Truman Capotes “Kaltblütig” (1966) revisited

Wie ich schon in einem vorherigen Blogeintrag am Beispiel Hunter S. Thompsons erläutert habe, bin ich ein Fan des amerikanischen “New Journalism“, der ab den sechziger Jahren den amerikanischen Journalismus und auch die amerikanische Literatur revolutionierte (siehe hierzu meinen Blogeintrag: Hunter S. Thompson und der “New Journalism”).

Ein Paradebeispiel für den amerikanischen “New Journalism“, vielleicht sein berühmtestes und erfolgreichstes Werk, ist Truman CapotesKaltblütig“, ein Tatsachenroman, den ich in den letzten Tagen nochmals durchgelesen habe und der mich immer noch wegen seiner inhaltlichen Präzision und Stringenz und seiner stilistischen Geschliffenheit fasziniert. Capote wurde durch diesen Roman definitiv zum amerikanischen Literaturstar.

Wer war Truman Capote? Der US-amerikanische Schriftsteller, Schauspieler und Drehbuchautor Truman Capote wurde als Truman Streckfus Persons am 30. September 1924 in New Orleans geboren und verbrachte den größten Teil seiner Kindheit bei seiner Großmutter. Nachdem seine Mutter den Kubaner Joseph Capote geheiratet hatte, verließ Truman Capote 1934 die Südstaaten und seine einzige, dort lebende Freundin Harper Lee und die Familie zog nach New York.

Dort entdeckte Capote das Theater für sich und verschaffte sich durch seine Freundschaften mit Oona O’Neill und Gloria Vanderbilt Eintritt in die New Yorker High Society.

Mit 18 Jahren begann Capote als zunächst Redaktionsgehilfe für das renommierte Magazin “The New Yorker” zu arbeiten. Der literarische Durchbruch gelang ihm 1945, als verschiedene Zeitschriften seine Erzählungen My Side of the Matter (Wie ich die Dinge sehe), Miriam, Tree of Night (Baum der Nacht) und Jug of Silver (Der silberne Krug) veröffentlichten.

Als bedeutendster Nachwuchsautor seiner Generation hochgelobt, erhielt er 1946 für Miriam und 1948 für Shut a Final Door (Schließ die Tür) den bedeutenden O.-Henry-Preis für englischsprachige Kurzgeschichten. Other Voices, Other Rooms (Andere Stimmen, andere Räume), das Romandebüt des gerade 23-jährigen Capote, wurde eine literarische Sensation, spaltete aber die Meinungen der Kritiker und wurde in den USA und Europa das meistdiskutierte Buch des Jahres 1948.  Zu jener Zeit beendete der homosexuelle Capote seine Affäre mit dem 24 Jahre älteren Literaturprofessor Newton Arvin und verbrachte die folgenden drei Jahrzehnte mit dem Schriftsteller Jack Dunphy. Sein zweiter Roman The Grass Harp (Die Grasharfe) erntete schließlich das uneingeschränkte Lob der Kritiker, die Capotes Talent mit dem anderer Südstaatenautoren wie Carson McCullers und William Faulkner verglichen.

In den 1950er Jahren reiste Capote längere Zeit durch Europa. Während dieser Zeit versuchte er sich an verschiedenen literarischen Experimenten wie der Arbeit an Drehbüchern, Musicals und Reisebeschreibungen.

Nach seinem weltweiten Erfolg mit Breakfast at Tiffany’s (Frühstück bei Tiffany) reiste Capote mit seiner Jugendfreundin Harper Lee nach Kansas, wo er die Morde an der Farmerfamilie Clutter recherchierte. Dieser Fall beschäftigte Capote über sechs Jahre, und er schuf aus diesem Stoff den legendären Tatsachenroman “Kaltblütig” (Originaltitel: “In Cold Blood“).

Das Buch wurde 1966 zu einem Bestseller und löste eine Medienlawine aus, die in einer von Capote selbst in New York ausgerichteten Mega-Party gipfelte, dem legendären Black-&-White-Ball, zu dem er 500 berühmte Persönlichkeiten der USA einlud.

In kreativer Hinsicht jedoch war der 45-jährige Capote nach der Arbeit an diesem Buch erschöpft. Er tourte mit den “Rolling Stones” durch die USA, arbeitete erfolglos an Drehbüchern, wurde alkohol- und drogenabhängig und versank in zahllosen Affären, erlitt Nervenzusammenbrüche und Gefängnisaufenthalte.

Nachdem er acht Jahre lang keine Prosa mehr veröffentlicht hatte, erschien 1975 das erste Kapitel seines schon länger angekündigten, groß angelegten Sittenpamphlets Answered Prayers (Erhörte Gebete) im Esquire-Magazin. In den Auszügen des geplanten Schlüsselromans enthüllte er persönlichste Geheimnisse der amerikanischen High Society, zu der er als geschätzter Exzentriker 25 Jahre lang unbeschränkten Zugang gehabt hatte. Die gezielten Indiskretionen führten zum Bruch jahrzehntelanger Freundschaften und zu Capotes gesellschaftlicher Ächtung. Capote versank in Depressionen, feierte Partys im “Studio 54” und nahm Drogen. Nach mehreren Klinikaufenthalten begann er mit 55 Jahren wieder mit dem Schreiben und veröffentlichte 1980 den Erzählband Music for Chameleons (Musik für Chamäleons).

Durch die Drogensucht verursachte Halluzinationen verfolgten ihn während seiner letzten Lebensjahre, die er über längere Zeiträume hinweg in Krankenhäusern und Sanatorien verbrachte. Am 25. August 1984 starb Truman Capote vereinsamt in Los Angeles an einer Überdosis Tabletten. Drei Jahre später erschien das Fragment Answered Prayers und 1988 schließlich die von Capote noch selbst autorisierte Biographie von Gerald Clarke mit dem Titel  “Get Happy: The Life of Judy Garland“.

Das Buch “Kaltblütig” von 1965 nun galt in den U.S.A. seit dem Vorabdruck in der Zeitschrift The New Yorker als literarische Sensation und ist die detaillierte Rekonstruktion der grauenhaften Morde an der vierköpfigen Farmerfamilie Clutter auf ihrem bei Holcomb in Westkansas gelegenen Anwesen im November 1959. Mit dem Buch wollte Truman Capote einen „non-fiktionalen Roman“ erschaffen, der beweisen sollte, dass eine Tatsachenerzählung genauso spannend sein kann wie ein raffinierter Thriller. Damit wurde er zu einem der Wegbereiter des Genres des “New Journalism“.

Der Roman handelt von einem wahren Verbrechen, der kaltblütigen Ermordung einer von allen geachteten Familie. Am 15. November 1959 dringen der 31-jährige Perry Edward Smith und der 28-jährige Richard Eugene Hickock (genannt Dick), ehemalige Häftlinge, in das Haus des wohlhabenden Herbert W. Clutter ein. Die beiden vermuten dort einen Safe mit mehreren tausend Dollar. Als sie lediglich etwa 40 Dollar finden, ermorden sie das Ehepaar Clutter sowie deren Sohn Kenyon und Tochter Nancy. Nancys Freund, der 17-jährige Bobby Rupp, entgeht dem Gemetzel nur zufällig, weil er kurz vor dem Eintreffen der Mörder das Haus verließ. Ebenso hätten die Mörder auch den Tod der beiden älteren, schon außer Haus wohnenden Töchter Eveanna und Beverly sowie eventueller Gäste in Kauf genommen.

Capote bezog auch die lange Vorgeschichte der Tat in seinen Roman ein. Etwa 1948 hat Floyd Wells, ein Gefängnisinsasse, als Farmarbeiter einen Winter lang auf der River Valley Farm der Clutters gearbeitet. Er hat Herbert Clutter als den nettesten Arbeitgeber seines Lebens kennengelernt, erzählt aber fatalerweise seinem Zellengenossen Richard Hickock von dem wohlhabenden Farmer und dessen Familiensituation.

Was in Holcomb, dem Wohnort der Clutters, allgemein bekannt ist, nämlich, dass Herbert Clutter neben anderen Prinzipien – er ist strikter Abstinenzler – auch den Grundsatz vertritt, niemals größere Mengen Bargeld im Haus zu haben, gibt er aber nicht an Hickock weiter. Kaum hat Hickock von den Clutters gehört, beginnt er, darüber zu phantasieren, die Familie umzubringen, und malt seinem Zellengefährten in allen Einzelheiten aus, wie er vorgehen will. Deshalb weiß dieser ehemalige Farmarbeiter, als er im Radio von dem Cluttermord hört, sofort, wer der eine der beiden Täter sein muss: Richard Hickock, der die Bekanntschaft seines späteren Mittäters Perry Edward Smith im Gefängnis gemacht hat.

Im Gegensatz zu Hickock, der eine relativ normale Vorgeschichte hat, ist Perry von Kindheit an mit Gewalt und Verbrechen konfrontiert. Seine Mutter, die indianische Rodeoreiterin Florence Buckskin, beginnt zu trinken und verlässt seinen Vater Tex John Smith nach zahlreichen Streitereien und einem elenden Wanderleben. Die Kinder landen bald in Heimen, wo der Bettnässer Perry seiner Aussage nach sadistisch gequält wird. Später zieht er mit seinem Vater, einem Querkopf irischer Abstammung, der sich gerne „Lone Wolf“ nennt, umher und verbringt auch einige Zeit in Alaska. Trotz seiner Begabung auf verschiedenen Gebieten erhält er keine angemessene Schulbildung. Weitere Stationen seines Lebens sind der Koreakrieg, ein Motorradunfall, der seine Beine verkrüppelt, welches mit ständigen starken Schmerzen verbunden ist, und schließlich der erste Gefängnisaufenthalt, der ihn mit Hickock zusammenführt. Eigentlich will Perry mit Hickock nach Verbüßung der Strafe nichts mehr zu tun haben, doch nach einer Enttäuschung – ein anderer Bekannter aus der Haftzeit, den er unbedingt noch einmal treffen wollte ist spurlos verschwunden – lässt er sich überreden, die Clutters zu überfallen.

Nachdem Smith und Hickock festgestellt haben, dass das Haus gar keinen Safe enthält und der Farmer Clutter auch kaum Bargeld bei sich hat, drängt Smith darauf, die Farm schleunigst wieder zu verlassen und die Familie am Leben zu lassen. Doch die Clutters könnten die Täter identifizieren und Hickock will das Haus nicht verlassen, ohne die Tochter vergewaltigt zu haben. Dass dies der eigentliche Hintergrund des Einbruchs war, gesteht er erst einige Zeit nach seiner Verhaftung. Smith hindert seinen Partner zwar an der Ausführung dieser Tat, lässt sich aber letzten Endes überzeugen, dass die Morde unumgänglich sind, und erschießt im Beisein Hickocks alle vier Mitglieder der Familie. Die Mörder fliehen, werden aber wesentlich später, nach einer langen Fahndung, in einem gestohlenen Fahrzeug aufgegriffen und zum Tod durch den Strang verurteilt.

In Truman Capotes Tatsachenroman “Kaltblütig” von 1965, der auch die rastlose Flucht Hickocks und Smiths sowie ihren Gefängnisaufenthalt bis zur Hinrichtung detailgetreu beschreibt, wird die Bluttat als eine Art „psychologischer Unfall“ geschildert. Zumindest Smith scheint einfach in eine Situation hineingeraten zu sein, aus der er – fasziniert wie vor einem spannenden Film – schon deswegen nicht mehr ausbricht, weil er “wissen will, wie es weitergeht“. Und als er Herbert Clutter, den wohlsituierten, angesehenen Farmer, tötet, empfindet er, als müsse dieser Repräsentant des Normalen und Ersehnten dafür büßen, dass er immer zu kurz gekommen ist. Obwohl ein solcher Hass- und Racheakt von einer völligen Verschiebung aller Werte und einer deutlichen Persönlichkeitsstörung zeugt, kann man beim Lesen diesem Schwerkriminellen nicht immer alle Anteilnahme verwehren.

Capote macht so die Wahnsinnstat psychologisch verständlich und zeigt, wie zwei kriminelle Außenseiter während eines misslungenen Überfalls so die Kontrolle über sich selbst und die Situation verlieren, dass ihnen die Ermordung ihrer Opfer als die sinnvollste Lösung ihres Dilemmas erscheint. Capote liefert durch seine detaillierte Beschreibung der Lebensläufe zweier Mörder einen Hintergrund für die anfangs völlig unbegreifliche Tat.

Wichtig für diesen Roman ist auch, dass er kompositorisch durch das geschickte Ineinandergreifen der verschiedenen Handlungsstränge und beteiligten Personengruppen gekennzeichnet ist. Der Roman wirkt logisch aufgebaut und wie aus einem Guss. Es versteht sich so, warum Capote sechs Jahre lange an diesem perfekt gemachten Tatsachenroman gefeilt hat. Stilistisch ist der Roman ebenfalls mehr als nur gelungen, Capote schrieb ein flüssiges und sehr elegantes Englisch, was man selbst den deutschen Übersetzungen dieses Romans noch deutlich anmerkt, die diesen Effekt widerspiegeln.

Capotes “Kaltblütig” ist vielleicht das perfekteste Meisterwerk des “New Journalism“. Die Wiederbegegnung mit diesem Klassiker lohnt sich allemal.

Creative Commons Lizenzvertrag Truman Capotes “Kaltblütig” (1966) revisited Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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