlich nicht besonders gut geht (die Bars und Restaurants sind unter der Woche oft leer und unter der Woche sind nur noch wenig Menschen in der Madrider Innenstadt unterwegs) und reichen Oberschichtspiessern, die mit grimmiger und teilnahmsloser Miene in ihren BMWs und Mercedes rumfahren.

Ich habe in meiner Zeit in Madrid in den achtziger Jahren Enrique Tierno Galván leider nie kennengelernt, aber es wäre Ehre für mich gewesen, einen Madrider Bürgermeister kennenzulernen, der ein überzeugter Linker und Anti-Franquist war und trotzdem so gebildet, dass er Johannes Paul II. mit einer Rede im perfektem Latein empfangen konnte (Seht hierzu einen Artikel zum 25. Todestag von Enrique Tierno Galván mit dem spanischen Titel “Un intelectual comprometido con Madrid” aus dem Archiv der Zeitung “El País“).

Ausser klerikal-konservativen Dummheiten und plumpen Sprüchen hat Esperanza Aguirre (die Präsidentin der “Comunidad de Madrid”) nichts auf Lager. Bei Ana Botella, der Bürgermeisterin von Madrid, ist es genauso.

Und das Niveau von Esperanza Aguirre und Ana Botella ist das Niveau der Madrider Oberschicht allgemein heutzutage.

Und das sind auch die Leute, die Spanien ruiniert haben. José Luis Rodriguez Zapatero (PSOE) war wirtschaftspolitisch völlig inkompetent und er konnte übrigens nicht mal ein bisschen Englisch, er war also auch krass ungebildet. Zwischen dem PP (Partido Popular – konservativ) und dem PSOE (Partido Socialista Obrero Español – links) hat es in den letzten zwanzig Jahren übrigens wirtschaftspolitisch keinen Unterschied gegeben: Sowohl der PP als auch der PSOE und ihre jeweiligen Ministerpräsidenten haben wie die Verrückten die Bauwirtschaft gefördert und eine gigantische Immobilienblase produziert, die ursächlich ist für die aktuelle spanische wirtschaftliche Misere.

In die Bereiche und Forschung und Entwicklung hingegen wurde kaum ein müder Euro investiert, mit dem Ergebnis, dass Spanien trotz 26 Jahren Mitgliedschaft in der EU (seit 1986) auch heute noch ein technologisch rückständiges Land ist mit wenig Industrie und wenig eigener Forschung und Entwicklung.

Spanien hängt daher auch heute noch technologisch und industriell hinter Deutschland und Frankreich, den beiden wirtschaftlich und technologisch stärksten europäischen Ländern, hinterher.

Schuld daran ist die jahrzehntelange idiotische spanische Wirtschaftspolitik, die einen unproduktiven und technologisch völlig uninteressanten Bausektor gepusht hat, der ab den neunziger Jahren zunehmend eine gigantische Immobilienblase produziert hat.

In Spanien wurden bis zum Zusammenbruch des Bausektors im Jahre 2008 manchmal jährlich mehr Häuser gebaut als im ganzen Rest von Europa und das Volumen des Bausektors machte damals bis zu 20% des jährlichen BIP (Bruttoinlandsprodukts) in Spanien aus (Seht hierzu einen Artikel aus  “Die Welt” vom Juli 2008 mit dem Titel “Der Fluch der spanischen Betonwüsten“).

Der Witz an dieser ganzen Sache ist, dass die Spanier ihr Wachstum in den letzten Jahrzehnten selbst finanziert haben, das heisst, Spanien ist aufgrund des Baubooms bis zum Platzen der Immobilienblase im Jahr 2008 tatsächlich robust wirtschaftlich gewachsen, aber die Spanier müssen jetzt (auch in diesen schweren Krisenzeiten) ihr eigenes Wachstum in den letzten Jahrzehnten mit einer Verschuldung der spanischen Privathaushalte von 880 Milliarden Euro nicht zuletzt wegen dieser ganzen Immobilienkäufe abbezahlen.

Das soll “produktiv” sein? Ein Land wächst, in dem sich die eigene Bevölkerung bis über die Ohren verschuldet, um völlig überteuerte Wohnungen und Häuser abzubezahlen? Ist das die Art, wie ein spanischer “Wirtschaftsexperte” sich ein vernünftiges Wachstum im eigenen Land vorstellt?
Das heisst, der ganze “Reichtum” in Spanien in den letzten zwanzig Jahren war unter anderem das Produkt eines völlig überhitzten und zunehmend irrealen Bausektors.

Alle diese Leute, die an der Formierung dieser wahnwitzigen Bauspekulationsblase beteiligt waren, waren (und sind war scheinlich immer noch) wirtschaftspolitisch inkompetent und kriminell leichtsinnig.

Das gilt nicht nur für das sozialistische “Grossmaul” José Luis Rodríguez Zapatero vom PSOE sondern genauso für José María Aznar, dem Vorgänger aus dem PP von Zapatero, der ein genauso unverantwortlicher Schwachkopf war.

Es war zum Beispiel José María Aznar und der damals regierende PP, die eine der wichtigsten Reformen der “Ley del Suelo de España” (Gesetz über den Boden in Spanien) im Jahre 1998 durchgeführt haben, die den schon damals massiven, hochspekulativen, leichtsinnigen und manchmal kriminellen Bauboom in Spanien noch mehr gepusht und gefördert hat.

José María Aznar vom PP war also wirtschaftspolitisch genauso inkompetent und unverantwortlich wie sein Nachfolger José Luis Rodríguez Zapatero vom PSOE.

Es gibt kritische Blogs in Spanien, die genau wissen, welch unheimlich wichtige und leider unheilvolle Rolle die “Ley del Suelo de España” mit ihren zahlreichen Reformen bei der Herausbildung und beim letztendlichen Platzen der Immobilienblase in Spanien im Jahre 2008 gespielt hat.

Hier habt ihr einen kritischen und intelligenten Artikel aus dem Blog CB (Colectivo Burbuja) mit dem Titel “Por qué Alemania evitó la burbúja immobiliaria y España no lo hizo” indem genau erklärt wird, inwiefern die “Ley del Suelo de España” aus dem Jahre 1956 und ihre weiteren Modifikationen (zu der auch die Modifikation durch José María Aznar und dem PP im Jahre 1998 gehört) ursächlich und entscheidend waren für die Herausbildung einer gesamtwirtschaftlich trügerischen und gefährlichen Immobilienblase in Spanien, die dann im Jahre 2008 geplatzt ist, mit den schweren ökonomischen Folgen, die wir jetzt beobachten können.

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