Allen Ginsbergs “Howl” (1955)

Ich bin ein grosser Fan der amerikanischen Beat-Generation, insbesondere des Dreigestirns Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs.

Heute will ich euch das massgebliche Gedicht der Beat-Generation vorstellen, Allen Ginsbergs “Howl” von 1955, nachdem ich vorher schon den massgeblichen Roman der Beat-Generation vorgestellt habe, Jack KerouacsOn the Road” (seht hierzu meinen Blogeintrag zur “Original Scroll” dieses Romans).

Wer war Allen Ginsberg? Ginsberg wurde als Kind von Naomi und Louis Ginsberg geboren. Die Mutter war eine engagierte Kommunistin. Sie erkrankte zunehmend psychisch und starb schließlich. Der Vater, ein ebenfalls politisch aktiver Lehrer, überredete den Sohn an der Columbia University ein Studium der Rechte zu beginnen. Hier lernte Ginsberg Jack Kerouac, William S. Burroughs, Neal Cassady und später Harold Norse kennen, die zu Ungunsten des Studiums Einfluss auf das Werk Ginsbergs gewannen. Mit N. Cassady und Charles Plymell lebte er in den 1960er Jahren in einer Wohngemeinschaft.

Ginsbergs Dichtung wurde so von der klassischen Moderne, aber auch der Romantik, dem Jazz sowie vom Buddhismus und seiner jüdischen Herkunft geprägt. Auch die Homosexualität, zu der er sich früh bekannte, das politisch linke bis anarchistische Engagement sowie Zen, Yoga und bewusstseinsverändernde Drogen wirkten auf das Schaffen. Ginsberg selbst nannte zudem William Blake und Walt Whitman als wesentliche Einflüsse. Der bedeutendste unter seinen Mentoren und Förderern war jedoch der Dichter William Carlos Williams, der Ginsberg entscheidend dabei half, seine eigene dichterische Stimme zu finden. Sein bekanntestes Werk ist das lange Gedicht Howl.

Ginsberg war befreundet mit dem Musiker Bob Dylan. Beide arbeiteten zusammen an einer Reihe von Vertonungen einer Auswahl von Ginsbergs Gedichten und tauschten sich oft künstlerisch aus. 1977 steuerten die beiden zusammen den Hintergrundgesang zu einem Stück von Leonard Cohens Album Death of a Ladies’ Man bei.

In späteren Jahren war Allen Ginsberg Buddhist und Schüler von Chögyam Trungpa Rinpoche, den er in New York zufällig kennenlernte. In der Folge lehrte er an der Naropa Universität in Boulder (Colorado), die von Trungpa Rinpoche gegründet wurde. Ginsberg starb am 5. April 1997 in New York City.

Howl” (deutsch “Das Geheul“) trug Ginsberg öffentlich zum ersten Mal am 7. Oktober 1955 in der Six Gallery in San Francisco vor. Es ist Carl Solomon gewidmet, den Ginsberg in einer psychiatrischen Klinik kennengelernt hatte.

Es gilt als herausragendes Gedicht der Beat Generation.

Howl” besteht aus drei Teilen und einer „Fußnote“. Der erste Teil ist der längste und bekannteste; die anderen Teile und die Fußnote entstanden erst nach dem ersten Vortrag.

Der erste Teil wird eingeleitet mit den Worten:

I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, dragging themselves through the Negro streets at dawn looking for an angry fix
(deutsch: Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, ausgemergelt hysterisch nackt, wie sie sich im Morgengrauen durch die Negerviertel schleppten auf der Suche nach einer wütenden Spritze)

und fährt dann in einer Aneinanderreihung von Szenen – oft als Relativsätze verbunden – fort. Diese Szenen enthalten sowohl autobiographische und biographische Passagen aus dem Leben der Beat Generation als auch abstrakt-metaphysische und religiöse Symbolik.

Wiederkehrende Themen sind Drogen, Jazzmusik und Wahnsinn vor dem Hintergrund der Vereinigten Staaten von Amerika in den 1950ern. Die Verse reimen sich nicht, werden aber durch den Klang der Worte zusammengehalten. Dabei benutzt Ginsberg auch Slang-Wörter:

yacketayakking screaming vomiting whispering facts and memories and anecdotes and eyeball kicks and shocks of hospitals and jails and wars

In einem entsprechenden Vortrag wirkt dieser Teil tatsächlich wie ein langes Geheul oder eine Wehklage. Es ist auch dem jüdischen Kaddisch nachempfunden, eine Übernahme, die Ginsberg später in seinem zweiten dichterischen Hauptwerk Kaddish explizit wiederholte.

Der zweite Teil stellt nach der Klage des ersten die Frage, wer oder was verantwortlich für das beschriebene Elend ist:

What sphinx of cement and aluminum bashed open their skulls and ate up their brains and imaginations?
(deutsch: Welche Sphinx aus Zement und Aluminium schlug ihre Schädel auf und fraß ihre Hirne und Vorstellungen?)

Die Antwort ist “Moloch“, der nun mit verschiedenen Attributen belegt wird. Interpretationen deuten Moloch oft als die Großstadt, aber auch als das Geld oder den Kapitalismus. Im Gedicht bleibt dies jedoch offen, zumal Moloch auch als metaphysische und psychische Macht erscheint:

Moloch, who entered my soul early! Moloch, in whom I am a consciousness without a body!
(deutsch: Moloch, der früh in meine Seele eindrang! Moloch, in dem ich ein Bewusstsein ohne Körper bin!)

Nach den direkten Anklagen und Verfluchungen des Moloch im zweiten Teil ist der dritte Teil von versöhnlicherem Ton bestimmt. Er eröffnet mit der direkten Anrede an Carl Solomon, der sich in der Irrenanstalt Rockland befindet. Die nach jedem Vers wiederholte Beschwörung lautet

I’m with you in Rockland

während sich der Sprecher zu immer fantastischeren Visionen steigert, die im Einsturz der Mauern von Rockland und einer Art Heimkehr des Angesprochenen enden.

Die “Fußnote” zu “Howl” wird vom wiederholten Wort holy (heilig) bestimmt und spricht, im Vergleich zum Gedicht sehr optimistisch, alles Geschehen heilig:

Everything is holy! everybody’s holy! everywhere is holy! everyday is in eternity! Everyman’s an angel!

Um das Buch gab es eine gerichtliche Auseinandersetzung. 1957 beschlagnahmte die Polizei 520 Exemplare des Buches Howl and other poems, in dem das Gedicht veröffentlicht worden war. Gegen den Verleger Lawrence Ferlinghetti wurde Anklage erhoben. Insbesondere die Zeile

who let themselves be fucked in the ass by saintly motorcyclists, and screamed with joy
(deutsch: die sich in den Arsch ficken ließen von heiligen Motorradfahrern und vor Freude schrien)

galt als obszön. Ferlinghetti wurde von der American Civil Liberties Union unterstützt, und nach dem Anhören mehrerer Literaturwissenschaftler sprach das Gericht Ferlinghetti frei und billigte dem Gedicht eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung zu.

Durch den Prozess, über den landesweit berichtet wurde, gewannen das Gedicht und der Autor große Bekanntheit.

Es kam also wie so oft: Die amerikanischen Spießer und Moralapostel halfen erst Recht dazu, das Gedicht bekannt, gar berühmt zu machen.

Ginsberg selbst vermittelte seinen Lesern und Bewunderern den Eindruck, das Gedicht in kurzer Zeit in einem Rauschzustand geschrieben zu haben. Dies konnte widerlegt werden. Tatsächlich arbeitete Ginsberg mehrere Monate, vielleicht sogar Jahre, an dem Werk. Erstaunlich ist, dass es dennoch wie ein plötzlicher, in sich geschlossener Gefühlsausbruch wirkt.

Das Gedicht ist tatsächlich ein klug durchkomponiertes Meisterwerk. Man kann sich das Gedicht, das man auf jeden Fall auf Englisch lesen sollte (Lyrik lässt sich schlecht übersetzen) natürlich in einer örtlichen Buchhandlung oder bei amazon.de kaufen.

Es gibt aber auch Online-Versionen dieses Gedichts.

Hier kommt also der Link zu einer Online-Version von “Howl“. Und natürlich gibt es auch die nachträglich entstandene “Footnote” zu “Howl” in einer entsprechenden Online-Version.

Die Lektüre dieses Gedichts kann ich euch wärmstens empfehlen. Die Beat-Generation waren die ersten Vertreter einer modernen Pop-Literatur, die damals am zeitgenössischen Jazz, vor allem dem Bebop orientiert war. Und die Schriften der Beat-Generation haben bis heute nichts an ihrer Brisanz und literarischen Explosivität eingebüßt.

Creative Commons LizenzvertragAllen Ginsbergs “Howl” (1955)Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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