Auf dem Jakobsweg (Camino Francés) im Jahre 2011

Wie einige von euch wissen, habe ich seit 1990 oft den Jakobweg abgefahren und abgelaufen.

1990 war das erste Mal, dass ich den Jakobsweg in seiner klassischen Variante “Camino Francés” (von den Pyrenäen bis Santiago de Compostela) mit dem Fahrrad vom südfranzösischen Pau abgefahren bin, auf einem ganz normalen 10-Gang Rad auf den Strassen Spaniens zusammen mit zwei Freunden. Damals war ich 25 Jahre alt.

Seitdem bin ich den Weg drei Mal zu Fuss abgelaufen, Mal in Etappen, dann auch zweimal komplett am Stück, und zur Zeit bin ich zum vierten Mal zu Fuss auf dem Camino Francés unterwegs.

Seit 1990 sind 21 Jahre vergangen, und der Weg hat sich seitdem massiv verändert.

1990 kannten nur wenige Menschen in Europa den Weg, und nur wenige haben ihn damals abgefahren oder abgelaufen. So waren ich und meine beiden Freunde im Monat April im Jahre 1990 praktisch allein auf dem Weg unterwegs.

Im Jahre 2011 ist der Weg schon längst zum Massenvergnügen geworden, und damit hat sich auch der Charakter und die Struktur des Weges natürlich massiv verändert.

War im Jahre 1990 die Infrastruktur noch sehr kärglich (an manchen zentralen Orten des Weges wie León gab es damals im April keine einzige städtische geöffnete Herberge, so dass ich meine Freunde tatsächlich in León einem kleinen Hostal übernachten mussten) und musste man damals oft weite Strecken fahren oder laufen, um zur nächsten Herberge zu gelangen, findet man jetzt praktisch an allen Orten des Weges meist recht bequem eingerichtete Herbergen, nicht nur städtische und kirchliche, wie im Jahre 1990, sondern auch jede Menge kommerziell betriebene private Herbergen, die teilweise für traditionelles Pilgern ungewöhnlichen Luxus bieten wie Einzel- und Doppelzimmer mit eigenem Bad, alles natürlich gegen ein entsprechendes Entgelt. In manchen Fällen zahlt man dann schon oft die gleiche Summe wie in einem gewöhnlichen Hotel. Während das Bett im Mehrbettzimmer in den privaten Herbergen meist stolze 10 Euro kostet, bescheiden sich die städtischen Herbergen meist mit 5 bis 7 Euro, während die kirchlichen Herbergen wie traditionell üblich oft immer noch auf Spendenbasis betrieben werden, das heisst, wer wenig Geld hat, der darf hier auch wenig oder gar nichts zahlen.

Das heisst, der Jakobsweg ist schon längst für die anliegenden Dörfer und Städte zu einem großen Geschäft geworden, auch für die Restaurants, die in der Regel ein entsprechendes, oft etwas repetitives und eintöniges “Pilgermenü” anbieten, auch hier zahlt man in der Regel 10 Euro. Dies ist für ein Land wie Spanien, in dem man in der Provinz in der Regel für wenig Geld Essen und Trinken kann, iein recht stolzer Preis und für die Restaurantbesitzer ist dieses “Pilgermenü” wohl ein rundes Geschäft.

Man muss sich klar machen: Die Pilgerzahlen sind seit Anfang der siebziger Jahre stetig steigend, der grosse Aufschwung kam dann in den 1990ern, im Jahre 2010 sind über 270.000 Pilger registrierterweise in Santiago de Compostela angekommen. Diese Pilger lassen Tag für Tag Geld in den Herbergen, Restaurants und Geschäften der Ortschaften, durch die sie durchlaufen oder durchradeln, im Durchschnitt wohl mindestens 20 bis 30 Euro am Tag, denn ohne Herberge und Pilgermenü pilgern die wenigsten Pilger, Pilger mit Zelt und Kocher sind die große Ausnahme, da man in solch einem Fall einen enorm schweren Rucksack mit sich schleppen muss, was nur die zähesten und sportlichsten Pilger auf sich nehmen dürften.

Zwar gibt es in den städtischen Herbergen in der Regel Küchen, aber die halbwegs betuchten Pilger essen in der Regel in einem Restaurant.

Es handelt sich also um ein Geschäft mit erheblichen Dimensionen, und von daher erstaunt es auch nicht, dass sich nicht nur die Infrastruktur des Weges, sondern auch der Weg selbst massiv verändert hat: In den “Camino Francés” wurden spanische und auch Gelder der Europäischen Union reingepumpt, mit dem Ergebnis, dass der ursprüngliche Weg, der noch vor zwanzig Jahren meist unscheinbar, klein und oft schlecht markiert war und im übrigen oft auch einfach am Rande der Landstrassen entlanging sich mittlerweile in einen gut ausgebauten “Pilgerhighway” verwandelt hat, mit teilweise sogar geteerten oder gepflasterten Strecken, perfekt markiert (selbst wer mitten in der Nacht startet, verfehlt den Weg jetzt nicht mehr) und mit vielen Brunnen ausgestattet, an denen der Pilger seine Feldflasche mit frischem Wasser füllen kann, in einem im Sommer so heissen Land wie Spanien eine Notwendigkeit.

Der Weg selbst ist also in Spanien superkomfortabel geworden, fast unmöglich sich zu verirren und kaum einmal läuft man mehr die Landstrasse entlang, man bleibt jetzt von vorbeirasselnden Lastern verschont, was vor zwanzig Jahren der Schrecken und Fluch jedes Pilgers auf dem “Camino Francés” war.

Man muss sich also diese Veränderungen klar machen, um abzuwägen, wo die Gewinne und Verluste in diesem seit zwanzig Jahren ablaufenden Kommerzialisierungs- und Professionalisierungsprozess liegen (denn die Jakobusgesellschaften sind mittlerweile bestens organisiert und kümmern sich auch intensiv um den Weg): Verluste sind sicherlich dort zu beobachten, wo es um den ursprünglichen “Geist” des Weges geht: Früher hatten die Pilger das Gefühl, ein Stück weit einem exklusiven Vergnügen zu frönen, bei dem ganz andere Ansprüche zum Anschlag kamen als für den traditionellen deutschen Spanienurlauber, der seinen Bierbauch an der Costa Brava rösten lässt.

Heute dagegen sind auch Leute auf dem Weg unterwegs, die sicherlich auch mal Urlaub auf Mallorca in einer dortigen Bettenburg in Erwägung ziehen.

Diese “Pilger” (?!) haben oft keinerlei spirituellen Interessen, ignorieren oft die unzähligen Kunstschätze, die auf dem Weg zu sehen sind (Kirchen und Klöster etc.) und für sie ist der Weg nur ein preiswerter Outdoor-Urlaub als mögliche Alternative zu einem reinen Bade- und Discovergnügen an der Costa Brava oder auf “Malle“.

Die anderen, die traditionellen Pilger, die spirituelle Interessen haben und oft deshalb auch auf dem Weg unterwegs sind, weil sie zur stumpfsinnigen Arbeitswelt und Konsumgesellschaft quer stehen und sich spirituell auftanken wollen, die gibt es auch noch, aber sie sind mittlerweile in der Minderzahl.

Stattdessen hat man heute (meist auch jugendliche) Pilger, die sich oft nicht einmal einen anständigen Pilgerführer besorgen, bevor sie in Pamplona oder Roncesvalles auf der Startrampe stehen und für die das Ganze ein preiswerter “Abenteuerurlaub” darstellt.

Ich selbst benutze übrigens den Führer von Michael Kasper und Raimund Joos, der von Cordula Rabe ist ebenfalls gut.

Die Gewinne liegen im Vergleich zum Jahre 1990 liegen dort, wo es um den Komfort und die Machbarkeit des Weges geht: So, wie der Weg heute strukturiert und organisiert ist, können selbst mässig körperliche fitte Menschen mit wenig Erfahrung im Trekkingbereich den Weg problemlos machen, man kann kurze Etappen gehen und komfortabel übernachten, selbst für ältere Rentner ist der Weg so jetzt problemlos machbar, auch wenn er trotz allem immer noch dem Pilger einiges körperlich abverlangt.

Nun, so sieht es also mit dem Jakobsweg im Jahre 2011 aus.

Im Moment bin ich Santo Domingo de la Calzada, an der Grenze von der Region Rioja zur Region Kastilien und León.

Die Wettervorhersage für diese Woche ist gut, ich werde also noch einige Zeit auf dem “Camino Francés” unterwegs sein.

Creative Commons LizenzvertragAuf dem Jakobsweg (Camino Francés) im Jahre 2011Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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