António Lobo Antunes´ “Einblick in die Hölle” (1981) revisited

Ein weiterer Roman, den ich vor ungefähr sieben Jahren einmal gelesen und in den letzten Tagen wiedergelesen habe, ist  von António Lobo Antunes der 1981 erschienene Roman “Einblick in die Hölle” (deutsche Übersetzung 2003).

Der 1942 in Lissabon (Hauptstadt Portugals) geborene Antunes studierte zunächst Medizin und war während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola. Seine Erfahrungen in Angola verarbeitete er in dem Roman Der Judaskuss (Os Cus de Judas, 1979), mit dem er in Portugal den Durchbruch als Schriftsteller erreichte.

Nach seiner Tätigkeit als Militärarzt in Angola arbeitete er als Psychiater in der Nervenklinik “Hospital Miguel Bombarda” in seiner Heimatstadt Lissabon. 1985 gab er den Beruf des Psychiaters auf und heute lebt und arbeitet Antunes als Schriftsteller weiterhin in Lissabon.

Der Titel des Romans “Einblick in die Hölle” ist Programm: Was Antunes als Psychiater in der “Bombarda” in Lissabon erlebt, ist tatsächlich ein Einblick in eine Hölle, in der die Psychiater die Kerker- und Foltermeister sind und die Patienten die zu ewigen Höllenqualen Verdammten.

Natürlich ist der Roman nicht streng autobiographisch im Sinne eines sachlichen Erlebnisberichts. Der Stil von Antunes ist ausgesprochen barock, die verschiedenen Erzählstränge und Zeitebenen greifen komplex ineinander, der Text ist voller Assoziationen und surreal wirkender, phantastischer Sequenzen, die manchmal auch Traumnotate sind oder wie solche wirken.

Außerdem dreht sich der Roman nicht nur um die Zeit in der Psychiatrie “Bombarda”, denn genauso traumatisch war für Antunes die Zeit als Militärarzt in Angola während des brutalen Angolakrieges, der von 1960-1974, bis zur portugiesischen “Nelkenrevolution“, andauerte und der in diesem Roman ebenfalls als grausamer Wahnwitz beschrieben wird.

Der Roman ist also nicht nur eine Abrechnung mit der portugiesischen Psychiatrie der achtziger Jahre, sondern auch mit der blutigen Vergangenheit Portugals während der Diktatur von António de Oliveira Salazar, die – ähnlich wie das Franco-Regime in Spanien – von Anfang der 1930er-Jahre bis Mitte der 1970er-Jahre andauerte, also über 40 Jahre lang.

Zum Berufsstand des Psychiaters bemerkt Antunes, dass dessen einziger Daseinszweck darin bestehe, Menschen mundtot zu machen, ihren Willen zu brechen, ihre Seele zu schänden: „Die Hölle, das sind die Lehrbücher der Psychiatrie, die Hölle ist die Erfindung der Verrücktheit durch die Ärzte, die Hölle ist diese Dummheit der Tabletten, diese Unfähigkeit zu lieben, dieses Fehlen von Hoffnung.”

Dabei war der Berufs des Arztes und insbesondere des Psychiaters der Wunschberuf des jungen Antonio, „um zwischen verzerrten Menschen wie jenen zu leben, die uns in den Träumen aufsuchen, und um ihre Mondsprachen und die gerührten oder hasserfüllten Aquarien ihrer Hirne zu verstehen, in denen sterbend die Fische der Angst zugange sind.”

Die tägliche Arbeit als Arzt und Psychiater jedoch – erst in Angola während des Bürgerkriegs, dann nach der „Nelkenrevolution” in Lissabon – ließen bei Antunes Ekel und Scham an die Stelle der Neugier treten.

In der “Bombarda” werden die Insassen von genervten Verwandten eingeliefert und  durch Beruhigungsspritzen in gehorsame Tiere verwandelt. Die Ärzte verschreiben Sedativa, weil sie die Kranken nicht begreifen –„wie jemand, der das Telefon zum Schweigen bringt, indem er es unter einem Berg von Kissen begräbt”.

Portugal war damals ein armes und rückständiges südeuropäisches Land. Daher wurden die eingelieferten Insassen der “Bombarda” damals nicht nur weggesperrt und mit Medikamenten zum Schweigen gebracht und beruhigt, sondern außerdem waren sie zerlumpt, abgemagert und verwahrlost. Die Räumlichkeiten der “Bombarda” werden als abstoßend und deprimierend dargestellt.

Antunes berichtet über die Zustände in der “Bombarda”: “Ausgemergelte Gestalten wandern durch die Flure, man sperrt die Kranken nackt ins Schlafzimmer, läßt sie in ihrem Kot liegen. Jeder Widerstand wird niedergespritzt, und koste es den letzten Rest Persönlichkeit des Patienten. Die Herren Doktoren wollen nichts sehen, nichts hören“Ich bin in Auschwitz”, denkt, außer sich, Lobo Antunes’ “alter ego” in diesem Roman,ich gehöre der höheren Rasse der Kerkermeister, der Kastrierer, der Polizisten, der Schulpräfekten und der Stiefmütter der Kindermärchen an.”

Das Gute und Treffende an diesem Roman ist auch, dass Antunes sich nicht nur über die Psychiater lustig macht, sondern auch an den Psychoanalytikern kein gutes Haar lässt. Die Psychoanalytiker in der “Bombarda” sind oft noch grausamer und dümmer als die Psychiater, die letztendlich nur Gefängniswärter sind, die brav Medikamente verabreichen, während die Psychoanalytiker oft dem Typus der bösartigen Scharlatane angehören und eine schräge, sektiererische Ersatzreligion propagieren.

Antunes bemerkt in diesem Roman zu den Psychoanalytikern: “Von allen Ärzten, die ich bislang kennengelernt habe, sind die Psychoanalytiker, diese Kongregation von Laienpriestern mit Bibel, Messen und Gläubigen, die finsterste, die lächerliste, die kränkste Spezies von allen. Während die Pillen-Psychiater einfache Menschen ohne Umschweife, nur naive Henker sind, die lediglich über die schematische Guillotine der Elektroschocks verfügen, kommen die anderen mit einer komplexen, streng hierarchischen Religion mit Kardinälen, Bischöfen, Domherren daher, deren Altäre Diwane sind und deren Seminarszöglinge, vorzeitig ernst und alt, in den Klöstern der Institute das linkische Latein der Lehrlinge üben. Sie teilen die Welt der Menschen in zwei unvereinbare Kategorien, die der Analysierten und die der nicht Analysierten oder, anders gesagt, die der Christen und der Ungläubigen, und nähren für die zweite die unendliche, aristokratische Verachtung, die man Heiden vorbehält, den noch nicht Getauften und denen, die sich der Taufe verweigern, die sich auf einem Bett ausstrecken, um einem schweigenden Prior ihr intimstes, geheimstes Unglück zu erzählen, das, wofür sie sich schämen, ihre Ängste, ihre Enttäuschungen. Für sie existiert im Universum nichts außer einer Mutter und einem Vater, die beide titanenhaft, riesig, beinahe kosmisch sind, und ein auf den Anus, den Penis und den Mund reduziertes Kind, das mit diesen beiden unerträglichen Geschöpfen eine ungewöhnliche Beziehung unterhält, in der Spontaneität und Freude ausgeschlossen sind. Für die Sozialisation relevante Ereignisse gehen über die kargen Erschütterungen der ersten sechs Lebensmonate nicht hinaus, und die Psychoanalytiker bleiben weiterhin beharrlich an das uralte Mikroskop Freuds geklammert, das ihnen erlaubt, einen Quadratzentimeter Haut zu betrachten, während der Rest des Körpers fern von ihnen atmet, pulsiert, sich schüttelt, protestiert und sich bewegt“.

Um es ganz klar zu sagen: Dieser Roman von Antunes ist – genau wie seine anderen auch – nicht leicht zu lesen, wegen des barocken, assoziativen und surrealen Stils und dem komplexen Ineinandergreifen von Erzählsträngen und Zeitebenen. Aber in dieser barocken Flut finden sich Passagen, die richtige Perlen sind, Passagen auch, in den Antunes hellsichtig mit der Zunft der Psychiater und den diversen psychologischen Sekten abrechnet, die er während seiner langjährigen Tätigkeit als Psychiater sicher alle kennengelernt hat, der Text ist also auch autobiographisch und erfahrungsgesättigt.

Antunes gilt übrigens heute als einer der bedeutendsten portugiesischen Schriftsteller der Gegenwart und wird seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis angesehen.

Die Wiederbegegnung mit diesem Roman hat sich für mich gelohnt und ich kann die Lektüre dieses Werk empfehlen.

Creative Commons Lizenzvertrag António Lobo Antunes´ “Einblick in die Hölle” (1981) revisited Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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