Gert Postels “Doktorspiele” (2003) revisited

Ein kleines autobiographisches Werk, das ich schon vor über fünf Jahren einmal durchgelesen und jetzt wiedergelesen habe, ist Gert Postels “Doktorspiele” aus dem Jahre 2003.

Wer ist Gert Postel? Der 1958 in Bremen geborene Gert Postel ist ein deutscher Hochstapler, der vor allem durch seine mehrfachen Anstellungen als falscher Arzt Bekanntheit erlangte. Er spielte aber möglicherweise auch eine Schlüsselrolle in der Barschel-Affäre.

Gert Postel besuchte die Hauptschule und schloss eine Ausbildung zum Postboten ab. Postel hat später behauptet, dass seine Mutter an einer Fehlbehandlung wegen Depression gestorben und auch er selbst für kurze Zeit in der Jugendpsychiatrie gewesen sei.

Solche Angaben sind bei einem Hochstapler allerdings immer mir Vorsicht zu geniessen und können immer auch der Selbstrechtfertigung dienen. Postel behauptet, dass daraus später die Absicht entstanden sei, die Psychiatrie als „heiße Luft“ zu enttarnen.

Obwohl er niemals ein Medizinstudium absolviert hatte, bewarb sich Postel unter dem Namen Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy im September 1982 um die Stelle des stellvertretenden Amtsarztes in Flensburg und wurde eingestellt.

Auf die Frage, worüber er promoviert hätte, antwortete Postel „Über die Pseudologia phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Felix Krull nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann und die kognitiv induzierten Verzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung“.

Durch einen Zufall – er verlor eine Geldbörse mit zwei Ausweisen, die auf unterschiedliche Namen ausgestellt waren – wurde im April 1983 seine wahre Identität festgestellt und Postel aus dem Dienst entfernt.

1984 erhielt er wegen mehrfacher Urkundenfälschung, missbräuchlichen Führens akademischer Titel sowie der Fälschung von Gesundheitszeugnissen eine Bewährungsstrafe.

Weitere Anstellungen als Arzt folgten, u. a. in der Privatklinik von Julius Hackethal und als Stabsarzt bei der Bundeswehr.

Postel gelang es, nachdem er sich in Münster für ein Studium der katholischen Theologie eingeschrieben hatte, durch Fürsprache des damaligen Münsteraner Bischofs am 1. Mai 1991 von Papst Johannes Paul II. in Rom in Privataudienz empfangen zu werden. Das Photo mit Johannes Paul II. ziert denn auch die erste Seite seines Buches “Doktorspiele“.

Nach einem kurzzeitigen Studium der Theologie gelang Postel im November 1995 erneut eine Rückkehr in den medizinischen Dienst. Unter seinem eigenen Namen trat er als Dr. Postel die Stelle eines Leitenden Oberarztes im Fachkrankenhaus für Psychiatrie Zschadraß bei Leipzig an.

Postel verfertigte in dieser Funktion psychiatrische Gutachten und hielt Vorträge vor Medizinern, ohne dabei Verdacht zu erregen. Am 10. Juli 1997 wurde er zufällig von einer Mitarbeiterin erkannt und tauchte unter. Zu diesem Zeitpunkt stand bereits der Termin für ein Vorstellungsgespräch beim Sächsischen Staatsminister für Soziales, Gesundheit und Familie, Hans Geisler, anlässlich Postels Berufung auf eine C3-Professur und Ernennung zum Chefarzt und Klinikdirektor im Sächsischen Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Arnsdorf fest.

Da es Postel unter anderem um die Enttarnung der Psychiatrie als Halb- und Pseudowissenschaft geht, nimmt die Beschreibung seiner Tätigkeit in der Psychiatrie Zschadraß bei Leipzig den größten Raum in diesem Buch ein.

Die Zustände, die Postel für diese ostdeutsche Psychiatrie beschreibt, sind ziemlich haarsträubend.

Das Interessanteste an dieser Sache sind aber nicht die Zustände in einer ostdeutschen Psychiatrie sondern die Tatsache, dass nie Verdacht an Postels Kompetenz aufkam und er in der ganzen Zeit die besten Arbeitszeugnisse erhielt.

Wie erklärt sich das? Ganz einfach: Die Psychiatrie ist ein Fach, in dem kein zuverlässiges Diagnosemittel zur Verfügung steht. Man kann nicht, wie zum Beispiel bei Diabetes, den Blutzucker messen.

Man kann also den Patienten nicht in den Kopf schauen. Man kann die Patienten nur befragen, wie es ihnen geht und warum sie sich auf eine bestimmte Art Verhalten (die oft auch auffällig sein mag. Ob dieses auffällige Verhalten begründet ist, oder nicht, ist eine ganz andere Frage).

Diese Aussagen der Patienten selbst müssen dann vom Arzt interpretiert werden. Oft ist die Fragestellung der Psychiater dabei schon tendenziös. Noch schlimmer ist aber, dass die Interpretation der Antworten des Patienten völlig aleatorisch und ganz vom Arzt abhängig ist.

Natürlich gibt es noch die Standardbeschreibungen der Krankheiten im ICD-10. Der ICD-10 wird aber selbst jedes Jahr verändert und ist keineswegs ein objektives Regelwerk für die vorhandenen Krankheiten. So werden dauernd Krankheiten gestrichen oder eben neue dazu gefunden.

Ein lustiges Beispiel hierzu: Paul Watzlawick hat mal in einem Vortrag erklärt, wie man Anfang der 90er-Jahre (genau: Im Jahre 1992) Millionen Menschen auf einen Schlag “geheilt” hat, indem man die Homosexualität als psychiatrisch zu diagnostizierende sexuelle Deviation damals definitiv aus dem ICD-10 gestrichen hat.

Damit waren Menschen, die jahrhundertelang als “krank” und “pervers” galten, mit einem Schlag aus psychiatrischer Sicht “gesund” und “normal”. Und mit den anderen “psychiatrischen” Krankheiten ist es manchmal ähnlich.

Watzlawick als Konstruktivist war natürlich ein Skeptiker gegenüber jeder Form von “Wahrheit” und “Objektivität”, und als Psychologe nahm er sein eigenes Fach, die Psychologie und Psychiatrie, hiervon nicht aus.

Warum also konnte Postel alle Kollegen ebenso wie die Patienten und die übergeordneten Ministerien täuschen? Weil es ein Hochstapler auf dem Gebiet der Psychiatrie enorm einfach hat. Es gibt keine wirksamen hirnorganischen Untersuchungsmethoden und die Aussagen der Patienten sind beliebig interpretierbar. Die verwendeten Medikamente beschränken sich in der Praxis auf eine Handvoll bewährter Psychopharmaka, die man dann standardmässig einsetzen kann.

Als “Arbeitsmittel” genügt hier im Prinzip der Benkert-Hippius (Kompendium der psychiatrischen Pharmakotherapie) vollkommen.

In solch einem Handbuch kann man auch schnell nachschlagen, welche Medikamente bei welcher Diagnose standardmässig eingesetzt werden.

Der Grund, warum Postel sich ausgerechnet um die Stelle eines Amtsarztes oder Psychiaters beworben hat, ist vielleicht weniger dem von seiner Familiengeschichte her bedingten Rachebedürfnis an der Psychiatrie zu verdanken als der Tatsache, dass es in diesem Bereich ein Hochstapler enorm einfach hat und er selbst dann als guter Psychiater dastehen kann, wenn er von der ganzen Materie nur oberflächlich Ahnung hat.

Zum Vergleich: Wäre die Mutter Postels an der Fehlbehandlung eines Chirurgen verstorben oder Postel in seiner Jugend Opfer von misslungenen chirurgischen Behandlungen geworden, so hätte er sich trotzdem kaum an der Chirurgenzunft rächen können. Schon bei der ersten Operation durch den Hochstapler Postel wäre nach wenigen Minuten allen im Operationssaal Anwesenden klar geworden, dass er kein Chirurg ist und seine Patienten hätten seine Hochstapelei mit großer Sicherheit mit dem Leben bezahlt, zumindest bei komplizierteren Operationen.

Es wird wohl kaum jemals einen Hochstapler geben, der erfolgreich als Chirurg durchgekommen wäre. Man braucht hier ein sehr solides medizinisches und handwerkliches Wissen, das man nur durch gründliches Studium erwerben kann und nicht durch die flüchtige Lektüre eines Handbuches.

Nun, wie jeder Hochstapler wurde auch Postel am Ende enttarnt. Gert Postel wurde am 12. Mai 1998 in Stuttgart festgenommen und im Jahre 1999 vom Landgericht Leipzig wegen mehrfachen Betruges und Urkundenfälschung zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt.

Nach seiner vorzeitigen Entlassung im Januar 2001 veröffentlichte Gert Postel sein Buch “Doktorspiele“. Das Buch ist übrigens nicht schlecht geschrieben und witzig, auch wenn der Narzissmus Postels ein Stück weit spürbar ist. Postel ist auf seine Husarenstücke natürlich mächtig stolz, vielleicht nicht ganz zu Unrecht, das Hochstapeln ist auch eine Kunst und erfordert sehr gute Nerven.

Für manche Leute aus der Antipsychiatrie-Bewegung wurde Postel dadurch zum Helden. Für mich selbst gilt das nicht, Postel ist für mich im Prinzip ein Verbrecher und taugt daher nicht als Vorbild für eine ernsthafte Antipsychiatriebewegung.

Meine Vorbilder sind psychiatriekritische Philosophen wie Michel Foucault und Psychiater wie zum Beispiel Ronald D. Laing und Franco Basaglia, die versucht haben, die psychiatrische Praxis gemäß den Erkenntnissen der Antipsychiatrie-Bewegung zu verändern.

Aber Postels Fall ist insofern sehr lehrreich, als er zeigt, wie leicht es ein Hochstapler im Bereich der Psychiatrie und wie wenig hartes wissenschaftliches Fundament dieses Fach immer noch hat.

Daher sollte der Fall Postel jedem zu denken geben, der an eine vermeintlich “wissenschaftliche” Psychologie oder Psychiatrie glaubt. Tatsächlich ist an der Psychologie und Psychiatrie so gut wie nichts wissenschaftlich, beziehungsweise was wissenschaftlich daran ist, ist so dürftig, dass es von jedem Hochstapler schnell gelernt und erfolgreich angewendet werden kann.

Der Fall Postel sollte jeden nachdenklich stimmen, der meint, ein psychiatrisches oder psychologisches Gutachten jedwelcher Art enthalte irgendeine klar fixierbare und messbare, objektive Wahrheit.

Creative Commons Lizenzvertrag Gert Postels “Doktorspiele” (2003) revisited Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.
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