“Lucio” (2007)

Der  Film “Lucio” von Aitor Arregi und José María Goenaga ist eine kleine Perle. Nicht umsonst hat dieser Film in der IMDb eine hohe Punktebewertung (siehe hierzu den IMDb-Eintrag zu diesem Film).

Der Film erzählt die Lebensgeschichte von Lucio Urtubia, der 1931 in einem kleinen Dorf im spanischen Navarra im Kreise einer ärmlichen und sozialistisch eingestellten Familie geboren wird. Urtubia lebt heute noch (siehe hierzu den spanischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu Urtubia), und er ist der Protagonist des Filmes und kommt in Interviewsequenzen in diesem Film ausführlich zu Wort.

Schnell schließt er sich als junger Mann in der Zeit der frühen Franco-Regimes Grenzschmugglerkreisen an, und auch beim Militär unterschlägt er Waren und verhökert sie auf dem Schwarzmarkt. Der Strafe entzieht er sich durch Flucht nach Paris, die Stadt, die ab da zu seiner zweiten Heimat wird.

Die Lebensbedingungen waren in Paris damals weit besser als in Spanien, und Urtubia arbeitet als Maurer, hat aber gleichzeitig Kontakt zu anarchistischen Kreisen und lernt in Paris seinen politischen Ziehvater kennen: Den legendären Francesc Sabaté Llopart, genannt “el Quico”, eine spanische Anarchistenlegende, ein Mann, der aktiv gegen das Franco-Regimes kämpfte und von Frankreich aus den bewaffneten Widerstand gegen das Regime organisierte.

Francesc Sabaté Llopart wurde kurz darauf von der spanischen Polizei während eines versuchten Grenzübertrittes nach Spanien getötet, aber Urtubia führte den Kampf fort. Die ersten illegalen Geldbeschaffungsaktionen waren Banküberfälle, da aber Urtubia diese gefährliche und gewalttätige Methode nicht liebte, ging er bald in das Fälscher-Geschäft über, und hier sollte es dieser einfache Maurer zu einer unerhörten Meisterschaft bringen.

Urtubia fälschte Pässe, Geldnoten, Traveller-Checks, all dies in einer unerhört hohen Qualität, und viele internationale revolutionäre linke Gruppen profitierten von seiner Meisterschaft: Die amerikanischen Black Panthers, die peruanischen Túpac Amarus, alle europäischen Guerillas wie die irische IRA und die baskische ETA, etc.

1962 schlägt Urtubia Che Guevara vor, den Weltmarkt mit seinen gefälschten Dollarnoten zu überschwemmen, wobei die kubanischen Notenpressen und Banken als Infrastruktur für diese subversive Aktion dienen sollten. Doch Che Guevara winkt ab, hält diese Aktion für wenig erfolgversprechend.

Sein größter Coup gelingt Urtubia den Jahren vor 1980, wo er dann endlich im Cafe “Le Deux Magots” in Paris von der französischen Polizei festgenommen wird: Durch den massenhaften Druck und die internationale illegale Verteilung und Einlösung von gefälschten Travellerschecks (bzw. Reiseschecks) der amerikanischen Citibank beschädigt er diese Riesenbank schwer und zwingt sie letztlich in die Knie.

So unglaublich es klingt: Urtubia erzwingt nicht nur seine straflose Freilassung aus der französischen Untersuchungshaft, sondern die Citibank zahlte ihm noch ein hohe Summe dafür, dass er die Druckplatten für die gefälschten Travellerschecks an die Bank aushändigte.

Travellerchecks waren damals das international von Touristen und Geschäftsmännern am meisten genutzte Zahlungsmittel, die heutigen Mastercards, bzw. andere Kreditkarten und international einsetzbare Bankkarten für Automaten wie die EC-Karte waren damals noch weitgehend unüblich. Durch seine gefälschten Travellerschecks hatte Urtubia das Geschäft der Citibank und ihr Ansehen schwer beschädigt, so dass die Citibank zähneknirschend auf diesen Deal einging.

Die Liste von Urtubias Aktivitäten in seinen aktiven Jahren (nach 1980 gründete der Maurer mit dem Geld der Citibank ein eigenes Geschäft) ist aber hiermit noch nicht erschöpft. Urtubia war an unzähligen Aktionen beteiligt, trotzdem verbrachte er in seinem Leben insgesamt nur ein paar Monate im Gefängnis. Erst mit jetzt, in diesem Film, bricht er das Schweigen, auch wenn er aus Selbstschutz die brisantesten und belastendsten Details in den Interviews nicht preisgeben will, was verständlich ist.

1996 erwarb Urtubia in der Rue des Cascades im Pariser Viertel Belleville ein heruntergekommenes Haus. Er richtete es mit seinen Leuten her und verwandelte es in ein Zentrum ohne kommerzielle Interessen, das anarchistischen und anderen Anti-System-Interessen dient. Er nannte es “Espace Louise Michel” als Ehrung einer der Führerinnen der Pariser Kommune, die anarchistische Autorin und Revolutionärin Louise Michel. Lucio Urtubia lebt selbst in einer Wohnung oberhalb des Zentrums. Seine Tür ist stets geöffnet für Besucher, die mit ihm diskutieren und ihn kennenlernen wollen.

Der Film ist mit viel Sensibilität und Intelligenz gedreht worden, wahrt trotz aller Neugier respektvollen Abstand vor dem nun schon alten Urtubia, und zeichnet indirekt auch ein Bild der Franco-Epoche in Spanien, die Epoche, die für Urtubia nach eigenen Aussagen die für ihn prägende und formende gewesen ist, auch die spannendste, weil sie ihn zum Widerstand und zur anarchistischen Aktion herausforderte.

Sein Freund, der Theatermacher Albert Boadella, sagte er über ihn: “Lucio war ein Don Quijote, der nicht gegen Windmühlen kämpfte, sondern gegen echte Giganten“.

Die schriftlich fixierten Erinnerungen Urtubias werden übrigens auch als Taschenbuch in deutscher Übersetzung bei amazon.de verkauft (Titel: Baustelle Revolution. Erinnerungen eines Anarchisten, im Berliner Verlag Assoziation A).

Creative Commons Lizenzvertrag“Lucio” (2007)Klaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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