William S. Burroughs “Junkie” (1953) und “The Yage Letters” (1963)

Über Jack Kerouac und Allen Ginsberg habe ich ja schon ausführlich in zwei Blogeinträgen berichtet. Seht hierzu unter anderem meinen Blogartikel “Allen Ginsbergs “Howl” (1955)” und den Blogartikel “Jack Kerouacs “On The Road” – The Original Scroll (2007)“.

Zum Dreigestirn der “Beat Generation” gehört weiterhin William Seward Burroughs.

William Seward Burroughs schrieb sich selbst William S. Burroughs zur Unterscheidung von seinem Großvater William Seward Burroughs, dem Gründer der Burroughs Adding Machine Company, aus der später die Burroughs Corporation hervorging. Seine Mutter Laura Hammon Lee (1888-1970) war die Tochter eines Pfarrers, dessen Familie vom Bürgerkriegsgeneral Robert Edward Lee abstammte.

Sein Vater Mortimer Perry Burroughs besaß einen Antik- und Geschenkladen in St. Louis und später in Palm Beach, Florida.

Burroughs besuchte die John Burroughs School in St. Louis und die Los Alamos Ranch School in New Mexico. Er entdeckte dort seine homosexuellen Neigungen und beschrieb diese in seinen Tagebüchern. Seine sexuelle Orientierung verbarg er bis ins Erwachsenenalter vor seiner Umwelt.

Nachdem er mit einigen Mitschülern das Schlafmittel Chloralhydrat genommen hatte und erwischt worden war, musste er Los Alamos verlassen und beendete die High School schließlich an der Taylor School in St. Louis.

Burroughs besuchte ab 1932 die Harvard University, wo er unter anderem bei Alfred Korzybski Allgemeine Semantik und Medizin studierte. Er graduierte im Jahre 1936.

In New York kam er zum ersten Mal mit der schwulen Subkultur in Berührung. Zusammen mit einem Freund, Richard Stern, erkundete er in den Bars von Harlem und Greenwich Village die schwule New Yorker Szene der damaligen Zeit.

Daneben entwickelte er eine Faszination für Feuerwaffen und Selbstverteidigung – aus Versehen erschoss er einmal beinahe einen Freund.

Nach seinen Studien in Harvard reiste Burroughs durch Europa, wo er die homosexuelle Subkultur und Künstlerszene kennenlernte, vor allem in Österreich. Dort traf er auch Ilse Klapper, eine Jüdin, die vor den Nationalsozialisten geflohen war.

Sie hatten zwar keine Liebesbeziehung, dennoch heirateten sie in Kroatien, damit Klapper ein Visum für die USA bekam. Später in den USA ließen sie sich wieder scheiden, blieben aber noch lange Jahre Freunde.

In Harvard schrieb sich Burroughs für ein Aufbaustudium der Anthropologie ein. Für kurze Zeit studierte er auch an der medizinischen Fakultät der Universität Wien.

Die US Army wollte Burroughs 1941 einziehen, er wurde aber aus psychischen Gründen ausgemustert. Er ging nach New York und traf dort seine späteren Freunde Allen Ginsberg und Jack Kerouac, die später ebenfalls als Autoren der “Beat Generation” bekannt wurden.

Im Prolog von “Junkie” (1953) fasste Burroughs seine Universitätserfahrungen zusammen: „I hated the University and I hated the town it was in. Everything about the place was dead. The University was a fake English setup taken over by the graduates of fake English public schools.

Burroughs lebte seit 1944 mit Joan Vollmer Adams in einem New Yorker Apartment, das sie mit Kerouac und dessen erster Frau Edie Parker teilten. Joan Vollmer Adams war mit einem GI verheiratet und hatte auch eine kleine Tochter mit ihm, Julie Adams.

Burroughs wurde süchtig nach Morphin und begann in Greenwich mit Heroin zu dealen, um seine Sucht zu finanzieren. Diese Erfahrungen verarbeitete er in dem autobiographischen Roman „Junkie“ (1953)

Auch Joan Vollmer Adams wurde drogenabhängig. 1945 ließ sie sich scheiden und heiratete ein Jahr später Burroughs. Nachdem er einige Zeit bei seinen Eltern verbracht hatte, kehrte er nach New York zurück, holte Vollmer aus der psychiatrischen Abteilung des Bellevue Hospital und zog mit ihr und ihrer Tochter auf eine Farm in Texas. Dort wurde 1947 ihr gemeinsamer Sohn, William S. Burroughs Jr. geboren. Danach lebte die Familie kurze Zeit in New Orleans.

Auf seiner Farm in Texas baute Burroughs Marihuana an. Die Polizei erfuhr davon, als sie einen Brief von ihm an Allen Ginsberg abfing, in dem Burroughs von einer Lieferung sprach. Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, floh die Familie nach Mexiko, mit dem Plan, dort fünf Jahre zu bleiben, bis die Straftaten verjährt waren.

Am 6. September 1951 erschoss Burroughs in Mexiko-Stadt aus Versehen Joan Vollmer Adams, als er im Zustand der Trunkenheit die Apfelszene aus Schillers Drama “Wilhelm Tell” nachstellen wollte.

In der daraufhin eingeleiteten Untersuchung wurde die Tat als Unfall beurteilt, Burroughs musste nur vierzehn Tage im Gefängnis verbringen und Mexiko 1952 verlassen.

Vollmers Tochter kam zu ihrer Großmutter und Burroughs Sohn zu dessen Eltern nach St. Louis.

Nach Vollmers Tod reiste Burroughs durch Südamerika, auf der Suche nach einer magischen Droge namens „Yage“, die später als Ayahuasca identifiziert wurde.

Er versprach sich davon, seine Abhängigkeit von Opiaten zu lindern, aber auch neue spirituelle Erfahrungen. Er schrieb zwei Romane während dieser Zeit: In „Junkie“ (1953) behandelte er seine Heroin-Abhängigkeit und in “Queer” (1985) seine Homosexualität; beide Texte wurden als Groschenromane veröffentlicht und bekamen erst später literarische Aufmerksamkeit.

Seine Korrespondenz mit Allen Ginsberg während seiner Suche in Mexiko nach der Droge “Yage“, die damals von mexikanischen Schamanen im Rahmen eines Rituals für spirituelle Reisen gebraut wurde, fasste er in “The Yage Letters” (1963) zusammen.

Der Roman “Junkie” wurde 1953 unter dem Pseudonym “William Lee” im Verlag “Ace Books” veröffentlicht (eigentlich ein Pulp-Fiction-Verlag für Science-Fiction– und Fantasy-Literatur).

Von Südamerika aus reiste Burroughs dann nach Europa, unter anderem nach London, wo er mit Hilfe des Arztes John Dent seine Sucht bekämpfte, und auch nach Paris, wo er im Beat Hotel seine Zettelsammlung für “Naked Lunch” anzulegen begann, und schließlich nach Tanger in Marokko.

Seine Materialsammlung bezeichnete er erst als The Word Hoard, und zusammen mit Ginsberg und Kerouac editierte er die einzelnen Episoden zum Roman “Naked Lunch“. Der Rest der Schriften wurde später zur sogenannten “The Nova-Trilogie“:The Soft Machine” (1961) “The Ticket That Exploded” (1962) und “Nova Express” (1964).

Anders als die vorherigen Romane war die Nova-Trilogie in einer neuen Technik geschrieben, die „cut-up“-Technik genannt wurde („cut-up“, amerikanisches Englisch für „Schnipsel“, „Notizzettel“): Manuskriptseiten wurden in kleine Zettel zerschnitten und ohne genauen Plan neu angeordnet. Daraus entstand eine assoziative Erzählstruktur, die Burroughs in späteren Romanen weiter entwickelte. Der Leser kann in einen beliebigen Teil des Buchs einsteigen, und von dort aus entwickelt sich dann der Text weiter. Durch die “cut-up“-Technik und den beliebigen Einstieg in das Werk interpretiert jeder Leser den Roman anders und hat eine andere Perspektive auf den erzählerischen Fortgang. Deutschsprachigen Autoren wie Carl Weissner und Jürgen Ploog war Burroughs mit seinem “cut-up-stil” für die Werke ein Vorbild, die sie dann unter anderem in der deutschsprachigen Literaturzeitschrift Gasolin 23 veröffentlichten.

Burroughs Roman “Naked Lunch” erschien 1959. Ab der Veröffentlichung wurde der Roman ein Teil der aufkeimenden Gegenkultur in den 1960ern. In mehreren US-Bundesstaaten wurde die Veröffentlichung untersagt. Jedoch urteilte dann der Oberste Gerichtshof von Massachusetts 1966, der Roman “Naked Lunch sei nicht obszön.

David Cronenberg verarbeitete die Entstehung des Romans im 1991 erschienenen Film Naked Lunch – Nackter Rausch.

In den frühen 1960ern siedelte Burroughs nach London über, wo er für kleine Untergrundmagazine schrieb. Daneben arbeitete er an einem Manuskript, das später in zwei Teilen als “The Wild Boys” und “Port of Saints” erscheinen sollte. Er stand damals in Kontakt zu den gleichgesinnten Schriftstellern Alexander Trocchi und Jeff Nuttall.

Mit der Hilfe von Ginsberg fand Burroughs am New York City College eine Anstellung als Lehrer für kreatives Schreiben. Er kam in New York in Kontakt mit Andy Warhol, Patti Smith, Susan Sontag, Dennis Hopper, Terry Southern und Mick Jagger.

1970 veröffentlichte Burroughs die Essay-Sammlung “The Electronic Revolution, eine Mischung aus Fakten, Fiktion und Voraussagen über die künftigen Auswirkungen der Entwicklung der Elektronik auf die Gesellschaft. Auch wenn der Text nicht auf die Digitaltechnik eingeht, gilt er vielen Literaturkritikern als ein früher, prophetischer, aber auch warnender Hinweis auf die eine Dekade später beginnende digitale Revolution.

In “The Electronic Revolution erwähnte Burroughs unter anderem auch Scientology, und wurde später kurzzeitig auch Mitglied der Organisation. Seine fortwährende Kritik an  Scientology und eine Rezension von Burroughs des Buches „Inside Scientology: How I Joined Scientology and Became Superhuman“ von Robert Kaufman führte zu einer brieflichen Auseinandersetzung von Burroughs mit Scientologen, die im amerikanischen Rolling Stone Magazin veröffentlicht wurde.

In den 1980er und 1990er Jahren wurde Burroughs schließlich zu einer Ikone der Popkultur.

Eine Reihe von populären Künstlern, vor allem aus der New Yorker Szene, nannten Burroughs als wichtige Inspiration. Er arbeitete u.a. mit Laurie Anderson und erschien in Filmen wie Gus Van SantsDrugstore Cowboy” von 1989.

1990 entstand aus der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Robert Wilson und dem Musiker Tom Waits das Theaterstück “The Black Rider“, das im Thalia-Theater in Hamburg am 31. März 1990 uraufgeführt und in den folgenden Jahren an vielen europäischen und US-amerikanischen Bühnen gespielt wurde.

Während dieser Jahre trat Burroughs zudem als Spoken Word-Performer auf, der mit seiner tiefen Stimme und langsamen, programmatischen Sätzen sein altes und zugleich auch neues Publikum erreichte. Es entstanden viele Tonaufzeichnungen seiner Werke und Gespräche. So arbeitete er auch mit dem Rockmusiker Kurt Cobain zusammen, der zu Burroughs Werk “The Priest They Called Him” die Gitarre spielte, weiterhin erarbeitete er mit Bill Laswell und dessen Gruppe Material für Studio- und Live-Produktionen.

Im hohen Alter lebte William S. Burroughs in Lawrence, Kansas. Er nahm dort auch an einem Methadon-Programm teil. Am 2. August 1997 starb er im Alter von 83 Jahren in seinem Haus an den Folgen eines Herzinfarkts.

William S. Burroughs gilt vielen Kritikern wegen seiner experimentellen Romane (der bekannteste von ihnen ist “Naked Lunch“) als ein Vertreter der “Postmodernen Literatur“. Ich selbst kann mit diesen experimentellen Werken zwar etwas anfangen, finde sie aber dennoch vielleicht etwas überbewertet.

Ganz stark ist Burroughs dort, wo er autobiographisch ist. Dort findet er einen lakonisch-sarkastischen, nüchternen, unverschnörkelten, harten Ton, der stark an Charles Bukowski mit seinen semi-autobiograpischen Romanen erinnert (siehe hierzu meinen Blogeintrag: “In Memoriam Charles Bukowski (1920-1994)“.

Die Paradebeispiele für diesen harten, fast naturalistischen autobiographischen Stil von Burroughs sind für mich sein Roman “Junkie” (1953), in dem er mit erstaunlicher Kälte und Distanz seine Drogensucht und seine Karriere als Kleindealer in New York in den fünfziger Jahren beschreibt und “The Yage Letters” (1963), sein sarkastisch-lakonischer Briefwechsel mit Allen Ginsberg über seine Suche nach der Droge “Yage” in Mexiko, die damals von mexikanischen Schamanen im Rahmen eines Rituals für spirituelle Reisen gebraut wurde.

Die Literatur der Beat-Generation war ohnehin gelebte Literatur, genau darauf kam es an, und sowohl Jack Kerouac als auch Allen Ginsberg und William S. Burroughs sind dort stark, wo sie autobiograpisch oder semi-autobiographisch über ihre eigenen Erfahrungen schreiben: Erfahrungen meist am Rand der amerikanischen Gesellschaft, abseits des “American Dream“.

Beide Texte kann ich ausgesprochen empfehlen. Sie sind natürlich auf Deutsch und Englisch in allen Buchhandlungen erhältlich, auch bei amazon.de und in den besseren Leihbibliotheken.

Creative Commons LizenzvertragWilliam S. Burroughs “Junkie” (1953) und “The Yage Letters” (1963) Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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