Michel Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone” (1994) revisited

In den letzten Tagen habe ich nach längerer Zeit (ich las seinerzeit den Roman kurz nachdem er in deutscher Übersetzung herauskam) nochmals Michel HouellebecqsAusweitung der Kampfzone” von 1994 (deutsche Übersetzung 1999) durchgelesen.

Der 1956 als Michel Thomas auf der Insel Réunion geborene Franzose Michel Houellebecq lebt heute in Irland und auf Lanzarote. Houellebecq lehrt an der European Graduate School in Saas-Fee.

Sein Vater, ein Hochgebirgsführer, und seine Mutter, eine Anästhesistin, beschlossen früh, Michel zu den Großeltern mütterlicherseits im seinerzeit noch französischen Algerien zu geben. Die Eltern befanden sich in einer Beziehungskrise und ließen sich scheiden, als seine Mutter von einem anderen Mann schwanger wurde. Mit sechs Jahren kam Michel zu seiner Großmutter väterlicherseits, einer Kommunistin, deren Geburtsnamen er später als Künstlernamen wählte. Der Umzug ins Pariser Umland bedeutete für ihn den Wechsel auf ein Internat in Meaux.

Nach dem baccalauréat besuchte er am Pariser Lycée Chaptal die Vorbereitungsklassen für technische Hochschulen (Grandes Écoles).

1975 wurde er zum Studium am Institut national agronomique Paris-Grignon (INA P-G) zugelassen. Hier gründete er nebenher die kurzlebige Literaturzeitschrift Karamazov, für die er einige Gedichte schrieb, und versuchte sich im Drehen eines Films, Cristal de souffrance (Leidenskristall).

1978 beendete er das Studium als diplomierter Landwirtschaftsingenieur. Statt jedoch berufstätig zu werden, bewarb er sich mit Erfolg um einen Studienplatz in der Sektion Film (Cinématographie) der École nationale supérieure Louis Lumière, die er 1981 aber vor dem Abschluss verließ.

1980 heiratete er die Cousine seines besten Freundes, ein Jahr später wurde sein Sohn Étienne geboren. Dieses Ereignis konnte Houellebecq nicht verkraften: Er war stellungslos, hatte Eheprobleme und litt an Depressionen. Er trennte sich von seiner Frau und begab sich in psychiatrische Behandlung.

1983 bekam er eine Stelle als Informatiker in einer Firma und wechselte später ins Landwirtschaftsministerium. Diese Zeit von rund drei Jahren verarbeitete er später in seinem Romanerstling “Ausweitung der Kampfzone”, der allerdings nicht rein autobiographisch ist, sondern seine persönlichen Erfahrungen zugleich frei und künstlerisch ambitioniert verarbeitet.

Neben der Berufstätigkeit schrieb er Gedichte, Kritiken und Rezensionen. Er kam mit verschiedenen Leuten im Pariser Literaturbetrieb in Kontakt und widmete sich schließlich ganz der Schriftstellerei. 1991 erschienen sein Essay H.P. Lovecraft und sein Gedichtband Rester vivant, dem 1992 der Band La Poursuite du bonheur folgte. Im selben Jahr lernte er seine heutige Ehefrau Marie-Pierre Gauthier kennen.

Vor allem aufgrund der Anfeindungen der französischen Kritik nach seinem zweiten Roman, Elementarteilchen von 1998, zog sich Houellebecq mit seiner Frau nach Irland zurück. Seit 2003 haben sie ein Haus in Südspanien, in der Nähe von Almería.

In seinem frühen Essay H. P. Lovecraft, contre le monde, contre la vie, 1991 (Gegen die Welt, gegen das Leben, 2002), setzte er sich mit Leben und Werk des amerikanischen Kultautors der phantastischen Literatur H.P. Lovecraft auseinander.

Aber erst mit seinen Romanen Extension du domaine de la lutte 1994 (Ausweitung der Kampfzone, 1999) und vor allem Les Particules élémentaires, 1998 (Elementarteilchen, 2001), die beide verfilmt wurden, erreichte er nationale und internationale Bekanntheit. Der dritte Roman, Plateforme, 2001 (Plattform) und der vierte, La Possibilité d’une île, 2005 (Die Möglichkeit einer Insel) waren gleich bei ihrem Erscheinen Erfolge.

Sie wurden mit den Literaturpreisen Prix Novembre bzw. Prix interallié ausgezeichnet und noch im Erscheinungsjahr in mehrere Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt.

In seinen meist in der Ich-Form erzählten Romanen zeichnet Houellebecq, ähnlich wie sein Freund Frédéric Beigbeder, das Bild einer sinnentleerten, narzisstischen westlichen Konsumgesellschaft. Seine Protagonisten leiden unter ihrer Egozentrik, ihrem Unerfülltsein und ihren Schwierigkeiten, in einer kontakt- und gefühlsgehemmten Gesellschaft menschliche Nähe und gegenseitige Hingabe zu erleben. Insbesondere die sexuelle Frustration erscheint als ein Leitmotiv. Eine von Houellebecqs Spezialitäten, die besonders in Plateforme zum Tragen kommt, besteht darin, regelmäßig halb- bis anderthalbseitige Sexszenen in die Handlung einzufügen. Hierbei werden die Vorgänge teils sachlich, teils einfühlsam dargestellt.

Ein anderes Merkmal sind die ebenfalls oft eingefügten essayistischen, zeitkritischen oder populärwissenschaftlichen Betrachtungen. Insgesamt ist Houellebecqs Sprache schnörkellos und präzise; sein Erzählstil wirkt nüchtern und beiläufig.

Houellebecqs drei Lyrikbände sind im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt geblieben, ebenso seine Essays (einige 2001 wiederveröffentlicht in Die Welt als Supermarkt), die in der internationalen Presse (u. a. Die Zeit) und in namhaften Literaturzeitschriften (u. a. L’Atelier du roman, Paris) erschienen sind.

Houellebecqs Romane werden häufig kritisiert wegen bestimmter Passagen, die den Autor als Rassisten, Frauenhasser, Reaktionär oder Religions- (meist Islam-) Feind erscheinen lassen. Auch hat der als „nouveau réactionnaire“ diffamierte Houellebecq selbst wenig getan, um negative Vorstellungen über sich zu relativieren, vielmehr hat er diesen Provokationen in seinen Interviews oft noch ostentativ eins draufgesetzt.

Aber wie für seinen französischen literarischen Weggefährten Frédéric Beigbeder und sein amerikanisches Pendant Bret Easton Ellis ist für ihn der Skandal zunächst Teil einer Strategie, sich auf dem literarischen Markt zu behaupten. Indem er jedoch die Befindlichkeit innerhalb einer vom globalisierten Kapitalismus regierten Lebenswirklichkeit zugespitzt artikuliert, gelangt er in die Position eines Mahners, der auf die tieferen Ursache für das weitverbreitete Gefühl der Ohnmacht in unserer Gesellschaft verweist.

Über die Qualität der Romane von Houellebecq lässt sich streiten. Seinen neuesten Roman “Karte und Gebiet” habe ich noch nicht gelesen, alle anderen aber schon. “Plattform” ist relativ schwach (von der Provokation des vom Protagonisten ostentativ ausgelebten Sextourismus´ mal abgesehen), “Die Möglichkeit einer Insel”, dessen Thematik an die Spinnereien der Rael-Bewegung angelehnt ist, ist meiner Meinung sogar sehr schwach.

Diese Romane hätten meiner Meinung nach keine Preise verdient.

Elementarteilchen“, der sich um das Leben der fiktiven Brüder Bruno und Michel dreht, ist ein gutgeschriebener und interessanter Roman, den ich gerne gelesen habe.

Das eigentliche Meisterwerk von Houellebecq aber, durch den der Autor auf einen Schlag berühmt wurde, ist “Ausweitung der Kampfzone“. Insgesamt wurde das Buch in über 20 Sprachen übersetzt und mit dem Grand Prix national des lettres sowie dem Prix Flore für den besten Erstlingsroman ausgezeichnet.

Der Roman erzählt das Leben eines 30-jährigen Ich-Erzählers (ein “alter ego” Houellebecqs), der als gut bezahlter Informatiker in einem Pariser Software-Unternehmen arbeitet. Seine spärlichen und beschränkten sozialen Kontakte ergeben sich nur aus seinem Beruf, die Wochenenden verbringt er in der Regel völlig allein. Seine letzte intime Beziehung zu einer Frau liegt mehr als zwei Jahre zurück.

Er wird von seiner Firma abkommandiert, die Einführungen in eine neue Software für das Landwirtschaftsministerium zu übernehmen. Zusammen mit seinem Kollegen Tisserand muss er dazu drei Reisen in die Provinz unternehmen.

Tisserand brüstet sich unentwegt mit Frauengeschichten, die er gar nicht erlebt hat, weil er unattraktiv ist und alle Frauen die Flucht ergreifen, sobald er in ihre Nähe kommt. Obwohl er sich nach eigenen Angaben mit seinem Gehalt jede Woche eine Prostituierte leisten könnte, hat er noch keinerlei sexuelle Erfahrungen.

In La Roche-sur-Yon, der dritten Station des Teams, dreht der frustrierte Tisserand langsam durch. Der Erzähler bietet ihm an, mit ihm zusammen den Weihnachtsabend in einer Diskothek in Les Sables-d’Olonne zu verbringen; Tisserand willigt ein. Der Erzähler sieht sich eine Weile das aussichtslose Werben Tisserands um ein Mädchen an, das aussieht wie die Exfreundin des Erzählers. Doch Tisserand wird ziemlich bald von einem jungen Schwarzen ausgestochen, mit dem das Mädchen wenig später die Disco verlässt.

Der Erzähler überzeugt Tisserand davon, dass dieser niemals das Herz und den Körper einer Frau besitzen wird, aber durch einen Mord immerhin ihr Leben und ihre Seele besitzen kann. Sie fahren dem Pärchen nach, das sich zum Sex an den Strand zurückzieht. Tisserand verfolgt sie mit einem Messer, bringt den Mord dann aber doch nicht über sich. In der selben Nacht fährt er zurück nach Paris und stirbt bei einem Verkehrsunfall.

Mit dem Erzähler geht es daraufhin auch bergab, er sitzt tagelang nur noch in seiner Wohnung. Nachts hat er Alpträume. Silvester will er im Heimatdorf seiner Eltern in Südfrankreich verbringen. Er kommt bis Lyon, wo er die Nacht im Bahnhof zwischen Junkies und Obdachlosen verbringt. Am nächsten Morgen fährt er zurück nach Paris. Schließlich begibt er sich in psychiatrische Behandlung, wo bei ihm eine Depression diagnostiziert wird. In der letzten Szene des Romans fährt er unter Aufbietung all seiner Kräfte mit dem Fahrrad in den Forst von Mazas, der im Gebirge liegt: “Ich fahre noch etwas tiefer in den Wald hinein. Auf der anderen Seite dieses Hügels, sagt die Karte, sind die Quellen der Ardéche. Das interessiert mich nicht mehr; ich fahre trotzdem weiter. Und ich weiß nicht mal mehr, wo die Quellen sind; alles ist jetzt einander gleich. Die Landschaft ist jetzt so sanft, so freundlich und froh, dass mir die Haut wehtut. Ich bin mitten im Abgrund. Ich spüre meine Haut wie eine Grenze; die Außenwelt ist das, was mich zermalmt. Heilloses Gefühl der Trennung; von nun an bin ich ein Gefangener in mir selbst. Die sublime Verschmelzung wird nicht stattfinden; das Lebensziel ist verfehlt. Es ist zwei Uhr nachmittags“.

Die zentrale Stelle des Romans ist die, in der dem Leser erklärt wird, was mit der “Ausweitung der Kampfzone” gemeint ist. Tatsächlich dreht sich der Roman nur um den Kampf der Menschen in der Gesellschaft um Status, Geld und Sex. Tatsächlich sind diese ja auch die Hauptversprechungen des neoliberalen Kapitalismus für diejenigen Mitglieder der Gesellschaft, die bereit sind, sich der geforderten “rat race” im System zu stellen.

Houellebecq in Kapitel acht von “Ausweitung der Kampfzone”: “Der Sex, sagte ich mir, stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist; und es funktioniert mindestens auf ebenso erbarmungslose Weise. Auch die Wirkungen dieser beiden Systeme sind genau gleichartig. Wie der Wirtschaftsliberalismus – und aus analogen Gründen – erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung. Manche habe täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf- oder sechsmal in ihrem Leben oder überhaupt nie. Manche treiben es mit hundert Frauen, andere mit keiner. 

Das nennt man “Marktgesetz”. In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen.

In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend.

In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige  ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt.

Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. (…). Manche gewinnen auf beiden Ebenen; andere verlieren auf beiden. Die Unternehmen kämpfen um einige wenige Jungakademiker; die Frauen kämpfen um einige wenige junge Männer; die Männer kämpfen um einige wenige Frauen. Das Maß an Verwirrung und Aufregung ist beträchtlich”. 

Dies ist die Grundeinsicht des Romans, und die verschiedenen Situationen im Roman exemplifizieren und unterstreichen diese Grundeinsicht, die dem Roman zugleich als Titel dient.

Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone” ist ein kleiner Geniestreich und eine Abrechnung mit dem Kapitalismus und der “Sexuellen Revolution“, die letztendlich die Statuskämpfe in unserer Gesellschaft noch massiv verschärft hat und den Verlierern im System nicht nur auf ökonomischer, sondern zusätzlich noch auf sexueller Ebene den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ich kann euch diesen Roman nur wärmstens empfehlen, wenige heutige Schriftsteller haben ein so ehrliches und radikales Buch geschrieben wie dieses.

Creative Commons Lizenzvertrag Michel Houellebecqs “Ausweitung der Kampfzone” (1994) revisited Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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