Harris Glenn Milstead alias “Divine” und die frühen Filme von John Waters

Eine der Erinnerungen meiner Jugendzeit in den frühen achtziger Jahren sind die frühen Gegenkultur-Trash-Filme von John Waters mit seinem charismatischen Protagonisten Harris Glenn Milstead alias “Divine“.

Diese Filme wurden damals in der Freiburger Provinz nur in seltenen Vorstellungen spät abends für ein Publikum strikt ab 18 Jahren gezeigt und waren keineswegs für das bürgerliche Publikum Freiburgs gedacht, das auch heute noch solche Filme in der Regel niemals anschauen würde.

In den frühen achtziger Jahren waren heimische Videogeräte noch eine Seltenheit und es gab kein Internet.

Man war also auf den Wagemut einzelner Freiburger Kinobetreiber angewiesen, wenn man solche Filme kennenlernen wollte und für mich waren diese Filme eine Entdeckung, da sie mein Verständnis von Kinofilmen und von Kultur allgemein veränderten.

Wer ist John Waters?

John Waters, geboren am 22. April 1946 in Baltimore, ist ein US-amerikanischer Filmregisseur.

Er lebt und arbeitet in Baltimore, Maryland, USA.

John Waters´ frühe Werke, “Pink Flamingos” (1972), “Female Trouble” (1974) und “Desperate Living“, sind auch als die “Trash Trilogy” bekannt und ihr Protagonist ist (bis auf den Film “Desperate Living“) stets die fette Drag QueenDivine” (bürgerlich: Harris Glenn Milstead).

John Waters´ Filme gingen sehr oft an die Grenzen des herkömmlichen Kinoverständnisses, provozierten die Zensur und – nach Ansicht vieler Kritiker – auch die Grenzen des guten Geschmackes.

Der berühmteste und wohl vielleicht auch beste Film der “Trash-Trilogie” ist der Kultfilm “Pink Flamingos” von 1972.

Dieser Film machte die extravagante Drag QueenDivine” zum Underground-Star.

Ebenfalls zu sehen in diesem Film sind unter anderem David Lochary, Mary Vivian Pearce, Mink Stole, Danny Mills, Channing Wilroy, Cookie Mueller, Paul Swift und Edith Massey.

Mit einem Budget von nur 12.000 US-Dollar wurde der Film an Wochenenden in Baltimore, Maryland, gedreht.

Die Handlung des Films ist folgende: Divine lebt unter dem Pseudonym „Babs Johnson“ zusammen mit ihrer nach Eiern süchtigen und geistig minderbemittelten Mutter Edie, dem kriminellen Sohn Crackers und mit der jungen Frau Cotton, die dem Voyeurismus verfallen ist.

Sie wohnen in einem Wohnmobil (davor stehen ein paar rosarote Gartenflamingos, daher der Filmtitel) in der Philpot Road in Phoenix, Maryland, einer Vorstadt von Baltimore (John Waters’ Heimat).

Nachdem die Marbles, Feinde von Divine, herausgefunden haben, dass Divine von einer Zeitung zur „filthiest person alive“ (“Schmutzigsten Person der Welt“) ernannt wurde, machen sie sich auf, diesen Titel an sich zu reißen.

Die Marbles besitzen eine Art „Adoptions-Büro“, ein Schwarzmarkt für Babys.

Sie kidnappen junge Frauen, welche von ihrem Butler Channing künstlich befruchtet werden und bei der Geburt der Babys sterben.

Der Film enthält eine Menge grenzwertiger Szenen, doch laut Interviews war dies genau das, was Waters beim Drehen im Sinn hatte.

Waters selbst nennt den Film schäbig („tacky“) und eine „Lektion in schlechtem Geschmack“.

Zugleich enthält der Film den für Waters typisch skurrilen Humor, dessen Grenzwertigkeit sich zum Beispiel in einer Sexszene äußert, an der ein Huhn beteiligt ist, das anschließend verzehrt wird, einer Szene mit dem Butler Channing der Marvels, der sein Ejakulat in einer Spritze aufzieht und damit eine Geisel schwängert. Divine befriedigt ihren Sohn Crackers in einer Szene oral und es gibt eine Musikszene mit einem „singenden“ Anus in Großaufnahme und die berüchtigte Schlussszene, in der Divine „live“ und ohne Schnitt warmen Hundekot in den Mund nimmt.

Mit den Jahren sind John Waters´ Filme mehr und mehr vom Mainstream akzeptiert worden.

Der Film Hairspray (1988) wurde sogar als BroadwayMusical umgesetzt und im Jahr 2003 mit dem Tony Award ausgezeichnet.

John Waters lehrte auch als Professor für Film, Kino und Sub-Kultur an der European Graduate School in Saas-Fee, Schweiz und betätigt sich seit den 1990er Jahren auch als Fotograf.

John Waters Filme waren bahnbrechend für den Unterground-Film weltweit.

So nahm zum Beispiel der Filmemacher der spanischen “Movida” der frühen achtziger Jahre Pedro Almodóvar John Waters und seine frühen Filme mit “Divine” als ein bedeutendes Vorbild für seine eigenen, frühen anarchistischen Unterground-Filme.

Wer war nun der Protagonist der “Trash-Trilogie” Harris Glenn Milstead alias “Divine“?

Divine (geboren am 19. Oktober 1945 in Towson, Maryland mit dem  bürgerlichen Namen Harris Glenn Milstead) war eine US-amerikanische Drag Queen, ein Schauspieler und zugleich ein sehr erfolgreicher Sänger aus dem Bereich des Euro Disco.

Milstead wurde als Sohn des Ehepaares Bernard und Diana Francis Milstead geboren. Als er zwölf Jahre alt war, zog seine Familie nach Lutherville, einem Vorort von Baltimore. Dort lernte er bereits in jungen Jahren den Filmemacher John Waters kennen.

Zu Beginn der 1980er Jahre begann Divine mit dem New Yorker Produzenten Bobby Orlando einige Platten aufzunehmen. Mit einer Mischung aus House– und Technobeats sowie aufputschenden Texten eroberte er die Charts in den USA, Europa und Australien.

Divine war damit einer der ersten Künstler, der in den Charts einen Sound etablierte, der später als Dancefloor zu Popularität kommen sollte. Es folgten Auftritte in großen Discotheken in ganz Europa, USA und Asien.

Divine starb am 7. März 1988 in einem Hotel in Los Angeles im Alter von nur 42 Jahren an einem vergrößerten Herzen und Atemstillstand. Zum Zeitpunkt seines Todes wog er etwa 170 Kilo.

Divine” hatte sowohl in seinen Filmen der “Trash-Trilogie” von John Waters als auch als Disco-Sänger ein großes Charisma und eine extrem subversive und zugleich humorige Ausstrahlung.

Die Filme der “Trash-Trilogie” sind zur Zeit nicht komplett auf YouTube hochgeladen. Aber einzelne Szenen dieser Filme könnt ihr in YouTube finden (einfach Filmname + Waters ins Suchfeld eingeben).

Besser sieht es mit den grossen Disco-Hits von “Divine” aus. Die lassen sich meist in YouTube auffinden und auch hier ist die Ausstrahlung von “Divine” bis heute spürbar.

Zu diesen Hits von “Divine” zählen “I´m so beautiful” (1984) “You Think You´re Man” (1983), “Shoot Your Shot” (1982), “Love Reaction” (1983), “Walk Like A Man” (1985).

Diese Hits findet ihr zur Zeit auf YouTube. Aber ihr werdet noch zahlreiche andere Clips von “Divine” auf YouTube finden, wenn euch die Sache interessiert.

Heute sind “Drag Queens” nichts völlig ungewöhnliches mehr, zumindest nicht in den Grossstädten.

Aber Harris Glenn Milstead alias “Divine” gehörte zu den Bahnbrechern, die diese Persönlichkeitsvariante salonfähig machten und fest in der Popkultur etablierten.

Der revolutionäre Gestus der Filme von John Waters´ “Trash-Trilogie” und der Musikclips von “Divine” ist bis heute noch spürbar.

In den frühen achtziger Jahren der eher muffigen Provinzstadt Freiburg stiessen diese Filme für mich unter anderem das Tor zu einer bunteren und toleranteren Welt, der Welt der europäischen und amerikanischen Grossstädte auf.

PS: 24.5.2014: Ich habe mir gerade eben den neuen Dokumentarfilm über Divine mit dem Titel “I´m Divine” (2013) von Jeffrey Schwarz angeschaut.

Diese Filmdoku ist gut gemacht und wirklich empfehlenswert und stellt den Lebenslauf von Divine in einem klaren und logischen Zusammenhang mit seinen frühen Anfängen als schulerischer Außenseiter in Baltimore.

Harris Glenn Milstead war von Kind an pummelig und ein an Sport wenig interessierter Einzelgänger. Als junger Mann wurde seine Homosexualität offensichtlich und seine Freundschaft mit dem kreativen und anarchischen, gleichgesinnten Filmemacher John Waters, der in seiner Nachbarschaft lebte und ihn von Kind an kannte, gab ihm die Chance, diese Bühnen-Drag-Queen-Persönlichkeit namens “Divine” zu entwickeln.

Siehe zu dieser guten Dokumentation über Divine auch die kurze Rezension vom 24.10.2013 mit dem Titel “The Man Beneath the Hairspray” in der “New York Times“.

Siehe ebenfalls die kurze Rezension vom 14.1.2013 mit dem Titel “‘I Am Divine’: beyond the makeup and shock effects”  in der “Seattle Times“.

Und siehe auch den Bericht vom 10.4.2013 mit dem Titel “Divine Heading to the Silver Screen” in der “Huffington Post“.

Es gibt auch eine Website zu diesem Film, die interessantes Material enthält.

Den entscheidenden Durchbruch hatte Divine mit seiner Rolle als Babs Johnson in “Pink Flamingos” (1972).

Mit “Hairspray” (1988) gelang es Divine, auch ein bürgerliches Normalpublikum zu erreichen.

Tragischerweise erlitt Harris Glenn Milstead gerade dann, kurz nachdem er es erreicht hatte von einem bürgerlichen Normalpublikum und von den Massenmedien akzeptiert zu weden und sogar eine Rolle im Fernsehen angeboten bekam, den tödlichen Herzinfarkt.

Creative Commons LizenzvertragHarris Glenn Milstead alias “Divine” und die frühen Filme von John WatersKlaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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