Mein Tipp aus der aktuellen amerikanischen Literatur: T.C. Boyle

Die aktuelle amerikanische Literatur gehört heute zu den interessantesten, reichhaltigsten und bedeutendsten Literaturen weltweit und hat sicher mehr zu bieten als zum Beispiel die aktuelle deutschsprachige, französische oder englische Literatur.

Zu den amerikanischen Autoren, die ich immer gerne lese, gehören unter anderem Paul Auster, John Irving, Louis Begley, Philipp Roth, Don DeLillo, der vor zwei Jahren verstorbene John Updike, Jonathan Franzen und zahlreiche andere.

Mein Tipp aus der aktuellen amerikanischen Literatur, vielleicht auch mein Lieblingsschriftsteller, ist Thomas Coraghessan Boyle (auch kurz: T.C. Boyle).

Thomas Coraghessan Boyle wurde am 2. Dezember 1948 in Peekskill, New York geboren.

An der State University of New York studierte er Englisch und Geschichte und schloss 1968 mit dem B.A. ab. Am College entdeckte er auch die Literatur und eine Vorliebe für Autoren wie Updike, Ibsen, Sartre und Camus.

Er begann dann, selbst zu schreiben, und nahm an Kursen für Creative Writing teil. Nebenbei spielte er verschiedene Instrumente (Jazz und Popmusik).

Über diese Zeit berichtet er in seinem autobiografischen Text „The Eleventh Draft“ (1999).

Nach seinem B.A. arbeitete er vier Jahre lang als Lehrer an einer High School und schrieb parallel dazu Erzählungen.

An der University of Iowa studierte er weiter und erwarb 1977 einen Doktortitel (Ph.D.) in englischer Literatur des 19. Jahrhunderts. Außerdem besuchte er den Writers Workshop derselben Universität unter der Leitung von John Irving, der zu seinem Mentor wurde.

Die Veröffentlichung der Erzählung „The OD and Hepatitus Railroad or Bust“ in der North American Revue brachte ihm 1972 die Aufnahme in einen Schreibworkshop der University of Iowa.

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit lehrt Boyle seit 1978 Englisch an der University of Southern California, seit 1986 als ordentlicher Professor. Seine Erzählungen und Kurzgeschichten erscheinen regelmäßig in wichtigen amerikanischen Zeitschriften.

Boyle ist seit 1974 mit Karen Kvashay verheiratet und lebt mit ihr in Montecito (Santa Barbara) in Kalifornien.

Die beiden haben eine Tochter namens Kerrie und zwei Söhne, Milo und Spencer. Den Mittelnamen Coraghessan (betont auf der zweiten Silbe) nahm Boyle, der ursprünglich Thomas John hieß, mit 17 Jahren an. Es ist der irische Name eines seiner Vorfahren mütterlicherseits.

Boyles Romane und Erzählungen basieren häufig auf gründlich recherchierten historischen Ereignissen und Persönlichkeiten, um die er mit viel Liebe zum Detail manchmal realistische – wie im Roman “Riven Rock” –, manchmal absurde – wie in der Erzählung „I Dated Jane Austen“ – Geschichten erfindet.

Boyle hat über 60 Kurzgeschichten geschrieben. Dementsprechend hat er auch mehrere Kurzgeschichtenbände publiziert. Boyle veröffentlicht abwechselnd jedes Jahr eine Kurzgeschichtensammlung und einen Roman.

Einige der Geschichten waren schon während seiner Collegezeit, wo er John Irving und Raymond Carver begegnet war, in Zeitschriften wie Esquire oder The Atlantic Monthly erschienen. Auf diese Kurzgeschichten gehe ich jetzt aber nicht im Einzelnen ein, viele von ihnen sind allerdings hervorragend.

Boyle hat bis 2009 elf Romane publiziert.

Schon sein erster Roman Water Music (1982) wird zu einem großen Erfolg. Boyle erzählt in diesem Roman von zwei Expeditionen ins „Herz der Finsternis“. Der britische Entdecker Mungo Park will unbedingt die Mündung des Niger erreichen und macht sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf den Weg. Trotz mehrfacher Bemühungen scheitert er aber schließlich an den Umständen.

1984 erschien sein Roman “Budding Prospects” (dt. Grün ist die Hoffnung). Der Roman schildert die diversen Widrigkeiten, denen drei illegale Marihuana-Pflanzer in Kalifornien ausgesetzt sind, und ihr verzweifeltes Streben, von den Behörden und vor allem der Polizei unentdeckt zu bleiben.

Danach erschien World’s End (1987), für den er den PEN/Faulkner Award für den besten Roman des Jahres erhielt – ein Querschnitt durch mehrere Phasen amerikanischer Geschichte.

Der nächste Roman war East is East (1990) (dt.: Der Samurai von Savannah), in dem es um einen Halb-Japaner geht, der an der Küste von Georgia über Bord seines Frachters springt, um seinen amerikanischen Vater zu suchen. Der Roman zeichnet aus der Perspektive des Halb-Japaners ein sehr kritisches Bild der amerikanischen Gesellschaft.

Willkommen in Wellville (1993) spielt in einem vom Cornflakes-Erfinder John Harvey Kellogg gegründeten Sanatorium von reichen amerikanischen Oberschichten in Battle Creek zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In das Sanatorium gerät ein Paar, das sich wegen der aussichtslosen Suche nach wirklich gesunder Ernährung und Lebensweise fast verliert und dessen Ehe um ein Haar an den Umständen in diesem Sanatorium zerbricht. Dieser Roman erinnert in seinen Grundzügen an Thomas MannsDer Zauberberg” von 1924ist aber im Gegensatz zu diesem deutschen Roman vor allem parodistisch und humorvoll und nimmt die Gesundheitsbewegung von Kellog mächtig auf die Schippe.

Für The Tortilla Curtain (dt. América) (1995), ein sarkastischer und zugleich tragischer Roman über mexikanische Einwanderer in den USA, erhielt er den renommierten Prix Médicis Étranger. In diesem Roman rechnet Boyle unter anderem mit dem Rassismus der US-Amerikaner gegenüber den illegalen mexikanischen Einwanderern ab, die zudem in den U.S.A. auch noch massiv wirtschaftlich ausgebeutet werden.

In Riven Rock (1998) setzt die mutige und frauenbewegte Katherine Dexter alles daran, ihren schizophrenen und sexbesessenen Ehemann von seinen Dämonen zu befreien, was ihr allerdings gründlich misslingt, alle Therapien bleiben erfolglos.

2000 veröffentlichte Boyle seinen bislang einzigen Science-Fiction-Roman Ein Freund der Erde, der parallel den gescheiterten Kampf von Umweltaktivisten in der Gegenwart und den zukünftigen Kampf der Menschheit um das Überleben nach der kommenden Klimakatastrophe erzählt.

T. C. Boyles neunter Roman Drop City (2003) setzt zwei ganz unterschiedliche Gesellschaften gegeneinander: Eine Hippiekommune in den ausgeflippten 70ern – Boyle hat hier eigene Erfahrungen (auch mit Drogenkonsum) verarbeitet – und andererseits eine Trappergesellschaft in Alaska, die aus der Zeit der Grenzlanderoberungen übriggeblieben zu sein scheint.

Was allerdings beiden gemeinsam ist, ist neben der Ablehnung spießbürgerlicher Gesellschaft die klassische Rollenverteilung: Kochen ist auch bei den Hippies Frauenaufgabe, die Beschaffung notwendiger Güter und der Hüttenbau Männersache. Als sich die Hippies von Kalifornien in die Einsamkeit Alaskas flüchten, sind diverse Katastrophen und das Scheitern des Experiments vorbestimmt. Hier zeigt sich wieder Boyles Vorliebe für die Außenseiter der Gesellschaft, über die er sich im Fall der kalifornischen Hippies allerdings auch kräftig lustig macht.

Boyles zehnter Roman Dr. Sex (März 2005, im Original: The Inner Circle, Viking Books, 2004) schildert die Geschichte des amerikanischen Sexualforschers Alfred Charles Kinsey (1894–1956) aus der Sicht der fiktiven Figur John Milk, natürlich wie immer bei Boyle mit viel Sarkasmus und Humor.

Sein elfter Roman wurde 2006 in den USA und Deutschland unter dem gleichen Titel, Talk Talk, publiziert. Die Protagonistin ist eine gehörlose junge Lehrerin, die Opfer eines Identitätsdiebstahls wird. Der spannende Erzählbogen hat Züge eines Thrillers. Beeindruckend ist sowohl die Charakterisierung der drei Hauptfiguren wie auch die Schilderung des amerikanischen Rechtssystems.

Im Februar 2009 erschien sein zwölfter Roman Die Frauen (englisch: The Women), zugleich auch in deutscher Übersetzung. Er schildert das Leben des berühmten amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright aus der Sicht eines fiktiven japanischen Assistenten und der vier Frauen, die sein Leben prägten. Angeregt wurde Boyle zu diesem Roman durch den Umstand, dass er seit 1993 in einem „Prairie House“ wohnt, das Frank Lloyd Wright entworfen hatte, und das Boyle behutsam restauriert hat.

Ich habe praktisch alle Romane von T.C. Boyle gelesen, und sie sind alle gut und lesenswert. Welche dieser Romane sind aber meine absoluten Favoriten und welche würde ich euch empfehlen, um mit T.C. Boyle anzufangen?

Nun, meine erste Empfehlung wäre “Grün ist die Hoffnung“. In diesem Roman ist Boyle am nähesten an seinem Vorbild John Irving dran, denn dieser Roman ist in erster Linie witzige und fulminante Unterhaltungsliteratur. Die Geschichte der drei Freaks, die mit illegalem Marihuanaanbau zu grossem Geld kommen wollen und ihr Scheitern an den diversen Widrigkeiten, die ihren Plan durchkreuzen, ist zum Kaputtlachen.

In die gleiche Richtung und ähnlich gut ist sein Roman “Drop City“, eine sarkastische und zugleich auch sehr humorige Abrechnung mit der kalifornischen Hippie-Kultur.

Sein Meisterwerk ist aber wohl der Roman “World´s End“, der anhand einer Familiensaga einen faszinierenden Querschnitt durch die amerikanische Geschichte liefert. Diesen Roman empfehle ich euch ganz besonders.

T.C. Boyle ist genau so witzig wie John Irving, zugleich aber vielleicht in seinen besten Werken wie “World´s End” hintergründiger und tiefsinniger als sein Mentor, von dem er aber zweifellos viel gelernt hat.

Ich wünsche euch viel Spass bei der Erkundung des Werks von T.C. Boyle.

Creative Commons LizenzvertragMein Tipp aus der aktuellen amerikanischen Literatur: T.C. BoyleKlaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

4 thoughts on “Mein Tipp aus der aktuellen amerikanischen Literatur: T.C. Boyle

  1. Guter Tipp! Einige Deiner Lieblingsautoren sind auch meine – T.C. Boyle werde ich mir als nächstes vornehmen – ist der gut übersetzt oder liest Du die Autoren auch lieber in der Originalfassung?

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    • Hi Maria,

      ich lese sie mal im Original, manchmal aber auch in der Übersetzung. T.C. Boyle ist gut übersetzt, insofern kann man die Romane und Kurzgeschichten auch auf Deutsch lesen. Dir noch eine gute Zeit,

      Dein

      Klaus Gauger

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  2. Hallo Klaus
    Danke für deinen Beitrag. Das nenne ich informativ und anschaulich. Habe mich aufgrund deiner Empfehlungen orientiert.
    Dein Beitrag ist schon ein paar Tage alt, aber immernoch aktuell; und wird gelesen! Und das möchte ich dir eigentlich mitteilen.

    Andy

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    • Lieber Andy, ich habe den Blog jetzt für ungefähr ein halbes Jahr ruhen lassen. Das hat persönliche Gründe, ich hatte in den letzten Jahren eine schwere persönliche Krise zu überstehen und befinde mich noch in Rekonvaleszenz. Aber es freut mich, dass mein Blog immer noch Leser findet und vielleicht werde ich, wenn es mir wieder wirklich gut geht, meine Blogarbeit wieder aufnehmen. Dir auf jeden Fall ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes, neues Jahr. Bis dann, Dein Klaus Gauger

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