Die Pharma-Lobby: Auf Kosten unserer Gesundheit und unseres Geldbeutels

Vor fünf Tagen ging es durch die Presse: Das Arzneimittelpaket, bzw. das so genannte Arzneimittelneuordnungsgesetz (AMNOG) des Bundesgesundheitsministers Philipp Rösler (FDP) ist beschlossene Sache und ging am letzten Donnerstag, den 11. November, durch den Bundestag.

Am nächsten Tag, den 12. November, wurde auch die umstrittene Gesundheitsreform abgesegnet, die ich in diesem Blogartikel außen vor lassen will. Einen Überblick hierzu leistet zum Beispiel tagesschau.de, wo auch über das Arzneimittelpaket berichtet wird, einschließlich eines kritischen Interviews  mit dem Gesundheitsökonomen und Pharmazeuten Gerd Glaeske über dieses Arzneimittelneuordnungsgesetz. Glaeske sagt hier unter anderem: “Das Gesetz steht im Schatten des Lobbyismus”.

Kritische Medien wie die “taz” betitelten das Arzneimittelpaket Röslers auf folgende Weise: Die Pharmalobby war erfolgreich. Und auch konservative Medien, wie zum Beispiel “Die Welt” aus dem Springer-Verlag, räumten ein, dass das Maßnahmenpaket umstritten sei. Was war passiert in den Monaten seit der vollmundigen Ankündigung Röslers im Frühjahr, er werde jetzt ein Arzneimittelpaket schnüren, bei dem das Preisdiktat der Medikamentenkonzerne gebrochen und Milliarden eingespart werden?

Noch Ende April dieses Jahres redete das “Handelsblatt” von einem “Hausverbot für die Pharmalobby” bei den Zentralen der FDP und CDU, denn es war ja die schwarz-gelbe Koalition angeführt von Rösler, die dieses Paket ins Auge gefasst hatte. Das Handelsblatt behauptete weiterhin, das geplante Arzneimittelpaket werde von der Pharmabranche kritisch beäugt.

Nun, in diesem einen Punkt hatte das Handelsblatt wohl wirklich Recht, das geplante Arzneimittelpaket wurde von Anfang an von der Pharmaindustrie kritisch beäugt, und die Reaktionen der Pharmaindustrie und ihrer Lobby ließen nicht lange auf sich warten. Und es stellt sich, wenn man die Ergebnisse dieses Arzneimittelpakets jetzt betrachtet, die Frage, ob Minister Rösler und die schwarz-gelbe Koalition es überhaupt so ernst gemeint haben damit. Denn angesichts des Ergebnisses muss man ganz klar sagen, dass Rösler und die schwarzgelbe Koalition als Tiger gestartet und als Bettvorleger gelandet sind.

Von Anfang an begleiteten die Hiobsbotschaften von einer aktiven und schlagkräftigen Pharmalobby das Projekt von Rösler, und die Meldungen in den Medien ließen schon seit April erkennen, dass die Pharmalobby sofort nach Ankündigung des Projekts von Rösler reagierte und gegensteuerte und das Projekt wirksam durchlöcherte.

So kam im Fernsehmagazin “Monitor”  schon am 23. April ein Beitrag mit dem Titel “Die Trickkiste der Pharmalobby: Wie die Industrie Einsparpläne stoppen will” und das Fernsehmagazin kommentierte schon damals die heroischen Verlautbarungen von Philipp Rösler mit einer gewissen Ironie.

So stellte Monitor unter anderem fest, dass die führenden innovativen Medikamente in Deutschland in der Regel um 100% teurer sind als im Ausland.  Der Beitrag von Monitor zeigte ebenfalls, dass Deutschland in den letzten Jahrzehnten als Standort für innovative Medikamentenhersteller an Bedeutung verloren hat und in diesem Bereich heute nicht mehr führend ist.

Und der Beitrag von Monitor zeigte auch, wie die Lobbymaschinerie der Medikamentenhersteller, vor allem in Gestalt des VFA (Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen) schon im April auf Hochtouren lief und mit hochwirksamen Strategien gegen Rösler und seine Pläne vorging (siehe zu diesem Verband der Pharmaindustrie auch den Wikipedia-Artikel). Den Fragen der “Monitor”-Redaktion wollte sich dieser Verband nicht stellen. Begründung: Man habe leider keine Zeit.

Gezeigt wurde am Ende des Beitrags auch, welche Bundesgesundheitsminister schon in der Vergangenheit lange vor Rösler einmal Sparpläne hatten und bei ihren Sparversuchen an der Pharmalobby gescheitert waren. So hatte schon Horst Seehofer versucht, eine sogenannte “Positivliste” durchzubringen, eine Liste von Medikamenten, die erwiesenermaßen wirksam sind und die zugleich die unwirksamen ausschließt, und Seehofer war 1993 daran gescheitert. Ulla Schmidt versuchte es 2002 noch einmal, und auch sie erlitt das gleiche Schicksal wie Seehofer. Auch alle sonstigen Maßnahmen, die Kosten im Gesundheitssystem zu dämpfen, erbrachten nie etwas oder wurden wirksam von der Pharmalobby torpediert. Die Kosten im Gesundheitssystem steigen seit Jahrzehnten kontinuierlich.

Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer war auch ehrlich genug, die Problematik im Zusammenhang mit der Pharmaindustrie vor laufender Kamera in aller Schärfe beim Namen zu nennen und teilte dem deutschen Volk seinerzeit in aller Klarheit mit, dass die deutschen Politiker in den Händen der Pharmalobby und wehrlos gegenüber deren Machenschaften sind. (Siehe hierzu in YouTube den Beitrag in “Frontal 21”).

Am 26. September erschien dann in “Spiegel-Online” ein Artikel, der erläuterte, dass “Schwarz-Gelb” erneut vor der Pharmalobby eingeknickt sei. Nach den Informationen von Spiegel-Online damals, “haben sich die Firmen bei der Praxis der Medikamentenprüfung mit ihrem Vorschlag durchgesetzt”. Der Kern dieses Änderungsantrages der Regierungskoalition zum neuen Arzneigesetz sei, dass der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), das höchste Entscheidungsgremium für Kassenpatienten, künftig ein neues Medikament nur noch ablehnen könne, wenn er dessen Unzweckmäßigkeit beweisen kann. Damit wurde die bisher vorhandene Praxis der Beweislast auf Seiten der Medikamentenhersteller für die Nützlichkeit eines Medikaments, so Spiegel-Online, einfach umgekehrt: “Bisher reichte es, wenn der G-BA feststellte, dass der Nutzen eines Medikaments nicht belegt ist. Dann mussten die Kassen es auch nicht bezahlen”.

“Financial Times Deutschland” (FTD) wusste übrigens anscheinend schon einige Tage vorher Bescheid, denn schon am 10.9.2010 titelte sie einen Artikel mit “Pharmalobby diktiert Gesetz”.

Am 27. September hieß es dann bei Spiegel-Online lapidar: “Pharmalobby diktiert Gesetzesänderung Nr. 4”, ein weiterer Gesetzesänderungsvorschlag seitens der schwarz-gelben Koalition, in dem die Nutzen-Bewertung der Medikamente zugunsten der Pharmaindustrie modifiziert werden sollte.

Was der Vorsitzende des G-BA Rainer Hess von solchen Plänen hielt, teilte er dem Spiegel in einem Interview Anfang Oktober mit: Das geplante Gesetz sei “eine Gefahr für Patienten”.

Zwar wurde dieser Änderungsantrag dann nochmals nachgeändert, doch auch “Die Zeit” war am vergangenen Freitag mehr als skeptisch, ob das geplante Arzneimittelneuordnungsgesetz, das durch so viele durch die Pharmalobby erwirkte Änderungen modifiziert worden war, irgendeinen ernstzunehmenden Spareffekt haben könnte.

Diese strittige Praxis der Nutzenbewertung der Medikamente blieb letztendlich auch nach der Verabschiedung des Gesetzes am vergangenen Donnerstag das Kernstück der Kritik an dem nun beschlossenen neuen Arzneimittelpaket, das zeigte unter anderem eine Meldung in der “Ärzte-Zeitung” (Siehe den Wikipedia-Artikel zur Ärzte-Zeitung): “Das G-BA sieht weiterhin erhebliche Nachteile für den Patienten”, so untertitelte die Ärzte-Zeitung den Artikel. Und auch das IQWiG (Siehe den Wikipedia-Artikel zu diesem Institut), so die Ärzte-Zeitung weiter, kritisiere die Ausnahmeregelungen für sogenannte Orphan-Drugs (siehe hierzu den Wikipedia-Artikel).

Das Arzneimittelpaket wird also kaum eine Kostendämpfung oder eine vernünftigere Bewertung des Nutzens der in Deutschland verschriebenen Medikamente erzielen, da sind sich fast alle halbwegs kritischen Medien einig. Und es wäre auch ein Wunder gewesen, wenn es anders gekommen wäre. Schon wesentlich härtere politische Knochen als Philipp Rösler, wie zum Beispiel Horst Seehofer, haben sich an dieser Aufgabe die Zähne ausgebissen.

Was hat es übrigens mit dem schon genannten IQWiG auf sich? Auch das ist eine interessante Geschichte. Das “Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen” (IQWiG) wurde 2004 im Zuge der Umsetzung des GKV-Modernisierungsgesetzes geschaffen, um die Qualität der Patientenversorgung in Deutschland zu verbessern. Eine der Hauptaufgaben des IQWiGs war unter anderem die evidenzbasierte Bewertung des aktuellen medizinischen Wissensstandes zu diagnostischen und therapeutischen Verfahren.

Der erste Leiter nach Gründung war der Mediziner und Diabetologe Peter Sawicki. Und er machte sich viele Feinde, denn er überprüfte die Medikamente und therapeutischen Verfahren gewissenhaft und strich alle diejenigen aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen, bei denen ein Nutzen eindeutig nicht erkennbar war.

Zur Arbeit des Instituts und seines Leiters Sawicki kam am 11. Juni 2009 ein Beitrag in der Fernsehsendung “Monitor”, gezeigt wurden auch in diesem Beitrag auch die Taktiken der Pharmahersteller, um diese Medikamentenprüfungen zu sabotieren und möglichst zu verzögern. In diesem Beitrag von “Monitor” äußert auch Professor Wolf-Dieter Ludwig, der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, klare Kritik an der Verzögerungs- und Verschleierungstaktik der Pharmaunternehmen und forderte unter anderem wirksame Bußgelder gegen solche Praktiken der Pharmahersteller.

Was wurde nun aus Sawicki? Nun, die Pharmalobby hat dafür gesorgt, dass Sawicki seinen Job los wurde. Sein am 31. August 2010 endender Vertrag wurde im Januar 2010 nicht verlängert, darüber berichtete unter anderem schon am 22. Januar “Spiegel-Online”.

In einem Artikel am nächsten Tag, vom 23. Januar, redete Spiegel-Online in diesem Zusammenhang von einem “Triumph der Lobbykratie” und unterstellte Rösler, dass er nicht wirklich für ein gerechteres Gesundheitssystem kämpfe, sondern eine knallharte Klientelpolitik verfolge. Gewinner seien Apotheker, Ärzte und die Pharmaindustrie, Verlierer hingegen Millionen Kassenpatienten, so Spiegel-Online in diesem Artikel.

Einen erhellenden Beitrag über Sawickis Arbeit und sein bitteres Ende brachte das Fernsehmagazin “Nano” (3sat) am 1. September dieses Jahres. Wie kam es dazu, dass Sawicki abserviert wurde? Nun, das Fernsehmagazin “Nano” redet Klartext.  Nach den Bundestagswahlen im letzten Jahr war der Weg für die Pharmalobby frei, denn mit FDP und CDU, so das Fernsehmagazin wörtlich, habe die Pharmalobby “leichtes Spiel”. Unter anderem wird hier die Bundesregierung und insbesondere Philipp Rösler als “Handlanger der Pharmaindustrie” bezeichnet.

In diesem Kontext sollten die harten Sprüche Röslers zum kommenden Arzneimittelpaket im vergangenen März vielleicht auch als das genommen werden, was sie wahrscheinlich waren: Als Teil einer “opera buffa” , wie sie die Politik in den letzten Jahren auch in Deutschland – und nicht nur in Italien – immer öfters zu bieten hat. Rösler selbst hat in dieser zweitklassigen Politoper anscheinend die Rolle des “Bajazzo” übernommen, der dem deutschen Volk gegenüber so tut, als wenn er gegen die Pharmaindustrie kämpft, während er im Grunde nichts weiter als eine Marionette und ein Hampelmann in den Händen der allmächtigen Pharmalobby ist.

Wie die Abservierung Sawickis vor sich ging, darüber berichtet in dem vorher erwähnten Beitrag des Fernsehmagazins “Nano” auch Karl Lauterbach, der SPD Gesundheitsexperte: Entscheidend war hier der Druck der Pharmalobby auf die CDU/FDP-Regierung  und insbesondere natürlich auch auf Philipp Rösler, der sich allerdings allem Anschein nach auch nicht besonders gegen dieses Ansinnen der Pharmalobby gewehrt hat,  so zumindest der Eindruck, den man bei der Lektüre des schon oben gelinkten Artikels aus Spiegel-Online vom 23. Januar gewinnt.

Über die genaueren Hintergründe der Entlassung Sawickis und mit welchen Anschwärzungsmethoden Sawicki verunglimpft und anschließend entlassen wurde, darüber berichtete unter anderem wieder Spiegel-Online unter dem ironischen Titel “Operation Hippokrates”. Auch die Zeitschrift “Stern” berichtete in einem Artikel über den Vorgang.

Sawicki äußerte sich selbst am 26. Januar dieses Jahres in einem Artikel im im Deutschen Ärzteblatt in klaren Worten zur Pharmalobby, wobei Sawicki folgende Äußerung kurz zuvor in der ARD-Sendung “hart aber fair” gemacht hatte: „Die Macht der Pharmalobby ist riesig. Die Pharmaindustrie beeinflusst alles: vom Politiker, über Gremien, über Zulassungsbehörden, über Ärzteorganisationen, Ärzte, bis hin zu Selbsthilfegruppen“.

Schon am 7. Januar hatte das Fernsehmagazin “Monitor” in einem Beitrag mit dem Titel “Sieg der Pharmalobby” über Sawicki und sein Institut berichtet. Auch die taz hatte am 21.10. unter dem Titel “Schwarz-Gelb entmachtet Pharma-TÜV” und “Die Invasion der Nutzlospillen” über den Sieg der Pharmalobby und die Entlassung Sawickis berichtet.

Nun, wenn sich jetzt die Leser meines Blogs über diese ganzen Vorgänge in Sachen Arzneimittelpaket seit März dieses Jahres wundern, dann ist es vielleicht notwendig, wenn ich ein bisschen weiter aushole und vielleicht erst einmal allgemein auf den Lobbyismus in Deutschland zur Sprache komme und dann natürlich auf die Pharmalobby.

Das vorliegende Phänomen, gerade im Hinblick auf die Pharmaindustrie, ist absolut nicht neu und Seehofer selbst sagte ganz offen in dem schon oben gelinkten Beitrag von “Frontal 21”, dass die deutsche Politik im Prinzip seit dreißig Jahren in den Händen der Pharmalobby sei.

Nun, zum Lobbyismus in Deutschland haben wir ein paar Spezialisten für dieses Thema, die schon seit längerer Zeit unter anderem auch über die Pharmalobby berichten.

Zu nennen sind hier vor allem Rudolf Speth und Thomas Leif, die zu diesem Thema auch Bücher verfasst haben. Zu nennen ist hier zum einen ihr Buch “Die stille Macht: Lobbyismus in Deutschland”, das im Jahr 2003 erschienen ist. Nun, in diesem Buch gibt es auch ein Kapitel zur Pharmalobby, und sinnigerweise befindet sich das betreffende Kapitel als online-PDF im Netz, so dass die Leser meines Blogs die Chance haben, Speths und Leifs Ausführungen zur Pharmabranche selbst zu lesen. Nach der Lektüre wird den meisten Lesern meines Blogs klar sein, dass es sich bei der Pharmalobby um eine wirklich einflußreiche und mächtige Lobby handelt, die in der Vergangenheit schon oft ihre Schlagkräftigkeit bewiesen hat.

Ein weiteres, neueres Buch von diesen beiden Autoren mit dem Titel “Die fünfte Gewalt: Lobbyismus in Deutschland” ist seit 2006 im Handel.

Auch die Organisation “LobbyControl” stellt natürlich Informationen über die Lobbyaktivitäten der Pharmaindustrie zur Verfügung. Siehe hierzu die mit dem Begriff “Pharmalobby” verschlagworteten Artikel auf der Website von “Lobbycontrol” und den von LobbyControl veröffentlichten Führer durch den Lobbydschungel von Berlin (ca. 5000 Lobbyisten) mit dem Titel “Lobbyplanet Berlin”. In Zusammenarbeit mit der ZDF-Mediathek hat Lobby-Control übrigens einen interaktiven Rundgang durch den Lobbydschungel in Berlin im Netz aufgebaut, so dass man diese Führung auch virtuell im WWW mitmachen kann.

Interessant zu lesen sind hinsichtlich der Aktivitäten der Pharmaindustrie und Pharmalobby in den letzten Jahren sicher auch die Artikel im entsprechenden Portal zur Pharmaindustrie bei “Spiegel-Online”.

Nun gibt es aber zu diesem Thema noch eine ganze Reihe interessante, neuere Buchpublikationen.

So haben wir von Rainer Fromm “Ware Patient”, erschienen in diesem Jahr, ein Buch, zu dem einige informative Rezensionen erschienen sind. So gibt es hierzu einen interessanten Artikel aus “faz-net”, in dem übrigens auch wichtige Informationen von “Transparency International Deutschland” (Siehe auch den Wikipedia-Artikel zu dieser Organisation) zu Betrug und Korruption im Pharmabereich enthalten sind. Nach Schätzungen von “Transparency International” kosten die halblegalen und sogar illegalen Aktivitäten der Pharmabranche dem deutschen Gesundheitssystem schätzungsweise 20 Milliarden Euro im Jahr. Es lohnt sich in diesem Zusammenhang, zum Beispiel einmal die Website von “Transparency International Deutschland” mit den Schlagworten “Pharma + Korruption” abzusuchen. Man erzielt eine große Trefferzahl mit sehr interessanten Beiträgen, zu denen natürlich auch Standpunkte, Grundsatz- und Positionspapiere von “Transparency International Deutschland” zu dieser Thematik gehören. “Transparency International Deutschland” stellt hier in seinen Standpunkten zur Thematik unter anderem fest: “Ein besonders anfälliges Gebiet für Korruption ist das öffentliche Gesundheitswesen, weil es intransparent und komplex ist”.

Dann haben wir von Hans Weiss “Korrupte Medizin. Ärzte als Komplizen der Konzerne”. Hierzu hat Anfang des Jahres “Telepolis” ein ausführliches Interview mit Hans Weiss veröffentlicht. Hans Weiss stellt in diesem Interview unter anderem fest: “Je hochrangiger ein Arzt ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er nebenbei im Sold der Pharmaindustrie tätig ist und sich als sogenannter Meinungsbildner für Marketingaufgaben einer Firma einsetzen lässt”.

Dann haben wir von Caroline Walter und Alexander Kobylinski das Buch “Patient im Visier. Die neue Strategie der Pharmakonzerne”. Hier geht es nicht zuletzt um die weitgestreuten Marketingaktivitäten der Pharmakonzerne. Eine Rezension über dieses Buch ist auf der Website von “Breast Cancer Action Germany” erschienen, einem unabhängigen Portal, das über Medizinthemen im Zusammenhang mit dieser Krankheit berichtet. Auch der “Deutschlandfunk” hat über dieses Buch einen informativen Beitrag gebracht. Die beiden Autoren dieses Buches sind übrigens freie Mitarbeiter der ARD-Sendung “Kontraste” und Mitglieder des “Netzwerks Recherche” (siehe auch den Wikipedia-Eintrag zu dieser Vereinigung unabhängiger, investigativer Journalisten).

Dann ist im Jahr 2005 – auch die internationale Dimension sollte nicht vergessen werden, in den USA sind in mancher Hinsicht die Verhältnisse noch wesentlich gravierender als bei uns – ein interessantes Buch einer amerikanischen Autorin, von Marcia Angell “Der Pharma-Bluff” erschienen. Auch hier haben wir eine sehr interessante Rezension auf der Website von “Breast Cancer Action Germany”. Marcia Angell ist übrigens keine Journalistin, sondern ein amerikanische, hochangesehene Medizinerin und Wissenschaftlerin (siehe zu Marcia Angell den Wikipedia-Artikel). Im Jahr 1997 kürte das Time-Magazine sie zu einer der 25 einflussreichsten Personen in den U.S.A.

Interessant im Zusammenhang mit arzneikritischen Informationen ist auch immer die Website der BUKO Pharmakampagne, die es sich zum Ziel gesetzt hat, kritisch über die deutsche Pharmaindustrie, insbesondere im Zusammenhang mit der Dritten Welt, zu berichten (Zur BUKO Pharmakampagne siehe auch den Wikipedia-Artikel).

Weiterhin haben wir von Ursula Sieber “Gesunder Zweifel: Einsichten eines Pharmakritikers – Peter Sawicki und sein Kampf für eine unabhängige Medizin”. Im Zentrum dieses Buches steht Peter Sawicki, der ehemalige Chef des IQWiG, über den ich schon weiter oben in meinem Blogartikel berichtet habe. Wer also genauer wissen will, was Peter Sawicki als Leiter des obengenannten Instituts geleistet und versucht hat, und warum er jetzt abserviert wurde, der ist mit diesem Buch gut beraten. Auch hier haben wir wieder eine gute Rezension in “Breast Cancer Action Germany”. Aber auch “Telepolis” hat ein ausführliches Interview mit Ursula Sieber gebracht.

Wissenschaftliche Studien zu den Arzneimittelstudien allgemein, insbesondere auch zu denen, die von den pharmazeutischen Unternehmen finanziert werden, zeigen, dass diese von den Pharmafirmen gesponsorten Studien häufig ein für das Medikament des Sponsors günstigeres Ergebnis als unabhängige Studien liefern.

Das “Deutsche Ärzteblatt” hat in seiner Online-Ausgabe einen ausführlichen Artikel mit einem ersten Teil einer wissenschaftlichen Studie zur “Finanzierung von Arzneimittelstudien durch pharmazeutische Unternehmen und die Folgen” veröffentlicht, die eine PDF-Version dieses ersten Teils der Studie miteinschliesst, und die zu folgendem Fazit kommt: “Klinische Arzneimittelstudien, die von pharmazeutischen Unternehmen finanziert werden oder bei denen Autoren einen finanziellen Interessenkonflikt haben, ergeben weitaus häufiger ein für das pharmazeutische Unternehmen günstiges Ergebnis als aus anderen Quellen finanzierte Studien”.

Wer allgemein etwas über die Schweige- und Verzögerungstaktik der Medikamentenhersteller, bzw. ihre selektive Veröffentlichungspraxis im Hinblick auf ihre Arzneimittelstudien zu ihren jeweiligen Medikamenten erfahren will, kann einen Blick auf die Website des IQWiG werfen, auf der auch kritische Informationen zur Pharmaindustrie aufzufinden sind. Siehe hierzu zum Beispiel den interessanten Eintrag auf der Website des IQWiG mit dem Titel “Die Geheimarchive der Medizin” vom Mai dieses Jahres.

Wer sich dann dafür interessiert, wie die Pharmaindustrie die Ärzte ködert und dafür sorgt, dass diese den Patienten die teuren Pillen verschreiben, der sollte sich mal in YouTube einen interessanten Beitrag  aus dem Magazin “Politik Direkt” der Deutschen Welle anschauen. Auf dem deutschen Markt gibt es 16.000 Pharmareferenten, die 25 Millionen Besuche bei Ärzten im Jahr absolvieren, jeder Besuch hat einen Wert zwischen 80.- und 100.- Euro, die Pharmaindustrie lässt sich alleine diesen Sektor ihrer Marketingaktivitäten 2,5 Milliarden Euro im Jahr kosten. Diese teuren Aktivitäten der Pharmareferenten rechnen sich trotzdem, Deutschland ist weltweit der drittgrößte Pharmamarkt, und die Medikamente, die über die Pharmareferenten an den Arzt gebracht werden, verkaufen sich nach Ansicht der Branchenkenner tatsächlich besser, bzw. werden von den Ärzten deutlich öfters verschrieben. Auch hier findet wieder Wolf-Dieter Ludwig, der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, deutliche kritische Worte, was die Aktivitäten der Pharmaindustrie angeht. Die Mediziner Klaus Lieb (der im oben gelinkten Beitrag von “Politik Direkt” der “Deutschen Welle” ebenfalls diese Studie und ihre Ergebnisse erwähnt) und Simone Brandtönnies haben seinerzeit eine wissenschaftliche Studie mit dem Titel “Eine Befragung niedergelassener Fachärzte zum Umgang mit Pharmavertretern” erstellt. Auch hier hat das “Deutsche Ärzteblatt” in einem ausführlichen Artikel, der eine PDF-Version der Studie miteinschliesst, darüber berichtet. Die Studie zeigt, dass die meisten Ärzte sich gegenüber den Werbungsversuchen der Pharmavertreter für immun halten, allerdings scheint dies in den Augen von Klaus Lieb – dies zeigen letztendlich auch die Ergebnisse der Studie – wohl eher zu bestätigen, dass viele Ärzte einen naiven und unkritischen Umgang mit den Pharmavertretern pflegen und sich wohl auch aus Gründen der Selbstüberschätzung für immun halten, obwohl sich fast alle diese Ärzte eigentlich bewußt sind, dass die Pharmavertreter sie gezielt manipulieren wollen.

Wer jetzt nicht so gern liest, sondern lieber am Bildschirm ein paar interessante Fernsehbeiträge sehen will, der kann in YouTube einige interessante Beiträge zu den fragwürdigen und teilweise auch halb- und illegalen Praktiken der Pharmaindustrie finden.

So haben wir hier den ZDF-Film “Das Pharma-Kartell”, der im Magazin “Frontal 21” (Siehe den Wikipedia-Eintrag zu diesem Fernsehmagazin) vom 9.12.2008 ausgestrahlt wurde. Der Beitrag ist – wie bei YouTube üblich, die Einzelbeiträge sind auf eine Maximallänge von 15 Minuten begrenzt – in fünf Teilen in YouTube aufzufinden (Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4Teil 5). Selbst wenn nur die Hälfte von dem wahr sein sollte, was in diesem Filmbeitrag über die Pharmaindustrie gesagt wird, dürfte das genügen, um den Durchschnittszuschauer angesichts der Praktiken der Pharmabranche erzittern zu lassen.

Ein interessanter Aspekt im Hinblick auf die Pharmaindustrie ist natürlich nicht nur, inwieweit die Pharmalobby die Politik dominiert und lenkt. Auf diesen Aspekt bin ich in diesem Blogeintrag ja schon ausführlich eingegangen. Interessant auch, wie die Medien von der Pharmaindustrie manipuliert werden. Das Fernsehmagazin “Zapp” hat am 20. Juni 2007 einen interessanten Beitrag darüber gesendet, wie Fernsehtalkshows manipuliert werden und wie manche Moderatoren oder Moderatorinnen dabei vorgehen. Dieser interessante Fernsehbeitrag stellt auch in aller Trockenheit fest, dass die Ausgaben der Pharmabranche für Marketing und Werbung deutlich höher sind als für die Ausgaben für die Forschung.

Tatsächlich gibt es auch zu diesem Aspekt wissenschaftliche Studien, zum Beispiel die folgende Studie aus den USA, die im WWW online ist. Diese Studie zeigt, dass die Ausgaben für Marketing und Werbung der Pharmaindustrie in den U.S.A. doppelt so hoch sind wie die Ausgaben für die Forschung. Auch das “Forum Gesundheitspolitik” hat über diese Studie berichtet. In Deutschland dürfte es nicht viel anders sein.

Einen interessanten Beitrag über die Machenschaften der Pharmaindustrie hat auch seinerzeit das Fernsehmagazin “Nano” ausgestrahlt. Er ist in zwei Teilen in YouTube hochgeladen (Teil 1, Teil 2). Der Beitrag erwähnt auch die Tatsache, dass Deutschland eines der wenigen Länder in Europa ist, in denen die Pharmaindustrie frei die Preise ihrer Medikamente gestalten kann. Das heißt, die Pharmaindustrie kann jeden beliebigen Preis für ein neues Medikament verlangen. Angeblich will das neue Arzneimittelpaket Röslers daran etwas ändern (so zum Beispiel “Sächsische Zeitung Online” in einem Überblicksartikel über das “Arzneimittelneuordnungesetz” (AMNOG), das am vergangenen Donnerstag beschlossen wurde). Dass dies wirksam gelingt, scheint aber kaum wahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie die Pharmalobby schon seit Jahrzehnten jede kostensenkende Veränderung des Gesundheitswesens im Hinblick auf die Ausgaben für Medikamente wirksam blockiert hat.

Blickt man also auf die Machenschaften und Lobbyaktivitäten der Pharmabranche in den letzten Jahrzehnten und auf die Tatsache, dass die deutsche Politik seit Jahrzehnten gegenüber dieser Pharmalobby völlig machtlos ist, so kann das den Betrachter, auch mich, nur trübsinnig stimmen, was die Möglichkeiten der Demokratie in einer marktradikalen Gesellschaft sind, wie wir sie seit Anfang der achtziger Jahre – ausgehend von den USA (Ronald Reagan) und Großbritannien (Margaret Thatcher) – in fast allen europäischen Ländern und natürlich auch den USA mittlerweile haben.

Einer der intelligentesten Filme über diesen Sorte der marktradikalen Gesellschaften mit ihren Deregulierungsprinzipien und ihrer ungebremsten Spekulation in allen Bereichen, natürlich auch an der Börse, drehte Oliver Stone im Jahre 1987.

Dieser Film hieß “Wallstreet”, und da sich an den damaligen Verhältnissen bis heute nicht viel geändert hat und die ungebremste Spekulation weiterhin das Merkmal unserer marktradikalen Gesellschaften ist – ein Beweis hierfür in neuerer Zeit war die Finanzkrise ab 2007, die wir zumindest in Deutschland glücklich überstanden haben – hat Oliver Stone im letzten Jahr einen zweiten Teil mit dem Titel “Wall Street: Geld schläft nicht” gedreht.

Genau wie im ersten Teil ist es wieder Michael Douglas, der auch der Protagonist des zweiten Teils ist. Douglas wieder spielt die idealtypische Börsenmaklerfigur mit dem vielsagenden und schillernden Namen “Gordon Gekko”.

Nun, Gordon Gekko, bzw. Michael Douglas hat im ersten Teil von 1987, im Kultstreifen “Wall Street”, ein paar geniale Auftritte, in denen er den Zuschauern ein paar Wahrheiten über die Phase des marktradikalen Kapitalismus verrät, in der wir uns jetzt seit dreißig Jahren befinden.

So geraten Ende von “Wall Street” (1987) Gordon Gekko und sein Zögling Bud Fox aneinander, weil Gordon Gekko nur ein Großteil der Aktien der Fluggesellschaft, bei der Carl Fox, der Vater von Bud Fox arbeitet, aufgekauft hat, um die Firma anschließend gewinnbringend zu zerschlagen und das Vermögen dieser  Fluglinie mit dem fiktiven Namen “Blue Star” an technischem Gerät, Grundstücken und vor allem den prallen Pensionskassen der Mitarbeiter zu verscherbeln. Bud Fox war für Gordon Gekko nur wertvoll, weil er über seinen Vater Carl Fox Insiderinformationen über diese Fluggesellschaft hatte, die er an Gordon Gekko weitergereicht hat.

Nun, als Bud Fox also Gordon Gekko im Gespräch in die Mangel nimmt, weil er mit dieser Aktion von Gekko nicht einverstanden ist, antwortet Gekko in einer kurzen Rede, die in die Filmgeschichte eingegangen ist. Ich zitiere sie hier auf Englisch. Diese kurze Rede Gekkos befindet sich übrigens in der langen Reihe der “memorable quotes for Wallstreet”, die auf einer zum Film gehörenden Seite der IMDb (Internet Movie Database) aufgeführt sind.

Hier kommt die sarkastische Antwort von Gordon Gekko auf die Vorhaltungen von Bud Fox:

Gordon Gekko: “The richest one percent of this country owns half our country’s wealth, five trillion dollars. One third of that comes from hard work, two thirds comes from inheritance, interest on interest accumulating to widows and idiot sons and what I do, stock and real estate speculation. It’s bullshit. You got ninety percent of the American public out there with little or no net worth. I create nothing. I own. We make the rules, pal. The news, war, peace, famine, upheaval, the price per paper clip. We pick that rabbit out of the hat while everybody sits out there wondering how the hell we did it. Now you’re not naive enough to think we’re living in a democracy, are you buddy? It’s the free market. And you’re a part of it. You’ve got that killer instinct. Stick around pal, I’ve still got a lot to teach you”.

Ich vermute, solche Reden könnte man auch bei den Meetings der Top-Leute der Pharmalobby zu hören bekommen. Sie würden jedenfalls zum “Business” dieser Leute gut passen und sie würden ihre Arbeitsphilosophie treffend umschreiben.

Creative Commons LizenzvertragDie Pharma-Lobby: Auf Kosten unserer Gesundheit und unseres GeldbeutelsKlaus Gauger steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz.

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