Angela Merkels Irrglaube an die Wirksamkeit ihrer kruden Sparrezepte in Südeuropa 10

Es gibt Leute in Deutschland, die wissen das. Zum Beispiel Hans-Olaf Henkel und Franz Fehrenbach. Sie wissen, dass Süd- und Mittel- und Nordeuropa nicht wirklich zusammenpassen von ihren wirtschaftlichen Systemen her. Deshalb hat Hans-Olaf Henkel vorgeschlagen, einen Nord- und Südeuro zu schaffen (Siehe hierzu den Wikipedia-Eintrag: Nord-Euro und Süd-Euro). Und Fehrenbach redet vom “Europa der zwei Geschwindigkeiten” und hat wohl ähnliche Vorstellungen. Seht hierzu einen Artikel aus dem “Manager-Magazin” vom 14.2. mit dem Titel “Franz Fehrenbach: Bosch-Chef fordert EU-Aus für Griechen

Hans-Olaf Henkel und Franz Fehrenbach ziehen aus ihrer richtigen Diagnose aber den falschen Schluss: Sie wollen die Südeuropäer (südeuropäische PIIGS-Staaten) einfach loswerden.

Was werfe ich also Angela Merkel und Wolfgang Schäuble vor? Dass sie keine Ahnung von Südeuropa haben. Wolfgang Schäuble kennt Freiburg und Deutschland und trinkt gern badischen Wein. Leider kennt er nicht Südeuropa. Fehrenbach und Henkel kennen wenigstens das Problem mit Südeuropa. Allerdings ziehen sie daraus falsche Rückschlüsse. Sie wollen Südeuropa einfach los werden und von Mittel- und Nordeuropa abtrennen.

Die Südeuropäer, vor allem jetzt die Griechen, sind so wütend, weil die Deutschen sie vergewaltigen. Sie verlangen von den Griechen, dass sie sich blitzschnell in Deutsche verwandeln. Ihre Steuerverwaltung soll so effizient wie die deutsche werden, und zwar sofort. Sie sollen sich blitzschnell eine deutsche Mentalität zulegen und alles mit grösster Korrektheit und Effizienz machen. Und die Deutschen verlangen dabei einen irrwitzigen Rhythmus und eine irrwitzige Geschwindigkeit. Und die deutschen Sparauflagen sind viel zu massiv und umfangreich. Wenn man eine schon geschwächte Ökonomie (wie die Südeuropas) zwingt, massiv zu sparen, zwingt man diese Ökonomie in eine Abwärtsspirale, in eine Rezession. Das weiss jeder Keynesianer. Seht hierzu nochmals den Blogartikel vom 22.2. von Paul Krugman mit dem Titel “Austerity Europe

Ausserdem müssen sich Angela Merkel und Schäuble klarmachen,  dass die südeuropäischen Länder eine ganz andere Geschichte haben als die mittel- und nordeuropäischen Länder.

Made in Germany” war schon ein Qualitätssiegel am Anfang des 20. Jahrhunderts. Falls meine Leser es nicht wissen: Als Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts auch in anderen europäischen Ländern massiv die Industrialisierung einsetzte (zum Beispiel in Deutschland), versuchte man in England (also in dem Land, in dem die Industrialisierung begonnen hatte) durch die Kennzeichnung importierter Ware vermeintlich minderwertige Produkte (zum Beispiel Nachahmerprodukte) erkennbar zu machen.

Das britische Handelsmarkengesetz vom 23. August 1887 (Merchandise Marks Act 1887) schrieb vor, dass auf Waren unmissverständlich das Herkunftsland anzugeben sei. Dies sollte dem Schutz der britischen Wirtschaft vor importierten Waren – speziell solcher vom Kontinent – dienen, deren Qualität generell als minderwertiger galt. Aber schon am Anfang des 20. Jahrhunderts war “Made in Germanyein Qualitätssiegel und diese Waren galten dann meist schon als besser als die englischen.

Jetzt schaut euch mal die Geschichte von Griechenland, Portugal und Spanien an, vor allem ihre Wirtschaftsgeschichte.

In Griechenland gab es von 1967 bis 1974 eine Militärdiktatur unter Georgios Papadopoulos.

Ich zitiere weiter aus dem Wikipedia-Artikel zu Griechenland: “Der Wandel Griechenlands von einem eher landwirtschaftlich orientierten Land zu einer modernen, dienstleistungsorientierten Wirtschaftsnation begann in den 1970er-Jahren mit einer Reihe grundlegender Reformen und der darauffolgenden Aufnahme Griechenlands in die Europäische Gemeinschaft im Jahr 1981″.

Im Klartext: Eine moderne Wirtschaft und Industrie entwickelt sich in Griechenland erst ab den 1970er-Jahren. Das heisst, die Moderne begann in Griechenland vor ungefähr 40 Jahren. Und erst mit dem Eintritt in die EU im Jahre 1981 beginnt eine echte Dynamik. Deutschland ist aber schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine aufstrebende Wirtschaftsmacht. Schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland technische Universitäten und eine moderne Industrie, die weltweit exportierte.

Ähnlich ist es in Portugal. Zwischen den 1930er-Jahren und 1974 gab es hier eine faschistische Diktatur unter Salazar, den “Estado Novo“. Der wirtschaftliche Zustand Portugals 1974, am Ende des “Estado Novo”, war folgender (ich zitiere aus dem Wikipedia-Artikel zu Portugal): “Die Wirtschaft lag am Boden. Zu den großen wirtschaftlichen Kosten des Kolonialkrieges kam noch die allgemeine Krise der Weltwirtschaft in Folge des ersten Ölschocks von 1973″.

Im Falle Portugal begann die Moderne erst nach 1974, genau wie in Griechenland.

Vor allem die Aufnahme in die EU war entscheidend. Ich zitiere aus dem Wikipedia-Artikel zu Portugal: “Seit dem Beitritt Portugals zur EG im Jahre 1986 hat sich Portugal zu einer zunehmend diversifizierten, vor allem auf Dienstleistungen ausgerichteten Ökonomie entwickelt“.

Im Klartext: Portugal befindet sich erst seit Mitte der siebziger Jahre in der Moderne, genau wie Griechenland. Das heisst, beide Länder sind seit etwa über vierzig Jahren halbwegs moderne Länder mit moderner Wirtschaft und Industrie.

Und wie ist es in Spanien? Nun, dazu brauche ich kein Wikipedia. Ich bin Halbspanier und kenne das Land seit 1965, seit dem Jahr meiner Geburt. Solange pendle ich schon zwischen Spanien und Deutschland hin und her, 46 Jahre lang.

Spanien war bis 1975 eine faschistische Diktatur unter Francisco Franco. Ansätze zu einer modernen Wirtschaft und Industrie gab es schon in der Spätphase des Franco-Regimes, ab den 1960er-Jahren. Aber das alles war sehr bescheiden. Einen richtigen Boom hat Spanien erst ab 1975 erlebt, ab dem Tod von Franco. Und entscheidend war auch hier der Beitritt zur EU. Auch Spanien ist seit ungefähr vierzig Jahren in der Moderne angelangt.

Ich zitiere aus dem Wikipedia-Artikel zu Spanien: “Mit dem Plan de Estabilización, dem demokratischen Wandel in der Zeit nach 1975, dem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft im Jahr 1986 und der Teilnahme an der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion hat Spanien die Grundlage für einen langanhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung gelegt. Die Industrie des Landes wurde sukzessive liberalisiert und modernisiert. Hieraus sind einige international erfolgreich agierende Unternehmen hervorgegangen, zum Beispiel Iberia, Seat, Telefónica, Zara oder Endesa. Die Öffnung Spaniens für den internationalen Wettbewerb zog umfangreiche ausländische Direktinvestitionen nach sich”.

Also: Alle drei Länder, Spanien, Portugal, Griechenland, haben eine ähnliche Geschichte und auch eine ganz ähnliche Wirtschaftsgeschichte.

Ich spiele hier den Geschichtslehrer, damit Wolfgang Schäuble und Angela Merkel endlich eins kapieren: Südeuropa, speziell Griechenland, Portugal und Spanien, sind nicht Deutschland. In Italien haben wir das Phänomen einer starken Zweiteilung des Landes: Norditalien ist wirtschaftlich ziemlich stark und kann wohl durchaus mit Mittel- und Nordeurpa mithalten. Mittelitalien ist wirtschaftlich schon wesentlich schwächer. Aber Süditalien ist nicht zuletzt wegen des Organisierten Verbrechens (Mafia, Camorra und ’Ndrangheta) in einem erbärmlichen Zustand. 

Griechenland, Portugal und Spanien und letztlich auch Italien haben eine ganze andere Geschichte als Deutschland. Sie haben auch eine ganz andere Wirtschaftsgeschichte.

Einfach gesprochen bedeutet dies, dass Deutschland schon in der Mitte des 19. Jahrhundert ein modernes Land mit moderner Industrie, Forschung und technischen Hochschulen war.

Griechenland, Portugal und Spanien sind eigentlich erst seit ungefähr vierzig Jahren in der Moderne angelangt. Da begann der Aufbau einer modernen Industrie und Wirtschaft in diesen Ländern. Vorher gab es das nur in Ansätzen.

Was hat das für Folgen? Die Mentalität der Südeuropäer ist schon deswegen, wegen dieser völlig anderen Wirtschaftsgeschichte, ganz anders als die deutsche Mentalität. Diese Länder haben eine andere Kultur, einen anderen Arbeitsrhythmus, andere Traditionen, und ein ganz anderes Wirtschafts- und Sozialsystem als Deutschland.

Was diese Länder im Grunde brauchen ist eine Art nachholende Industrialisierung mitsamt dem Aufbau von moderner Forschung und Entwicklung.

So, wie es jetzt ist, können diese Länder auf keinen Fall mit Deutschland konkurrieren. Und die Deutschen kapieren das nicht und vergewaltigen sie einfach, verlangen von diesen südeuropäischen Ländern in ganz kurzer Zeit ein Leistungsniveau, das sie nicht erbringen können, unter anderem deshalb, weil sie nicht die lange deutsche Tradition von Forschung und Entwicklung und industrieller Produktion haben.

Im Hauruckverfahren soll jetzt Südeuropa deutsche Mentalität entwickeln und mit Deutschland konkurrieren und womöglich ein Niveau in Forschung und Entwicklung und Produktion wie Deutschland erreichen.

Das ist unmöglich. Und der aktuelle Brüsseler und deutsche Sparkurs (Austeritätspolitik) verschlimmert das alles noch, weil ja gerade das deutsche Spardiktat diese Länder daran hindert, die notwendigen Investitionen zu tätigen, um sich wenigstens ein bisschen an Deutschland angleichen zu können.

Sowohl Griechenland, als auch Portugal, Spanien und Italien (ausser vielleicht Norditalien) brauchen massiv Investionen in Forschung und Entwicklung und im Aufbau einer modernen Industrie.

Diese Länder haben eine andere Geschichte und damit auch Wirtschaftgeschichte als Deutschland. Die Moderne ist in diesen Ländern vor ca. 40 Jahren angekommen. Deutschland ist schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein wirtschaftlich und technisch modernes Land. Schon das wilhelminische Kaiserreich war eine moderne Wirtschaftsmacht (wenn auch mit vormodernen politischen und teilweise auch sozialen Strukturen).

Was ich also Wolfgang Schäuble und Angela Merkel letztendlich vorwerfe ist einfach Ignoranz was Südeuropa angeht. Angela Merkel kommt aus Ostdeutschland, kennt das DDR-System und kennt das wiedervereinigte Deutschland. Wolfgang Schäuble kennt Südbaden und den Rest Deutschlands und kennt mehr oder weniger die deutsche Geschichte seit 1945. Aber sie haben beide keine Ahnung von Südeuropa.

Das Problem ist nicht, dass die Südeuropäer die Deutschen hassen. Das Problem ist, dass Südeuropa und Mittel- und Nordeuropa im gleichen Währungsraum (Euro) sind.

Und Südeuropa ist wirtschaftlich und im Hinblick auf Forschung und Entwicklung und industrieller Produktion im Vergleich zu Deutschland rückständig. Diese südeuropäischen Länder – mit Ausnahme von Norditalien  – können nicht mit Deutschland konkurrieren.

Das Problem ist dabei nicht Südeuropa an sich. Die Südeuropäer könnten ausserhalb des Euros problemlos überleben. In der aktuellen Krise würden sie dann einfach abwerten, um wieder etwas konkurrenzfähiger zu werden. Die Spanier haben das vor der Einführung des Euros öfters gemacht, wenn sie in der Krise waren. Und die Griechen und Portugiesen würden es jetzt auch machen und sie haben es vor der Einführung des Euros sicher auch oft getan.

Das Problem ist auch nicht Deutschland. Deutschland ist extrem leistungs- und wettbewerbsfähig. Wäre Deutschland allein und hätte die D-Mark, dann würde sich niemand beklagen. Auch die Südeuropäer würden sich nicht darüber beklagen (sie hätten dann wie früher die Peseta, den Escudo, die Lira und die Drachme).

Und wenn es mal schlecht läuft in diesen südeuropäischen Ländern, dann würden diese Länder eben ihre jeweilige Währung deutlich abwerten, um wieder gegenüber der starken deutschen D-Mark konkurrenzfähiger zu werden. Und sie würde natürlich keine selbstzerstörerische Sparpolitik durchführen.

Das Problem ist, dass man Nord- und Mitteleuropa mit seiner langen Tradition in Forschung, Entwicklung und industrieller Produktion in ein System gezwungen hat mit Südeuropa, mit Ländern wie Griechenland, Portugal und Spanien und Mittel- und Süditalien (Norditalien ist ein Sonderfall), die diese Tradition einfach nicht haben.

Das funktioniert einfach nicht. Schon gar nicht, wenn diese südeuropäischen Länder in der Krise sind und ihren hohen Lebensstandard in den letzten zehn Jahren unter anderem mit Schulden finanziert haben (mit diesem Geld haben sie dann oft die begehrten deutschen Waren gekauft). Und das einzige, was Angela Merkel und Wolfgang Schäuble und die Deutschen anscheinend interessiert, ist, dass diese jetzt verschuldeten südeuropäischen Länder ihre Schulden zurückzahlen.

Die Südeuropäer hassen Deutschland nicht. Sie sind verzweifelt: Sie sollen massiv sparen und zugleich  schnell das deutsche Niveau an Effizienz, Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit erreichen. Und sie sollen mit Deutschland konkurrieren, obwohl ihnen die deutsche 150jährige Tradition an Forschung, Entwicklung und industrieller Produktion fehlt. Und sie sehen, dass der aktuelle deutsche harte Sparkurs noch das bisschen zerstört, was sie in den letzten 40 Jahren aufbauen konnten.

Fehler haben sie auch gemacht, die südeuropäischen Länder, das ist wahr. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil der Wahrheit ist, dass die südeuropäischen Länder mit Ausnahme von vielleicht Norditalien nie eine echte Chance gegen Deutschland und die anderen mittel- und nordeuropäischen Länder hatten.

Von ihrer Geschichte her sind diese südeuropäischen Länder – was die Wirtschaftsentwicklung und ihren Wissenschafts- und Technologiestandard angeht – den Deutschen von Anfang an unterlegen gewesen.

Und die aktuelle Krise offenbart das mit grosser Brutalität.

Südeuropa geht bergab, beschleunigt noch durch den harten deutschen Sparkurs. Als Sieger bleibt der deutsche Riese mit seiner Exportindustrie.

Der Euro und die EU waren für alle Südeuropäer, auch für die Spanier, ein Versprechen: Das Versprechen der starken EU-Länder wie Deutschland, dass die Südeuropäer irgendwann mal den gleichen Standard bekommen wie Deutschland.

Die EU gab den Südeuropäern die enorme Chance, sich weiterzuentwickeln.

Griechenland ist ein Menetekel. Wenn die Portugiesen und Spanier und auf Griechenland schauen, ahnen sie, was vielleicht bald ihr eigenes Schicksal sein könnte.

Und davor fürchten sich die Südeuropäer zurecht und sie wissen dann auch, dass die Deutschen mit ihrer Sparpolitik diese Pleite Südeuropa wenn nicht erzeugt, dann doch jedenfalls billigend in Kauf und auch noch massiv befeuert und beschleunigt haben. Mit ihrer Austeritätspolitik haben die Deutschen in gewisser Weise Benzin ins Eurokrisen-Feuer in den PIIGS-Staaten geschüttet.

Nachtrag von heute, den 29.2.: Ich habe jetzt im wesentlichen meine Argumente dargelegt, weswegen ich die Sparpolitik Angela Merkels für einen Irrtum und einen Schaden für Südeuropa halte. Ich sehe nicht mehr viel Sinn darin, diese Argumente jetzt in den nächsten Wochen zu variieren, zu wiederholen und sie meinen Bloglesern einzuhämmern. Ich schliesse also hiermit diesen Artikel vorerst ab.

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