Jared Diamonds “Kollaps” (2005)

Ein interessantes Buch, das ich vor ungefähr sechs Jahre einmal gelesen habe, ist Jared DiamondsKollaps” aus dem Jahre 2005.

In einer Zeit, in der sich immer mehr abzeichnet, dass die weltweiten Ressourcen zur Neige gehen oder zumindest knapp werden (das gilt nicht nur für das Erdöl, sondern auch für zahlreiche andere Rohstoffe, darunter in einigen südlichen Weltgegenden so absolut zentrale und überlebensnotwendige Ressourcen wie das Wasser) und zugleich die damit zusammenhängenden Umweltprobleme immer mehr zunehmen (man denke da nur als ein Beispiel an den Klimawandel), hat Jared Diamond sich die Mühe einer historisch fundierten Untersuchung gemacht und einmal an zahlreichen Beispielen untersucht, woran in der Vergangenheit teilweise durchaus hochstehende Zivilisationen gescheitert sind (und dann in einer relativ kurzen Zeitspanne einen “Kollaps” erlebt haben) oder manchmal andere Zivilisationen trotz ungünstiger Bedingungen dennoch überlebt haben.

Der 1937 in Boston geborene Jared Diamond ist ein US-amerikanischer Evolutionsbiologe, Physiologe und Biogeograf.

Er war viele Jahrzehnte lang in der Feldforschung tätig und leitete zahlreiche anthropologische und evolutionsbiologische Expeditionen nach Neuguinea.

Seit 2004 ist er Professor für Geografie an der University of California, Los Angeles. Vorher war er dort Professor für Physiologie an der medizinischen Fakultät. Jared Diamond ist dem breiten Publikum durch seine populärwissenschaftlichen Bücher, in denen er neueste Erkenntnisse aus Anthropologie, Biologie und Geschichte zusammenhängend darstellt, bekannt geworden. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter 2006 den Dickson Prize in Science.

In seinem Buch “Kollaps” betrachtet er beispielhaft einige Kulturen, die sich durch Übernutzung der Umwelt bzw. durch falsche Reaktion auf allgemeine Umweltveränderungen selbst zugrunde richteten und dann innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums einen vollkommenen gesellschaftlichen Zusammenbruch erlebten. So analysiert er beispielsweise die Wikinger in Grönland, die Anasazi in Nordamerika, die Polynesier auf der Osterinsel oder die Maya in Mittelamerika. Er behandelt aber auch positive Beispiele von Kulturen, die trotz ungünstiger Voraussetzungen durch Anpassungsleistungen überleben konnten. Er nennt hier die Isländer, die Inuit in Grönland, Japan unter dem Tokugawa-Shogunat und Populationen einiger polynesischer Inseln. Zudem leitet er aus diesen Erkenntnissen Handlungsempfehlungen für die heutigen Gesellschaften ab, die er weltweit in einer ähnlich gefährlichen Gesamtsituation sieht.

Das Buch “Kollaps” ist in vier Abschnitte gegliedert.

Teil 1 beschreibt die Umwelt des US-Bundesstaats Montana, wobei das Zusammenspiel von Gesellschaft und Umwelt untersucht wird. Diamond hält fest, dass selbst in einem modernen amerikanischen Bundesstaat wie Montana eine veränderte Ökologie langfristige und gravierende Schäden aufkommen lässt.

Teil 2 beschreibt primär den Zusammenbruch verschiedener vergangener Kulturen (Anasazi-Indianer in Nordamerika, die Polynesier auf der Osterinsel, die Polynesier auf den Inseln Pitcairn und Henderson, die Mayas in Mittelamerika und die Wikinger auf Grönland) und findet eine Ordnung von fünf Faktoren, die den Zusammenbruch bedingen.

Kontrastierend nennt er Beispiele für alte Gesellschaften, die durch kluge Reaktion auf Veränderungen ihr Überleben gesichert hätten (so etwa durch die Aufforstung von Wäldern im Japan der Tokugawa-Epoche)

Teil 3 untersucht heutige Gesellschaften (u.a. Ruanda, China und Australien) und ihre Gefährdungslage.

Teil 4 versucht, aus den verschiedenen Beispielen eine Lehre für heute zu finden. Dabei wird eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, wie unsere “auf einem nicht nachhaltigen Kurs” befindliche Gesellschaft positiv in eine nachhaltige und vernünftige Bahn gelenkt werden könnte.

Diamond macht fünf wesentliche Gründe aus, die zum Zusammenbruch der von ihm untersuchten historischen Gesellschaften geführt haben:

  1. Umweltschäden
  2. Klimaschwankungen
  3. Feindliche Nachbarn
  4. Wegfall von Handelspartnern
  5. eine falsche Reaktion der Gesellschaft auf stattfindende Veränderungen

Bereits an dieser Liste ist erkennbar, dass Diamond seine Untersuchungen nicht auf ökologische Probleme verengt, sondern die Interaktion von Umwelt und menschlichem Handeln untersucht.

Umweltschäden umfassen das Abholzen von Wäldern und die daraus folgende Bodenerosion. Aber auch die Bodenversalzung durch falsche Bewässerung und zurückgehende Bodenfruchtbarkeit durch zu intensive Bewirtschaftung. Diamond zeigt am Beispiel der Osterinsel, dass diese Schäden bis zur totalen Entwaldung gehen konnten.

Klimaschwankungen waren zur Zeit der untersuchten Gesellschaften natürliche Phänomene. Das Klima schwankt oft in Zeitabständen, die weit größer er sind als die Lebenszeit  der damaligen Menschen. Aufgrund des Fehlens einer Schrift ging so das Wissen über Klimaschwankungen oft verloren. Damit fiel es den Gesellschaften schwer, sich auf das Phänomen einzustellen. Insbesondere kann ein über viele Jahre anhaltendes günstiges Klima zu einer wachsenden Bevölkerung führen. Geht das Klima dann in eine weniger günstige Phase über, kann die größere Bevölkerung unter Umständen nicht mehr ernährt werden und die daraus resultierenden gesellschaftlichen Spannungen führen zur Selbstzerstörung der Gesellschaft. Zusätzlich kann eine Klimaveränderung die bereits aus den Umweltschäden resultierenden Probleme massiv verstärken.

Gesellschaften waren auch in vergangenen Zeit selten isoliert. Neben feindlichen Nachbarn, deren Beitrag zum Untergang einer Gesellschaft offensichtlich ist, spielen auch Handelspartner eine wichtige Rolle. Diamond zeigt am Beispiel der Henderson-Insel, wie der Verlust eines strategisch wichtigen Handelspartners eine Gesellschaft vollkommen verschwinden lassen kann.

Dass der Untergang nicht unabänderlich durch ökologische Gesichtspunkte bedingt ist, zeigt Diamond durch den Vergleich von Gesellschaften im gleichen Lebensraum. Hierzu zieht er primär Normannisch-Grönland und die Inuit heran. Während die Wikinger-Siedlungen in Grönland letztendlich untergingen, konnten die Inuit zur selben Zeit trotz der lebensfeindlichen Umgebung überleben. Diamond zeigt, dass hier insbesondere das Festhalten an mittelalterlich-europäischen Verhaltensweisen – die vorher jahrhundertelang sehr gut funktioniert hatten – den Wikingern eine Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen erschwerten. Entscheidend ist also die gewählte Reaktion auf Veränderungen.

Im Blick auf die Zukunft benennt Diamond unter anderem drei zentrale Faktoren, die für die Schwächung und den Untergang heutiger und zukünftiger Gesellschaften beitragen können:

  1. menschengemachter Klimawandel
  2. Umweltgifte
  3. Energiekrisen

Eine entscheidende Rolle spielt für Diamonds Betrachtung immer das Vorliegen einer konkreten Überbevölkerung. Denn würden Teile der Gesellschaft mit lebensbedrohlichen Veränderungen ihrer Umwelt konfrontiert werden, würden sie keinesfalls passiv sterben, sondern bei dem Versuch zu überleben auch die Teile der Gesellschaft gefährden, die bisher nicht betroffen waren und sich möglicherweise in falscher Sicherheit wähnten.

Nicht allein der notleidende Teil, sondern die gerade heutzutage eng vernetzte Gesamtgesellschaft bricht in einer schnellen Katastrophe zusammen und erfährt einen “Kollaps”.

Diamond behauptet also nicht, dass unabänderliche ökologische Faktoren die einzige Ursache für das Zusammenbrechen von Gesellschaften seien, auch politische und ökonomische Faktoren – letztlich vor allem die Reaktion auf die ökologischen Bedingungen – stellen eine wichtige Ursache dar.

Im Ergebnis seiner Untersuchung sieht Diamond trotz seiner verheerenden Gesamtdiagnose der aktuellen globalen Situation dennoch “Zeichen der Hoffnung” und Grund für einen “vorsichtigen Optimismus” für die Zukunft, da trotz großer Gefährdungen prinzipiell eine kluge Reaktion auf die veränderten Gesamtbedingungen der ökologischen Weltbedingungen theoretisch durchaus noch möglich sei und die schlimmsten Gefahren damit abgewendet werden könnten. Das Spiel ist also trotz der verheerenden Gesamtdiagnose für die Menschheit noch nicht verloren. Allerdings werden die nächsten Jahrzehnte wohl darüber entscheiden, wie dieses Spiel voraussichtlich ausgehen wird.

Ich kann euch dieses Buch wirklich empfehlen, ich habe es seinerzeit mit grossem Interesse und Gewinn gelesen und es ist ausserdem ein unterhaltsames und gut geschriebenes Buch, die Lektüre gestaltet sich trotz des manchmal etwas deprimierenden Themas durchaus kurzweilig. Diamond hat die für einen Wissenschaftler, der ein breites Publikum erreichen will, wichtige Fähigkeit, komplexe Sachverhalte so zu erläutern, dass ein Laie sie dennoch nachvollziehen und verstehen kann.

National Geographic” hat übrigens vor kurzem einen Film auf der Basis dieses Buches mit eben demselben Titel “Collapse” produziert (siehe hierzu den IMDb-Eintrag), der durchaus interessant ist und von dem auch mehrere Versionen in YouTube hochgeladen worden sind.

Creative Commons LizenzvertragJared Diamonds “Kollaps” (2005)Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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