“Teenscreen” in Amerika 3

Wie genau die FDA das Problem kennt, zeigt folgendes von einem “Advisory Committeel” der FDA erstelltes PDF vom Dezember 2009, auf das ich schon öfters eingegangen bin, und das eine zahlenmässige Erhebung des Konsums von atypischen Neuroleptika bei amerikanischen Kindern und Jugendlichen zwischen 0 und 17 Jahren für den Zeitraum von 2004 bis 2008 enthält. Dieses FDA-Dokument stellt fest, dass in der Altersgruppe zwischen 0-17 Jahren in den USA in diesem Zeitraum von 5 Jahren der Konsum atypischer Neuroleptika um 22% gestiegen ist.

Interessant ist vor allem die Seiten 15 und 16 dieses 20seitigen PDFs. Dort wird nämlich erfasst, welche psychiatrischen Diagnosen die Grundlage für diese Medikamentierung mit atypischen Neuroleptika waren. Es waren praktisch nie “schizophrenic disorders” (und das ist auch logisch so, in dieser Altersgruppe gibt es praktisch nie Schizophrenien). Und meistens waren es auch keine “bipolar disorders” (diese Medikamente wurden übrigens auch nicht für “bipolar disorder” entwickelt).

Es waren alle möglichen anderen Diagnosen, darunter so harmlose Diagnosen wie “episodic mood disorders” und “emotional disturbance of child” oder “conduct disturbance”. Das heisst, die meisten dieser Kinder und Jugendliche haben diese schweren Medikamente bekommen wegen ganz harmloser Geschichten, wegen irgendwelcher Stimmungsschwankungen oder Verhaltensauffälligkeiten. Im Deutschen nennt man so etwas “Mit Kanonen auf Spatzen schiessen“.

Übrigens: Trotz der eindeutigen Datenlage hat sich die FDA entschlossen, zahlreiche dieser atypischen Neuroleptika für Kinder zuzulassen. Warum hat sie das getan? Nun, das könnt ihr euch ja denken. “Big Pharma” gewinnt immer.

Folgender Artikel aus “ABC News” hat den Titel “FDA Panel OKs Antipsychotic Seroquel for Children.” Also ein “Advisory Pandel” der FDA hat anscheinend sogar Seroquel für Kinder empfohlen. Das ist das Medikament, das ich zum Schlafen nehme. Es ist extrem wirkungsstark. Schon eine kleine Dosis macht extrem müde.

Wie die Zulassung der FDA für die atypischen Neureleptika im Einzelnen genau aussieht, könnt ihr der Webpage der FDA zu diesem Thema entnehmen. Viele dieser Medikamente sind jetzt in den USA für Kinder ab 13 Jahren zugelassen. Für Vorschulkinder gibt es keine Zulassung. Das wäre auch verrückt. Trotzdem werden jetzt immer mehr diese schweren Drogen in den USA an Vorschulkinder verabreicht, ich habe euch das ja schon berichtet.

Erwähnt wird in diesem Artikel aus ABC-News mit dem Titel “FDA Panels OKs Antipsychotic Seroquel for Children” ein Psychiater, der folgendes behauptet:  “Schizophrenia and bipolar disorder are very real illnesses, which collectively affect between 1 percent and 3 percent of all young people,” noted Dr. David Fassler, a clinical professor of psychiatry at the University of Vermont College of Medicine, who testified before the panel Tuesday.

Das ist völliger Schwachsinn. Bei Kinder gibt es praktisch nie Schizophrenie, das habe ich euch ja schon erklärt und viele Psychiater sagen das auch ganz klar. Bei der “Bipolaren Störung” sagt Wikipedia: “Bis jetzt wird die Häufigkeit des Auftretens einer manisch-depressiven Episode im Kindheits- und Jugendalter mit einem Wert von unter 0,1 % als relativ gering eingeschätzt. Es spricht allerdings einiges dafür, dass dieser Wert die tatsächliche Auftretens-Häufigkeit unterschätzt, da nach Vermutung einiger Psychiater in der kinderpsychiatrischen und psychologischen Praxis Fehlinterpretationen des Beschwerdebildes bei Hypomanie und Manie in Richtung ADHS und Verhaltensstörungen vorkommen.

Selbst also, wenn es nicht 0,1% sind, sondern sagen wir mal 0,3% an Kindern, die bipolare Störung haben, ist es völliger Quatsch, wenn dieser amerikanische Psychiater behauptet, 1-3% aller Kinder seien schizophren oder manisch-depressiv.

Und ihr habt ja selbst das PDF der FDA gesehen mit den Diagnosen, für die diese atypischen Neuroleptika in der Regel in den USA eingesetzt werden: Diese Diagnosen haben meistens nichts mit Schizophrenie oder Bipolarer Störung zu tun. Es sind im Grunde oft “Allerweltsdiagnosen“, die meistens irgendetwas mit auffälligem Verhalten zu tun haben.

Übrigens werden in demselben Artikel aus “ABC News” auch sehr viele Kritiker dieser Entscheidung erwähnt. Einen gleichlautenden Artikel findet ihr auch in “Health.com” mit dem Titel “FDA Panel OKs Newer Antipsychotics for Children“.

Aber “Big Pharma” gewinnt immer, und genau das ist das Problem: Wenn “Big Pharma” in den USA gewinnt, wird “Big Pharma” auch bald in Europa gewinnen. Auch in Europa wird man diese atypischen Neuroleptika vielleicht bald für Kinder und Jugendliche massiv einsetzen und die europäischen Gesundheitsbehörden werden das vielleicht auch erlauben.

Wie massiv der “Off Label”-Gebrauch dieser atypischen Neuroleptika mittlerweile in den USA ist, zeigt folgender Artikel des amerikanischen Medizinhistorikers Jan Henderson. In diesem Artikel heisst es, dass die Amerikaner im Jahr 2008 10 Milliarden Dollar für atypische Neuroleptika bezahlt haben. Und 6 Milliarden von diesen 10 Milliarden wurden für atypische Neuroleptika bezahlt, die “Off Label” verwendet wurden. Das heisst, die meisten dieser atypischen Neuroleptika werden in Amerika nicht für die Krankheiten eingesetzt, für die sie gedacht sind (vor allem Psychosen). Diese atypischen Neuroleptika werden in den USA für alle möglichen psychischen Krankheiten eingesetzt, wie Aggressionen, Depressionen, Ängste und ADHS, alles Krankheiten, für die diese Medikamente nie entwickelt wurden und in der Regel auch einfach viel zu stark sind.

Ihr müsst euch eine Sache klar machen: Diese Medikamente wurden für Psychosen und vor allem für Schizophrenie entwickelt. Psychosen und vor allem Schizophrenie sind aber die schwersten psychischen Krankheiten, die es gibt.

Deshalb sind diese Medikamente, die atypischen Neuroleptika, auch so wirkungsstark. Und wie alle sehr wirkungsstarken Medikamente haben sie massive Nebenwirkungen.

Sogar die sehr konservativen Fox News (ich mag Rupert Murdoch und seine Programme nicht) kritisieren in aller Härte die massive Verabreichung von antipsychotischen Drogen an Kinder (Hier findet ihr einen Beitrag aus Fox News zu diesem Thema). Derselbe Beitrag aus Fox News sagt auch, warum soviele schwere Drogen an diese Kinder verabreicht werden: Weil es einen enormes Geschäft ist. Diese Drogen sind sehr teuer.

Hier habt ihr ein Video in youtube mit einer Mutter, die sich gegen klar “Teenscreen” ausspricht und erklärt, wie ihre Tochter in der Schule “gescreent” wurde. Es gibt auch eine amerikanische Online-Petition, die Unterschriften gegen “Teenscreen” sammelt.

Hier habt ihr einen kritischen Artikel zu “Teenscreen” aus dem Online-Magazin “Natural News”. Der Artikel sagt ganz klar, dass die Pharmaindustrie und die von ihnen bezahlten biologistischen Psychiater hinter “Teenscreen” stecken.

Hier habt ihr eine Sendung der britischen BBC in youtube. Auch dieser Beitrag ist kritisch.

Nun denkt mal logisch nach: Sind die amerikanischen Kinder und Jugendlichen verrückter als die europäischen Kinder und Jugendlichen? In Europa nehmen Kinder und Jugendliche praktisch nie Neuroleptika und andere schwere psychiatrische Medikamente. Gibt es deshalb in Europa Probleme? Sind die europäischen Kinder und Jugendlichen deshalb gefährlicher? Bringen sich die europäischen Kinder und Jugendlichen deshalb um?

Natürlich nicht. Das Ganze ist ein zynisches Geschäft, mehr nicht. Ich gebe euch hier mal die Informationen der Schweizerischen  Eidgenossenschaft (also der Schweiz) zur Suizidprävention und zu den Suizidzahlen weltweit im Jahre 2004 und 2005. Deutschland hatte damals einen mittleren Wert. Den niedrigsten Wert hatte damals Griechenland (das hat sich mit der Krise sicher verändert. Es gibt dort sicher jetzt viel mehr Selbstmorde, wegen der schlimmen ökonomischen Situation). Den höchsten Wert hatte damals Russland. Und die USA hatten einen Wert, der nur ganz leicht über Deutschland lag.

Das heisst, es brachten sich im Jahre 2004/2005 kaum mehr Amerikaner als Deutsche um. Und im Bereich der Kinder und Jugendlichen wird es wahrscheinlich auch nicht soviel anders sein. Ich glaube nicht, dass es eine massive Selbstmordwelle bei amerikanischen Kindern und Jugendlichen in den letzten zehn Jahren in den USA gegeben hat. Jedenfalls habe ich nie etwas davon gehört.

Das alles ist ein zynisches Geschäft, mehr nicht. Und es besteht die Gefahr, dass die biologistischen Psychiater in Europa auch mit dieser Praxis anfangen. Denn was man in den USA macht, macht man in der Regel ungefähr zehn Jahre später auch in EuropaDas ist mit fast allen Dingen so. Das ist einer der Gründe, warum ich diesen Artikel geschrieben habe. Und wie ihr seht, hat die Entwicklung in Europa vor einigen Jahren schon begonnen. Auch in Europa fängt man jetzt in den letzten Jahren zunehmend an, Kindern Neuroleptika zu geben. Das ist Wahnsinn.

Hier habt ihr zum Beispiel einen Artikel mit dem Titel “11,000 Minors on Antipsychotics in Belgium” aus der Website “Mad in America“. 11000 Kinder in Belgien nehmen also auch schon diese schweren Neuroleptika. Diese Website “Mad in America” enthält übrigens ein Archiv mit sehr vielen Artikeln zum Thema “Big Pharma” und dem massiven Konsum von Psychopharmaka in Amerika.

Wie es in Deutschland aussieht, darüber berichtet der Professor für Psychiatrie aus der Schweiz Asmus Finzen in einem PDF mit dem Titel “Neuroleptika für Kinder? Ein Lehrstück“.

Asmus Finzen sagt in diesem PDF wörtlich:

Im Memorandum der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie zur Anwendung von Antipsychotika vom September 2009 heißt es im Abschnitt »Psychopharmaka bei Kindern und Jugendlichen«: »Die Verordnung von Antipsychotika bei Kindern und Jugendlichen steigt in Deutschland und in anderen westlichen Ländern kontinuierlich an. Laut AOK stieg vor allem die Verordnung von Risperidon von 2001 bis 2006 für 10 -15 jährige um das 36 fache und für 15-20jährige um das 2,7 fache an. Der Verbrauch von Typika blieb in diesem Zeitraum unverändert. Eine solche explosionsartige Steigerung der Abgabe von Medikamenten, die bei Kindern und Jugendlichen nur mit allergrößter Zurückhaltung gegeben werden sollen, und einer strengen Indikationsstellung unterliegen, ist – man kann es drehen und wenden wie man will – ein Skandal. Die einzige wirkliche Indikation für Neuroleptika bei Kindern besteht bei einer Psychose. Aber kindliche Psychosen sind selten; und niemand kann uns weismachen, dass die Häufigkeit kindlicher Psychosen in nur fünf Jahren um das sechsunddreißigfache (!) zugenommen haben soll. Ausserdem gibt es kein Neuroleptikum, das in dieser Zeit eine Zulassung für deren Behandlung erhalten hat”

Also ein Psychiatrieprofessor aus der Schweiz sagt ganz klar, dass das Ganze ein Skandal ist, nicht nur in Amerika, sondern längst auch in Europa.

Allerdings gibt es immer noch deutliche Unterschiede zwischen Europa und Amerika. Dies zeigt eine wissenschaftliche Studie vom Jahr 2008, die in der Online-Zeitschrift “Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health” veröffentlicht wurde mit dem Titel “A three-country comparison of psychotropic medication prevalence in youth“. Die Zusammenfassung (=Abstract) lautet folgendermassen:

Background

The study aims to compare cross-national prevalence of psychotropic medication use in youth.

Methods

A population-based analysis of psychotropic medication use based on administrative claims data for the year 2000 was undertaken for insured enrollees from 3 countries in relation to age group (0–4, 5–9, 10–14, and 15–19), gender, drug subclass pattern and concomitant use. The data include insured youth aged 0–19 in the year 2000 from the Netherlands (n = 110,944), Germany (n = 356,520) and the United States (n = 127,157).

Results

The annual prevalence of any psychotropic medication in youth was significantly greater in the US (6.7%) than in the Netherlands (2.9%) and in Germany (2.0%). Antidepressant and stimulant prevalence were 3 or more times greater in the US than in the Netherlands and Germany, while antipsychotic prevalence was 1.5–2.2 times greater. The atypical antipsychotic subclass represented only 5% of antipsychotic use in Germany, but 48% in the Netherlands and 66% in the US. The less commonly used drugs e.g. alpha agonists, lithium and antiparkinsonian agents generally followed the ranking of US>Dutch>German youth with very rare (less than 0.05%) use in Dutch and German youth. Though rarely used, anxiolytics were twice as common in Dutch as in US and German youth. Prescription hypnotics were half as common as anxiolytics in Dutch and US youth and were very uncommon in German youth. Concomitant drug use applied to 19.2% of US youth which was more than double the Dutch use and three times that of German youth.

Conclusion

Prominent differences in psychotropic medication treatment patterns exist between youth in the US and Western Europe and within Western Europe. Differences in policies regarding direct to consumer drug advertising, government regulatory restrictions, reimbursement policies, diagnostic classification systems, and cultural beliefs regarding the role of medication for emotional and behavioral treatment are likely to account for these differences”.

Also nochmals zu den “results” (=Ergebnissen): “The annual prevalence of any psychotropic medication in youth was significantly greater in the US (6.7%) than in the Netherlands (2.9%) and in Germany (2.0%). Antidepressant and stimulant prevalence were 3 or more times greater in the US than in the Netherlands and Germany, while antipsychotic prevalence was 1.5–2.2 times greater. The atypical antipsychotic subclass represented only 5% of antipsychotic use in Germany, but 48% in the Netherlands and 66% in the US.

Das heisst, in den USA konsumieren 6,7% aller Jugendlichen und Kinder psychiatrische Medikamente, in den Niederlanden 2,9% und in Deutschland 2%. Die amerikanischen Jugendlichen und Kinder konsumieren 3 mal mehr Antidepressiva und andere Stimulantien als niederländische oder deutsche Jugendliche und Kinder und die amerikanischen Jugendlichen und Kinder konsumieren 1,5 bis 2,2 mal mehr Neuroleptika als die niederländischen und deutschen Jugendlichen und Kinder.

Hier nochmals der Link zu dieser Studie.

Noch ist ein klarer Unterschied zwischen Amerika und Europa erkennbar. Aber die Erfahrung zeigt, dass die USA meistens einfach nur 5 bis 10 Jahre Europa voraus ist. Mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung gleichen sich also oft Amerika und Europa an.

Creative Commons Lizenzvertrag“Teenscreen” in Amerika 3Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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