Die Blogs, Mailinglisten und eine kurze Erzählung von Tobias Wimbauer

Einer der besten Kenner des Werks von Ernst Jünger in Deutschland ist Tobias Wimbauer.

Wimbauer begann 1999 an der Universität Freiburg ein Studium der Germanistik und Philosophie, das er 2002 abbrach. Danach war er als Journalist für die Wochenzeitung Junge Freiheit und im Verlagswesen tätig. 2004 nahm er in Wuppertal das Studium in den Fächern Germanistik und Soziologie wieder auf.

In der Jünger-Forschung wurde Wimbauer 1999 bekannt, als er in seinem Personenregister der Tagebücher Ernst Jüngers zahlreiche von Jünger verwendete Decknamen entschlüsselte (Wimbauer, Tobias, Personenregister der Tagebücher Ernst Jüngers, Hagen-Berchum: Eisenhut-Verlag, 3., aktualisierte Auflage, 2010).

Zudem erstellte er ein Register für die Korrespondenz Jüngers mit Carl Schmitt. Aufgrund der aufwändigen Indizierungsarbeiten sowie neuer Funde zum Briefwechsel Jüngers (u. a. mit Alfred Kubin und Schmitt) ist Wimbauer einer der besten Kenner des Lebens und der Biographie von Ernst Jünger.

Über die Fachöffentlichkeit hinausgehende Aufmerksamkeit erhielt Wimbauers Entdeckung eines unbekannten Briefes von Paul Celan an Jünger, den er 2005 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung präsentierte.

2004 stieß Wimbauer mit einer neuen Auslegung der „berüchtigten Burgunderszene“ aus den Strahlungen eine Debatte über den fiktionalen Gehalt der Tagebücher Jüngers an, indem er Indizien zusammentrug, denen zufolge der dort beschriebene Luftangriff in Wirklichkeit nicht stattgefunden hatte (in: Anarch im Widerspruch, Schnellroda: Edition Antaios 2004). Wimbauers These, Jünger habe in der „Burgunderszene“ eine eskalierende Liebesaffäre mit der Pariser Ärztin Sophie Ravoux chiffriert, hat in der Jünger-Forschung eine nähere Beschäftigung mit der Affäre zur Folge gehabt.

Wimbauer betreibt ein Versandantiquariat und verlegt seit einiger Zeit auch Bücher. Er hat einen eigenen Blog im Netz und natürlich auch einen Blog zu seinem “Eisenhutverlag” und den Blog zu seinem Versandantiquariat.

Tobias Wimbauer ist ein guter Freund von mir und ein belesener und interessanter Mann. Unter anderem betreibt er eine Ernst-Jünger und eine Carl-Schmitt-Mailingliste, die alle neuerscheinenden Artikel (sowohl viele Fachartikel als auch vor allem die der Presse) über diese beiden Gestalten der deutschen Philosophie und Literatur an die interessierten Empfänger zumailt. Wer von euch Bloglesern Interesse hat, sollte sich zu diesem Zweck an Tobias Wimbauer wenden.

Wimbauer hat aber auch seinerzeit eine kleine Sammlung mit eigenen Erzählungen unter dem Titel “Lagebericht” veröffentlicht (Wimbauer, Tobias, Lagebericht und andere Erzählungen, Schwielowsee: Telesma-Verlag 2008).

Manche von ihnen sind wirklich gelungen, und am besten gefällt mir die kurze Erzählung “Eine Rezension”, die ich auch deshalb hier mit der Erlaubnis von Tobias Wimbauer präsentieren möchte, weil sich die hier widerspiegelnden Erfahrungen Wimbauers als Journalist und Rezensent mit meinen eigenen Erfahrungen als Journalist und Rezensent decken. Im Nachfolgenden also der wirklich erheiternde und sarkastische, fiktive Bericht über die Entstehung einer Buchrezension, der allerdings eine geballte Portion Wahrhaftigkeit enthält, wie euch jeder gewiefte Journalist wird bestätigen können.

PS: Nachtrag März 2013: Tobias Wimbauer hat jetzt seine Ernst-Jünger-Mailingliste eingestellt und bietet stattdessen nun einen neu eingerichteten Ernst-Jünger-Blog (ernstjuenger.wordpress.com) an.

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EINE REZENSION

Das Telephon klingelt. Joachim nimmt ab. Es ist drei Uhr mittags, am Apparat ist die Redaktion. Ein Werbekunde habe abgesagt, man müsse nun zwei Spalten redaktionell füllen.

Er, Joachim, habe doch vor ein, zwei Monaten den neuen Roman von Schriftsteller Soundso bekommen. Joachim schaut an die Decke und erinnert sich weder des Romans noch des Autors.

Der Redakteur sagt: „Bittebitte, mailen Sie mir Ihre Rezension bis 17 Uhr, 1800 Zeichen, ist dann morgen drin.“

Joachim sagt: „Das wird eng.“

Der Redakteur sagt noch einmal „bittebitte“, und Joachim stimmt zu.

Joachim geht zu dem Bücherstapel auf seinem Schreibtisch und stapelt dort die Bücher um. Der Roman ist nicht dabei. Dann geht Joachim zu dem Bücherstapel auf seinem Nachttischchen und schaut dort die Bücher an. Der Roman ist nicht dabei. Auch nicht in der Küche bei den Zeitungen, auch nicht im Arbeitszimmer auf dem Lesetisch.

Er googelt den Romantitel. Immerhin findet er den Klappentext des Verlages im Internet. Darin steht, der Roman sei ein vertrackter Kriminalroman. Also schreibt Joachim: „Das Erscheinen eines feinkomponierten und geradezu vertrackten Krimis ist zu vermelden.“ Und zählt: noch 1714 Zeichen. Er setzt einen Doppelpunkt, kopiert den Namen des Autors und den Titel in sein Schreibprogramm, setzt in Klammern dahinter die bibliographischen Angaben, die der Verlag gegeben hat, und schon ist er bei 1500 verbleibenden Zeichen angelangt.

Im Klappentext heißt es weiter, daß der Autor selbst Polizist werden wollte, also schreibt Joachim „autobiographisch?“ und markiert diese Zeile rot. Dann heißt es, daß der Roman in Schleswig-Holstein spiele und mit der Landschaft eng verwoben sei. „Aha“, sagt Joachim und schreibt los. Erst einen Absatz über Schleswig-Holsteins Landschaft im Allgemeinen und im Speziellen, dann über den landestypischen Charakter, wie er für Krimis bislang doch nur mit Kommissar Klaus Borowski repräsentiert worden sei, und dann einen Abschnitt über Borowski und seine Psychologin und über Axel Milberg.

In den verbleibenden 400 Zeichen variiert Joachim das Thema „autobiographische Elemente und Autor als gerngewesener Polizist“, um mit dem Eingeständnis zu schließen, daß nichts mehr fehl am Platze sei, als irgendetwas von der Handlung dieses packenden Krimis zu verraten. Daß dem Rezensenten, so er kein Spielverderber sein wolle, allenfalls zugestanden sei, Andeutungen über Stimmung und Hintergrund zu geben, und er ansonsten allein die dringliche Kaufempfehlung aussprechen könne.

1793 Zeichen — die fehlenden Sieben bügelt die Redaktion dann schon aus mit Absätzen und Formatierung.

Joachim ruft in der Redaktion an: „Ist fertig“, und mailt den Text an den Redakteur. Wenige Minuten später ruft der Redakteur bei Joachim an; er ist begeistert und bedankt sich.

Anderntags liest ein Autor mit zufriedenem Glück die Rezension seines Buches, keiner hat ihn je so gut verstanden, der Verlag wird Auszüge aus Joachims Besprechung auf dem Umschlag künftiger Auflagen abdrucken, und Joachim bekommt sein Honorar überwiesen. Alle sind zufrieden.

Und irgendwann fällt Joachim dann ein, daß er das Besprechungsexemplar vor ein paar Wochen Tante Margret zu ihrem Achtzigsten geschenkt hatte.

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