Hunter S. Thompson (1937 – 2005) und der “New Journalism”

Da ich selbst lange Journalist war, hatte ich immer eine grosse Bewunderung für die Vertreter des amerikanischen “New Journalism“, der ab den 60er-Jahren den amerikanischen Journalismus revolutionierte.

Der “New Journalism” war ein Reportagestil, der um die Mitte der 1960er Jahre entstand. Er wich von der sonst üblichen journalistischen Praxis insofern ab, als die Autoren höchst subjektiv schrieben und stark auf literarische Stilmittel setzten, auch wenn sie sich korrekt an die Fakten hielten.

Den Begriff New Journalism hatte Tom Wolfe geprägt, der als Herausgeber der Anthologie The New Journalism (1973) in seinem Vorwort Eigenart und Bedeutung des neuen Stils definierte. Wesentliche Vertreter waren Hunter S. Thompson, Truman Capote und Norman Mailer. Dem New Journalism werden weiter zugerechnet: Gay Talese, Joe Eszterhas, Lester Bangs und George Plimpton.

Die Stilrichtung wurde von der Literatur der Beat Generation der 1950er-Jahre mit geprägt. Inhaltlich wandten sich die Autoren Bereichen zu, die andere Journalisten vernachlässigten: Beispielsweise den neuen Subkulturen der Popmusik, der Drogenszene und verschiedenen Sportarten. Dazu kam eine Beschäftigung mit Politik, die in ihrer Radikalität stark von der sonstigen Politikberichterstattung abwich.

Für Tom Wolfe füllte der New Journalism eine Lücke, die sich aufgetan hatte, weil seiner Meinung nach Autoren der Hochliteratur sich zunehmend in unverständlicher Sprache auf rein formale Spielereien beschränkten und Alltagsstoffe entsprechend vernachlässigten. Der Journalismus andererseits, so Wolfe, habe sich in eine fade Objektivität zurückgezogen, die unter den Fakten jedes Leben begrabe.

In Deutschland hat sich der “New Journalism” wegen der anders als in den USA gearteten Medienlandschaft nicht wirklich durchsetzen können. Dennoch gab es einige bedeutende deutsche Vertreter wie Jörg Fauser und Axel Arens.

Der radikalste und vielleicht spannendste Vertreter dieser “Neuen Journalismus” war meiner Meinung nach Hunter S. Thompson.

Hunter S. Thompson war das älteste Kind von Jack Robert Thompson (1893–1952) und Virginia Davidson Ray (1908–1998) und wurde in Louisville, Kentucky geboren. Sein Vater starb, als Thompson 14 Jahre alt war. Seine Mutter, die ihn und seine beiden Brüder daraufhin allein aufziehen musste, wurde in der Folge Alkoholikerin.

Schon während seiner Schulzeit war Thompson an Literatur interessiert. 1952 wurde er an seiner Schule Mitglied der sogenannten “Athenaeum Literary Association”. Ein anderes Mitglied dieses Clubs war Porter Bibb, später der erste Herausgeber des Rolling Stone.

1955 wurde Thompson der Mithilfe bei einem Raub bezichtigt, verhaftet und zu 60 Tagen Gefängnis verurteilt, wovon er 30 Tage absaß. Wegen dieser Vorstrafe wurde er des Literaturclubs verwiesen. Thompson beschloss, seine Heimatstadt zu verlassen und zur Armee zu gehen.

Seine Grundausbildung absolvierte Thompson bei der amerikanischen Luftwaffe auf der Lackland Air Force Base in San Antonio, Texas. Im Anschluss wurde er nach Illinois versetzt und zum Elektroniker ausgebildet. Er bewarb sich dann als Pilot, wurde aber abgelehnt. 1956 wurde er zu einer Luftwaffenbasis nahe Pensacola, Florida versetzt, wo er unter anderem als Sportreporter für die Kasernen-Zeitung arbeitete.

1958 verließ Thompson die US-Luftwaffe als sogenannter “Airman First Class”. Im abschließenden Zeugnis seines Führungsoffiziers hieß es, dass Thompson zwar Talent habe, für den Armeedienst aber zu undiszipliniert sei.

Thompson begann Ende der 1950er Jahre als Sportreporter und war dann als Südamerika-Korrespondent unter anderem für den „National Observer“ in Peru, Kolumbien und Brasilien unterwegs. Um 1960 herum schrieb er zwei Romane “Prince Jellyfish” und “The Rum Diary”, die jedoch keinen Verleger fanden (“The Rum Diary erschien 1998, aus Prince Jellyfish wurden bislang nur Auszüge veröffentlicht).

Bekannt wurde Thompson 1966 durch sein in diesem Jahr erschienenes Buch “Hell’s Angels – A Strange and Terrible Saga of the Outlaw Motorcycle Gangs” (dt. “Hell’s Angels“). Als erster Journalist beschäftigte sich Hunter S. Thompson ausgiebig und intensiv mit der Kultur dieser Motorradgang in Kalifornien und war dazu ein Jahr lang eng mit den “Hells Angels” verbunden.

Ende der 1960er Jahre war er einer der ersten Autoren des damals neuen Magazins “Rolling Stone. Thompsons exzentrischer und ausschweifender Lebens- wie Schreibstil war einer der Gründe für den Erfolg des Rolling Stone. In dieser Zeit schuf sich Thompson seine ganz persönliche Reportage- und Schreibform, den von ihm so genannten Gonzo-Journalismus (der Ausdruck Gonzo wurde von seinem Freund, dem Journalisten Bill Cardoso, geprägt).

1971 veröffentlichte Thompson sein bis heute bekanntestes Buch, Fear and Loathing in Las Vegas (dt. Titel Angst und Schrecken in Las Vegas, wörtlich “Angst und Abscheu in Las Vegas”). Dieses Buch wurde, wie etliche andere von Thompsons Titeln, von seinem Freund, dem Engländer Ralph Steadman, illustriert.

In den 1970er Jahren wandte sich Thompson verstärkt der Politik zu. 1970 kandidierte er als Sheriff in Aspen, Colorado. Thompson wurde von einer sogenannten „Freak-Plattform“ unterstützt und sein Wahlprogramm enthielt einige sehr radikale Forderungen, u. a. die Legalisierung von Drogen, die Umwandlung aller Straßen zu Radwegen und die Umbenennung von Aspen in „Fat City“.

Der amtierende Sheriff war ein Republikaner, der stets einen militärischen Kurzhaarschnitt trug, was Thompson dazu anregte, sich eine Glatze zu scheren, um dann seinen Gegenkandidaten als „meinen langhaarigen Widersacher“ („my long-haired opponent“) zu bezeichnen. Er verlor, lebte aber aber trotzdem weiterhin – zum Leidwesen etlicher lokaler Bürger, mit denen er noch auf Kriegsfuß stand – auf der “Owl Farm Ranch“, seinem befestigten Anwesen nahe Aspen, Colorado.

1972 berichtete er für den Rolling Stone über den Präsidentschaftswahlkampf, wobei er sich eng an das Lager des demokratischen Kandidaten George McGovern band. Thompson schrieb ausführlich über den Watergate-Skandal und unterstützte bei der folgenden Präsidentschaftswahl frühzeitig den damals noch unbekannten Jimmy Carter, mit dem er sich anfreundete und mit dem er einige sehr persönliche Interviews führte.

Als Auslandskorrespondent berichtete Thompson auch von der Invasion der US-Marines 1983 in Grenada und blieb auch später noch politischer Kommentator.

Er bezeichnete im Jahr 2000 George W. Bushs umstrittenen Wahlsieg als „die brutalste Machtergreifung seit Hitler 1933 den Reichstag niederbrannte und sich zum neuen Chef von Deutschland erklärte“. („the most brutal seizure of power since Hitler burned the German Reichstag in 1933 and declared himself the new Boss of Germany“).

Des öfteren benutzte er auch seine Internet-Sportkolumne Hey Rube, um über die Bush-Regierung und die Verlogenheit des modernen Zeitalters zu schimpfen. „WER wählt denn diese unehrlichen Schwachköpfe?“ („Who DOES vote for these dishonest shitheads?“), schrieb er 2003, bezogen auf die Leute, die zu dieser Zeit im Weißen Haus wiedereingesetzt wurden. „Sie sind die Rassisten und Hetzer unter uns – sie sind der Ku Klux Klan. Ich piss’ diesen Nazis in den Hals.“ („They are the racists and hate mongers among us – they are the Ku Klux Klan. I piss down the throats of these Nazis.“)

Thompson pflegte u. a. Freundschaften mit Keith Richards, Oscar Zeta Acosta, Bob Dylan, Warren Zevon, Jack Nicholson und Johnny Depp, der von ihm nur „Colonel“ genannt wurde.

Am 20. Februar 2005 nahm sich Hunter S. Thompson an seinem Schreibtisch in Woody Creek mit einem Kopfschuss das Leben. Nach Aussage seines Sohnes Juan Thompson hatte der Schriftsteller seinen Suizid lange geplant und oft angekündigt. Er habe nicht aus Verzweiflung gehandelt, sondern zum richtigen Zeitpunkt abtreten wollen.

Als Veteran der US Air Force hat Thompson Anspruch auf einen von der US-Regierung finanzierten Grabstein, auf dem seine Witwe seine Devise It never got weird enough for me einmeißeln lassen will.

Sieben Monate nach dem Suizid Hunter S. Thompsons hat das US-Magazin „Rolling Stone“ den Abschiedsbrief an seine Frau veröffentlicht.

Unter der Überschrift „Football Season is over“ („Die Footballsaison ist vorbei“) schrieb Thompson vier Tage vor seinem Freitod: „Keine Spiele mehr. Keine Bomben mehr. Kein Laufen mehr. Kein Spaß mehr. Kein Schwimmen mehr. 67. Das ist 17 Jahre nach 50. 17 mehr als ich brauchte oder wollte. Langweilig. Ich bin nur noch gehässig. Kein Spaß – für niemanden. 67. Du wirst gierig. Benimm dich deinem hohen Alter entsprechend. Entspann’ dich – es wird nicht wehtun.“ „No More Games. No More Bombs. No More Walking. No More Fun. No More Swimming. 67. That is 17 years past 50. 17 more than I needed or wanted. Boring. I am always bitchy. No Fun–—for anybody. 67. You are getting greedy. Act your old age. Relax—–This won’t hurt.“

Wenn ihr das Werk von Hunter S. Thompson kennenlernen wollt, empfehle ich euch zum einen das Buch “Hell’s Angels” von 1966.

In diesem Werk schilderte er seine Beziehung zu Mitgliedern der Motorradgang und deren “Alltag“. Zu diesem Zweck war Thompson mehrere Monate mit Mitgliedern der “Hells Angels” vor allem auch in San Francisco eng verbunden, wo er zu jener Zeit (1965) auch lebte.

Das Buch ist stark subjektiv, aber das war Thompsons Stil. Thompson wollte nicht unbedingt immer objektiv Distanz halten, sondern direkt und radikal in die von ihm gewählte Materie eintauchen.

Hunter S. Thompson berühmtestes und vor allem erfolgreichstes Buch allerdings ist, wie schon erwähnt, “Fear and Loathing in Las Vegas” von 1971.

Fear and Loathing in Las Vegas” (deutscher Titel: „Angst und Schrecken in Las Vegas“; wörtlich „Angst und Abscheu in Las Vegas“) ist ein Schlüsselroman von Hunter S. Thompson, der 1971 in den USA erschienen ist. Laut Thompson selbst basiert der Roman auf einer tatsächlichen Reise, die er 1971 mit Oscar Zeta Acosta, im Roman “Dr. Gonzo” genannt, unternahm. Nach der Reise schrieb sich Thompson alles auf, woran er sich erinnerte.

Thompson stellt am Anfang des Buches fest: „Wir hatten zwei Beutel Gras, fünfundsiebzig Kügelchen Meskalin, fünf Löschblattbögen extrastarkes Acid, einen Salzstreuer halbvoll mit Kokain und ein ganzes Spektrum vielfarbiger Upper, Downer, Heuler, Lacher … sowie einen Liter Tequila, eine Flasche Rum, eine Kiste Bier, einen halben Liter unverdünnten Ether und zwei Dutzend Poppers. Den ganzen Kram hatten wir in der Nacht zuvor zusammengerafft, auf einer wilden Höllenfahrt durch den gesamten Los-Angeles-Bezirk; von Topanga bis Watts griffen wir uns alles, dessen wir habhaft werden konnten. Nicht, dass wir das ganze Zeug für den Trip wirklich brauchten, aber wenn man sich einmal darauf einläßt, eine ernsthafte Drogen-Sammlung anzulegen, neigt man eben dazu, extrem zu werden.“

Raoul Duke ist Sportjournalist und soll über das Off-Road-Rennen Mint 400 in der Wüste bei Las Vegas berichten. Dabei wird er von seinem skurrilen Anwalt Dr. Gonzo begleitet. Die beiden nehmen ihre Arbeit aber nur sehr am Rande wahr, wichtiger ist ihnen ihr eigener massiver Drogenkonsum, während sie den Amerikanischen Traum suchen.

Die beiden steigen unter falschen Namen in Las Vegas ab (“Raoul Duke” ist eigentlich Hunter S. Thompson selbst, “Dr. Gonzo” ist eigentlich Oscar Zeta Acosta).

In der zweiten Hälfte des Romans besuchen sie in berauschtem Zustand einen Kongress von Bezirksstaatsanwälten zum Thema Drogen.

Fear and Loathing in Las Vegas” ist eine radikale Abrechnung mit dem „American Way of Life“ sowie der Naivität der Hippie-Generation und kann zudem als Tripbericht gelten. Der Autor zeigt Rückblicke auf das Denken der Hippies und den verzweifelten Versuch, wieder in den „besten Jahren“ seines Lebens zu leben. Der eigentliche Zweck, den die Drogen erfüllen sollen, ist der Versuch, „der harten Realität der 70er“ zu entfliehen. Dass dieser Fluchtversuch – und sein Scheitern – den wichtigsten Kerngedanken des Buches ausmacht, wird durch das Motto deutlich, welches Thompson seinem Roman voranstellt: „Der, so sich zum Tier macht, befreit sich von dem Leid, ein Mensch zu sein.“ (Samuel Johnson)

Das Buch wurde 1998 vom ehemaligen Monty-Python-Mitglied Terry Gilliam verfilmt, ebenfalls unter dem Titel Fear and Loathing in Las Vegas. Als Hauptdarsteller spielen Benicio Del Toro als “Dr. Gonzo” und Johnny Depp, der ein enger Freund von Hunter S. Thompson gewesen ist, in der Rolle des “Raoul Duke“. Thompson selber ist kurz in zwei Cameo-Auftritten zu sehen. Er erscheint einmal im Matrix-Club in San Francisco auf einem Stuhl sitzend und einmal beim Wüstenrennen beim Schießen.

Beide Bücher kann ich euch herzlich empfehlen, wenn ihr Hunter S. Thompson kennenlernen wollt, den wohl radikalsten und subjektivsten Vertreter des “New Journalism“.

Aber natürlich lohnt es sich genauso, zum Beispiel das Werk Tom Wolfes, Norman Mailers, Truman Capotes, Gay Taleses und der sonstigen Vertreter des “New Journalism” kennenzulernen.

Creative Commons Lizenzvertrag Hunter S. Thompson (1937 – 2005) und der “New Journalism” Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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