Frédéric Beigbeders “99 francs” (2000) revisited

Ein Buch, das ich in letzter Zeit ebenfalls wiedergelesen habe, ist Frédéric Beigebeders grober Hammer “99 francs” aus dem Jahre 2000, in der deutschen Übersetzung “Neununddreißigneunzig” (im Jahre 2001 in Deutschland erschienen).

Ich habe seinerzeit auch die Verfilmung des Romans mit dem Titel “39,90” von Jan Kounen im Jahre 2007 angeschaut, die übrigens tatsächlich gelungen ist.

Frédéric Beigbeder wurde 1965 als Sohn eines Personalberaters und einer Übersetzerin, Nachfahrin des Adelshauses de Chasteigner, im Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine geboren. Durch die frühe Scheidung seiner Eltern entwickelte er eine starke Bindung zu seinem Bruder, Charles Beigbeder, einem französischen Unternehmer der Energiewirtschaft und Ritter der Ehrenlegion.

Beigbeder studierte an der Sciences Po Paris Politikwissenschaft und wurde nach der Veröffentlichung seines ersten Romans “Memoiren eines Sohnes aus schlechtem Hause” von der international tätigen Werbeagentur Young & Rubicam engagiert. Dort arbeitete er zehn Jahre als Texter und Conceptioner, als hochbezahlte sogenannte “Kreativkraft“.

Mit der Veröffentlichung seines Romans Neununddreißigneunzig (99 francs) wurde er über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt und zugleich zu einem der Stichwortgeber für die Kritik an einem auch durch die Werbeindustrie zunehmend totalitär werdenden Kapitalismus. Weitere Romane folgten. 1994 rief er den Prix de Flore für junge Autoren (benannt nach dem berühmten Café Flore in St.-Germain-des-Prés) ins Leben, zu dessen Preisträgern Michel Houellebecq und Virginie Despentes zählen, beide übrigens wir er auch Skandalautoren, für die der Tabubruch Teil einer Marketingstrategie ist. 2009 erhielt Beigbeder für sein Werk “Un roman français” den Prix Renaudot.

Worum geht es in “Neuundreißigneunzig“? Nun, wie der Roman “Ausweitung der Kampfzone” von Michel Houellebecq trägt auch dieser Roman stark autobiographische Züge (siehe hierzu meinen vorhergehenden Blogeintrag: “Michel Houellebecqs `Ausweitung der Kampfzone´ revisited”).

Tatsächlich war es auch sein Freund Michel Houellebecq der Frédéric Beigbeder aufforderte, als dieser bei der Werbeagentur Young & Rubicam angestellt war, einen Roman über das zu schreiben, was hinter den Kulissen der Werbeindustrie vor sich geht.

Beigbeder schrieb diesen Roman also mit geballtem Insiderwissen und übrigens in der festen Absicht, gekündigt zu werden. Das gelang ihm auch. Sofort nach Erscheinen des Romans wurde Beigbeder gefeuert.

Der Titel 39,90 steht für den Verkaufspreis von DM 39,90 für die deutsche Erstausgabe (in Frankreich wurde der Roman erst für 99 francs verkauft, daher der Originaltitel: 99 francs)

Der Roman erzählt die Geschichte Octave Parangos, der in der Werbebranche als sogenannter Kreativer – er selbst nennt sich “Weltverschmutzer” – tätig ist. Octave schildert die durch seine Tätigkeit völlig ungut gewordenen Gefühle gegenüber der Konsumwelt und der Verantwortungslosigkeit der Werbeindustrie.

Octave geht immer wieder auf seinen vermeintlichen Traumjob ein, den er nur durch den exzessiven Kokainkonsum, käufliche Liebe und viel destruktiven Zynismus ertragen kann. Seine schwangere Frau Sophie vernachlässigt er, bis sie ihn verlässt.

Letztlich schafft es Octave trotz seiner Provokationen nicht, gekündigt zu werden. Im Gegenteil, nach dem Tod seines Vorgesetzten Marc Marronnier wird er sogar befördert. Mit einem Werbespot gewinnt er außerdem den Goldenen Löwen in Cannes. Beim Dreh des Spots in Florida tingelt Octave mit seinen Kollegen durch das Nachtleben von Miami. Aus Langeweile oder Überdruss dringen sie schließlich in die Villa einer Rentnerin ein, foltern und töten sie. Der Mord wird von Überwachungskameras gefilmt, die Täter werden identifiziert und schließlich bei der Preisverleihung in Cannes verhaftet. Octaves Erzählung endet im Gefängnis.

Im letzten Kapitel erfährt der Leser, dass Octaves ehemaliger Vorgesetzter Marc Marronnier nicht tot ist, sondern sich nur in die Karibik abgesetzt hat. Er lebt dort zusammen mit der ehemaligen Freundin Octaves Sophie und ihrer Tochter auf einer Insel von Aussteigern.

In sechs Kapiteln durchleuchtet der Ich-Erzähler die Werbebranche und prangert die einhergehende Dekadenz des Geschäfts an. Die Handlungs des Buches steht im Hintergrund, franst gegen Ende des Romans auch zunehmend aus. Der Erzähler versucht deutlich zu machen, dass die heutige Werbeindustrie nach den Mechanismen der Propaganda totalitärer Staaten funktioniere.

Das erste Motto, das Beigbeder seinem Buch voranstellt, ist zugleich das Programm des Buches: “Es gibt natürlich keinen Grund, warum der neue Totalitarismus dem alten gleichen sollte. Ein Regieren mittels Knüppeln und Exekutionskommandos, mittels künstlicher Hungersnöte, Massenverhaftungen und Massendeportationen ist nicht nur unmenschlich (darum schert sich heutzutage niemand viel); es ist nachweisbar leistungsunfähig – und in einem Zeitalter fortgeschrittener Technik ist Leistungsunfähigkeit die Sünde wider den Heiligen Geist. Ein wirklich leistungsfähiger totalitärer Staat wäre ein Staat, in dem die allmächtige Exekutive politischer Machthaber und ihre Armee von Managern eine Bevölkerung von Zwangsarbeitern beherrscht, die zu gar nichts gezwungen zu werden brauchen, weil sie ihre Sklaverei lieben. Ihnen die Liebe zu ihr beizubringen ist in heutigen totalitären Staaten die den Propagandaministerien, den Zeitungsredakteuren und Schullehrern zugewiesene Aufgabe” (Aldous Huxley, Schöne neue Welt, neues Vorwort 1946).

Um diese These zu belegen, greift der Erzähler Auswirkungen von realen Werbekampagnen auf und vergleicht sie mit der Propaganda zum Beispiel des Nationalsozialismus, und zitiert Goebbels, dessen Strategien der Massenbeeinflussung auch in der heutigen Werbung Verwendung fänden.

Die Sprache des Romans ist direkt, reißerisch und plakativ, wie die Werbung selbst: Die ideale Konsumentin einer fiktiven Joghurt-Marke des Romans wird als „Mongoloide unter 50“ bezeichnet. Der Protagonist Octave, der als ehemaliger Idealist zu einem frustrierten Beobachter der Werbeindustrie geworden ist, gerät im Verlauf des Romans in den Hintergrund und man erlebt ihn nur mehr als Teil der Werbemaschinerie.

Natürlich landet auch Octave irgendwann mal in der Psychiatrie. Dort lernt er Insassen mit abenteuerlichen (natürlich fiktiven und sarkastisch ausgestalteten) psychischen Krankheiten kennen: “So erzählt ihm sein Flurnachbar, es sei aidophil (eine neuartige sexuelle Perversion). `Ich hab Weiber aufgenommen, die sich von einem positiven Kumpel ohne Gummi haben poppen lassen. Die wussten natürlich von nichts. Dann hab ich sie aus einem Versteck heraus dabei gefilmt, wie sie ihre Testergebnisse abgeholt haben. Mein Höhepunkt war der Moment, wo sie begriffen haben, dass sie positiv sind. Wenn sie den Umschlag aufgerissen haben, hab ich abgespritzt. Die Aidophilie ist meine Erfindung. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie geil das war, wenn sie mit ihrem Wisch mit dem “HIV+” drauf aus dem Labor gekommen sind und losgeheult haben. Aber als die Bullen meine Kassetten konfisziert haben, war Schluss mit lustig. Sie haben mich in den Knast gesteckt und dann hier rein. Ich sterbe sowieso bald. Aber hier gehts mir gut (…)´.

Breiten Raum nehmen in diesem Roman auch die ironisch ausgestalteten fiktiven Werbespots ein, die von den “Kreativkräften” auf den Meetings präsentiert werden: “Gut, ja, also: Wir befinden uns am Strand von Malibu, Kalifornien. Herrliches Wetter. Zwei hinreißende Blondinen im roten Badeanzug laufen über den Strand. Sagt die eine: `Die onomastische Exegese sieht sich dem Widerruf durch die Hermeneutik ausgesetzt´. Antwortet die andere: `Man sollte sich jedoch hüten, in ontologische Paronomasie zu verfallen´. Auf dem Ozean brüllen sich währenddessen zwei braun gebrannte Surfer an: `Weißt du, dass Nietzsche in `Ecce Homo´ eine total hedonistische Eloge auf das Schwimmen verfasst hat?´ Der andere, ziemlich wütend: `Überhaupt nicht, er vertritt nur das Konzept der `Großen Gesundheit´ als allegorischen Solipsismus!´ Zurück zum Strand, wo die beiden Mädchen jetzt mathematische Gleichungen in den Sand malen. Dialog: `Wenn man als Hypothese annimmt, dass die Kubikwurzel aus x in Funktion des Unendlichen variiert….´. `Ja´, sagt die andere, `dann musst du das Ganze, das zur Asymptote strebt, nur noch gliedern´. Die Aufnahme eines Maigrelette-Bechers (Maigrelette ist der fiktive Joghurt einer grossangelegten Joghurt-Kampagne in diesem Roman) beendet den Film. Super: `Maigrelette. Schlank macht schlau´”.

Und so geht es in diesem Roman munter weiter. Das Ganze ist in seiner hammerartigen Brutalität und Derbheit eigentlich mehr am amerikanischen Skandalautor Bret Easton Ellis, vor allem seinem “American Psycho” und den Protagonisten seines Romans aus der Modewelt “Glamorama” dran (tatsächlich ist der “Werbepsycho” Octave Parango dem Protagonisten von “American Psycho” Patrick Bateman ein Stück weit ähnlich) als an Michel Houellebecq, dessen Stil und Beschreibungen ein Stück weit sensibler und wehmütiger sind.

Natürlich handelt es sich hier um kein grosses, klassisches Romanwerk, sondern um marketingstrategisch durchdachten Edeltrash und eine Brutalparodie auf die Werbeindustrie und den fortgeschrittenen Kapitalismus (mit dem Titel “99 francs” nimmt Beigbeder auch seine eigene Marketingstrategie kräftig auf die Schippe).

So aberwitzig dieser Roman auch ist, Fritz Göttler traf in einer Rezension in der “Süddeutschen” im Jahr 2001 den Nagel auf den Kopf: Göttler fand eigentlich, dass das Buch als “Satire zu verspielt” und als philosophisches “Pamphlet zu banal” ist. Und dennoch bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass der Roman “funktioniert”, was nach seiner Ansicht an dem munteren Mischen verschiedener Genres liegt. Um so faszinierender scheint er es zu finden, dass das Schreiben Beigbeders “moralisch affiziert” ist, und keineswegs nur “Ikonoklasmus” von überkommenen Werten darstellt, wie er betont.

So sehr also auch Beigbeder eine Marketingsstrategie vefolgt, hat er mit diesem Roman, wie Göttler zurecht bemerkt, doch auch massiv ein moralisches Anliegen.

Am Anfang von Kapitel 4 seines Roman legt er dieses Anliegen offen dar: “Eine kleine Klarstellung: Ich werde hier keine Selbstkritik üben und keine öffentliche Psychoanalyse betreiben. Ich schreibe eine Beichte, abgelegt von einem Kind dieses Jahrtausends. Und wenn ich den Begriff `Beichte´ verwende, dann im katholischen Sinne des Wortes. Bevor ich mich aus dem Staub mache, will ich meine Seele retten. Denn es wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, vor neunundneunzig Gerechten, die der Buße nicht bedürfen (Lukas 14.15). Der Einzige, mit dem ich noch einen unbefristeten Vertrag abschließe, ist Gott.”

Tatsächlich verweist also der Romantitel “99 francs” genau auf diese Bibelstelle. In der Einheitsübersetzung (Lukas 15,7): “Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, umzukehren“.

Dieser Roman ist kein Geniestreich wie Houellebeqs “Ausweitung der Kampfzone“, aber eine zornige und engagierte Abrechnung mit der Werbeindustrie, in der Beigbeder jahrelang als hochbezahlter Kreativer seine Arbeit verrichtete, bis er von diesem miesen “Business” genug hatte. Die Wiederbegegnung mit diesem Roman hat sich für mich mehr als nur gelohnt.

Creative Commons Lizenzvertrag Frédéric Beigbeders “99 francs” (2000) revisited Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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