Stéphane Hessel: Indignez-vous! (2010)

Die meisten von euch werden schon davon gehört haben: Ein 93jähriger, ehemaliger Resistance-Kämpfer und KZ-Häftling und späterer französischer Diplomat namens Stéphane Hessel (Sohn des deutsch-jüdischen Schriftstellers Franz Hessel) hat im Oktober 2010 einen Text mit dem Titel “Indignez-vous” (Deutsch: “Empört Euch!“) veröffentlicht, der in Frankreich schnell Furore machte und massenhaft verkauft wurde, bevor das Buch den Weg in die Buchhandlungen ganz Europas fand und dort in der Regel zum Kassenschlager und Bestseller in den entsprechenden Ländern wurde, auch hier in Deutschland. Bis Februar 2011 waren schon eine Million Exemplare verkauft.

Das Buch ist nicht nur viel verkauft worden, sondern hat auch schon aktuelle politische Proteste angeregt: Die Protestbewegung in Spanien vom Mai 2011 (die sogenannten “indignados“) und ihre europäischen Ausläufer in Frankreich, Griechenland und Portugal berufen sich explizit auf dieses Buch.

Zum Fall der spanischen “indignados” seht zum Beispiel den Artikel vom 12.5.2013 mit dem Titel “`Indignados´ auf der Straße: Spanier demonstrieren gegen Krise und Sparpolitik” im “Handelsblatt“.

Nun hat es nicht viel Sinn, dass ich hier eine lange Kritik über dieses kleine Werk schreibe, und zwar aus folgenden Gründen: Zum einen ist das Werk so kurz, dass jeder sich selbst einen Eindruck über das Buch verschaffen kann. Es ist im französischen Original gerade mal 29 Seiten stark. In der deutschen, unautorisierten Übersetzung von Cornelia Weigel und Friedrich Kreuzeder, die gratis als Online-PDF im Netz steht, ist das opusculum im Din A4-Format gerade mal 12 Seiten stark. Ich habe das Werk in meine Online-Library integriert. Ihr könnte es also auch direkt hier bei mir unter diesem Link runterladen. Die offizielle, in den Buchläden käuflich erwerbbare Übersetzung hat Michael Kogon besorgt, der Sohn von Eugen Kogon, den Hessel während seiner Haft im KZ Buchenwald kennenlernte und mit dem er sein Leben lang befreundet war. Hessel hat auf ein Autorenhonorar für dieses Werk verzichtet.

Das heißt, ich will hier keine lange Kritik schreiben, sondern fordere euch auf, das Büchlein einfach mal zu lesen. Das dauert bei durchnittlich schnellen Lesern nicht mal eine halbe Stunde.

Hinzu kommt, dass über dieses Buch schon sehr viel geschrieben und geredet wurde. Es sind auch schon zahlreiche Interviews zu diesem Buch in den deutschen Zeitungen erschienen. Wer sich also über dieses Werk informieren will, sollte es einfach mal “googeln”.

Erst mal die “Basics“: Es gibt einen längeren Wikipedia-Eintrag zu diesem Buch, den ihr durchlesen könnt und der auch im Anhang unten auf die wichtigsten erschienenen Rezensionen verweist, bzw. mit ihnen verlinkt ist.

Die Inhaltsangabe des Wikipedia-Artikels kann ich hier direkt übernehmen:

“Hessels Ausgangspunkt sind die Ideale und Ziele der französischen Widerstandskämpfer, an die er sich erinnert und die er mit den heutigen Verhältnissen und Auffassungen in Frankreich vergleicht. Dieses „Vermächtnis“ möchte er an die jüngeren Generationen weitergeben. Er stellt fest, dass der Gründungskonsens der französischen Republik nach dem Zweiten Weltkrieg als Sozialstaat und die Verpflichtung für die Menschenrechte, wie sie in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte eingeflossen waren, an der Hessel einst mitgewirkt hatte, heute gefährdet seien, und er ruft dazu auf, diesen Werten wieder zur Geltung zu verhelfen.

Als Beispiele für eine verfehlte Politik nennt Hessel viele Bereiche: Die Diskriminierung von Ausländern, den Sozialabbau, insbesondere bei der Alterssicherung, den Konzentrationsprozess bei der Presse und ihre gefährdete Unabhängigkeit, den Zugang zur Bildung sowie die Entwicklungspolitik im Nachgang zur Wirtschaftskrise und die Umweltpolitik zum Erdklima. Im Kapitel „Meine Empörung in der Palästina-Frage“ kritisiert Hessel die israelische Politik in den besetzten Gebieten, die er als das bezeichnet, was ihn derzeit am meisten empöre.

Dies alles seien aber nur Beispiele. Wer genau genug hinsehe, werde genügend weitere Anlässe zur Empörung finden.

Das Buch fordert den Leser zu einer engagierten Lebenshaltung auf, zu gewaltloser Revolte und Zivilem Ungehorsam, wozu jedermann einen Grund habe. „Das Grundmotiv der Résistance war die Empörung.“ Wenn auch die Komplexität der gesellschaftlichen Strukturen und Beziehungen einfachen Erklärungsmustern entgegenstehe, so sei doch „das Schlimmste, was man sich und der Welt antun“  könne, die Gleichgültigkeit gegenüber den politischen Verhältnissen.

Der Finanzkapitalismus, der durch Lobbyisten den Staat beherrsche, bedrohe die Werte der Zivilisation, und die Unterschiede zwischen Reich und Arm seien noch nie so groß gewesen in der Welt. Es sei falsch, wenn behauptet werde, die Kosten für die soziale Sicherung wären zu hoch. Das könne nicht richtig sein angesichts der Tatsache, dass der Wohlstand heute „so viel größer ist als zur Zeit der Befreiung, als Europa in Trümmern lag.“

Hessel bezieht sich bei alledem auf den Existentialismus Jean-Paul Sartres, den er selbst 1939 in Paris kennengelernt hatte, sowie auf die Philosophie Hegels, die die Geschichte optimistisch als eine Abfolge von Fortschritten zum Besseren hin auffasse.

Sein Manifest endet mit dem Appell: „Neues schaffen heißt, Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt, Neues schaffen“.

Gut, genau das ist der Inhalt des Buches. Und es ist in einem klaren, zugleich engagierten und zornigen Stil geschrieben, mit der Narrenfreiheit eines Mannes, der weiß, dass er bald sterben wird, und der den jungen Menschen das weitergeben möchte, was er in seinem langen Leben gelernt und begriffen hat.

Kann man an dem was Stéphane Hessel hier sagt, viel kritisieren? Eigentlich nicht.

Er hat in seinem Büchlein mit gesundem Menschenverstand alle die Probleme benannt, die heute tatsächlich die am drängendsten sind: Der heutige Finanzkapitalismus, der unter anderem für die schwere Finanzkrise verantwortlich war, die im Jahre 2007 begann und heute noch in vielen Ländern, wie den U.S.A., in ihren Folgen keinesfalls bewältigt ist. Er benennt die für alle Länder, auch Deutschland, erdrückende “Lobbykratie“, in deren Händen sich die Politiker aller herrschenden Parteien befinden, auch in Deutschland. Siehe hierzu auch meinen Blogeintrag: “Lobbys, PR-Agenturen und ihr Einfluß auf die Medien und die Politik in Deutschland“.

Dass die Kosten für soziale Sicherung und Gesundheit eigentlich nicht zu hoch sein können, so Hessel, ist auch richtig. Der gesellschaftliche Reichtum steigt in den entwickelten Länder, auch Deutschland, von Jahr zu Jahr. Wenn zu wenig Geld da ist, dann, weil es falsch verteilt ist. Auch in Deutschland ist die Verteilung des Reichtums alles andere als gerecht. Siehe hierzu einen Artikel aus “Focus“, eine Zeitschrift, der man kaum linksradikale Tendenzen unterstellen kann, und die im Jahre 2007 auf der Basis einer Vermögensstudie des DIW aus demselben Jahr einen Artikel veröffentlichte mit dem Titel “Wenige horten viel“.

Natürlich hat Hessel auch Recht, wenn er den Sozialabbau in den neoliberal diktierten Ländern, zu denen auch Deutschland gehört (Gerhard Schröder hat hier ganze Arbeit geleistet, die von Angela Merkel weitergeführt wird) und die Diskriminierung von Ausländern anprangert.

Es ist in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass das erfolgreichste deutsche Sachbuch des vergangenen  Jahrzehnts das Werk von Thilo SarrazinDeutschland schafft sich ab” war, in dem über die Ausländer in Deutschland hergezogen wird.

Dass die Alterssicherung in den entwickelten Ländern – auch in Deutschland – zunehmend wacklig wird, ist eine Tatsache.

Die Presse und die Medien sind in der Regel in den Händen reicher Verleger und großer Publikationshäuser  – wie zum Beispiel in Deutschland die Axel Springer AG, die Bauer Media Group, die Bertelsmann AG und Hubert Burda Media – und unterliegen einem Konzentrationsprozess und sind zunehmend in Gefahr, ihre Unabhängigkeit zu verlieren, auch das ist richtig. Siehe hierzu unter anderem meinen Blogeintrag: “Zur aktuellen Situation des Printjournalismus: Perspektiven und das Internet als mögliche Lösung“.

Die weltweite Umweltpolitik macht ebenfalls wenig Fortschritte, was vor allem an der Zögerlichkeit des wichtigsten westlichen Landes, den USA liegt, endlich für eine nachhaltige und ökologische Form des Wirtschaftens einzutreten und entsprechende weltweite Regelungen durchzusetzen.

Der einzige Punkt, an dem man Hessel kritisieren könnte, ist der in der Palästina-Frage, wo er einen deutlich pro-palästinensischen Standpunkt einnimmt. Mir scheint doch, dass hier das Versagen und die Uneinsichtigkeit auf beiden Seiten, auf Seiten der Israelis und Palästinenser, gleich verteilt ist, und beide Seiten, sowohl Israel als auch die Palästinenser, möglichst unter Mitwirkung der USA., Schritte unternehmen sollten, um zu einer friedlichen Einigung zu gelangen.

Auch die Philosophen, auf die Hessel sich beruft, sind durchaus solide gewählt, hier gehört der Existentialist Jean-Paul Sartre mit seiner Forderung nach politischem und sozialem Engagement und der Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty  genauso dazu wie Georg Friedrich Wilhelm Hegel mit seinem Geschichtsoptimismus, den sein linkshegelianischer Interpret Karl Marx von ihm geerbt hat.

Selbst gegen seinen letzten Appell: „Neues schaffen heißt, Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt, Neues schaffen“ ist nicht viel zu sagen.

Hessel betont, dass es sich hier um gewaltlosen Widerstand handeln soll und erwähnt explizit Martin Luther King, Jr. als eines seiner Vorbilder. Er hätte aber genauso gut Mahatma Ghandi erwähnen können.

Schon der Vorsokratiker Heraklit sagte vor ca. 2500 Jahren:

“Der Krieg ist der Vater aller Dinge und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien”.

Krieg” ist hier eigentlich eine nicht ganz richtige Übersetzung. Es hier geht genauer um den “pólemos“, was auch Krieg bedeuten kann, aber genauso Streit und Konflikt, und  eigentlich geht es auch um den ewigen Kampf der Gegensätze auf dieser Welt, aus denen alles  hervorgeht (siehe hierzu einen guten Kommentar in Yahoo! Clever).

Dennoch ist bei Heraklit durchaus auch der militärische Kampf gemeint, genauso gut wie jede andere Form des Kampfes wie zum Beispiel der friedliche Widerstand von Bürgern gegen eine politische, gesellschaftliche oder staatliche Ordnung, die sie zum Kampf herausfordert.

Insofern spricht Hessel hier nur ein Prinzip an, das schon Heraklit und den alten Griechen vertraut war und im europäischen Denken verwurzelt ist.

Das Schöne an diesem kleinen Büchlein ist, dass Hessel hier schlicht und geradlinig argumentiert, die kritischen Punkte beim Namen nennt und sich außerdem angenehm kurz fasst, ohne es sich dabei wirklich zu einfach zu machen. Er konzediert ja, dass wir heute in einer sehr komplexen Welt leben und es manchmal nicht einfach ist, vernünftig über die in unserer Gesellschaft, in Politik und Wirtschaft vorliegenden Probleme zu urteilen. Das ist wahr, genauso wie es wahr, dass wir deswegen nicht kapitulieren und verstummen dürfen, nur weil die Dinge heute vielleicht nicht mehr ganz so eindeutig und klar sind wie zur Jugendzeit Hessels, in der ein Kampf gegen den Nazismus für jeden aufrechten Demokraten zumindest in Frankreich ein “Muß” und für einen jungen Mann mit einem jüdischen Vater wie Hessel wohl selbstverständlich war.

Gut, und damit genug. Mehr will ich gar nicht dazu sagen, denn dieses kurze und klar geschriebene Werk kann jeder von euch selbst durchlesen und sich selbst ein Urteil darüber bilden.

Creative Commons Lizenzvertrag Stéphane Hessel: Indignez-vous! (2010) Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s