Erinnerungen an Robert Crumb und Gilbert Shelton

Zu den Erfahrungen meiner Jugendzeit zählen nicht nur die Filme von John Waters (siehe hierzu meinen Blogeintrag: Harris Glenn Milstead alias “Divine” und die frühen Filme von John Waters) sondern auch die Underground-Comix, deren wichtigste Vertreter Robert Crumb und Gilbert Shelton waren (ich bezog die “Underground-Comics” in deutscher Übersetzung – auch “U-Comix” genannt – in den achtziger Jahren oft in den preisgünstigen Sammelausgaben, die vom Zweitausendeins-Verlag verkauft wurden. Der Zweitausendeins-Verlag ist auf den Versandhandel spezialisiert, in Freiburg gibt es allerdings auch ein Ladengeschäft).

Was sind die sogenannten “Underground-Comix“?

Underground Comix sind in Klein- oder Selbstverlagen entstandene Comic-Books.

Man kann Vorläufer der amerikanischen Underground-Comix-Bewegung am Anfang der 1960er Jahre ausmachen. Ihre Magazine und Verlage entstanden in den späten 1960er Jahren in der Hippie-Metropole San Francisco, in Chicago und in New York.

Anfang 1968 erschien die erste Zap Comix-Ausgabe in San Francisco.

Robert Crumb, S. Clay Wilson, die Künstler Robert Williams, Rick Griffin und Victor Moscoso veröffentlichten in Zap.

Gilbert Shelton hatte schon in Texas satirische Comics veröffentlicht. Bill Griffith, der in New York für die Zeitschriften “East Village Other” und “Screw” gearbeitet hatte, ging 1970 nach San Francisco. Er gab später mit Art SpiegelmanArcade“ heraus, in der auch Justin Green Werke publizierte.

Viele Underground-Comickünstler beschäftigten sich nicht nur mit ihren eigenen Serien, sie trugen auch zu Comic-Anthologien bei.

So enthielt zum Beispiel die von Terry Zwigoff herausgegebene „Funny Aminals“-Anthologie Arbeiten von Crumb, Griffith, Lynch, Spiegelman und Shary Flenniken.

Wie gesagt, meine Lieblingszeichner waren Robert Crumb und Gilbert Shelton, die wohl auch die bedeutendsten und bekanntesten Vertreter der Underground-Comix sind.

Der 1943 in Philadelphia geborene Robert Crumb lebt seit Mitte der 1990er Jahre in Frankreich. Mit Anfang zwanzig lebte Crumb in Cleveland mit seiner ersten Frau Dana Morgan Crumb.

Ermutigt durch die Reaktion auf einige seiner Comics und Zeichnungen, die er in Underground-Zeitungen veröffentlicht hatte, zog Crumb 1967 nach San Francisco, dem Zentrum der Flower-Power-Bewegung.

Anfänglich verkaufte er psychedelische Poster, welche zum größten Teil in sogenannten Headshops verkauft wurden.

Crumb benutzte einen auf den ersten Blick antiquiert wirkenden Cartoon-Stil, um satirische Geschichten hervorzubringen, die sexuell und politisch anstößig wirkten.

Bald zog er eine Reihe von Künstlern an, die von der Möglichkeit, gegenkulturelle Comic-Bücher zu veröffentlichen, begeistert waren.

Crumb teilte die Seiten von Zap Comix später mit Künstlern wie Rick Griffin, S. Clay Wilson und Gilbert Shelton.

In Heften wie Zap und in vielen anderen Titeln schuf Crumb Comic-Figuren, die zu Ikonen des Anti-Establishment wurden. Zu den bekanntesten dieser Charaktere gehört “Fritz the Cat.

Im Zentrum der Undergroundcomix über “Fritz the Cat” steht der arbeitsscheue, sex- und drogensüchtige Kater Fritz, der sich durch aufgeregte Episoden diverser Art kämpft. Er wird beispielsweise von den Unannehmlichkeiten des Berühmtseins geplagt und von seiner Frau wegen seiner Faulheit ausquartiert. Schließlich heuert ihn eine extremistische Terrorgruppe als Bombenleger an. Thematik und Stil stammen aus dem Untergrund (counterculture) der amerikanischen Kulturszene der 1960er Jahre.

Crumbs Werke waren Mitte der 60er plötzlich sehr gefragt, und Crumb wurde zu einer Ikone des Anti-Establishments. Er blieb sich trotzdem treu und lehnte sogar lukrative Aufträge ab.

So entwarf er für Janis Joplin das Frontcover für ihr Album Cheap ThrillsEr lehnte es hingegen ab, ein Cover für ein Album der Rolling Stones zu entwerfen, da er ihre Musik nicht mochte.

Ralph Bakshi machte 1972 einen Zeichentrickfilm aus Fritz the Cat (der erste Zeichentrickfilm, der nur für Erwachsene zugelassen wurde), und der Film wurde ein kommerzieller Erfolg.

Crumb missfiel aber der Film so sehr, dass er daraufhin die Figur 1972 in einem seiner Strips von einer Straußenfrau durch einen Stich mit einem Eispickel in den Kopf umbringen ließ.

In der Mitte der 1990er zogen Crumb, seine Frau Aline Kominsky-Crumb (ebenfalls eine bekannte Underground-Zeichnerin) und seine Tochter nach Sauve, einer kleinen Stadt in der Region Languedoc-Roussillon in Frankreich.

Crumb ist auch Hobbymusiker und spielt Banjo und Mandoline in einer Band namens Les Primitifs du futur.

Der 1940 in Houston geborene Gilbert Shelton ist, wie schon gesagt, neben Robert Crumb der wohl bedeutendste und bekannteste Vertreter der amerikanischen Underground-Comix.

Seine bekannteste Reihe trägt den Titel “The Fabulous Furry Freak Brothers. Seit Mitte der 1980er Jahre lebt er – wie Robert Crumb auch – in Frankreich.

Die Geschichten der “The Fabulous Furry Freak Brothers” beleuchten den Alltag von drei Aussteigern (bzw. Hippies oder Freaks) und die alternative Szene im San Francisco der späten 1960er bis frühen 1990er Jahre auf sowohl ironische, sarkastische und satirische Weise.

Gilbert Shelton studierte an der Washington and Lee University, der Texas A&M University und der University of Texas at Austin, wo er 1961 seinen Bachelor in Sozialwissenschaften machte. Seine ersten Cartoons erschienen im Magazin The Texas Ranger.

Direkt danach arbeitete er für kurze Zeit als Redakteur eines Automagazins in New York City. 1961 begann er, an seiner Comicserie Wunderwarzenschwein (Wonder Wart-Hog), zu arbeiten.

Wunderwarzenschwein” ist eine deftige Superman-Parodie. Viele Eigenschaften typischer amerikanischer Comic-Superhelden werden karikiert und persifliert.

Der „Kühne Keiler“ besitzt einen äußerst muskulösen menschlichen Körper mit knapp 400 Kilo Gewicht, auf dem allerdings der borstige Kopf eines Wildschweines mit langem Rüssel sitzt. Des öfteren werden auch sein Körpergeruch bzw. seine Behaarung als eher animalisch angedeutet.

Wunderwarzenschwein besitzt übermenschliche Kräfte, hat einen Röntgenblick und kann fliegen; wie Superman hat er allerdings auch eine Achillesferse, nämlich Erdbeer-Rhabarbertorte, die seine Kräfte neutralisiert.

Unter seinem Haus befindet sich eine geheime Kommandozentrale, der “Wunderkoben” und sein Superfahrzeug nennt sich “Keiler-Kalesche”.

Wunderwarzenschweins geheimes Alter Ego ist Philbert Desanex, ein schüchterner, schmächtiger Reporter der Zeitung “Mißgeschick am Morgen“, welcher ständig von seinem Chef drangsaliert und ausgebeutet wird, ohne daß Desanex den Mumm hat, sich dagegen zu wehren (“Desanex! Ihre Reportagen bringen mich zum kalten Kotzen! Verschwinden sie und berichten sie über die Schildkrötenolympiade in Gruntville! Hier! Fangen sie auf! Eine der nagelneuen 25-Cent-Münzen! Spesen!“).

Philbert Desanex, der chronisch knapp bei Kasse ist, nimmt auch die erniedrigendsten Reportageaufträge an und begegnet dabei gewohnheitsmäßig diversen Kriminellen und grotesken Superschurken, so z.B. dem Maskierten Miesnik, dem tortenwerfenden und juckpulverstreuenden Super-Scherzkeks, Super-Patriot, Superoma, dem Chimärischen Chamäleon, Hyper-Hypnotiseur, etc.

Er wirkt zudem in einem Team mit, den Siegreichen Sieben, die ebenfalls Superheldenfiguren als Vorbild haben.

Charakteristisch für Wunderwarzenschwein ist, daß er Verbrecher und Superschurken nicht für Ruhm und Ehre oder aus Patriotismus fängt, sondern aus Geldgier und in der Hoffnung, seine Chancen bei den “wunderbar geformten, amerikanischen Miezen” zu verbessern. Seine Methoden sind naiv und gleichzeitig brutal. Wenn es sein muß, zermatscht “Wunderwarzenschwein” schon mal seine Gegner an Hauswänden, dreht ihnen den Hals mehrmals herum oder stampft sie in den Boden. Bisweilen geht er dabei derart schnell vor, daß seine Gegner bereits gefangen oder gar verstorben sind, noch bevor eine Belohnung auf sie ausgesetzt wurde.

1962 zog Gilbert Shelton zurück nach Texas. Die ersten Folgen von Wunderwarzenschwein erschienen im Frühjahr 1962 im Bacchanal, einem kurzlebigen Collegemagazin. Danach wurde er Editor bei The Texas Ranger und veröffentlichte weitere Geschichten um das Wunderwarzenschwein.

Für den Militärdienst wurde Gilbert Shelton untauglich erklärt, da er zugab, psychedelische Drogen zu konsumieren. 1964-65 lebte er in Cleveland. Danach wurde er art director bei The Vulcan Gas Company in Austin und entwarf zahlreiche Poster. Im Sommer 1968 zog er nach San Francisco.

Seinen bekannteste Comicserie, The Fabulous Furry Freak Brothers, zeichnet er seit 1968. Im nächsten Jahr folgte Fat Freddys Kater (Fat Freddy’s Cat).

Diese Katze ist viel intelligenter als ihr Besitzer “Fat Freddy” (einer der vier Freak-Brothers) und ist eine Art Hippie-Version der schlauen Katze “Garfield” des amerikanischen Comiczeichners Jim Davis.

Obwohl diese Comicserien von keinem großen Verlag unterstützt wurden, erreichten sie hohe Auflagen in vielen Ländern.

Seit Mitte der 1980er Jahre lebt Gilbert Shelton in Paris und in der französischen Region Burgund. Seit Ende der 1990er Jahre publiziert er nur noch selten neue Underground comix.

Diese Serien, “Fritz the Cat” und die anderen Charaktere von Robert Crumb, Gilbert Sheltons “Fat Freddys Kater“, die “Fabulous Furry Freak Brothers” und “Wunderwarzenschwein” habe ich damals in den frühen achtziger Jahren mit Begeisterung gelesen, meist in den preiswerten Ausgaben des “Zweitausendeins“-Verlags, die ich mir als Schüler und Student leisten konnte.

Wie die Trash-Filme von John Waters auch waren diese Underground comix ein Tor zu einer anderen Welt, zur amerikanischen Gegenkultur, die sich deutlich abstach von der provinziellen Enge Freiburgs.

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